![[Konrad von Würzburg, Manessische Liederhandschrift]](konradvw.jpg)
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Für die Frage nach dem Verfasser des Nibelungenliedes gibt es in dessen Text keine direkten Hinweise. Allerdings steht in seiner weniger bekannten Fortsetzung, der "[Nibelungen-]Klage",daß ein Bischof Pilgrim von Passau einem Meister Konrad den Auftrag erteilt habe, es niederzuschreiben.
Die Nicht-mehr-Erwähnung des "Waisen" seit Mitte des 14. Jahrhunderts dürfte also eher auf Zufall oder Desinteresse beruht haben. Daraus folgt nun Wesentliches für die Datierung des Nibelungenliedes: Wenn Otto von Botenlauben mit seinem Gleichnis nicht nur einen fehlenden Stein in der Krone meinte, dann muß er gemeint haben, daß einem König die Krone ganz gefehlt hat. Das kam im Hochmittelalter durchaus vor, denn es gab so genannte Doppelwahlen mit Königen und Gegenkönigen. Ein besonders bekannter Fall ist die Doppelwahl von 1198: Der Gegenkönig Philipp von Schwaben wurde mit der echten Krone - also inclusive des "Waisen" - gekrönt, obwohl sich Otto IV. Welf als König durchsetzte. (Weitere Gegenkrönungen gab es 1212 und 1215, jeweils durch den Staufer Friedrich II, wiederum ohne die echte Krone mit dem "Waisen".) Damit schien alles zusammen zu passen: Wolfger von Erla (gestorben 1204), der Parzival (geschrieben kurz nach 1203) und die Doppelkrönung von 1198, die Otto von Botenlauben damals noch frisch in Erinnerung war; das Nibelungenlied mußte also zwischen 1198 und 1204 nieder geschrieben worden sein. Diese These wurde noch dadurch erhärtet, daß auch Saxo Grammaticus in seiner "Dänischen Geschichte" von der Sage berichtet, in der Kriemhilt ihre Brüder verrät. (Aus der nordischen Mythologie konnte er das nicht haben, denn da war es umgekehrt: Atli lockte die Nibelungen in seine Burg, und deren Schwester rächte den Mord an ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern.) Saxo Grammaticus widmet sein Werk einem König Waldemar, der die Elbe erobert habe. Wenn sich das auf König Waldemar II von Dänemark bezog und auf ein Ereignis im Jahre 1208 (oder 1215), dann paßte auch das. Das Problem war nur, daß man den Dichter nicht ausfindig machen konnte, denn der einzige, den man im 13. Jahrhundert als "Meister Konrad" zu bezeichnen pflegte, nämlich Konrad von Würzburg, war damals noch nicht geboren. Also beließ und beläßt es die herrschende Meinung bis heute bei einem fiktiven "Konrad von Passau" als Verfasser des Nibelungenliedes. *****
Allerdings gibt es da einige Ungereimtheiten: Zunächst einmal ist zweifelhaft, ob wirklich Wolfram aus dem Nibelungenlied abgeschrieben hat oder nicht vielmehr der Nibelungendichter aus dem Parzival. Letzteres würde bedeuten, daß das Nibelungenlied deutlich nach 1203, vielleicht sogar nach 1220 geschrieben wurde - dann hätte es aber nicht mehr in die Lebenszeit Wolfgers von Erla gepaßt. Nun ist es ziemlich unwahrscheinlich,
daß Wolfram aus der kurzen, geradezu nichtssagenden Erwähnung von Azagouc und Zazamanc (sie werden in Vers 362 bzw. 439 des Nibelungenliedes eher beiläufig als Seidenprovenienzen unter vielen anderen genannt) derart umfangreiche Kapitel abgeleitet haben sollte, wie er sie den Ländern dieses Namens im Parzival widmet. Die ältere Nibelungenforschung war daher auch der einhelligen Meinung, daß der Nibelungendichter aus dem Parzival abgeschrieben habe und nicht umgekehrt. Die modernen Germanisten haben indes die These aufgestellt, daß Azagouc und Zazamanc wohl "Einfügungen" späterer Kopisten des Nibelungenliedes sein müßten (es sind uns keine Versionen des Nibelungenliedes überliefert, die vor etwa 1240 entstanden sind). Im übrigen halten sie an Rumolt als Kronzeugen für ihre These fest: Der rät im Nibelungenlied
(Vers 1465) den Burgunder-Königen ab, die Einladung an Etzels Hof anzunehmen, wird jedoch überstimmt und in Worms zurück gelassen. Darauf scheint auch Wolfram im VIII. Buch
