Sonntag 13. Oktober 2002, 14:07 Uhr

Terror im Ferienparadies

Bombenanschläge in Kuta Beach, Indonesien

Kuta/Singapur (dpa) - Von einer Sekunde auf die nächste war nichts mehr übrig von der ausgelassenen, feuchtfröhlichen Urlaubslaune, die sonst die Amüsiermeile Jalan Legian in Kuta prägt. Wo sich jede Nacht Taxis entlang Dutzender Bars, Discotheken und Kneipen stauen, herrscht nur noch blankes Entsetzen, Köperteile und Leichen liegen über die Bürgersteige verstreut.

«Es war eine mächtige Explosion», berichtet Ketut Putra, der in Kuta lebt. «Als ich sie hörte, bin ich aus dem Haus gelaufen und habe Leute gesehen, die schrien: «Eine Bombe, eine Bombe!» Niemand hatte im Entferntesten vermutet, die «Insel der Götter» könnte jemals zum Terrorziel werden.

Bis zu zwölf Kilometer entfernt seien die Explosionen zu hören gewesen, berichtet ein Reporter der Zeitung «Jakarta Post». Dicke Mauern zeigen nach der Detonation Risse, Dutzende Fensterscheiben sind zerborsten, die populären Nachtclubs «Sari Club» und das benachbarte «Paddy's» brannten lichterloh, Autos fingen Feuer. Nur einige hundert Meter entfernt erlebt der neuseeländische Kamermann Richard Poore das Inferno mit: «Die Fenster in unserem Hotel flogen raus, in den oberen Geschossen gab es keine Wände mehr, und der Himmel war von einer unglaublichen Menge Rauch gefüllt», sagte er der britischen BBC. Zunächst konnte nur gerätselt werden, wer die Insel mit ihren schneeweißen Stränden in eine Feuerhölle verwandelte.

Als erster spricht Australiens Außenminister Alexander Downer von einem Terroranschlag, der gezielt gegen westliche Touristen gerichtet gewesen sei. In der Tat: Wer möglichst viele Urlauber treffen wollte, musste sich den «Sari Club» als Terrorziel aussuchen. Auch einen Verdächtigen nennt der Außenamtschef in Canberra schon: Die radikale Moslem-Organisation Jemaah Islamiyah. «Es ist nicht die einzige Organisation in Indonesien, über die wir besorgt sind, aber es ist diejenige, die uns am meisten Sorgen bereitet.» Eine Gruppe, die «gewiss» Verbindung zum Terrornetzwerk El Kaida habe.

Immer wieder war es in den vergangenen Monaten zu anti-amerikanischen und anti-westlichen Protesten in der indonesischen Hauptstadt Jakarta gekommen, vor allem nach dem Militärschlag gegen Afghanistan im Oktober vorigen Jahres. Auch zogen mehrfach Mitglieder einer radikalen islamistischen Gruppe in ihrem selbst erklärten Kampf gegen westliche Dekadenz durch Kneipen, um Kunden zu verprügeln oder das Mobiliar kurz und klein zu schlagen. Im September schloss die US- Botschaft für eine Woche aus Angst, zum Anschlagsziel zu werden.

Zugleich hatte die indonesische Regierung immer wieder betont, keine Hinweise auf terroristische Aktivitäten zu haben. Gruppen wie die Jemaah Islamiyah oder Laskar Dschihad, die ihre Mitglieder in den Kampf gegen die christliche Bevölkerung auf den Molukken-Inseln schickte, wurden nicht als Risiko betrachtet, zumindest nicht für westliche Ausländer. Denn tatsächlich praktiziert die überwältigende Mehrheit in dem nach der Bevölkerungszahl größten moslemischen Land der Erde eine äußerst moderate Form des Islam.

Doch hatten die USA gleich nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 ganz Südostasien ins Visier genommen. Nicht nur entsandte Washington Truppen, um philippinische Soldaten im Kampf gegen die Moslemgruppe Abu Sayyaf zu trainieren. Zugleich will die einzige Supermacht der Erde wieder die militärische Zusammenarbeit mit Indonesien aufnehmen - im Kampf gegen den Terrorismus. 50 Millionen US-Dollar sollen Indonesien zudem bereit gestellt werde, kündigte Außenminister Colin Powell bei einem Besuch in Jakarta vor zwei Monaten an. «Wir versuchen, Präsidentin Megawati und den Streitkräften dabei zu helfen, dieser Bedrohung zu begegnen», sagte er. Möglicherweise, so scheint es nun, kam die Hilfe zu spät.


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