Peter Orloff

Nathalie

Der Rote Platz war noch leer,
und sie schritt stolz vor mir her
Selbst die Kremltore schienen sich zu neigen - Nathalie.

Der Rote Platz war ganz weiß,
wie ein Teppch aus Schnee und Eis
Ihr Beruf war, ihre Stadt zu zeigen - Nathalie. 

Sie sprach mit Begeist'rung von 
Oktoberrevolution
Und ich dachte bei mir: 
Zuerst besuchen wir Lenin, 
und dann gibt's im Café Puschkin* 
ein Glas Schokolade mit ihr. 

Der Rote Platz war so kalt,
doch ihr Lächeln wärmte mein Herz
Und wir sprachen über Krieg und Frieden** - Nathalie, Nathalie. 

In ihrem Zimmer bei der Universität,
es war schon ziemlich spät, 
waren Freunde da von ihr.

Sie hatten Fragen, die ich kaum verstand
Dann nahm sie meine Hand 
und zog mich fort von hier. 

Moskau, wo Napoléon verlor***
verlor auch ich mein Herz 
in jener Nacht am Kremltor 
Moskau, alle roten Sterne 
strahlten, und von Ferne 
sang und tanzte ein Kosakenchor.

Hej! La la la...

Plötzlich, da war'n wir allein
In dieser Nacht war sie mein
Und ich flüsterte nur ihren Namen: Nathalie.

Lenin war auf einmal weit,
zurück in der Vergangenheit
(...?)
    
Und ich denk' an Café Puschkin,
möcht' mit ihr nochmal dahin
Doch wie - wie find' ich sie?

Ich hab' sie nie mehr geseh'n
War das Alles wirklich gescheh'n
oder nur ein fernes Wintermärchen - Nathalie?

La la la... hej!


*Es ist schon befremdlich, daß P.O. das genauso falsch ausspricht wie alle anderen deutschsprachigen Interpreten auch - "Puschschkinn" -, obwohl Gilbert Bécaud im französischen Original vormacht, wie es richtig ist - nämlich "Puuschkiin" -, da er doch von sich behauptet, russischer Abstammung zu sein. Wohlgemerkt: Es spricht nichts dagegen, sich einen russischen Künstlernamen zuzulegen. (Andere legen sich einen englischen zu, das ist auch nicht besser ;-) Ich finde es auch nicht so schlimm - wenngleich nicht unbedingt zwingend -, diesen Namen "deutsch" auszusprechen, also "Órlof" statt "Arlóff" oder Íwan Rébrof" statt "Iwánn Rebróff". Aber etwas Anderes ist es, sich dann auch noch als Ausländer auszugeben. (Gerd Höllerich wäre nie auf die Idee gekommen, sich als Brite oder US-Amerikaner zu gerieren, bloß weil er sich "Roy Black" nannte!) Und Johannes Rippert, der seinen Namen so originell (im wahrsten Sinne des Wortes!) ins Russische übersetzte, hat nie etwas Anderes behauptet, als daß seine Vorfahren aus Rußland stammende Juden waren. [Und das ist glaubhaft, zumal noch niemand den Gegenbeweis geführt hat: Zwar waren die Macher der russischen Revolution von 1917 durchweg Juden - daran gibt es nichts zu rütteln, auch wenn die brdischen Zensoren den größten russischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, Aleksandr Solzhenitsyn, ob dieser Tatsachenfeststellung zur Unperson erklärt und alle seine Werke (nicht nur die letzten, die das thematisieren!) ins Orwell'sche Loch des Vergessens gestoßen haben -; aber Juden zählten auch zu den meistverfolgten Personengruppe in der SU, die deshalb den höchsten relativen Prozentsatz an Emigranten stellten. Außerdem verfügte I.R. über den sprichwörtlichen jüdischen Humor und spitzfindigen Scharfsinn.] P.O. hat dagegen stets behauptet, ein echter Russe zu sein, von Kindesbeinen an im Chor der "Schwarzmeerkosaken" mitgewirkt zu haben (die sein Vater gegründet habe - das glaube ich ihm, wenn er mir im Gegenzug glaubt, daß mein Vater Käpt'n der Blaubärkosaken war ;-) und bis heute täglich russische Sendungen zu hören. [Er hat all das im November 2017 noch einmal ausdrücklich bekräftigt in einem Interview, das im April 2018 auf Memoryradio und Yesterdayradio gesendet wurde. Das, liebe Musikfreunde, ist Publikumsverarschung, und zwar eine der dreistesten Art. Woran man das erkennt? Nun, u.a. daran, daß er sich, im Gegensatz etwa zu "I.R.", nichtmal die Mühe gemacht hat, ein klein wenig Russisch zu lernen - wenigstens soviel, um die unbedarfteren Hörer zu täuschen. Ich pflege - oder pflegte früher - als Test zu empfehlen, ob jemand die Nationalhymne "seines" Landes singen kann; aber das können auch "echte" Landeskinder zunehmend nicht mehr. (Was auch kein Wunder ist, wenn man bedenkt, wie oft die sich ändern kann. Meine Oma väterlicherseits erlebte, obwohl 82 Jahre lang Deutsche, 4 Nationalhymnen mit 5 verschiedenen Texten und einer Instrumentalfassung; bei meiner Oma mütterlicherseits - die freilich mehrmals die Staatsangehörigkeit wechselte - waren es noch mehr, und in Rußland zähle ich besser garnicht erst nach ;-) Die Zahlen von 1-20 ist zu leicht, die Zahlen von 1-100 dauert zu lange, also bleibt das Alphabet - das müßte auch jeder Hilfsschüler kennen. Wenn P.O. das russische Alphabet aufsagen kann, dann fresse ich den berühmten Besen und zum Nachtisch eine Buchstabensuppe! (Oder, wie es die Russen noch drastischer ausdrücken: "On ni asa ne snajet!" [Der kommt beim Aufsagen des Alphabets nichtmal bis zum A****]) Ich wette, der bekäme nichtmal die Vokale zusammen, dabei ist das eigentlich ganz einfach. Im Russischen gibt es 10 Vokale:
die 5 "harten" Vokale A Ä Y O U und
die 5 "weichen" Vokale Ja Jä Ji Jo Ju
(Zur Transkription - die ich hier vereinfacht habe - schreibe ich in der Einleitung ausführlicher und will mich nicht wiederholen.)
Die weichen Vokale werden immer lang gesprochen, die harten entweder lang oder halblang.
Im Russischen gibt es keine Vokale, die so kurz gesprochen werden wie kurze Vokale im Deutschen, egal wieviele Konsonanten folgen!
(Russen können z.B. nicht "kurrz" sagen, sondern nur "kuurz"; umgekehrt gibt es, vielleicht mit Ausnahme des betonten harten "O", keinen russischen Vokal, den deutsche Muttersprachler nicht problemlos sprechen könnten.)
Anders als im Deutschen, Englischen und vor allem im Griechischen gibt es im Russischen auch keine homonymen Vokale; so schreibt sich z.B. der US-amerikanische Lieblingssänger der Sowjets auf Englisch unlogischerweise "Dean Reed", aber auf Russisch einfach "Din Rid", mit zwei weichen "i".
[Es singt Dean Reed]
Auf der Plattenhülle steht oben zwar "Poet", aber damit ist nicht der Dichter D.R. gemeint, sondern es fehlen die Pünktchen über dem "ë" es heißt also "pajot D.R.", "es singt D.R." (Der russische Dichter schreibt sich mit "hartem e", also "Poät" - und das ist ja auch korrekt, denn die alten Griechen schrieben ihn "Poiätäs"; daß die neuen Griechen ihn "pi-itís aussprechen... dafür kann er nichts ;-)
Da fällt mir ein Lied ein, das jeder Russe kennen - und singen können - muß, weil es sich im Gegensatz zur Nationalhymne nie geändert hat, und nicht nur jeder Russe. Auch Ihr, liebe ältere Ossis, habt es bestimmt schon im 1. Unterrichtsjahr Russisch gelernt - hoffentlich richtig. Auch "Ivan Rebroff" und "Peter Orloff" haben es gesungen. Hört Euch bitte beide Fassungen mal an.

