Exkurs: "Gegen den Strom . . ."

PAUL HEYSE (1830 - 1914)

(Paul Johann Ludwig [seit 1910: von] Heyse)

Text und Links: Benjamin Simon

behutsam korrigiert, kommentiert
u. bebildert von Nikolas Dikigoros

Leben und literarische Wirkung

Paul Heyse war der letzte "Dichterf�rst" der deutschen Literatur. Er beeindruckte durch die Umfassenheit seiner Produktion, er sei "in jedem Sattel ein firmer Reiter, der keine Provinz der Dichtkunst auslie�," wie sein Biograf Erich Petzet schrieb. In Kunsthandlungen der Jahrhundertwende hing Heyses Bild. F�r seine "Potentatengalerie" hatte ihn der M�nchner Maler Franz Lenbach mit einer Art Heiligenschein gemalt. Heyses Drama "Colberg" erschien bis 1914 in 180 Auflagen. Es war an vielen Gymnasien Pflichtlekt�re und geh�rte zum st�ndigen Repertoire der Schulfeiern an Kaisers Geburtstag oder am Sedantag. Der Dichter war einer der meistvertonten Lyriker seiner Zeit. Allein von dem Gedicht "Im Walde" sind 32 Noten-Fassungen bekannt. Sein erster Roman "Kinder der Welt" stand in jedem B�cherschrank. In Amerika geh�rte er zu den vielgelesenen deutschen Autoren. Sein St�ck "Hadrian" erhielt in der griechischen �bersetzung einen B�hnenpreis in Athen. Die Forscher der norwegischen "Fram" hatten seine italienischen Novellen bei der �berwinterung im arktischen Eis gelesen. Der Mannschaft wurden bei der Lekt�re seiner Werke im langen Polarwinter von 1895/96 die "Sinne so wunderlich hell".

Heyses Werke wurden in alle europ�ischen Hauptsprachen �bersetzt und sogar ins Esperanto. Dennoch mochten oder konnten ihn drei Leser- und Kritiker-Generationen nach seinem Tod 1914 nicht lesen. Um 1900 lehnten ihn die J�ngeren als einen Vertreter der �lteren Dichter-Generation ab. In den von Revanche-Gef�hlen erf�llten Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg stie�en sich nationalistisch gesinnte Leser an dem Weltb�rger Heyse, der zudem noch von der Mutter her j�discher Abstammung war. Heyses Schauspiel "Colberg" diente 1943-44 angeblich Veit Harlan als Vorlage f�r den Propagandafilm Kolberg. Nach 1945 blieb Heyse in beiden deutschen Staaten eine Fu�note in literatur-geschichtlichen Abhandlungen zum 19. Jahrhundert bzw. zur Novellentheorie; er erschien fast nur noch als Briefpartner unvergessener Autoren wie Fontane oder Storm.

Nur selten fand sich ein Verleger bereit, das Werk des bayrischen Berliners, wenigstens in einer Auswahl, heraus zu bringen; noch immer ist sein umfangreicher Nachla� nicht vollst�ndig erschlossen. Heute erinnert sich kaum noch jemand an den ersten deutschen Schriftsteller, der 1910 - nur zwei Jahre vor dem zu allen Zeiten hochger�hmten Gerhart Hauptmann - f�r sein belletristisches Werk den Literatur-Nobelpreis erhielt. Mit Heyse wurde schon damals eine bereits vergangene Literaturepoche geehrt. Bei der Preisverleihung betonte der Sekret�r der Schwedischen Akademie, da� unter den "lebenden �lteren Dichtern Deutschlands" Heyse "allgemein fast unbestritten als der gr��te anerkannt" werde.

Aufhorchen l��t, da� neben den unvermeidlichen Lobeshymnen bei der Nobelpreis-Verleihung von einer "Goethe-�hnlichen K�nstlerschaft" Heyses gesprochen wurde und der Redner auf die umstrittene Stellung des Dichters anspielte: "Die parteiische Abneigung des Naturalismus hat wohl bewirkt, da� man ihn von seinem Vaterland aus nicht schon fr�her f�r den Weltpreis vorgeschlagen hat." Der M�nchner Literatur-Professor Franz Muncker sprach in diesem Zusammenhang sogar von einem "manchmal sogar einseitigen Einsatz" Heyses "f�r den Idealismus in der Literatur". Der Vorschlag war von 82 "anerkannt urteilsf�higen M�nnern Deutschlands" unterst�tzt worden. H�tte man eine �ltere Leserjury berufen, w�re das Votum damals kaum anders ausgefallen.

Noch um 1890, als l�ngst die St�rmer und Dr�nger des Naturalismus Literatur und Theater aufregten, war er einer der meistverlegten Schriftsteller in Deutschland. Zeitschriften wie die "Deutsche Revue" oder die "Gartenlaube" machten ihn ber�hmt. In- und ausl�ndische Bl�tter �berh�uften ihn mit Bitten um den Vorabdruck seiner Novellen. Der Buchhandel wurde so mit Auflagen �berschwemmt, da� sich einzelne Ausgaben seiner Werke auf dem Markt gegenseitig Konkurrenz machten.

Fontane glaubte deshalb 1890, da� Heyse "sehr wahrscheinlich" der Epoche "den Namen geben" werde und ein "Heysesches Zeitalter" dem Goetheschen folgen werde. "Der Vergleich mit Weimar und dem Haus am Frauenplan lag nahe", berichtete der Dramatiker Max Halbe �ber Heyses Villa in der M�nchner Luisenstrasse: "Hier wie dort war es eine Hofhaltung im Kleinen. Viele Jahre, weit �ber ein Menschenalter hindurch, war man in M�nchen zu Heyse gepilgert wie vordem nach Weimar zu Goethe."

Heyse residierte gegen�ber der Villa des "Malerf�rsten" Franz Lenbach. 1874 hatte er sich das Haus im Stil der Neorenaissance umbauen lassen. Einer der Besucher, der Schriftsteller Richard Vo�, erinnerte sich: "Als ich endlich die Pforte �ffnete und durch das G�rtlein dem Hause zuschritt, war mir ganz feierlich zu Muthe. In meiner Stimmung schien mir alles symbolisch. Die s�ulentragende Vorhalle, die Wipfel des hohen Parkes, die her�berdunkelten - mein im Tiefsten erregtes Gem�th �berkam etwas von der Weihe, die �ber ein Heiligthum ruht." Im Inneren setzte sich diese Atmosphaere fort. Am Eingang wurde man von der Statue eines betenden Knaben begr��t. "Es war ein mit Bildern, B�sten, Antiken, Kunstgegenst�nden und Erinnerungen eines langen Lebens angef�lltes Dichterheim", schrieb Max Halbe, und der Kunsthistoriker Hermann Uhde-Bernays berichtete: "Des Dichters Arbeitszimmer war nicht eigentlich der t�glich den Vormittag einnehmenden schriftstellerischen T�tigkeit zugewiesen, nicht das Allerheiligste, sondern ein lose mit ihm in Verbindung befindlicher, in der Ausstattung bis auf das Stehpult am Fenster eher als eine Art Audienz-Zimmer des Olympiers eingerichteter Salon. Gem�lde hingen in reicher Auswahl und Sch�nheit an den W�nden. B�cklins Landschaft aus den Pontinischen S�mpfen in der Mitte, eine feine Studie Gottfried Kellers und viele Bilder und Skizzen des Freundes Lenbach, die dem mit Teppichen in allen Formaten belegten, mit Erinnerungsst�cken und kunst-gewerblichen Gegenst�nden gef�llten Raum die behagliche Stimmung eines Ateliers verschafften. In dieser etwas prezi�sen Umwelt fehlte die Neigung zu einer weichen, koketten Empfindsamkeit nicht, die mehr dem dichterischen als dem pers�nlichen Wesen Heyses entsprach."

