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Österreich als Opfer und Friedensmacht

von Stephan Grigat*

(Jungle World Nr. 11/2005)

Dem Diktum Max Horkheimers, wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen, ist wohl niemand so konsequent gefolgt wie die Österreicher. Sie haben lange Zeit weder von dem einen noch von dem anderen gesprochen. Während eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus allein schon der Eigenstilisierung zum Opfer wegen nicht ganz zu umgehen war und deshalb gerade in der jüngsten Vergangenheit zwar keineswegs ernsthaft, dafür aber um so redseliger betrieben wurde, ist über die Zeit des Austro-Faschismus ein Mantel des Schweigens gebreitet worden, der alljährlich nur am 12. Februar durchbrochen wird. An diesem Datum wird der Kämpfe gedacht, in denen Bundesheer und Heimwehren 1934 mit militärischen Mitteln der organisierten Arbeiterbewegung ein Ende setzten. Doch dienen diese Gedenkveranstaltungen, wie beim 50. Jahrestag 2004 abermals deutlich wurde, keineswegs der Vergegenwärtigung einer wichtigen Etappe im Konstituierungs-Prozess des Faschismus. Vielmehr wird mit dem Hinweis auf die 'politischen Wirren' der 1930er Jahre die ‚nationale Einheit' Österreichs beschworen.
Zweifellos handelt es sich bei Österreich um ein post-nazistisches Land. Doch die postnazistische Normalität der Gesellschaft ist nicht die gleiche wie in der BRD. Österreich ist jenes Land, in dem es die Bevölkerung in Komplizenschaft mit der Regierung geschafft hat, die ehemalige Gemeinschaft raubender und mordender Volksgenossen nach 1945 gleichzeitig hinter sich zu lassen und in die postfaschistische Demokratie hinüberzuretten, indem man sich erfolgreich als Opfergemeinschaft gerierte. Die Österreicher waren die ersten Täter, die zu Opfern mutierten. Die Transformation der NS-Gefolgschaft in ein Opferkollektiv, wie man sie in Deutschland in verstärktem Ausmaß seit der Wiedervereinigung beobachten kann, ist in Österreich seit 1945 Realität. Und zwar mit einer sehr viel konsequenteren Begründung: Die Österreicher waren in ihrer Selbstsicht nicht nur Opfer der alliierten Kriegshandlungen, sondern schlicht und einfach Opfer der Nazis. [Na klar, Hitler war bekanntlich Preuße, Anm. Dikigoros]
Max Horkheimer notierte Mitte der 1960er Jahre: "Das Schuldbekenntnis der Deutschen nach der Niederlage des Nationalsozialismus 1945 war ein famoses Verfahren, das völkische Gemeinschafts-Empfinden in die Nachkriegsperiode hinüber zu retten. Das Wir zu bewahren war die Hauptsache." In Österreich gab es dieses von Horkheimer treffend eingeschätzte Schuldbekenntnis bis in die 1990er Jahre überhaupt nicht. Das durch den gemeinsam begangenen Massenmord an den Juden und durch den Vernichtungskrieg im Osten zementierte Wir-Gefühl aus der NS-Volksgemeinschaft musste in Österreich durch die Uminterpretation der Tätergemeinschaft in ein Opferkollektiv in die postnazistische Demokratie integriert und hinübergerettet werden.
Im Gegenzug zur Erklärung der "immerwährenden Neutralität", die vor allem von der Sowjetunion eingefordert wurde, ließen sich die Sieger des Zweiten Weltkriegs darauf ein, die Lüge, die Österreicher seien nicht Täter, sondern die ersten Opfer des nationalsozialistischen Expansionsstrebens gewesen, den Rang einer geschichtlichen Tatsache zuzuweisen. Dieses Zugeständnis mildernder Umstände haben die Österreicher den Alliierten jedoch nicht gedankt. Noch vor der Entlassung in die neutrale Selbständigkeit versuchte die österreichische Führung den schwachen Österreich-Nationalismus mittels Agitation gegen die bis 1955 im Land befindlichen alliierten Truppen zu kultivieren.
