„Roe gegen Wade“ – ein Urteil und die Folgen

Am 22. Januar 1973 hat der Oberste Gerichtshof in Washington seine
bis heute umstrittene Entscheidung in Sachen Abtreibung gefällt

von Sam Gregg (Die Tagespost Nr. 8, 21.01.2003)

Morgen ist es genau dreißig Jahre her: Der Supreme Court, der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten von Amerika, hat am 22. Januar 1973 im Fall „Roe gegen Wade“ eine seiner wohl bekanntesten – und bis heute auch umstrittensten – Entscheidungen gefällt. Was zuvor in allen, außer drei amerikanischen Bundesstaaten, noch als Mord betrachtet worden war, wurde damit zu einer privaten, von den verfassungsmäßig garantierten Grundrechten geschützten Entscheidung: die Abtreibung.

Auch Katholiken unter den Befürwortern des Urteils

Die Debatte darüber hat viele Katholiken in Amerika dazu gebracht, sich stärker für Politik und Gesetzgebung zu interessieren – in der Hoffnung, die rechtliche Anwendbarkeit des Roe-Spruches entweder aufheben oder zumindest begrenzen zu können. Die besondere „Ironie“ dabei: Der Hauptverfasser der Entscheidung, Richter William Brennan, war – zumindest dem Taufschein nach – ein Katholik. Doch auch einige katholische Politiker wie etwa Senator Edward Kennedy setzen sich mit Nachdruck für das Recht ein, frei zu entscheiden. Das geht sogar soweit, dass sie gegen jegliches Verbot der Spätabtreibung stimmen, selbst im Falle eines äußerst umstrittenen Verfahrens, bei dem der Kopf des ungeborenen Kindes buchstäblich zertrümmert wird.

Es gibt auch den bekannten Fall des Jesuiten und früheren Kongressmitglieds Pater Robert Drinan. Als Abgeordneter war er einer der ersten katholischen Politiker, die zugunsten öffentlicher Gelder für legale Abtreibung stimmten. Es überraschte deshalb kaum, dass der damalige General der Jesuiten, Pater Pedro Arrupe, wie berichtet wird, die Ansicht vertrat, die Position von Pater Drinan bezüglich der Abtreibung sei „nicht zu verteidigen“. Das ließ Pater Drinan jedoch offensichtlich vollkommen ungerührt. Nachdem er 1980 den Kongress verlassen hatte, versandte er sogar als Präsident der „Americans for Democratic Action“ einen Spendenaufruf, in dem er den „moralischen Imperativ“ hervorhebt, solche Kandidaten in den Kongress zu wählen, die sich für die Legalität der Abtreibung und für deren öffentliche Finanzierung einsetzen.

Diese Ansichten von Pater Drinan haben sich im Lauf der Zeit keineswegs abgeschwächt. Das zeigte sich zum Beispiel, als er sich dafür aussprach, der Kongress solle das Veto von Präsident Clinton gegen Spätabtreibungen unterstützen. Allerdings nahm Pater Drinan seine diesbezüglichen Bemerkungen später nach einer Intervention der Kardinäle Hickey und O'Connor zurück. Seine Argumente in Sachen Spätabtreibung hatten sich als wenig überzeugend herausgestellt.

Die katholischen Bischöfe der Vereinigten Staaten zählten immer zu den führenden Stimmen zugunsten einer Aufhebung der Roe-Entscheidung. Denn der Episkopat betrachtet diese als die gesetzliche Basis für die Verbreitung einer Kultur des Todes in Amerika. Es ist dem Einsatz der Bischöfe und auch dem Lebensschutzbüro der amerikanischen Bischofskonferenz zu verdanken, dass sich heute kein rechtgläubiger Katholik in Sachen Abtreibung mehr auf die „Entscheidungsfreiheit“ – pro choice – berufen kann.

Es gibt auch einige hoffnungsvolle Zeichen dafür, dass es möglich sein könnte, „Roe“ zu kippen. Meinungsumfragen zufolge gibt es heute zum ersten Mal seit dreißig Jahren wieder ebensoviele Lebensschützer wie Verfechter von „pro choice“. Dieselben Umfragen lassen erkennen, dass die meisten Amerikaner ein weitaus weniger liberales Abtreibungsrecht bevorzugen würden.

Die Klägerin von damals hat sich bekehrt

Die Bemühungen, den Urteilsspruch von damals rückgängig zu machen, wirken aber auch bis zu einzelnen Personen zurück. Und hier gibt es überraschend schöne Geschichten. Eine davon ist die von Norma McCorvey, der „Jane Roe“ von damals. 1969 waren die beiden Juristinnen Sarah Weddington und Linda Coffee, die beide das texanische Abtreibungsverbot abschaffen wollten, an die 22 Jahre alte schwangere Norma McCorvey herangetreten – die zur Klägerin gegen den Staat Texas werden sollte, dem späteren Fall „Roe gegen Wade“.

In ihrer 1998 erschienenen Autobiographie „Won by love“ beschreibt McCorvey, wie sie in den Jahren nach der Roe-Entscheidung in Abtreibungskliniken gearbeitet hat. Diese Beschäftigung, so berichtet sie, habe sie zur Konsumentin von Drogen werden lassen. Außerdem habe sie versucht, sich das Leben zu nehmen. 1995 jedoch sei Gott in ihr Leben getreten. Sie wurde Christin. Schließlich habe sie ihr Leben als Christin nach Hause geführt – in die römisch-katholische Kirche. 1998 wurde sie von den Ordensleuten Pater Edward Robinson und Pater Frank Pavone, dem internationalen Leiter der Bewegung „Priester für das Leben“ – Priests for Life –, in die katholische Kirche aufgenommen. Ihre Bekehrung führt McCorvey unter anderem auf die „friedliche, gebetsreiche und dauerhafte katholische Präsenz“ vor den Toren der Abtreibungskliniken in den Vereinigten Staaten zurück.

McCorvey leitet jetzt ihre eigene Lebensrechts-Bewegung: „Keine Unterstützung mehr für Roe“ (Roe No More Ministry). Sie bemüht sich vor allem darum, die Amerikaner über die Wahrheit hinter dem Fall „Roe gegen Wade“ aufzuklären. In diesem Bestreben arbeitet sie Seite an Seite mit nicht-katholischen Christen. McCorvey hat jedoch keinerlei Zweifel hinsichtlich der Struktur der Kirche. „Der Papst ist von Gott dafür bestimmt, nach seinem Volk zu sehen“, sagt sie. „Ohne ihn gibt es keine Kirche“.

Es sind Geschichten wie die von Norma McCorvey, die all denen neue Hoffnung geben, die in den Vereinigten Staaten für das Leben kämpfen. Das ist vor dem Hintergrund wichtig, dass in den vergangenen dreißig Jahren in Amerika mehrere Millionen Abtreibungen vorgenommen wurden. Hier werden Erinnerungen an die Auseinandersetzung um die Sklavenarbeit zu Beginn der Geschichte der Vereinigten Staaten wach. Wie damals will auch heute bei der Abtreibung das Bewusstein nicht verstummen, dass es sich um ein moralisches Übel handelt. Denn die innere Stimme des Gewissens ist an der Wahrheit orientiertiert. Und diese Stimme kann nicht zum Schweigen gebracht werden.


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