UM NIETZSCHES WILLEN

Das unverdaute Erbe des Philosophen

von Theo Roos (Kulturzeit, 21.12.2000)

(mit Links versehen von N. Dikigoros)

1906 kommt ein Buch auf den Markt, das sich zwischen 1939 und 1943 50.000 Mal verkauft. Ein philosophisches Buch mit dem Titel "Wille zur Macht". Sein Autor: Friedrich Nietzsche. Gestorben 1900. Der philosophische Bestseller ist jedoch nicht vom genannten Autor geschrieben. Seine Schwester Elisabeth hat das umstrittene Werk aus dem Nachlass des Philosophen nachträglich zusammengestellt.

"Wille zur Macht", ein "nicht ungefährlicher Titel", wie Nietzsche selbst bemerkte, war zwar kurzzeitig ein literarisches Projekt des Philosophen, wurde aber von ihm wieder verworfen. Eine Umwertung der Werte sollte es sein, eine Auslegung allen Geschehens. Ein Versuch, wie sein berühmter Zarathustra, nur vorläufig, vorspielend für eingeweihte Ohren, die den komplexen Kontext des Begriffs mitdenken können. Nichts für Flachköpfe und Schlechtweggekommene, die es für Nietzsche in allen Ständen der Gesellschaft gibt.

Die Welt von Innen gesehen ist Wille zur Macht und nichts außerdem. Der Mensch, das noch nicht festgestellte, latent grausame Tier. Die christliche Deutung vom guten Menschen ist eine Illusion, wie Kriege immer wieder zeigen, ein frommer Wunsch, wie der gute Gott der Christen. Gott ist tot und damit sind die christlichen Werte obsolet. Der Mensch muss neu gedacht werden auf der Basis einer grundlegenden Energie: Wille zur Macht.

Was bei Nietzsche eine Beschreibungskategorie des Menschlichen ist, machen die Nazis zum Programm. Nietzsche wollte Zäune um seine Gedanken bauen, um seine Philosophie vor den Schweinen und Schwärmern zu schützen, aber Begriffe wie Wille zur Macht, blonde Bestie, Übermensch, Rasse, Zucht und Züchtung erweisen sich als Fangzäune für die Nazis. In Nietzsches Theorie des Willen zur Macht steckt die Einsicht, dass Begriffe ohne Empfindungshintergrund leer und beliebig verschiebbar sind, dass eine bloß postulierte und nicht gelebte Moral schnell zur Beute des platt verstandenen Willens zur Macht wird. Genau das führen ihm 33 Jahre nach seinem Tod die wildgewordenen Nazispießer in seinem Namen vor. Grausame Ironie der Geschichte.

Hitler und Mussolini waren Fans von Nietzsche, aber seine Philosophie war in deren Politik nicht anwesend. Auch Nietzsches Schwester war mehr an einer Mythologisierung interessiert als an der Philosophie des Bruders. Die Rechte für das Buch "Der Wille zur Macht" hatte sie sich reserviert. Die Faschisierung Nietzsches machte den zu Lebzeiten einsiedlerischen Philosophen populär. Nietzsche brachte Auflage. Seine Vereinnahmung durch die Nazis wirft ein Licht auf heutige mediale Strategien. Komplexe Gedanken werden simplifiziert, für viele verstehbar gemacht und damit gleichgeschaltet. Das macht Quote, aber das, worauf man sich bezieht, ist zerstört. Man dealt mit Gedankenruinen. "Wille zur Macht" als mediales Ereignis und nichts mehr.

Nietzsches martialische Posen wurden seinen Gedanken zum Verhängnis. Vielleicht gehörten sie zu dem unbearbeiteten Aggressionspotenzial des Philosophen. Auch Nietzsche hatte eine Perspektive und die hatte im Kern nichts mit der Nazi-Ideologie zu tun. Auch nichts mit den Vorstellungen seiner Schwester, das Lama, wie Nietzsche sie nannte, die mit einem Antisemiten verheiratet war. Sie hat Nietzsches labyrinthisch kreisende Aufzeichnungen zu einem ideologischen Machwerk geformt.

Jenseits von Gut und Böse ist der Wille zur Macht auch etwas Banales. Jeder will das größte Stück von der Wurst. Etwas, das sich immer wieder durchsetzt, trotz bestehender Werte und Moral. Und das Eis, auf dem wir moralisch stehen ist dünn. Vor allem, wenn Moral nur gepredigt wird, nicht eine tiefsitzende Haltung ist. Dann ist der Wille zur Macht in seinem grausamen, alles Fremde ausgrenzenden Aspekt schnell wieder die dominierende Kraft. Bloße Aufklärung durch Begriffe und Information reichen da nicht aus. Wir müssen umfühlen lernen, letztlich unser Leben verändern. Nietzsche lebte einsam und zurückgezogen, traute keinem, der nicht auch über sich lachte. Er wollte wie ein Engel tanzen. Gleichgeschaltete Massen waren ihm ein Gräuel. Er war nicht diese kleine Wurst und nicht der gedankliche Schlächter, den die Nazis aus ihm gemacht haben.

Was Nietzsche wollte, war Beiseitegehen, durch Denken sein Leben verändern. Wie? Wohin? Das steht in einem kleinen Bildungsroman, im Zarathustra: "Von den zwei Verwandlungen". Er wollte kein Kamel sein, das zu allem Ja sagt, sich gleichschalten lässt und jedes gesellschaftliche "Du sollst" bedient. Er wollte auch nicht Löwe bleiben, der das Alles blind verneint und in der Verneinung dem verhaftet bleibt, was er ablehnt. Er wollte "ich bin" sagen, wie ein Kind, das erwachsen wurde, sich seiner Kräfte sicher ist und nicht nach Macht schielen muss. Der Wille zur Macht als Verwandlung zum freien Geist.


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