Marketing mit einem mehrfachen Mörder: Unzählige Produkte vom Brot über Spießbraten bis zum Tourismuspaket werben mit dem Namen von Deutschlands berühmtestem Räuber - dem Schinderhannes. Auch 200 Jahre nach seinem Tod blüht seine Verklärung als "Robin Hood des Hunsrück" und "Rebell vom Rhein".Selbst manche Erotik-Artikel in Deutschland, das Fleisch einer Metzgerei in Südafrika und deutscher Nahe-Wein in Japan werden mit seinem Namen vertrieben. Doch aus juristischer Sicht handelt es sich beim "Schinderhannes" schlicht um einen gewöhnlichen Gewaltverbrecher. Freitag dieser Woche wird in Mainz eine Ausstellung eröffnet, die vor allem Verhaftung, Prozess und Hinrichtung des Schinderhannes beleuchtet. Mehrere tausend Zuschauer waren am 21. November 1803 vor die Tore der Stadt am Rhein geströmt, um dort dem Ende des Räuberhauptmanns mit dem bürgerlichen Namen Johannes Bückler unter der Guillotine entgegen zu fiebern. Auch in Simmern im Hunsrück, wo der Verbrecher ein halbes Jahr im Gefängnisturm saß, ist noch bis Ende 2003 eine Sonderschau zu seinem Leben zu sehen. Um 1780 in Miehlen im Taunus geboren, geriet der Abdeckerknecht Schinderhannes ("schinden" kommt von "Haut abziehen") schon in seiner Jugend auf die schiefe Bahn. Drei Morde, 20 Raubüberfälle und 30 Diebstähle von 1796 bis 1802 im Hunsrück und an der Nahe legte ihm das Mainzer Gericht zur Last. Seine Bande war bei Überfällen auch vor Folter nicht zurückgeschreckt. Manche Opfer wurden zu Krüppeln. Dennoch verwandelte sich der Schinderhannes in eine Legende. "Es ist, als ob es sich bei Johannes Bückler, dem Dieb, Gewaltverbrecher und Mörder, und bei Schinderhannes, dem ebenso sympathischen wie schelmischen Helden unzähliger Anekdoten, Balladen, Romane, Theaterstücke und Spielfilme, um zwei gänzlich verschiedene Personen handelte", schreibt der Mainzer Historiker Peter Bayerlein in seinem kürzlich erschienenen Buch "Schinderhannes-Chronik". Für die Verklärung des Räuberhauptmanns gibt es viele Gründe. Er sei ein guter Selbstdarsteller mit Charme und Humor gewesen, der sich meist "nach der neuesten Mode" gekleidet habe und bei Frauen gut angekommen sei, berichtet Bayerlein. In seinem Prozess habe Bückler in Robin Hood-Manier mehrmals behauptet, bei Überfällen arme Schlucker verschont zu haben. Der Leiter des Mainzer Stadtarchivs, Wolfgang Dobras, verweist auch auf das ungewöhnlich große Medieninteresse an dem Mammutprozess, bei dem nach französischem Recht noch 19 andere Verbrecher zum Tode verurteilt wurden. Mainz war erst 1798 vorübergehend in die Hand der Franzosen gefallen, die hier erstmals Journalisten und Zuschauer bei Strafprozessen zuließen. Hinzu kam bei dem jungen Familienvater Schinderhannes nach Einschätzung von Dobras der Mitleideffekt: Seine mitangeklagte Geliebte Julia Bläsius gebar im Verlauf des Prozesses im Gefängnis den gemeinsamen Sohn und wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt. Bereits im frühen 19. Jahrhundert verfälschten Literaten das Bild des Schinderhannes: Als edler Räuber habe er gegen soziale Missstände und politische Unterdrückung gekämpft. Historisch falsch waren auch Darstellungen als Freiheitskämpfer gegen die Franzosen. Nachbemerkung: |