Southport und das Medienversagen

von Steffen Meltzer (Die Achse des Guten, 02.08.2024)

Bilder und Anmerkungen: Nikolas Dikigoros

Der mediale Umgang mit dem Mord in Southport zeigte: Die britische Polizei leidet unter einer zurückhaltenden Informationsstrategie und einer mangelhaften Kommunikation. In Deutschland gibt es ähnliche Problematiken.

Der Spiegel schrieb im Teaser seiner Onlineausgabe vom 01.08.2024:

"Nach der tödlichen Attacke auf Kinder im britischen Southport muss sich der tatverdächtige Teenager wegen Mordes verantworten. Derweil randalieren Rechte nun auch in London, es gibt mehr als hundert Festnahmen."

Hier wird ein Gewalttäter ausdrücklich als "Teenager" beschrieben und damit augenscheinlich verharmlost, weil der Tatverdächtige noch minderjährig ist. Doch das ändert nichts an der Schwere des Verbrechens. Laut Polizeiangaben handelt es sich bei dem (bald) Angeklagten (steht kurz bevor) um den noch 17-jährigen Axel Rudakuban. Was der Spiegel in diesem Beitrag verschweigt: Bereits in der kommenden Woche tritt die Volljährigkeit des "Teenagers" mit dem 18. Lebensjahr ein. Er wurde in Großbritannien geboren, seine Eltern sind Einwanderer aus Ruanda. Das sind die nachgereichten polizeilichen Informationen.

Auch die Zeitung Die Welt berichtet ungenau: Sie schreibt, es handele sich "nicht um eine Terrortat" - obwohl "das Motiv noch unklar" sei. Wenn das Motiv unbekannt ist, kann man doch nicht einfach ausschließen, dass es sich um einen Terrorakt handeln könnte.

Fragwürdige Informationsstrategie

Die britische Polizei hatte erst so gut wie gar nicht, später nur sehr zurückhaltend informiert. Das hat dazu geführt, dass Gerüchte die Lage unnötig angeheizt haben und eskalieren ließen. Die Informationsfreigabe der Polizei kam aus meiner Sicht viel zu spät. Und selbst dann war die Kommunikation in Teilen noch unklar - man stritt einen Terrorhintergrund explizit ab, obwohl das Motiv ungeklärt blieb. (Anm. Dikigoros: Was S.M. selber verschweigt - oder nicht weiß - ist, daß sich jene Gerüchte inzwischen als wahr heraus gestellt haben: Der Mörder ist Muslim, und auch wenn er selber kein illegaler Immigrant ist, so wurde er doch als Kind illegaler Immigranten aus Ruanda in England geboren. Aber da zu unterscheiden, ist eine juristische Spitzfindigkeit und Haarspalterei - die gepeinigte weiße Minderheit, die sich gegen die Verbrechen illegaler Migranten und deren "Kinder" zur Wehr setzt - auch gegen deren uniformierte Beschützer und Beihelfer - weiß es besser!)

Solche Informationsdefizite nutzen immer die extremen Kräfte in jeder Gesellschaft. Hier wurde quasi eine Steilvorlage für Gerüchte geliefert. Zumal drei kleine Mädchen getötet, acht weitere Kinder sowie zwei Erwachsene teils schwer verletzt wurden.

Das lässt niemanden kalt. Auch das bürgerliche Lager kann sich darüber sehr empören. Dieses mögliche Informationsversagen mussten unter anderem die verletzten Polizisten und die dadurch zusätzlich beanspruchten Hinterbliebenen ausbaden. Eine offensivere und transparentere Kommunikationsstrategie hätte die Ausschreitungen womöglich vermindern können und Druck aus dem Kessel genommen. Wer zu spät oder unvollständig informiert, muss sich im Zeitalter der "sozialen Netzwerke" nicht wundern, wenn andere extreme Personen und Organisationen diese Lücke füllen und das Geschehen anfeuern.

Das ist leider auch in Deutschland ein bekanntes Problem. Deshalb ist es richtig, dass die Polizei in einem Medien-Erlass in Nordrhein-Westfalen angewiesen wurde, ab Herbst die Herkunft von Tatverdächtigen zu nennen [...] (Anm. Dikigoros: In diesem Fall also: "Ein britischer Staatsbürger aus Southport"?!?)

Mangelhafte Kommunikation

Leider haben noch nicht alle in den deutschen Medien verstanden, dass es sich um eine notwendige Präventivmaßnahme handelt. Der WDR möchte dieser Strategie nicht folgen und verweist in diesem Zusammenhang auf den "Pressekodex" (der für die Polizei nicht bindend ist). Dort ist festgehalten:

"In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse."

Wie das britische Ereignis zeigt, kann punktgenau das Gegenteil der guten Absicht eintreten. Deshalb ist es wichtig, Gewaltkriminalität stärker, zeitnaher und konsequenter zu ahnden, als das in Deutschland erfolgt. In diesbezüglichen Versäumnissen, zum Beispiel viel zu wenig Personal in der Justiz, liegt gesellschaftlicher Sprengstoff, dem wir uns immer weniger verschließen können. Das hat nichts mit dem wohlfeil angepriesenen "subjektiven Sicherheitsgefühl" zu tun, sondern ausschließlich mit der zunehmend veränderten Realität.

Das sollte allen nach den Ausschreitungen in Großbritannien klar geworden sein. Allerdings schränkt Ideologie das rationale Lösungsvermögen mitunter stark ein. Das trifft auch auf Zeitungsberichte zu, die bewusst oder unbewusst, ganz oder teilweise Nebelkerzen verbreiten. Böse Zungen können solche Berichte schnell als "Desinformation" bezeichnen. Freilich, für wüste Randale und Angriffe auf andere Menschen gibt es keine Entschuldigung. Wer Straftaten bekämpfen will, darf nicht selbst zum Täter werden. Es mangelt den zuständigen Behörden in Southport an einer klaren und deeskalierenden Kommunikationsstrategie.


Anm.: Dikigoros hat die gesamte Leserpost gestrichen - es war einfach nichts Sachdienliches dabei :-(


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