Dank seines Talents zur Freundschaft war Heyse zum Gastgeber gr��erer Gesellschaften geradezu pr�destiniert. Besonders die Frauen sollen begeistert an seinen Lippen gehangen haben. Er sei ein "sch�ner und gewinnend liebensw�rdiger Mann" gewesen, schrieb die Schriftstellerin Isolde Kurz, ein "Meister der Rede", von hoher Kultur und mit "wunderbar diplomatischem Auftreten". Fontane bemerkte 1867, "auch der Eitelste empfand es als ein Vergn�gen, ihn sprechen zu h�ren." Die zahllosen Aphorismen, die in seinem Gesamtwerk gesammelt sind, geben einen Eindruck von dieser Seite seines Wesens. Im Hause Heyse trafen sich fast alles, was Rang und Namen hatte im literarischen, k�nstlerischen und wissenschaftlichen Leben M�nchens. So z�hlte Heyse den National-�konomen Max Haushofer und den Rechtsanwalt Max Bernstein zu seinen Freunden. Beide waren weniger Literaten als literarisch ambitionierte Bildungsb�rger. Mit Michael Bernays hatte sich Heyse bis 1897 fast t�glich getroffen. Bernays wurde 1873 der erste ordentliche Professor in Deutschland f�r neuere deutsche Literatur-Geschichte. Seine treuesten Freunde waren Maler. Heyse ist zu den fr�hen F�rderern Buonaventura Genellis, Franz Lenbachs und Arnold B�cklins zu rechnen. Er selbst hat in dieser Kunst erfolgreich dilettiert und auf seinen Reisen viel gezeichnet. Mit dem Kunsthistoriker und Musikschriftsteller Heinrich Riehl einte ihn nicht nur eine lebenslang enge Beziehung, sondern auch die Frontstellung gegen Wagner. Heyse geh�rte mit zur Fraktion des "Fugenseppls" Joseph Rheinberger. Der Freundschaft mit dem Wagner-Dirigenten Hermann Levi tat das keinen Abbruch. Von der M�nchner Presse waren Redakteure der auflagenst�rksten und zugleich liberalen Bl�tter vertreten. Baron Fritz von Ostini, Autor und jahrelang Literatur-Kritiker der wichtigsten Regionalzeitung, der "M�nchner Neuesten Nachrichten", danach Chefredakteur der legend�ren Zeitschrift "Jugend", konnte als einer der Starjournalisten des damaligen M�nchens gelten.

Bei Heyse sprachen h�ufig junge Autoren vor, die den Einflu� des "K�nstlerf�rsten" und seines Kreises wohl zu sch�tzen wu�ten. Zu den "Bittstellern" geh�rten Frank Wedekind, Isolde Kurz und Joachim Ringelnatz. Der Dichter nahm sich f�r seine G�ste stets viel Zeit, gab etliche Ratschl�ge und versuchte zu helfen. Seinen Einladungen folgten auch der fr�hnaturalistische Dramatiker Max Halbe oder der Schriftsteller Ernst von Wolzogen, der Gr�nder des ersten literarischen Kabaretts in Berlin.

Heyses Villa neben dem Propyl�en-W�ldchen am K�nigsplatz wurde durch alliierte Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg zerst�rt. In literarischen Stadtf�hrern von heute findet sich kaum noch ein Hinweis. Derzeit erinnert an dieser Stelle nichts an den einstigen Mittelpunkt der Literatur in M�nchen.

Von hier aus spazierte Heyse mit seinem H�ndchen an jedem Tag durch Schwabing [fast wie Rudi Moshammer, Anm. Dikigoros], f�r ihn das "Feindesland" der literarischen St�rmer und Dr�nger der Boh�me. Der Schriftsteller Hans Carossa erinnerte sich, wie respektvoll die Spazierg�nger Paul Heyse im Englischen Garten gr��ten. Selbst Kinder wurden mit Ehrfurcht auf den gr��ten Dichter der Stadt hingewiesen.

Die Stadt M�nchen kannte den Berliner Heyse nur als fertigen Dichter und gro�es literarisches Talent. Als junger Mann war er bereits nach seinen ersten Ver�ffentlichungen mit Ehrungen �berh�uft worden. Zwar hatten auch seine ersten Auftritte im Berliner Dichterzirkel "Tunnel �ber der Spree" Aufmerksamkeit erregt. Mit der Ballade "Das Tal von Espigno" setzte sich Heyse 1851 bei einem Wettstreit im "Tunnel" gegen Fontanes "Tag von Hemmingstedt" und gegen Bernhard von Lepels "D�nenbr�der" durch. Seine Gedichte konnten sich in den Augen der sachverst�ndigen Dichterkollegen mit den gleichfalls sehr gesch�tzten Balladen Fontanes messen, was die poetischen Meisterschaft und die Handlungsf�hrung betraf. Aber erst hier, in "Isar-Athen", wurde er schnell vom Nobody in der Literatur zum "zweiten Goethe".

Noch gr��ere Bewunderung erregten seine Novellen, die er als ein weniger ernst zu nehmendes Nebenprodukt seines Schaffens hinstellte. Heyse erkannte v�llig richtig in dieser Gattung die innovative Leistung seiner Generation. "Denn auf dem Gebiet der Novelle hatten wir nicht wie auf anderen von unseren V�tern aus der klassischen Zeit ein reiches Erbe �bernommen, das wir h�tten 'erwerben m�ssen, um es zu besitzen'. Seitdem aber haben wir uns gem�ht, an die Novelle h�here Forderungen zu stellen, als da� sie ein m��iges Unterhaltungs-Bed�rfnis befriedige und durch eine Reihe bunter Abenteuer uns erg�tze." Der Dichter verlangte f�r die Novelle nach "bedeutenden Schicksalen" und Konflikten. Seine Thesen, die Heyse 1871 in der Einleitung zum "Neuen Deutschen Novellenschatz" zum ersten Mal zusammen gefa�t hatte, werden in Anspielung auf die Novelle "Der Falke" von Bocaccio "Falkentheorie" genannt. Sie ergeben keine wirklich neue Theorie, die etwa das Handwerkliche lehrt. Mit der Selbstgewi�heit eines popul�ren Autors erl�uterte Heyse hier lediglich seine Ansichten zum Schreiben und Lesen einer effektvoll vorgetragenen Erz�hlung. Originell ist dabei die Einf�hrung von zwei Kategorien. Der "Falke" ist bei Heyse das spezifische Problem jeder Novelle, die "Silhouette" die Konzentration auf das Grundmotiv. Der Inhalt der Novelle sollte sich also in wenigen Zeilen in der Art von Zwischen�berschriften zusammenfassen lassen. Die Theorie blieb unbefolgt. Heyse selbst hat sich als Autor und als Herausgeber des "Novellenschatzes" nicht an ein starres Ger�st gehalten. "Andrea Delfin" oder "Die Stickerin von Treviso" geh�ren auch deshalb neben den Novellen Storms und Kellers �berhaupt zu dem Besten, was in dieser Gattung je hervor gebracht wurde.

Heyse kann als der Wiederentdecker Italiens in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts gelten. Besonders seine italienischen M�dchengestalten machten ihn ber�hmt. Bis heute erfreuen sich Laurella aus "L'Arrabbiata" oder "Nerina" der Sympathie der Leser. Mit seinen Novellen hat es Heyse immer wieder verstanden, den Deutschen, Land und Leute, Sprache und Geschichte n�her zu bringen. Er vermittelte seine enorme Landeskenntnis unterhaltsam, n�mlich in der Form der Erz�hlung. Ebenso phantasievoll nutzt er sein Wissen �ber die Troubadour-Literatur zu einer Novellenfolge. Seine Dissertation hatte den Refrain in der provenzalischen Dichtung behandelt. Die neuere italienische Literatur des letzten Jahrhunderts ist durch seine Vermittlung in Deutschland bekannt geworden. In den Jahren von 1889 bis 1905 erschien seine Anthologie mit italienischen Dichtern seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in f�nf B�nden. Darin finden sich �bersetzungen von Gedichten Manzonis, Leopardis und D'Annunzios. Mit den von ihm nacherz�hlten italienischen Volksm�rchen sicherte auch dieser Literatur einen Platz in Deutschland. Vor 90 Jahren ist kein an Italien Interessierter an Heyse vorbei gekommen. Viele der j�ngeren Autoren, von Thomas Mann bis Isolde Kurz, geh�rten zu seinen Lesern. Der Konflikt Andrea Delfins, die Geschichte vom gerechten R�cher, der neues Unrecht schafft, reicht bis in die Gegenwart. Die Sehnsucht nach dem "letzten Centaur" ist auch heute noch nicht gestillt.

Als unerm�dlicher �bersetzer aus dem Italienischen und als Herausgeber des "Novellenschatzes des Auslandes" (1872/1903) hat Heyse viel zum kulturellen Austausch beigetragen. Ihn verband eine Freundschaft mit Turgenjew und er war einer der ersten, der in Deutschland Dostojewskij bekannt machte.

Trotz seiner Begeisterung f�r Bismarck vermied Heyse weitgehend das Nationale. Italien und Deutschland nannte er seine beiden Vaterl�nder. F�r Chauvinismus war er nicht empf�nglich.

