Für Schoko-Fans kommt es jetzt bitter-süß: Dieser Tage tritt die seit 1996 umkämpfte EU-Kakao-Richtlinie in Kraft. In den zartbraunen Schmelz dürfen neben Kakaobutter jetzt auch andere Pflanzenfette rein. Chocolatiers aus dem Pralinenland Belgien laufen Sturm.Bisher hießen sie "Imitat-Schokolade" oder "Schokoladen-Phantasie". Meist kam das bappige Zuckerzeug aus Großbritannien oder Skandinavien. Schoko-Kenner straften die Zweitklasse-Süßigkeiten, die schon mit Kokosfett hergestellt waren, mit puristischer Verachtung. Doch jetzt darf sich auch europaweit schon "Schokolade" nennen, was nicht nur Kakaobutter enthält. In bis zu fünf Prozent des Schleckereien-Gesamtgewichts können künftig auch andere tropischer Pflanzenfette (Palmfett, Schibutter, Mangokernfett) drin sein. Nur auf den klein gedruckten Inhaltsangaben müssen die Stoffe noch aufgeführt werden. Für Schokoladenpuristen ist es die schiere Ketzerei. Doch die soeben in Kraft getretene EU- Kakao-Richtlinie macht den Schwindel möglich. Knallharter Lobbyismus"Das haben die Multinationalen mit knallhartem Lobbyismus in Brüssel durchgedrückt", klagt der Chocolatier Jean Galler, ein berühmter Traditionsproduzent in Belgien, der wie alle anderen seiner Zunft das Reinheitsgebot mit 100% Kakaobutter beibehalten will. "Wir schreiben seit einigen Wochen 'Reiner Kakao' auf unsere Packungen, damit die Konsumenten sichergehen können". Nur die Belgier und die Niederländer stimmten bei der Verabschiedung der Brüsseler Kakao-Paragrafen, die seit 1996 diskutiert wurden, gegen die Schokoladenfälscher. Aber da die anderen tropischen Fette nur bis zu einem zwölftel der Kakaobutter kosten und der Trend zur Industrieschokolade geht, setzten sich die Billigheimer auf Europaebene durch. In England, Schweden, Dänemark, Finnland, Österreich und Portugal war der Beimix ohnehin schon länger erlaubt. Jetzt macht er europaweit Schule. Die großen Schoko-Fabrikanten von Mars bis Kitkat, welche die Richtlinie so gerne haben wollten, sprächen "mit doppelter Zunge", sagt Pralinendreher Caller. Natürlich entscheide letztendlich der Konsument darüber, welche Qualität sich bei den Süßigkeiten durchsetzt. Einfallstor für den Pfusch?Aber zum einen bestimmt bei vielen der Geldbeutel die süße Lebensart. Zum anderen, so schätzt Caller, werde die Industrie die Kuvertüren und Schoko-Güsse in der Confisserie als Einfallstor für den Pfusch nutzen. Da muss in der Regel nicht mal mehr eine Inhaltsangabe gemacht werden. Ganz allmählich werde dann auch bei den Schokoriegeln und der gemeinen Alltagstafel der Qualitätsunterschied einziehen. "Dann bekommen wir eben einen Schokoladenmarkt mit zwei Geschwindigkeiten", sagt ein anderer belgischer Pralinenhersteller, dessen Haus die süßen Kugeln schon seit 1847 gießt. Dass der feine Geschmack nicht von der Kakaobutter, sondern vom Kakaopulver stamme, verweist er in das Reich der von der Industrie inzwischen reichlich verbreiteten Legenden: "Es reicht, die Kakaobutter langsam auf der Zunge schmelzen zu lassen. Dann weiß jeder, woher der Geschmack kommt", sagt der Pralinier. Er will weiterhin wie seine Kollegen nur "echte Schokolade" machen. Doch wie lange der Konsens unter den Kollegen hält, ist ungewiss. Schweizer Schoki ist noch echtEin Trost sind für ihn die Schweizer. Die dürfen von Gesetz wegen schon seit 1995 ein bestimmtes Quantum Billigfette untermischen. Doch die großen Marken sind ihren altehrwürdigen Rezepten treu geblieben. Schweizer Schoki sei noch echt, beteuern Nestle und Co. Aber alles hänge schließlich vom Genießergeschmack ab. Und der entwickelt sich mit der Fast-Food-Generation eher in die falsche Richtung: Nämlich abwärts. Anm. Dikigoros: Welch eine miese Heuchelei:
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