Entsprechend dieser Entstehungsgeschichte des staatstragenden Nationalismus der Zweiten Republik wird heute die Zeit der Besatzung in Österreich gerne auf 17 Jahre hochgerechnet. Die eigentliche Befreiung habe also nicht 1945, sondern erst 1955 stattgefunden. Bei den aktuellen Jubiläumsfeierlichkeiten ist von 1945 als Jahr der Befreiung vom Nationalsozialismus ohnehin kaum die Rede, sondern nur von der Republiksgründung im April desselben Jahres - zu einer Zeit, als noch jüdische Zwangsarbeiter durch österreichische Dörfer getrieben und ermordet wurden, was selbstverständlich keine Erwähnung findet.
Mit der Verklärung Österreichs zum ersten Opfer des Nationalsozialismus ging eine Ausbürgerung des Antisemitismus einher. Der offiziellen Lesart zufolge war alles Übel mit den deutschen Truppen über Österreich hereingebrochen. Das eindrucksvollste Dokument dieser Haltung ist die österreichische Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945, auf die sich die Bundesregierung auch heute in ihrer offiziellen Broschüre zum Jubiläumsjahr 2005 positiv bezieht. Zur Legitimation des neuen Österreich wurde angeführt, "daß die nationalsozialistische Reichsregierung Adolf Hitlers kraft (einer) völligen (...) Annexion des Landes das macht- und willenlos gemachte Volk in einen sinn- und aussichtslosen Eroberungskrieg geführt hat, den kein Österreicher jemals gewollt hat, jemals vorauszusehen oder gutzuheißen instand gesetzt war, zur Bekriegung von Völkern, gegen die kein wahrer Österreicher jemals Gefühle der Feindschaft oder des Hasses gehegt hat." Der erste Nachkriegsbürgermeister der Antisemitenhochburg Wien, der Sozialist Theodor Körner [nicht zu verwechseln mit dem Nationalisten Theodor Körner, Anm. Dikigoros], schrieb 1947: "Aus Briefen und Zeitungsproben der letzten Zeit entnehmen wir, daß in einigen Staaten in gewissen Kreisen die Meinung besteht, daß Österreich (...) noch immer dem Antisemitismus verfallen sei. (...) Ein für allemal sei festgestellt, daß es, außer den von den Nazis in der Zeit ihrer Herrschaft über Österreich organisierten Ausschreitungen, in Wien Judenpogrome überhaupt niemals gegeben hat. (...) denn der Wiener ist Weltbürger und daher von vornherein kein Antisemit."
Während die antisemitische Tradition nach außen hin nicht thematisiert wurde, wurde im Inneren nahtlos an eben diese Tradition angeschlossen. Mit Leopold Kunschak wurde die Unabhängigkeitserklärung von einem der schlimmsten christlich-sozialen antisemitischen Hetzer der Zwischenkriegszeit unterzeichnet. Kunschak, der sich noch im Dezember 1945 auf einer Massenkundgebung rühmte, er sei schon immer Antisemit gewesen, wurde zum ersten Präsidenten des Nationalrats gewählt und wird heute als einer der Gründerväter der zweiten Republik verehrt.
Das beinahe fröhlich zur Schau gestellte Selbstmitleid lässt in Österreich für die wahren Opfer der mordenden Volksgemeinschaft keinen Platz. Wird das kollektiv begangene Verbrechen dennoch einmal öffentlich thematisiert, wie im Zuge der Verhandlungen über Entschädigungszahlungen oder die Rückgabe so genannten arisierten Eigentums, so setzt reflexartig jene "Reaktionsform des nach außen Schlagens, sich ins Recht Setzens" ein, die von Adorno bereits in den 1950er Jahren als wesentlicher Bestandteil der Schuldabwehr analysiert wurde. Es wird das gesamte Repertoire jenes spezifisch österreichisch-deutschen sekundären Antisemitismus aktiviert, das in der BRD beispielsweise aus der Diskussion über das Holocaust-Mahnmal oder der Walser-Debatte bekannt ist.