Heyse verfa�te auch eine der spannensten Schriftsteller-Autobiografien des 19. Jahrhunderts. Der Dichter, selbst ein Prominenter, der viel in den arrivierten Kreisen verkehrte, lieferte in den "Jugenderinnerungen und Bekenntnissen" genau beobachtete Charakteristiken der ber�hmtesten M�nner seiner Zeit. Hier finden sich unter anderem literarische Portr�ts der Freunde Adolph Menzel und Emanuel Geibel, Theodor Fontane und Hermann Kurz, Ernst Wichert und Ludwig Laistner. �hnlich wie Goethe in "Dichtung und Wahrheit" hielt auch Heyse sich nicht mit privaten Episoden auf, sondern legte, im Bewu�tsein seiner �ffentlichen Rolle, eine als allgemeing�ltig zu verstehende Bilanz des 19. Jahrhunderts vor. Diese Erz�hlung seines Lebens ist zugleich eines der aufschlu�reichsten Dokumente �ber die Verh�ltnisse im alten Berlin und M�nchen.

Von M�nchen aus bot Heyse den besten Autoren seiner Zeit Hilfe und Freundschaft. Er war es, der den schw�bischen Dichter Hermann Kurz immer wieder ermunterte und schlie�lich, nach dessen Tod, 1874/75 die Gesamtausgabe zusammen stellte. Storm verdankte ihm den Maximiliansorden von 1883, die wichtigste Auszeichnung, die der Schriftsteller zu seinen Lebzeiten entgegen nehmen konnte. F�r Fontane versuchte er, bei dem bayrischen K�nig Maximilian II. einen Posten zu vermitteln.

Diesen beiden �lteren war Heyse bis zu deren Tod ein ebenb�rtiger Partner. Manuskripte wurden ausgetauscht und kritisch begutachtet. Anregungen f�r neue Novellen, aber auch literaturtheoretische Diskussionen finden sich in vielen der Briefe. Dem Umfang nach wurde er Fontanes zweitwichtigster Briefpartner und der wichtigste f�r Storm und den Dichter Emanuel Geibel. Jakob Burckhardt und Gottfried Keller korrespondierten mit ihm in der Schweiz. Die Kontakte reichten in alle literarischen Provinzen Deutschlands.

Die Achtung vor seinem vielf�ltigen Werk konnten ihm auch viele j�ngeren Schriftsteller nicht versagen: "Vielleicht nur noch Maupassant gab mir technisch und stilistisch so viel Vorbildliches wie Paul Heyse", schrieb Ludwig Ganghofer: "Vor mancher Seite seiner B�cher, auf der ich einen erregten Vorgang geschildert fand, konnte ich halbe Tage lang sitzen und nachgr�beln, wie er das fertig brachte: mit den ruhigsten Worten die st�rkste Bewegung zu schildern." Der Philologe Heyse nutzte die Wirkung der Worte. Er mied alles Oberfl�chliche und verzichtete auf langatmige Beschreibungen. Er schuf rund 150 Novellen, acht Romane, bis 1912 68 Dramen, zahllose Gedichte. Die Ausgabe seiner Werke, die Erich Petzet 1924 besorgte, umfasst drei Reihen � f�nf B�nde, von denen jeder rund 700 Seiten z�hlt. Darin sind noch nicht einmal alle seine Werke enthalten. "Es sei nachgrade zu viel", scherzte er selbst �ber seine Produktion.

Heyse war ein Vorbild, ein Anwalt aller Dichter, der sich f�r die juristischen und sozialen Fragen seines Standes engagierte. Er war Kunstpapst und M�zen. Zum eigenen Werk kam stets noch die Besch�ftigung mit den Manuskripten anderer hinzu.

Als ein Mittelpunkt des literarischen Lebens in Deutschland hat Heyse viel bewirkt, aber nicht nur in M�nchen und nicht nur f�r die Literatur. Allein darin besteht eine bleibende Leistung dieses "Dichterf�rsten".

Einen "Liebling der Musen" , hatte ihn Fontane einmal genannt. Noch mehr war Heyse ein Liebling Fortunas. Mit einem preu�ischen Staatsstipendium verlebte er ein gl�ckliches Studienjahr in Italien. 1854, mit 24 Jahren, erhielt Heyse, damals noch ein talentierter, aber unbekannter Anf�nger, vom bayrischen K�nig Maximilian II. ein Angebot zur �bersiedelung nach M�nchen. Heyse bekam gegen eine j�hrliche Pension von zun�chst 1000 Gulden lediglich die Auflage, in den Zeiten des Jahres, in denen sich der K�nig in seiner Hauptstadt aufhielt, nach M�nchen �berzusiedeln und zu dichten.

Vorausgegangen war seine Bekanntschaft mit dem damals popul�ren Dichter Emanuel Geibel, dem er als Sch�ler 1846 in Berlin seine Gelegenheits- und Liebesgedichte vorgezeigt hatte. Zwischen beiden entwickelte sich ein freundschaftliches Lehrer-Sch�ler-Verh�ltnis, das sich f�r kurze Zeit lockerte, als der L�becker Geibel 1852 zum literarischen Ratgeber Maximilian II. von Bayern berufen wurde. Geibel �berredete den K�nig zur Einladung an den jungen Heyse. Er sollte in M�nchen m�glichst viel dichten und an den "Billard"-Abenden, den als Symposien ber�hmt gewordenen, k�niglichen Gespr�chsrunden teilnehmen. Bei diesen Treffen sa� der junge Dichter gleichberechtigt neben Geibel und Friedrich Bodenstedt, neben den besten Wissenschaftlern M�nchens wie dem Chemiker Justus von Liebig, dem Philologen Friedrich Wilhelm Thiersch, den Historikern Heinrich Sybel und Wilhelm Heinrich Riehl oder dem Arzt Max Pettenkofer.

Wie sich sp�ter zeigte, hatte Heyse noch andere Aufgaben zu erf�llen. Er mu�te seinen Dienstherrn auf Reisen zu begleiten und bei den Teeabenden der K�nigin lesen. Bei diesen Gelegenheiten wurde er nicht viel besser behandelt als jeder Domestik. Nach den Mi�erfolgen seiner Dramen aus der bayrischen Geschichte wie "Ludwig der Bayer" blieb er wenigstens von Auftragswerken weitgehend verschont.

Mit der �berraschenden Berufung durfte sich der 24-j�hrige zur geistigen Elite des drittgr��ten deutschen Teilstaates z�hlen. Er geh�rte zu denen, die nach dem Wunsch des K�nigs dem bayrischen Volk das Dichten lehren sollten. Maximilian selbst z�hlte zu den eifrigsten "Studenten". Er lie� die Sitzungen protokollieren, um die Themen anderntags noch einmal gr�ndlich durchzugehen.

Die Symposiasten verkehrten h�ufiger und zwangloser mit dem K�nig als mancher Minister. Neid und Mi�gunst auf die Bevorzugten mu�te unter diesen Voraussetzungen die einheimischen und berufenen Dichter auf Distanz halten. Die M�nchner Presse zeigte mit ihren Angriffen gegen die Berufenen offen, da� der Landesvater ihrer Meinung nach vom protestantischen Bazillus infiziert sei und deshalb dringend andere Ratgeber brauche.

