Worum geht es in NIGER?

von Thomas Röper (Anti-Spiegel, 30. Juli 2023)

Anmerkungen und ergänzende Links: Nikolas Dikigoros

Der Putsch in Niger ist auch ein Thema, bei dem die deutschen Medien verschweigen, worum es in Wirklichkeit geht. Also schauen wir uns das einmal an.

Dass der afrikanische Kontinent derzeit im Mittelpunkt des geopolitischen Ringens steht, ist nicht neu - das haben der Russland-Afrika-Gipfel und die Reaktionen des Westens darauf deutlich gezeigt. Der Westen versucht mit Druck und Drohungen, die afrikanischen Staaten "auf Linie" zu bringen, während die afrikanischen Staaten am Beispiel von Russland und China eine Chance erkennen, sich von der - von ihnen als neokolonialistisch empfundenen - Dominanz des Westens zu befreien.

Allerdings geht es in Niger nur am Rande um das große Thema Afrika. In Niger geht es ganz banal um Bodenschätze, was die deutschen Medien in ihren Berichten über die Ereignisse in Niger jedoch verschweigen.

Niger und Mali

Niger, Mali und einige andere Länder der Region in Westafrika waren früher französische Kolonien, aber auch nach deren Unabhängigkeit von Frankreich sieht Frankreich diese Staaten immer noch als sein "Interessensgebiet" und hat seine ehemaligen Kolonien mehr oder weniger offen dominiert.

Der Grund, warum Frankreich die Länder der Region weiterhin als sein Interessensgebiet betrachtet, ist, dass die Kolonisierung der Länder de facto nie aufgehört hat. Frankreich hat in den Ländern mit Hilfe von Stiftungen, französischen Medien und Militärstützpunkten dafür gesorgt, dass Frankreich weiterhin der Nutznießer der dortigen Bodenschätze ist. Um das sicherzustellen, brauchte Frankreich vor Ort korrupte Regierungen, die für einen kleinen Anteil an den Gewinnen die Fortsetzung der Ausbeutung der eigenen Bodenschätze durch französische Konzerne ermöglicht haben, während die Menschen in den Ländern bettelarm geblieben sind.

Diese französische Dominanz ist bei den Menschen in der Region daher ziemlich verhasst, denn dass Menschen in Ländern, die auf unermesslichen Reichtümern sitzen, in schrecklicher Armut leben, gefällt den Menschen dieser Länder nicht besonders gut. Daher sieht man in all den Ländern auch Proteste, bei denen russische Fahnen geschwungen werden und daher ist die russische private Militärfirma Wagner in den Ländern so populär. Und darum erzählen die westlichen Medien ihre Schauergeschichten über Wagner, denn Wagner hilft den Ländern, sich von der französischen Dominanz zu befreien.

Regierungsumstürze sind in der Region eher die Regel als die Ausnahme und oft fanden sie mit französischer Unterstützung statt, wenn in den Ländern (durch Wahlen oder Putsch) eine Regierung an die Macht gekommen ist, die die Ausbeutung der Rohstoffe durch Frankreich gefährdete.

Es geht um Uran

Ich habe schon 2018 einen Artikel über die Gründe des Bundeswehreinsatzes in Mail geschrieben, mit dem die Bundeswehr die französische Armee unterstützt hat. Bei dem Militäreinsatz in Mali ging es nicht um die Bekämpfung irgendwelcher Terroristen, wie offiziell erklärt wurde, es ging um die Sicherung der französischen Dominanz in der Region und vor allem ging es dabei um das Nachbarland Niger.

Warum Niger? Ganz einfach: Niger ist einer der weltweit größten Produzenten von Uran und steht in der Liste der weltweiten Reserven auf einem der obersten Plätze.

Frankreich wiederum ist mit seinem hohen Anteil von Atomstrom der zweitgrößte Verbraucher von Uran weltweit. Und das französische Uran kommt zu einem Großteil aus dem Niger. Dort kontrolliert die staatliche Firma Société du Patrimoine des Mines du Niger (SOPAMIN) den Uranabbau. Diese Firma gehört dem Staat Niger und sie vergibt die Abbaurechte an andere Unternehmen, an denen sie dann Beteiligungen hält. Jedoch ist sie bei fast allen dieser Firmen nicht der größte Aktionär, sondern das sind ausländische Investoren. Und wie der Zufall es will, sind das zu einem sehr großen Teil französische Firmen, allen voran Orano (früher Areva), ein französischer Staatskonzern.

Damit schließt sich der Kreis, denn dass die heftigsten Reaktionen auf den Putsch in Niger ausgerechnet aus Frankreich kommen, liegt am Uran aus Niger. Frankreich hat Angst davor, dass eine neue Regierung die Verträge kündigt und das Uran französischen Konzernen nicht mehr zu Vorzugspreisen überlässt, sondern es auf dem Weltmarkt zu regulären Preise verkauft.

Was Spiegel-Leser (nicht) erfahren

Wie gesagt erfahren Leser deutscher Medien davon nichts. In den Spiegel-Artikeln über die Ereignisse in Niger findet sich das Wort "Uran" nicht einmal. Stattdessen erfahren wir im Spiegel, dass Frankreich offen mit Krieg droht, um seine Interessen (also "sein" Uran) zu schützen:

"Angesichts antifranzösischer Proteste in Niger droht Frankreich dem westafrikanischen Land mit einem Eingreifen. Jeglicher Angriff auf französische Staatsangehörige oder Interessen in Niger werde eine unverzügliche und strikte Reaktion Frankreichs nach sich ziehen, erklärte das Präsidialamt in Paris am Sonntag." Um es klar zu sagen: Ich bin gegen jede Form von Putschen, aber es ist die Aufgabe von Medien, ihre Leser (oder Zuschauer) zu informieren. Dem werden deutsche Medien nicht gerecht, wenn sie ihren Lesern und Zuschauern verschweigen, worum es in einem Konflikt wirklich geht.