Das tut jedem echten Russen in den Ohren weh! Warum? Weil beide "Kallynnka" singen statt "Kaliinka". P.O. singt darüberhinaus "mojá" statt "majá", was zeigt, daß er von einem - falsch beschrifteten - Neger abliest. [Ihr kennt doch hoffentlich noch dieses Wort für den Vorläufer des Teleprompters, liebe Musikfreunde? Wenn nicht, dann besorgt Euch ein altes Lexikon und schlagt es nach, denn heute ist es - wohl wegen des Gleichklangs mit der alten Bezeichnung für Schwarzafrikaner - der Ächtung anheimgefallen.] Richtigerweise wird das harte "O" in unbetonter Silbe wie halblanges "A" gesprochen.
(Kleiner Exkurs: Ein weiches "Jo" in unbetonter Silbe gibt es nicht; Fürst Potëmkin" spricht sich also nicht "Potemmkynn", sondern "Patjoomkiin" - bitte mit offenem "O", im Russischen gibt es kein geschlossenes "O", eine der Hauptschwierigkeiten für russische Muttersprachler, die Deutsch lernen wollen, zumal aus der idiotischen deutschen Rechtschreibung nicht hervorgeht, was richtig ist. Wieso sagen wir z.B. "Toon" und "[un]betoont" - mit geschlossenem "o" -, schreiben aber "Ton" und "[un]betont"? [Die Niederländer haben diesem Unfug übrigens mit der Rechtschreibreform von 1947 ein Ende bereitet und schreiben jetzt "toon"!] Aus der russischen Schreibweise ergibt sich zwar auch nicht direkt, wie das harte "O" auszusprechen ist; doch wenn man weiß, ob die Silbe betont oder unbetont ist - dafür entwickelt man früher oder später ein Gefühl -, dann wirft man das halblange "A" und das lange "uO" schon nicht durcheinander. [Dieses Gefühl braucht man eh, wenn man jemals richtig Russisch lernen will, denn die Regeln sind nicht starr, sondern die Betonung kann sich, ähnlich wie im Griechischen, bei der Deklination ändern - und damit auch die Aussprache des harten "O"!] Ja, ich weiß, die Unterscheidung zwischen weichem "Jä" und "Jo" ist auch nicht immer leicht, wenn schlampigerweise die Punkte über dem "ë" weggelassen werden, wie oben auf der Plattenhülle; aber darüber schreibe ich ein andermal ausführlicher; hier ist das wie gesagt nur ein kleiner Exkurs.)
Was ist denn so schwierig daran, in betonter Silbe ein schönes, langes, geschlossenes "I" zu singen? (Den - ganz leichten - "J"-Vorschlag, den es als weicher Vokal haben müßte, schenke ich den Beiden; der kann im weichen "L" aufgehen.) Fazit: P.O. ist ebensowenig Russe wie I.R.; er spielt ihn nur noch schlechter und hat nichtmal die Grundzüge des Russischen erlernt.***** Wie er "richtig", d.h. mit bürgerlichem Namen heißt, entzieht sich meiner Kenntnis; mir persönlich ist es auch egal; aber wer es zufällig weiß, mag mir mailen, dann werde ich es für interessierte Musikfreunde hier nachtragen.
**Tolstoj wurde in der SU posthum zum Kommunisten im Geiste erklärt - was er schwerlich war -; deshalb wurden seine Romane nie verboten.
***Das ist sachlich falsch. Napoleon verlor nicht in Moskau, er schlug dort überhaupt keine Schlacht, sondern besetzte es kampflos. Sein Rußlandfeldzug ging verloren, weil er sich nicht rechtzeitig, d.h. vor Wintereinbruch, zum Rückzug entschloß. Als er es dann verspätet - und ebenfalls kampflos - räumte, fiel ihm General Winter im wahrsten Sinne des Wortes in den Rücken und vernichtete seine "grande armée". Da wäre es noch das geringere Übel gewesen, in Moskau auszuharren und auf den nächsten Frühling zu warten! Es gibt darüber ein ganz vorzügliches, auf zuvor noch nicht ausgewerteten Quellen beruhendes Buch eines im britischen Exil lebenden polnischen Militärhistorikers, Adam Zamoyski: Napoleon's fatal march on Moscow (Harper/Collins 2004); schwere Kost und mit Anmerkungen und Zitaten über 700 Seiten lang, dennoch sehr lesenswert. (Inzwischen soll es auch eine deutsche Übersetzung geben; das macht es für Leser, die sich mit militärischen Fachausdrücken auf Englisch nicht so gut auskennen, vielleicht etwas leichter. Es haben ja nicht Alle ein paar Jahre als Bw-Sprachmittler in den USA gearbeitet wie ich ;-)