Als Gegenreaktion zogen die "Nordlichter" Geibel, Riehl und Heyse einen eigenen literarischen Salon auf. Dies wurde 1854 die Keimzelle des seinerzeit wichtigsten Dichtervereins in Deutschland, des "Krokodils". Der seltsame Name geht auf den "Helden" eines Gedichts von Hermann Lingg zur�ck, wie Heyse in seiner Autobiografie erkl�rte: "Der erhabene Charakter dieses Amphibiums schien uns trefflich zum Vorbild idealistischer Poeten zu taugen, und wir hofften, in unserem M�nchener "heiligen Teich" dermaleinst ebenso gegen die schn�de prosaische Welt gepanzert zu sein, wie jener uralte Weise, der nur noch f�r den Wechsel der Temperatur empfindlich war." Von Heyse war die Idee ausgegangen, in diesem Verein die j�ngeren s�ddeutschen Dichter an den Kreis der Berufenen heran zu f�hren, sie zu f�rdern und damit die Spannungen abzubauen. Er war es, der den "Donnerer" Geibel �berzeugte, mitzutun. In kurzer Zeit entwickelte sich aus dem "Krokodil" ein reger literarischer Kreis. In diesem m�nnerb�ndischen Verein wurden noch all jene an Freimaurerlogen erinnernde Sitten befolgt, die man damals f�r gesellig hielt. Mit Weinlaubkr�nzen im Haar scherzten die Dichter in einer verschl�sselten, nur Eingeweihten verst�ndlichen Clubsprache. Vortr�ge und Diskussionen wurden stets als weihevolle Momente behandelt. Die Protokolle wurden, wenigstens zum Teil, in einer Geheimschrift verfasst. Trotz dieser hemds�rmeligen Ausgelassenheit entwickelten die Beteiligten einen gewissen Ehrgeiz, wenn es darum ging, das ausgestopfte Krokodil herein tragen zu d�rfen oder die Papp-Pyramide, in der das Vereinsbuch aufbewahrt wurde, zu verwalten. Die akademische und zugleich polyglotte Ausbildung erm�glichte es diesen Intellektuellen, die verschiedensten Stoff- und Formtraditionen zu nutzen. Die "Krokodile" sch�tzten die komplizierteren lyrischen Formen und suchten sich ohne die damals h�ufig anzutreffenden nationalen Vorbehalte poetische Vorbilder in der Antike und in den romanischen Literaturen. Im R�ckblick behauptete Heyse, da� sich die Begabteren unter den s�ddeutschen Schriftstellern dem Verein angeschlossen h�tten. Andrerseits waren immer wieder Austritte zu verzeichnen, unter anderem von Heinrich Leuthold , der dem Kreis zornige Nachrufe widmete. Felix Dahn , der im "Krokodil" erstmals als Schriftsteller hervortrat, fand nach seinem Austritt den Humor der "Krokodile" immer etwas frostig. Rivalit�ten zwischen Geibel und Friedrich Bodenstedt um die erste Stelle bei K�nig Maximilian wurden nie ganz ausger�umt.

Da� "M�nchen leuchtete", wie Thomas Mann 1902 in seiner Novelle "Gladius Dei" schrieb, ist diesen Schriftstellern zu danken, �ber deren Werke sich die literarische Jugend von 1900 nur noch lustig machte, sie als langweilig abtat und f�r unlesbar hielt.

Es waren diese von K�nig Maximilian II. um 1850 berufenen Dichter, die M�nchen nach Jahrhunderten provinzieller R�ckst�ndigkeit wieder zu einem Ort gemacht hatten, an dem eine �ber die Stadtgrenzen hinaus beachtete Literatur geschrieben wurde. Selbst Theodor Fontane kam 1859 hierher, um die M�glichkeiten einer Anstellung zu pr�fen. Er gab bei seinem Besuch zu, hier einen anregenderen Kreis vorgefunden zu haben als in Berlin.

Von den M�chner Dichtern der �lteren Generation genoss zun�chst der Lyriker Emanuel Geibel die gr��te Autorit�t. Mit dem Weggang Geibels 1868 wurde Paul Heyse unbestritten zum Kopf der "Krokodile". Das Zusammengeh�rigkeitsgef�hl ging jedoch unter seiner Leitung schnell verloren. Die Gruppe fiel in den Jahren 1878 bis 1882 auseinander.

Geibels Einflu� auf die j�ngeren Dichter des "Krokodils" sollte jedoch nicht �bersch�tzt werden. Von einer wirklichen M�nchner Dichterschule, wie es in manchen Ver�ffentlichungen hei�t, kann keine Rede sein. Die produktivsten Mitglieder des Vereins - Lingg, Riehl, Heyse, Dahn - wurden keine erfolgreichen Lyriker, sondern Romanciers und Novellisten. Wenn Heyse dennoch als Meistersch�ler Geibels angesehen werden kann, dann nicht, weil er den Geibelschen Ton nachahmte, sondern weil er dessen Kunstprogramm hoch hielt und dabei sogar noch seinen Lehrer �berbot.

W�hrend Geibel seit den sechziger und siebziger Jahren von L�beck aus patriotischen Verse wie "Und es mag am deutschen Wesen/ Einmal noch die Welt genesen" ins Land schickte und offen zum politischen "Tendenzdichter" wurde, hielt Heyse in M�nchen noch immer an dem eher unpolitischen Konzept eines dem Ewig-Menschlichen verpflichteten, k�nstlerischen Idealismus fest. Die Kunst sollte vergolden, veredeln, das Zeitliche "im Licht des Ewigen" darstellen. In seiner Autobiografie erinnerte sich Heyse, "da� es uns v�llig an Geschick und Neigung fehlte, in die Zeit hinein zu horchen und uns zu fragen, welchen ihrer mannigfachen Bed�rfnisse, sozialen N�te, geistigen Beklemmungen wir mit unserer Poesie abhelfen k�nnten. Da auch wir mitten in der Zeit lebten, konnten wir uns denselben Influenzen, die den Zeitgenossen zu schaffen machten, nicht entziehen, und auch unsere k�nstlerische Arbeit trug gelegentlich die Spuren ihres Einflusses."

Er wollte als ein Autor gelten, der scheinbar nur der Sch�nheit und der Sittlichkeit verpflichtet war. In der Wirklichkeit konnte er dieses Ideal nicht durchgehalten. Der erfolgreiche "K�nstlerf�rst" mochte in seinem Werk keine Stiche zulassen.

Schon das Jugenddrama "Francesca von Rimini" wurde wegen einiger angeblich freiz�gigen Passagen in den literarischen Kreisen Berlins lebhaft besprochen. Heyse, der 1869 eine Sammlung extra unter dem Titel "Moralische Novellen" herausgab, blieb zeitlebens ein "unmoralischer", ein erotischer Skandalautor. Er schrieb einmal seiner zweiten Frau Anna aus Berlin: "�brigens ist es sehr drollig, wie ich �berall wegen meiner Unsittlichkeiten beschrieen werde und dabei die Erfahrung machen mu�, da� gro�e St�dte in solchen Dingen die kleinst�dtischsten sind." Anschlie�end zitierte er einen Ausruf der Ehefrau Fontanes �ber eine seiner Novellen: "Theochen sie ist wundersch�n! Du schreibst lauter langweilige B�cher, aber ich danke doch Gott, da� Du so was nicht schreibst, was unsre Martha nie lesen darf." Dieser Ruf steigerte eher seine Reklamewirkung und tat der Nachfrage der Familiebl�tter trotz deren Angst vor "Nudit�ten" keinen Abbruch. Im Brief eines Redakteurs von "Westermanns Illustrierten Monatsheften" ist �ber eine Heyse-Novelle zu lesen: "[Es] w�re zu bedauern, wenn wir sie ablehnten und sie erschiene dann in der Rundschau. Paul Heyse interessiert eben immer ein gro�es Publikum bester Art."

Aber nicht nur wegen der damals gewagten erotischen Passagen kam Paul Heyse in Konflikt mit der staatlichen und kirchlichen Zensur. Zeitlebens zeigte er einen bemerkenswerten "M�nnerstolz vor K�nigsthronen". Allerdings konnte Heyse sich diese Unabh�ngigkeit auch leisten. Der prominente "K�nstlerf�rst" kam nie in die Gefahr, f�r seine kritischen �u�erungen "sitzen" zu m�ssen. Im Gegenteil. Als sein Drama "Maria von Magdala" 1901 verboten wurde, setzte eine gro�e Solidarit�ts-Bewegung zugunsten des Dichters ein. In M�nchen, wo die m�chtige ultramontane Zentrumspartei das Theaterleben restriktiv ontrollierte, wurde sogar, um sich von Berlin abzugrenzen, eine Auff�hrung erlaubt. Seinerseits z�gerte Heyse nie, wenn es darum ging, die Rechte der Autoren einzuklagen und das Selbstbewu�tsein des Berufsstandes zu st�rken.

Ab 1855 konnte Heyse als f�hrendes Mitglied der "Schillerstiftung", der damals wichtigsten Standesorganisation deutscher Autoren, �ber die finanzielle Unterst�tzung bed�rftiger Schriftsteller mitentscheiden. 1871 initiierte er die "Genossenschaft deutscher B�hnenschriftsteller und Komponisten", die vor allem die Willk�r und Rechtlosigkeit der Autoren beenden sollte. Er beteiligte sich am Aufruf zu einer Nationalspende f�r Freiligrath und unterst�tzte die Errichtung eines Heine-Denkmals in D�sseldorf. Im Jahre 1900 wurde der M�nchner Goethebund zur Abwehr der Lex Heinze, eines versch�rften Zensurgesetzes, gegr�ndet. Heyse wurde damals Ehrenvorsitzender und galt kurzzeitig auch den ehemaligen Naturalisten um Michael Georg Conrad als Gew�hrsmann einer gemeinsamen freiheitlichen Kunstauffassung.