Der französischen Regierung ist die Demokratie in Westafrika egal, ihr geht es nur um den Zugang zu den billigen Bodenschätzen, die für Frankreich lebenswichtig und nur deshalb billig sind, weil die Praktiken der Kolonialzeit nie beendet worden sind.

Aber das erfährt man im Spiegel und anderen deutschen Medien natürlich nicht.


LESERANTWORTEN
(ausgewählt und z.T. leicht gekürzt von Dikigoros)

Eriophorum (30. Juli 2023)
Frankreich ist einer der weltweit übelsten Kolonialstaaten, wie man am Beispiel des Niger sieht. Die Unabhängigkeit Nigers ändert daran wenig. Wer sich einmal mit der Geschichte Haitis unter französischer Herrschaft befaßt hat, weiß, daß sogar die heutigen Probleme des Staates (Armut, Bandenherrschaft, etc.) auf die französische Dominanz zurückgehen [...]
(Anm.: Über die ersten beiden Sätze kann man streiten. Aber was der gute E. im 3. Satz von sich gibt zeugt nicht gerade von einer intensiven Beschäftigung mit der Geschichte Haïtis. Dikigoros empfiehlt ihm wärmstens die Lektüre seiner Webseite über F. Duvalier.)

leshrai (30. Juli 2023)
Die Franzosen sind ein schmutziges Lumpenpack: Indochina, Afrika, Algerien. Millionen haben sie versklavt und ermordet und mit den deutschen Nazis zusammen gearbeitet.
(Anm. Dikigoros: Welch unsachliche Verallgemeinerung! Die kolonisatorische Arbeit der Franzosen in Indochina war z.T. recht beachtlich und allemal besser als das, was danach kam - von wegen "Millionen versklavt und ermordet". Über ihr Wirken in Schwarzafrika kann man streiten. Aber das einzige, was an ihrer Algerienpolitik "schmutzig" war, war der Verrat des Lumpen de Gaulle, der die fleißigen französischen Siedler - die das Land in anderthalb Jahrhunderten mit ihrer Hände Arbeit aufgebaut und zur Musterkolonie gemacht hatten - verriet und ihnen mit Waffengewalt in den Rücken fiel, als sie es gegen die muslimischen Aufständischen verteigen wollten. Und was soll die Kolonialpolitik der "schmutzigen Franzosen" mit den "deutschen Nazis" zu tun haben?!?)

Silvia (30. Juli 2023)
Und Macron ist die Spitze des Abschaums. Man blicke auf seine verderbte Vergangenheit und seine seltsame Paarung mit der/die/das Partner:in. Er ist das Abbild des schmutzigen Wertewestens [...] (Anm. Dikigoros: Das ist kein Franzose, sondern ein Jude. Seine Mutter ist eine geborene Noguès [Nußbaum].)

oTTo (30. Juli 2023)
Macron ist eine jämmerliche Schwuchtel und ein hoffnungsloser Narzisst obendrein. Das kam schon bald nach seiner Wahl zum Möchtegern-Diktator raus.
Ich habe nichts gegen Homosexuelle, aber auch hier kann man wieder deutlich sehen, wie unterschiedlich unterschiedliche Leute damit umgehen: Einerseits Wowereit ("Ich bin schwul, und das ist gut so!"), andererseits die aktuelle Dumpfbacke im Elysee-Palast.
Die Frau an seiner Seite (die vom Alter seine Mutter sein könnte) ist reines Alibi. Vor Jahren schon kam raus, dass er ein Verhältnis mit einem seiner Bodyguards hat. Statt dass dieser jämmerliche Zwerg dazu steht (selbst Westerwelle hatte das hingekriegt) womit ihn die Leute respektieren würden, spielt er den Leuten etwas vor, was sowieso keiner glaubt.

Stop Bush and Clinton (30. Juli 2023)
Das ist doch nur russische Propaganda... In Wirklichkeit geht es nur darum, ob man das Land mit einem "g" oder doch mit zwei schreibt. Wer nicht auf der Seite der bisherigen Regierung steht, die das Land schon seit ihrer Machtübernahme mit nur einem "g" geschrieben hat, ist also zwangsläufig ein Rassist der übelsten Art.
Das Uran gehört selbstverständlich den USA, weil es unverantwortlich wäre, dieses Material, das zum Bau von Atombomben verwendet werden könnte, einem potentiellen Terrorstaat, wie allen anderen Ländern, zu überlassen [...]

Krambambuli (30. Juli 2023)
Ein Putsch ist oft die letzte Möglichkeit, eine Verbrecherbande wieder loszuwerden. Oder meint jemand, solche gingen nach Wahlen friedlich von Dannen? Oder Wahlen wären überhaupt erlaubt? Oder korrekt? [...]

THX1138 (31. Juli 2023)
Die im Artikel aufgeworfene Frage wurde inzwischen beantwortet: Niger hat den Export von Uran und Gold gestoppt, Frankreich und der Rest des Westens toben:
"Der nigrische Staatsstreich könnte ein Wendepunkt im neuen Kalten Krieg sein"
Es war dem Artikel nach der letzte westliche Vasall in Zentralafrika [...]
Wenn der Westen dort intervenieren möchte - umso schneller müssen die am Dnepr verduften. Alles gleichzeitig schaffen die wohl nicht?!


weiter zu Frankreichs verzweifelte Versuche, seinen Zugang zu billigem Uran zu retten

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