****Das Alphabet heißt im Russischen "Asbuka"; daher ist das 3. Wort kein "a", sondern ein "as"; und da der Satz verneint ist, steht es im Genetiv, der auf "-a" endet; für deutsche Muttersprachler ist das etwas kompliziert, deshalb spendiere ich dem Spruch ausnahmsweise eine eigene Fußnote.
*****I.R. wohl auch nicht - aber er stand wenigstens dazu. Er hat mal in einem längeren Interview erklärt, daß Sprache für ihn beim Singen völlig unwichtig sei. (Ein Standpunkt, den ich persönlich zwar nicht teilen kann, aber respektieren muß - wer so eine tolle Stimme hat, kann sich natürlich leicht auf diesen Standpunkt zurückziehen, zumal wenn er meist in einer Sprache singt, die im Publikum eh niemand versteht ;-) Er habe seine Stimme stets wie ein Instrument eingesetzt. (Folgten Ausführungen, weshalb er "Liedermacher", die nicht singen, sondern nur texten können, verachte - da bin ich natürlich voll und ganz seiner Meinung ;-) I.R. sprach übrigens recht passabel Schul-Französisch; nur zwei Dinge machte er ständig falsch: 1. begriff er nicht, daß das französische Adjektiv - anders als das deutsche und das russische - auch beim prädikativen Gebrauch dekliniert wird. (Auf Deutsch sagt man "süße Natalie, aber "Natalie ist süß" - auf Russisch entsprechend; auf Französisch sagt man dagegen: "Natalie ist süße" ;-) 2. - und deshalb erwähne ich das hier - sprach er russische Fremdwörter und Namen auch auf Französisch penetrant falsch aus: Der gute Raspuutiin wird auch von den Franzosen so genannt; die Deutschen sagen dagegen "Ráßputynn", als wäre er ein entfernter Verwandter von Tünnes, und so sagt auch I.R. auf Französisch "Raspütäng", als schriebe er sich "Race putin" [Huren-Rasse] - er schreibt sich aber "Raspoutine", eben um anzuzeigen, daß es sich um ein "u" und ein langes, geschlossenes "i" handelt.

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