Bei vielen Anl�ssen setzte Heyse seine Autorit�t, sein Talent, aber auch seine Geldmittel ein. Der "Dichterf�rst" war sich nicht zu schade, bei kleineren Anl�ssen seine Stimme zu erheben. Er verfasste einen "Prolog zum Besten der W�rmstuben in M�nchen" oder verwandte sich mit dem Gedicht "Das Hundegrab von Oxia" f�r einen wirksamen Tierschutz ein.

Trotz seiner Dankbarkeit f�r seine k�niglichen G�nner bewahrte Heyse stets eine gewisse Distanz, die eine eigene Meinung zulie�. Den Ehrungen, die ihm vom Hof zuteil wurden, hat er erstaunlich wenig Bedeutung beigemessen. Sein "von" benutzte er selber nie. Nachdem Geibel 1868 wegen des Gedichtes "An K�nig Wilhelm", das den preu�ischen K�nig als zuk�nftigen Kaiser feierte, von Ludwig II. die Pension entzogen wurde, verzichtete auch Heyse. Er begr�ndete diesen Entschluss mit dem in M�nchen gewi� freim�tig klingenden Bekenntnis, er sei der gleichen Meinung wie der Gema�regelte.

Als 1887 sein Vorschlag, Ludwig Anzengruber in den bayrischen Maximiliansorden aufzunehmen, in M�nchen am Einspruch klerikaler Kreise scheiterte, trat Heyse aus dem Kapitel aus und gab damit die ehrenvollste Auszeichnung zur�ck, die das k�nigliche Bayern zu vergeben hatte.

Immer wieder griff er in seinen Werken das klerikale Dunkelm�nnertum an und kritisierte eine bigotte Fr�mmelei. Mit der Zeit wurde er immer mehr zum selbstbewussten Kritiker der deutschen Kulturpolitik. Ein Beispiel ist sein Verhalten in der Schillerpreis-Komission. Wilhelm I. hatte 1859 diesen Preis f�r das beste dramatische Werk der jeweils letzten drei Jahre gestiftet. Die von Heyse mitgetragenen Vorschl�ge 1887 (Richard Vo�) und 1890 (Sudermann) wies Wilhelm II zur�ck. Als aber 1893 Fuldas "Talisman" offensichtlich wegen der j�dischen Abstammung des Autors abgelehnt wurde, verzichtete Heyse, der sich nicht zum "Recruten" machen lassen wollte, ab 1896 freiwillig auf das Ehreamt. Heyse war ein Mann der Mitte, ein liberal denkender Bismarckianer. Wie viele seiner Schriftstellerkollegen setzte er in die Reichsgr�ndung die gr��ten Hoffnungen. Er sah darin zun�chst die Erf�llung der Ziele der 1848er Revolution, die er kurze Zeit bei den Berliner Studentengarden mitgemacht hatte. "Nach Bismarcks Entlassung war Heyse unvers�hnlich und lehnt alles Entschuldigen hier�ber ab, auch gegen die besten Freunde. [...] Heyse erblickt in Wilhelm II. den Verderber Deutschlands," hei�t es in einer zur�ck gehaltenen Notiz des Heyse-Biografen Erich Petzet. Als der F�rstkanzler 1892 auch M�nchen besuchte, jubelte auch Heyse im Gedicht dem Ehrengast zu. Er war Teilnehmer des geselligen Abends mit dem F�rsten in der Lenbachvilla. Er rechnete dies zu den stolzesten Erlebnissen seines Lebens. Die Begeisterung f�r Bismarck hinderte Heyse nicht, dessen Politik teilweise abzulehnen. In der Zeit des Sozialistengesetzes soll er umfangreiche illegale Sendungen der Sozialdemokratie gedeckt haben. Er tat dies wohl aus einer allgemeinen Sympathie f�r die Unterdr�ckten und Benachteiligten. Sonst mu� man jedoch davon ausgehen, da� Heyse gegen�ber den Sozialdemokraten, die in M�nchen ja eine starke Mitgliederbasis hatten, eher skeptisch war. Exemplarisch daf�r ist sein "Sozialist" Franzelius in seinem ersten Roman "Kinder der Welt" (1873). Heyse zeichnete ihn durchaus positiv als jemanden, der f�r seine Ideale eine b�rgerliche Karriere aufgibt, schr�nkte aber durch die Urteile seiner Hauptfigur Edwin, der von einer "etwas schrullenhaften Weise" und dem "dogmatisch so verschanzten Geist" des Agitators spricht, dies wieder ein. Die Utopie dieser Gesellschaft aus Freidenkern, die keinen Trost von "oben" mehr suchen, traf das Lebensgef�hl der in das neue Reich eingetretenen jungen Generation. Besonders durch diesen Roman, der ihn als einen modern denkenden Dichter auswies, wurde Heyse international bekannt.

Der Schriftsteller Richard Vo� erinnerte bereits 1900 daran, da� sich kaum noch jemand vorstellen k�nne, wie sehr das Buch beim Erscheinen auf die Jugend gewirkt habe. Eine "gro�e geistige That", sei dies gewesen, so Vo� weiter. In seiner Begeisterung hatte er sich zur Villa Heyse begeben, um dem Dichter pers�nlich zu danken. Heyse neigte sp�ter weniger zu �berschwenglichen "heroischen Illusionen", sondern mehr zu einer depressiven Sicht auf eine f�r ihn "kranke und �sthetisch confuse" Zeit. Das Grundmotiv vieler seiner Erz�hlungen liefert schon ein Novellentitel von 1864 - "Die Reise nach dem Gl�ck". Die Figuren seiner Romane und Novellen sind h�ufig vorbildliche, edle und k�nstlerisch empfindende J�nglinge oder zur�ckgezogen lebende "Idealisten", selbstlos handelnde "Tat-Frauen" oder "sch�ne Seelen". Der empfindsame, geistig hochstehende Mensch erweist sich jedoch bei ihm als ungeeignet, den Kampf mit dem Niederen und Gemeinen aufzunehmen. Schweigen und Entsagen sind oft die Reaktionen dieser Aristokraten des Geistes. Seine Leser identifizierten sich nicht nur mit diesen zur�ckgezogen, in einer "sch�nen" Welt der Kunst lebenden Figuren, sondern lehnten wie der Autor die unmoralische und bigotte Gesellschaft leidenschaftlich ab, in der solche Naturen zerbrechen.

Heyse war deshalb seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts ein Lieblingsautor der Deutschen. [Das darf bezweifelt werden; der Jude Benjamin Simon �bersieht wohlweislich die beiden tats�chlichen Lieblingsautoren jener Zeit, n�mlich Gustav Freytag und Wilhelm Raabe, die beide erkl�rte Anti-Semiten waren, Anm. Dikigoros] F�r das deutsche B�rgertum war er der Garant f�r eine formvollendete Poesie, die den klassischen Ideale des "gro�en" Goethe nachfolgte und sie zugleich f�r die Gegenwart bewahrte. Er war auch ein gern gelesener Autor f�r die Arbeiterschaft, die Franz Mehring in einem Aufsatz ausdr�cklich vor dem in seinen Klassenschranken befangenen Dichter warnte.

Dagegen hatte man in den literarischen Journalen Deutschlands Heyse zwar w�hend seiner produktivsten und erfolgreichsten Schaffensphase zur Kenntnis genommen, aber auff�llig wenigen Rezensionen einzelner Werke stehen eine Unmenge von Gl�ckw�nschen und Laudatien gegen�ber. Werner Martin dokumentierte zum 70. Geburtstag Heyses (1900) 112 Beitr�ge, zum 80. (1910) 99, wozu noch 17 Artikel anl��lich der Nobelpreis-Verleihung zu rechnen sind.