Die zaghaften und halbherzigen Versuche zu Beginn der 1990er Jahre, mittels einer von Regierungsseite verlautbarten partiellen Kritik an der Opferthese die staatlichen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Israel zu verbessern [die vor allem während der Kanzlerschaftz des anti-zionistischen Juden Bruno Kreisky gelitten hatten, Anm. Dikigoros], sind mit der ÖVP/FPÖ-Koalition nicht nur beendet, sondern wieder zunichte gemacht worden. Kanzler Wolfgang Schüssel wiederholte im Jahr 2000 die Einschätzung, nicht nur der souveräne österreichische Staat, sondern auch die Österreicher seien "in der Tat die ersten Opfer" des Naziregimes gewesen.
Auch wenn im offiziellen Programmheft zu den Feierlichkeiten auf "den veränderten Umgang Österreichs mit seiner Vergangenheit" verwiesen wird, scheint Österreich auch im Jahr 2005 den Anschluss an die modernisierte Variante der Vergangenheitspolitik des großen deutschen Bruders noch nicht vollständig hinzubekommen. Nach wie vor tendiert man zur Verleugnung und hat noch nicht ganz begriffen, wie Erfolg versprechend ein offensives Bekenntnis zu den eigenen Verbrechen sein kann, wenn man sie nur in den richtigen Kontext stellt. Mit Sätzen wie dem folgenden aus der offiziellen Jubiläumsbroschüre zeigt man sich diesbezüglich allerdings auch in Österreich lernfähig: "Der Zweite Weltkrieg hatte über 25 Millionen Soldaten den Tod gebracht, weitere 20 bis 30 Millionen Menschen haben als Opfer im Holocaust, bei Luftangriffen, im Widerstand, bei Vergeltungsmaßnahmen und auf der Flucht ihr Leben verloren." Derartiges sollte nicht als der immergleiche Geschichtsrevisionismus von vorgestern missverstanden werden. Solche Aussagen sind vielmehr im Zusammenhang mit Schüssels Versuchen zu sehen, auch auf anderen Gebieten einen Gleichklang mit Schröder-Deutschland hinzubekommen. Als angebliches erstes Opfer der Nazi-Aggression positioniert sich Österreich im Jubiläumsjahr als Friedensmacht. Hatte sich schon vor und während des Irakkriegs 2003 eine regelrechte Friedensvolksgemeinschaft in der Alpenrepublik heraus gebildet, so gedenkt man 2005 auch gleich noch 45 Jahre österreichischem Peace keeping. Als könnte man mittels des Abfeierns eines abstrakten Pazifismus vergessen machen, dass die Gründung der Zweiten Republik erst dadurch möglich wurde, dass die alliierte Militärmaschinerie die Österreicher vom weiteren Vernichtungskrieg gegen die halbe Welt abgehalten hat, wird auch die Vergabe des Friedensnobelpreises an Bertha von Suttner vor 100 Jahren in das Gedenken miteinbezogen. Und der Kanzler, dessen Partei zur bellizistischen Avantgarde bei der Vorbereitung des Jugoslawienkriegs gehört hatte, bescheinigt in seiner Rede zum Auftakt des Jubiläumsjahres dem "österreichischen Wesen", dass es "nach Harmonie, nach Menschlichkeit und Augenmaß" dränge.
Zum endgültigen Anschluss an den kriegslüsternen Pazifismus und an den modernisierten deutschen Opferdiskurs der Marke Schröder/Fischer, der ein Leugnen der eigenen Verbrechen nicht mehr nötig hat und statt dessen die Vorbereitung neuer Untaten mit den Mitteln der Gedenkkultur betreibt, wird es aber auch in Österreich einer rot-grünen Koalition bedürfen.

*Stephan Grigat ist Herausgeber des im ça-ira-Verlag erschienenen Bandes "Transformation des Postnazismus. Der deutsch-österreichische Weg zum demokratischen Faschismus".


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