Wenn Spanier Mohammed-Puppen explodieren lassen

Von der Volksfest-Tradition, Mohammed-Puppen in Erinnerung an das Ende der
arabischen Besetzung in die Luft zu jagen, mögen sich die Spanier nicht trennen.

von Martin Dahms (FR, 27. Oktober 2006)

[Als Maure verkleideter Spanier]

José María Aznar hat ein klares Weltbild. "Spanien war das erste Land des Westens, das vom Islam angegriffen wurde", sagte der ehemalige spanische Regierungschef während einer Rede im Washingtoner Hudson Institute Ende September. Der Angriff, von dem Aznar sprach, fand vor 1300 Jahren statt: Im Jahr 711 setzten maurische Truppen bei Gibraltar von Afrika kommend nach Europa über und hatten bald fast die gesamte Iberische Halbinsel in ihrer Hand. Nur im Norden widerstanden die christlichen Herrscher den moslemischen Angreifern und organisierten die Reconquista, die Rückeroberung von Al-Andalus - so nannten die arabischen Bewohner ihre neue iberische Heimat. Die Reconquista zog sich hin. Während die Nordeuropäer zu den Kreuzzügen nach Jerusalem aufbrachen, kämpften die christlichen Iberer Schlacht um Schlacht gegen ihre moslemischen Nachbarn. So vergingen Jahrhunderte.

"Ketzerische Falschheit"

1492 nahmen Isabella von Kastilien und ihr Mann Ferdinand von Aragón, die der Papst später ehrenhalber zu "Katholischen Königen" erhob, schließlich die letzte Bastion des Islam auf iberischem Boden ein: Granada. An der Grabstätte des siegreichen Königspaars in einer Seitenkapelle der Kathedrale von Granada erinnert eine lateinische Inschrift bis heute daran, dass hier die "Vernichter der mohammedanischen Sekte und Auslöscher der ketzerischen Falschheit" ruhen. "Ich bin Anhänger von Isabella und Ferdinand", sagte Aznar in seiner Washingtoner Rede.

Anders als Aznar sind viele Spanier stolz auf die maurische Vergangenheit ihres Landes. Orient und Okzident stießen hier nicht nur kriegerisch aufeinander, sondern befruchteten sich auch gegenseitig. Fast 400 spanische Orte feiern ihr jährliches Volksfest als Fest der "moros y cristianos", der Mauren und Christen. "Wir lassen die arabische Kultur jener Epoche hochleben", sagt Fernando Domene vom nationalen Verband der Organisatoren dieser Feste.

Doch die Aufmärsche von "moros y cristianos" sind in den vergangenen Wochen ins Gerede gekommen. Denn am Ende spielen sie die Niederlage der Mauren nach, und in manchen Dörfern lassen die Feiernden zum Abschluss den Kopf einer Mohammed-Puppe mit Böllern in die Luft fliegen. Diese makabre Tradition ist allerdings schon länger eher auf dem Rückzug, dieses Jahr haben sie zwei weitere Dörfer aus dem Programm gestrichen.

Sogar die muslimischen Geistlichen sind auffallend gelassen. Zwar findet der Imam der Moschee in Málaga, Félix Herrero, keinen Gefallen an der Tradition. Man solle die Feste ganz abschaffen, "hier wird jedes Jahr daran erinnert, wer der Sieger ist", entrüstet er sich. Aber Herrero steht mit seiner Meinung ziemlich allein da. Kein anderer moslemischer Sprecher unterstützte ihn öffentlich. "Die Feiern stecken voller Anachronismen", räumt der Valencianer Philologie-Professor Ángel López García-Molins zwar ein, aber Handlungsbedarf sieht er deshalb nicht: "Das ist nur natürlich. Es sind schließlich Volksfeste und keine Doktorarbeiten."


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