Trotz gelegentlicher Kritik setzte der eigentliche Stimmungsumschwung gegen Heyse erst 1885 mit dem Wirken der naturalistischen Autoren um die Zeitschrift "Gesellschaft" ein. Die Kritiker dieser Zeitschrift waren es, die Heyse in das Zentrum literarischer Debatten r�ckten und so nicht unwesentlich zu seiner Bekanntheit beitrugen. F�r das Jahr 1885 verzeichnet die Heyse-Bibliographie erstmals zehn Aufs�tze �ber den Dichter, davon allein sieben in der "Gesellschaft", der bis 1889 wichtigsten fr�hnaturalistischen Zeitschrift. Der in M�nchen lebende Schriftsteller Michael Georg Conrad forderte hier ein Ende der "Surrogatfabrikation" der sogenannten Familienbl�tter. Obwohl Conrad selbst dem Jahrgang 1846 angeh�rte, war der Generationskampf - die Abl�sung Heyses - eines der Generalthemen der "Gesellschaft". Zwar haftete auch anderen Autoren als Heyse der Ruf an, sie entz�gen sich der Wirklichkeit, aber hier in M�nchen war der erfolg- und einflu�reiche "K�nstlerf�rst" Heyse das sichtbarste Beispiel f�r das, was nach Ansicht der Naturalisten bek�mpft werden mu�te. Conrad zielte hier besonders auf Paul Heyse, "dessen Bedeutung und Einzigkeit nur in einem bestimmten M�nchener Milieu von eng beschr�nktem Sch�nheitsempfinden und duseliger Beh�bigkeit sich zu entfalten vermochte". Da die lokale Konstellation mit einem sich allgemein vollziehenden Wechsel in der Literatur zusammen traf, wurde die Heyse-Feindschaft auch von den Berliner Mitarbeitern der "Gesellschaft", Conrad Alberti und Karl Bleibtreu, �bernommen. Im gleichen Jahrgang, in dem die Naturalisten Heyse mit seinem "Quark" "[i]ns Weinland am Xenil" schicken wollten, wurden Lingg und Schack, also ebenfalls zwei ehemalige "Krokodile", gelobt.

Heyse seinerseits war bereits ein hitziger Gegner des Naturalismus, ehe diese Richtung in Deutschland �berhaupt Fu� fassen konnte. Im "Neuen M�nchner Dichterbuch" gab er schon 1882 "Den Naturalisten" auf den Weg: "Im Leben pflegt es uns zu frommen,/ Wenn wir in gute Gesellschaft kommen,/ Und sollen uns in der Kunst bequemen,/ Mit der Crap�le vorlieb zu nehmen?" Auffallend ist, da� Heyse zu Beginn noch eine gewisse Gerechtigkeit wiederfuhr. Bleibtreu handelte ihn 1886 in seiner Programmschrift "Revolution der Litteratur" als einen immerhin bedeutenden, erotischen Epiker ab. Nachdem Conrad und seine Mitarbeiter bald den Wert eines "Feindbildes Heyse" f�r die eigene Profilierung erkannt hatten, galt Heyse bei den M�nchner Naturalisten bald nun nur noch als Epigone ohne eigene Kreativit�t, seine Sprache sei "geistesarm", die Figuren "flach und reizlos", die psychologische Technik "roh und leichtfertig". Konrad Alberti kritisierte ihn als "F�lscher der schlimmsten Sorte". Bem�ngelt wurden Heyses Stoffwahl und seine Motivierungen. Er sei angeblich mitleids- und interessenlos, seine Sprache wirke feminin und altersschwach. [Joachim Fernau, ebenfalls Preu�e und Italienfreund, nannte ihn "langweilig", Anm. Dikigoros.]

Es blieb nicht bei einer �sthetischen Debatte �ber bessere Literatur. Die Person des "K�nstlerf�rsten" - seine teilweise j�dische Herkunft, seine "Unm�nnlichkeit", seine Charakter-Eigenschaften, seine "Honorargeilheit" - wurden angegriffen.

In den berechtigten kritischen Einw�nden schwang immer eine geh�rige Portion Neid mit. So hei�t es bei Bleibtreu mit Bezug auf Heyse: "Wi�t ihr, worauf es ankommt, da� heutzutage ein Goethe sich entwickelt? Auf den Beutel desselben oder auf sein Strebertalent, auf weiter nichts." Alberti sah in Heyse 1889 ausdr�cklich nicht nur den einzelnen Menschen, sondern ein "Symbol". Seine Kritik m�ndete in dem viel zitierten, sp�ter von ihm selbst zur�ck genommenen Satz: "Heyse lesen, hei�t ein Mensch ohne Geschmack sein - Heyse bewundern, hei�t ein Lump sein."

Der M�nchner Naturalismus war weniger eine neue literarische Richtung als ein von Intellektuellen gef�hrter Kampf gegen neureiche Gr�nderzeit-Mentalit�t, kulturelle Stagnation und Sch�ngeisterei, gegen Philistertum, falsche Fr�mmigkeit und Verlorgenheit der �ffentlichen Moral. Der Kreis um Michael Georg Conrad stellte viel weniger literarischen Neuanfang dar, als seine Sprecher glauben machen wollten. Ein halbwegs geschlossenes Programm oder ein literarisches Werk, an dem die geforderte Erneuerung sichtbar werden w�rde, ging aus diesem Kreis nicht hervor. Stilistisch und formal boten die Texte kaum etwas Neues gegen�ber den so heftig befehdeten traditionellen Erz�hlweisen. Neu war der aggressive Ton, mit dem die Gruppe - bald auch gegen die Berliner Naturalisten um Gerhart Hauptmann - auf sich aufmerksam machte.

Dennoch wirken die heftigen und zum Teil mit viel Witz vorgetragenen Schm�hungen nach. Das Heyse-Bild in literatur-geschichtlichen Darstellungen der Gegenwart wird nicht selten durch die Einw�nde seiner Gegner bestimmt. Ein besonderes Ph�nomen ist auch, da� nach 1890, als bereits andere, �ber den Naturalismus hinaus gehende Konzepte die literarischen Kreise aufregten, die Fehde zwischen Heyse und Conrad andauerte. In seinem 1892 ver�ffentlichten Roman "Merlin" schimpfte Heyse seitenlang auf die "Mistgabelkunst" der Moderne. Eine �u�erung seiner Hauptfigur Georg Falkner wurde viel zitiert: "Aber man mag das Ideal, das Heimweh nach dem Sch�nen und Gro�en mit der Mistgabel des Naturalismus noch so hitzig austreiben, es kehrt immer wieder zur�ck." Heyse meinte, hier eines seiner besten Werke geschaffen zu haben. Von Zeitgenossen wie Heinrich Spiero wurde das Buch vor allem als peinlicher Tendenzroman gegen die Naturalisten aufgefasst. Conrad wiederum nutzte seinen Roman "Majest�t" (1912) zu etlichen Seitenhiebe gegen Heyse. Die Berufenen waren f�r ihn noch immer "diese grellbl�tigen Streber und kryptogamen Gro�borussen, diese klassisch-romantischen Epigonen und vornehmen Ritter vom Zeitungsgeist". Der Autor stellte hier, wie schon 50 Jahre zuvor die M�nchner Presse, die rhetorische Frage, ob Maximilian II. mit der Berufung der "Nordlichter" wirklich "eine geniale patriotische That gethan".

Der Grundstein f�r das Vergessen-Werden war mit der langen und heftigen Feindschaft gelegt, zumal der alternde Dichter zwar viel, aber wenig Neues vorlegte. In seinen Gedichten finden sich Abschiede und sentimentale R�ckblicke. Ihm passierte es nun, wie Isolde Kurz anmerkte, "da� er in einer ganz sp�ten Novelle noch einmal die Mischheirat zwischen Adelig und B�rgerlich als ein pathetisch zu nehmendes Problem behandelte, w�hrend l�ngst Prinzen aus regierenden H�usern sich Frauen aus dem B�rgerstand holten und eine Schwester der Kaiserin in gl�cklicher Ehe mit einem Kliniker lebte". Im Jahre 1900 hatte Heyse den H�hepunkt seines Ruhmes �berschritten. Wilhelm B�lsche, Georg Brandes, Maximilian Harden, Alfred Kerr widmen ihm dennoch, neben vielen anderen, einen Geburtstags-Artikel. Wie von Jenseits wirkte der 70-j�hrige auf seine Leser: "So zwischen Weltgedr�hn und Weltvergehn;/ Ein L�cheln auf der Lippe, wachest Du;/ Von h�ben aber und von dr�ben wehen/ Dir Lieder zu", dichtete Ludwig Fulda. Dem jungen Joachim Ringelnatz bereitete es bei einem Besuch Probleme, dem Dichter auf die Frage, "Was kennen sie zum Beispiel?", wenigstens dessen einst popul�res "Lied von Sorrent" vorzutragen. Als Hans Carossa um 1897 mit der Lekt�re des Romans "Kinder der Welt" begann, kam er kaum �ber das erste Drittel hinweg und wechselte bezeichnenderweise zu einem Drama von Gerhart Hauptmann. In Otto Julius Bierbaums "Steckbriefen, erlassen hinter drei�ig literarischen �belth�tern gemeingef�hrlicher Natur von Martin M�bius" oder im "Simplicissimus", der besten Satire-Zeitschrift vor dem Ersten Weltkrieg, erscheint Heyse blo� noch als Karikatur.

Der "Dichterf�rst" hat sich seinerseits weiter �ber die Aktivit�ten der j�ngeren Schriftsteller-Generation unterrichtet und im vertrauten Kreis weit sachkundigere und gerechtere Urteile abgegeben als in seinen Romanen. Als Literaturkritiker bewahrte er sich den Blick f�r das qualitativ Gute und Neue. Ludwig Thoma erinnerte sich 1920: "Der alte Heyse sagte mir bei seinem 80. Geburtstag, ich sei f�r ihn das interessanteste "Ph�nomen". Als Altbayer der erste und einzige, der vollst�ndig einen bis dahin ungehobenen Schatz gehoben h�tte, und als Repr�sentant der anscheinend so schwerf�lligen und wuchtigen Rasse doch wieder von einer unglaublichen Leichtigkeit im Schaffen. Roman, Novelle, Lustspiel und politische Lyrik sei eine H�ufung von Talent, die er unbegreiflich f�nde."

Heyse starb am 2. April 1914 in M�nchen. "Ihm wurde es erspart", schrieb Isolde Kurz, "den Krieg mit Italien, den Zusammenbruch Deutschlands und den Einsturz der ganzen b�rgerlichen Gesellschaft zu sehen, auf deren Wertsetzungen er selbst mit seiner Person und seinen Werken stand. Von seinem Grabe heimkehrend wu�te man, da� man dem Begr�bnis einer ganzen �ra angewohnt hatte. Auch wer sich mit seinem Weltbild im Widerspruch befand, konnte den Eindruck einer pl�tzlich eingetretenen Leere nicht abweisen, weil eine Gestalt wie die seinige unter den J�ngeren nicht mehr m�glich war."

Biographie in Stichworten

Heyses Kindheit

1830: Am 15. M�rz 1830 wird Heyse in Berlin in der Heiliggeiststra�e geboren. Der Vater, Carl Wilhelm Ludwig Heyse, Professor f�r klassische Philologie, war in jungen Jahren Erzieher von Wilhelm von Humboldt und Felix Mendelssohn. Die Mutter, Julie Heyse, stammt aus der beg�terten und kunstinteressierten Familie des preu�ischen Hofjuweliers Jakob Salomon (nach dessen �bertritt vom Judentum zum Christentum Saaling). In in seinem Elternhaus trifft sich die kultivierte Gesellschaft, um sich �ber Musik und Kunst zu unterhalten.

Heyse ist bis 1847 Sch�ler des renommierten Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums. Sein Reifezeugnis weist ihn als Mustersch�ler aus.

Durch die Mutter, die unter anderem mit der Familie Mendelssohn-Bartholdy verwandt ist, erlangt er Zutritt zu den k�nstlerischen Salons Berlins. Heyse, der als Gymnasiast mit eigenen poetischen Versuchen hervortritt und einen Dichterclub mitbegr�ndet, lernt so seinen sp�teren literarischen Mentor, den 15 Jahre �lteren Emanuel Geibel kennen, der ihn in das Haus seines zuk�nftigen Schwiegervaters, den Kunsthistoriker und Schriftsteller Franz Kugler, einf�hrt.

Geibel f�rdert Heyse und aus dem Zusammentreffen der beiden Literaten enstehen eine lebenslange Freundschaft und einige gemeinsame Arbeiten.

Studium und Tunneljahre

1847: Nach seinem Schulabschluss beginnt Paul von Heyse 1847 mit dem Studium der klassischen Philologie in Berlin. Dort kommt er in Kontakt mit Jacob Burckhardt, Adolph von Menzel, Theodor Fontane und Theodor Storm und schlie�t sich ab 1849 ihrem Dichterkreis "Tunnel �ber der Spree" an.

"Fr�hlingsanfang 1848", das erste gedruckte Gedicht Heyses, dr�ckt seine Begeisterung f�r die 48er Revolution aus. Nach einem kurzzeitigen schw�rmerischen Ausflug zu den Studentengarden zieht er sich, vermutlich auch aus R�cksicht auf seine Eltern und Geibel, wieder zur�ck.

1849: Nach zwei Jahren Studium in Berlin wechselt er im April zum Studium der Kunstgeschichte und Romanistik nach Bonn.

1850: Er entscheidet sich entg�ltig f�r den Dichterberuf und beginnt seine Dissertation bei Friedrich Diez, dem Begr�nder der romanischen Philologie in Deutschland. Wegen einer Liebesaff�re mit der Frau eines seiner Professoren kehrt Heyse Ostern nach Berlin zur�ck. Heyses Erstling "Der Jungbrunnen" (M�rchen und Gedichte) erscheint 1850 anonym vom Vater herausgegeben. Heyse bekommt vom Verleger Alexander Duncker ein Manuskript des noch unbekannten Theodor Storm. Seine begeisterte Rezension der "Sommergeschichten und Lieder" wird der Grundstein einer dauerhaften Dichterfreundschaft.

1851: Heyse gewinnt in einem internen Balladenwettstreit des "Tunnels" mit seiner Ballade "Das Tal von Espigno".

1852: Heyses erste Novelle "Marion" wird im "Tunnel" ausgezeichnet. Das sp�ter mehrfach vertonte "Spanische Liederbuch" mit �bersetzungen von Geibel und Heyse erscheint. Es ist der Beginn einer lebenslangen �bersetzert�tigkeit, in der Heyse vor allem als Vermittler der italienischen Literatur (Leopardi, Giusti) Hervorragendes leistet. Um den steifen Umgangsformen im "Tunnel" zu entgehen, finden sich einige der Mitglieder (u.a. Kugler, Lepel, Fontane, Storm, Heyse) im Dichterverein "R�tli" zusammen. Im Mai Promotion �ber den Refrain in der Poesie der Troubadoure, danach dank eines preu�ischen Staatsstipendiums Italienreise zur Untersuchung alter provenzalischer Handschriften.

Dichterf�rst in M�nchen

1852: Heyse erh�lt Hausverbot in der Bibliothek des Vatikans, weil er sich Notizen von ungedruckten Handschriften gemacht hat. Heyse freundet sich mit zahlreichen K�nstlern an, u.a. mit Arnold B�cklin und Joseph Viktor von Scheffel.

1853: Heyse kehrt nach Deutschland zur�ck. Unter dem Eindruck der italienischen Landschaft entstehen Werke, die ihn weithin als Schriftsteller bekannt machen, u.a. die Trag�die "Francesca von Rimini". Heyses ber�hmteste Novelle, "L'Arrabbiata", und seine "Lieder aus Sorrent" erscheinen als Beitrag in "Argo", dem Jahrbuch des "R�tli".

1854: Der Dichter Emanuel Geibel �berredet den bayrischen K�nig Maximilian II., Paul Heyse mit einer hohen Pension nach M�nchen zu berufen. Heyse erh�lt eine Professur in romanischer Philologie, liest jedoch niemals an der Universit�t. Nach der Heirat mit Margarete Kugler Ankunft in M�nchen am 25. Mai 1854. Bei seiner ersten Audienz beim K�nig �berreicht Heyse seine Verserz�hlungen "Hermen". Beginn eines regen geselligen Lebens mit den "Nordlichtern" Geibel, Heyse und Riehl. Gr�ndung des geselligen Dichtervereins "Das Krokodil". Zu den bekannteren Mitgliedern des Vereins geh�ren neben Heyse und Geibel: Felix Dahn, Wilhelm Hertz, Hermann Lingg, Franz von Kobell, der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl, Friedrich Bodenstedt, der Reiseschriftsteller und Kunstm�zen Adolf Friedrich von Schack. Im Dezember beginnt Heyse eine langj�hrige Korrespondenz mit Eduard M�rike.

1855: In erster Ehe werden Heyse vier Kinder geboren, sein Erstgeborener Franz am 22. August. Mit Geibel baut er einen Dichterkreis in M�nchen auf, in dem die perfekte Beherrschung der Formen der poetisch-realistischen Lyrik gelehrt wird, und gr�ndet die Dichtervereinigung "Krokodil", um den literarischen Austausch anzukurbeln. Gleichzeitig beginnt er mit dem Schreiben seiner Novellen. Die ber�hmteste seiner �ber 150 Erz�hlungen, "L'Arrabiata", wird ver�ffentlicht.

1857: In Z�rich Beginn einer Freundschaft mit Gottfried Keller, ab 1859 reger Briefwechsel, ab 1872 gegenseitige Besuche.

1858: Heyse mu� einige Mitglieder der Familie Kugler versorgen und deshalb den ungeliebten Redakteursposten beim "Literaturblatt zum deutschen Kunstblatt" annehmen. Er sagt ein verlockendes Angebot des Gro�herzogs Carl Alexander von Weimar ab, der ihn zur �bersiedlung nach Th�ringen bewegen will. Beginn der Freundschaft mit dem schw�bischen Dichter Hermann Kurz.

1859: Mit der Trag�die "Die Sabinerinnen" gewinnt Heyse erstmalig einen vom bayrischen K�nig ausgesetzten Literaturpreis. Theodor Fontane nimmt an einem der "Symposien" teil. Heyse versucht vergeblich, dem damals Mittellosen eine Stellung in M�nchen zu verschaffen.

1860: Angeregt durch ein Bild seines Freundes Buonaventura Genelli schreibt Heyse f�r "Argo" die Novelle "Der Centaur". 1870 wird sie neu bearbeitet unter dem Titel "Der letzte Centaur" herausgegeben. Au�erdem erscheint die Sammlung italienischer Volkslieder "Italienisches Liederbuch".

1861: Heyse lernt in Wien Grillparzer und Hebbel kennen. Auf Heyses Zureden �bernimmt der Verleger Wilhelm Hertz Fontanes Balladen in seinen Verlag.

1862: Margarete Heyse, geb. Kugler erliegt am 30. September in Meran einer Lungenkrankheit. Mit dem Schauspiel "Ludwig der Bayer" erf�llt Heyse einen lang gehegten Wunsch Maximilian II., ein bayrisches Historiendrama zu schaffen. Das St�ck f�llt bei der Auff�hrung durch. In diesem Jahr: "Ein M�nchner Dichterbuch", herausgegeben. mit Emanuel Geibel "Andrea Delfin" erscheint in der Sammlung "Neue Novellen".

1864: "Gesammelte Novellen in Versen" (erweitert 1870), "Meraner Novellen" , "Hans Lange" (Schauspiel)

1865: "Hadrian" (Trag�die), "Maria Maroni" (Trag�die), "Die Witwe von Pisa" (Novelle). "Colberg" wird Heyses popul�rstes St�ck.

1867: Heyse heiratet die blutjunge M�nchnerin Anna Schubart; "Beatrice" (Novelle)

1868: "Das M�dchen von Treppi" , "Die Stickerin von Treviso" (Novellen)

1869: "Moralischen Novellen"

1870: "Die G�ttin der Vernunft" (Trag�die)

1871: Heyse wird Mitglied des bayrischen "Maximiliansordens f�r Wissenschaft und Kunst". In der Einleitung des "Deutschen Novellenschatzen" (bis 1876 24 Bd., hg. mit Hermann Kurz) entwickelt Heyse seine "Falkentheorie"; "Die Stickerin von Treviso" (Novelle)

1872: "Novellenschatz des Auslandes (7 Bd. mit Hermann Kurz, vermehrt 1903, 14 Bd.) sowie "Gedichte" (vermehrt 1885)

1873: "Kinder der Welt", vorabgedruckt 1872 in der "Spenerschen Zeitung", erregt landesweite Aufmerksamkeit. Der erfolgreiche Roman festigt Heyses Ruf, ein moderner Geist zu sein.

1874: "Nerina" (Novelle)

1875: Briefwechsel mit Wilhelm Raabe, dem Autor des Romans "Der Hungerpastor". "Ehre um Ehre" (Schauspiel), "Im Paradiese" (Roman)

1877: Das Trauerspiel "Elfride" erh�lt begeisterte Zustimmung, u.a. von Turgenjew und Storm; "Graf K�nigsmarck" (Trag�die), "Skizzenbuch" (Gedichte)

1878: "Neue moralische Novellen"

1879: "Das Ding an sich" (Novellen), "Der Salamander" (Trag�die)

1881: "Die Weiber von Schorndorf" (Schauspiel), "Das Gl�ck von Rothenburg" (Novelle)

1882: Im "Neuen M�nchner Dichterbuch" fa�t Heyse noch einmal die literarischen Leistungen der "Krokodile" zusammen. Auf Anraten Heyses erh�lt Storm den bayrischen Maximiliansorden; Troubadour-Novellen

1883: "Siechentrost" (Novelle), "Buch der Freundschaft" (Novellen), "Alkibiades" (Trag�die), "Unverge�bare Worte" (Novellen)

1884: Heyse wird Vorsitzender der Deutschen Schillerstiftung, deren Gr�ndungsmitglied er 1855/59 war; "Neuer deutscher Novellenschatz" (bis 1888 24 Bd., hg. mit L. Laistner)

1885: Heyse wird in den konstituierenden Vorstand der Goethegesellschaft in Weimar gew�hlt.Von der Gruppe der M�nchner Naturalisten um Michael Georg Conrads Zeitschrift "Gesellschaft" wird er zum Symbol einer veralteten Kunstgesinnung erkl�rt und von nun an heftig bek�mpft.

1886: "Himmlische und irdische Liebe" (Novellen).

1887: Heyse wird Mitglied der Jury f�r den preu�ischen "Schillerpreis"; "Der Roman der Stiftsdame"

1888: "Villa Falconieri" (Novellen)

1889: "Italienische Dichter seit der Mitte des 18. Jahrhunderts" (1905, 5 Bd., �bersetzungen, Studien), "Kleine Dramen".

1890: Heyse wird Ehrenb�rger der Stadt Kolberg.

1891: "Weihnachtsgeschichten"

1892: "Merlin" (Roman)

1894: "In der Geisterstunde und andere Spukgeschichten"

1895: "Melusine" (Novelle), "�ber allen Gipfeln" (Roman).

1896: "Vanina Vanini" (Trag�die)

1897: "Das R�tsel des Lebens" (Charakterbilder), "Neue Gedichte und Jugendlieder".

1898: "Der Bucklige von Schiras" (Kom�die), "Der Sohn des Vaters" (Novellen).

1899: Heyse verbringt die Winterhalbjahre des n�chsten Jahrzehnts in seiner Villa in Gardone am Gardasee; "Maria von Magdala", "Neue M�rchen", "Das literarische M�nchen - 25 Portr�tskizzen"

1900: Heyse wird zum M�nchner Ehrenvorsitzendes des "Deutschen Goethebundes zur Wahrung der geistigen Freiheit", au�erdem Ehrenmitglied der Deutschen Schillerstiftung. Sonderhefte ("Jugend"), Alben und zahlreiche Publikationen zu seinem 70. Geburtstag; "Jugenderinnerungen und Bekenntnisse"

1901: "Gefangene Singv�gel" (Novelle)

1902: "Novellen vom Gardasee", "Ninon" (Novelle)

1903: "Moralische Unm�glichkeiten" (Novellen), "Ein Wintertagebuch, Gardone 1901-1902"

1904: "Mythen und Mysterien"

1905: "Die t�richten Jungfrauen" (Kom�die), "Crone St�udlin" (Roman)

1906: "Victoria Regia und andere Novellen"

1907: "Gegen den Strom" (Roman)

1908: "Menschen und Schicksale" (Novellen)

1909: "Die Geburt der Venus" (Roman), "Helldunkles Leben" (Novellen)

1910: Die Stadt M�nchen ernennt Heyse anl��lich seines 80. Geburtstages zum Ehrenb�rger. Der Prinzregent Luitpold verleiht ihm den pers�nlichen Adel, von dem er jedoch nie Gebrauch macht. Am 10. Dezember erh�lt Heyse als erster deutscher Autor f�r ein belletristisches Werk den Literatur-Nobelpreis.

1914: Heyse stirbt als letzter der gro�en Erz�hler des 19. Jh. am zweiten April, wenige Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und wird auf dem M�nchner Waldfriedhof begraben. [�ber 90 Jahre lang - bis zum gewaltsamen Tod des schwulen Schickimicki-Schneiders Rudi Moshammer - soll es der aufwendigste Trauerzug in der M�nchner Geschichte gewesen sein, Anm. Dikigoros.] Die "Letzten Novellen" und die "Italienischen Volksm�rchen" werden die letzte Arbeiten Heyses.


Die Falkentheorie

Paul von Heyse entwickelte eine Novellentheorie, um der Formaufl�sung entgegen zu wirken. Sie ging als "Falkentheorie" in die Literatur-Geschichte ein, da Heyse sie am Beispiel jener Boccaccio-Novelle erl�uterte, in der ein verliebter, aber verarmter J�ngling seiner Angebeteten seinen einzigen Besitz, einen Falken, als Essen serviert. Diese Besonderheit m�sse in jeder Novelle zu finden sein, meint Heyse. In vielen seiner Novellen verwirklichte er die Falkentheorie.


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