(Vers 420 f.) des Parzival anzuspielen, wo er Rumolt den Satz in den Mund legt: "Wenn Ihr zu den Hunnen fahren wollt, könnt Ihr ja gleich Brot in Scheiben schneiden, Euch als Sandwich dazwischen legen und beidseitig im Kessel braten lassen." Das paßt so recht zu einem bloßen Koch - und genau das ist Rumolt bei Wolfram von Eschenbach auch nur. Nicht
paßt das allerdings zu seiner Rolle im Nibelungenlied: Dort ist Rumolt kein Koch, sondern vielmehr "Küchenmeister", ein bedeutendes Amt bei Hof - etwa wie der "Superminister" für Wirtschaft und Finanzen in der Neuzeit -, das noch vor den traditionellen Hofämtern Mundschenk, Truchseß, Marschall und Kämmerer genannt wird. Folgerichtig wird ihm in absentia der Könige auch deren Vertretung, d.h. die Regentschaft in Worms übertragen. Kann es sein, daß Wolfram von Eschenbach - der stets Wert darauf legte, ein genauer
Historiker zu sein und der selber Hofministeriale war, ein solches Amt also kennen mußte, aus einem "Küchenmeister" einen simplen Koch machte? Kaum. War es umgekehrt denkbar, daß der Nibelungendichter - der ja auch an anderen Stellen gerne etwas dick auftrug -, aus einem Koch einen "Küchenmeister" machte? Durchaus. Dann hat aber der Nibelungendichter bei Wolfram abgeschrieben, nicht umgekehrt - und damit gerät die herrschende Meinung ins
Wanken. Alternative DatierungFür eine überzeugende Lösung bedarf es eines Zeitpunkts deutlich nach 1203 (und vor 1247 - dem mutmaßlichen Todesjahr Ottos von Botenlauben), auf den zweierlei zutrifft: 1. In Passau muß ein Bischof amtiert haben, der den Beinamen "Pilgrim" mit Recht führen durfte. 2. In Deutschland muß es einen - noch nicht zum Kaiser gekrönten - König gegeben haben, der den "Waisen" - also die echte Krone - nie (auch nicht nach der Krönung) in die Hände, geschweige denn aufs Haupt bekam. Besonders praktisch wäre es dann noch, wenn zur selben Zeit ein "Meister Konrad" gelebt hätte, der sich in erreichbarer Nähe Ottos von Botenlauben aufhielt (also in Würzburg) und in dessen Gesamtwerk das Nibelungenlied passen würde. Nun gab es im 13. Jahrhundert tatsächlich einen Bischof von Passau, der auf Kreuzfahrt ins Heilige Land zog und dabei auch nach Jerusalem gelangte (was nur in den Jahren 1230-1244 möglich war, nachdem Friedrich II mit Sultan Al Kâmil von Ägypten ein entsprechendes Abkommen geschlossen hatte), und zwar nur den einen einzigen: Rüdiger von Radeck. Er war mit Friedrich II ins Heilige Land gefahren und amtierte 1241-1250 als Bischof von Passau. Und es gab im 13. Jahrhundert auch einen - und wieder nur einen einzigen - deutschen König, der nie gekrönt wurde: den Landgrafen Heinrich Raspe von Thüringen. Der "Pfaffenkönig", wie er von seinen Feinden genannt wurde, wurde im Mai 1246 in einem Vorort von Würzburg zum König gewählt und besiegte die Staufer unter Friedrichs Sohn Konrad, starb jedoch schon im Februar 1247. Das engt die Entstehungszeit des Nibelungenliedes - und den Kreis seiner möglichen Verfasser - stark ein; denn wenn Otto von Botenlauben - der ja auch 1247 (einige meinen sogar, schon 1246) starb, das Nibelungenlied noch vor seinem Tode kennen gelernt haben soll und dieses nicht vor 1241 entstanden ist (dem Jahr des Amtsantritts von "Pilgrim" Rüdiger als Bischof von Passau), dann muß er zu einer Zeit, da neu erschienene Bücher noch nicht über Nacht in hoher Auflage im ganzen Land verteilt wurden wie heute, ziemlich nahe an der Quelle gesessen haben, um die bewußte Zeile so wörtlich zu zitieren, den Verfasser wahrscheinlich sogar persönlich gekannt haben. Frage: Wer saß damals noch in Würzburg? Wer hieß mit Vornamen "Konrad"? Wer wurde allgemein nur "Meister" oder "Meister Konrad" genannt? Antwort: Konrad von Würzburg. *****Dennoch leugnet die überwiegende Mehrheit der heutigen Germanisten hartnäckig, daß Konrad von Würzburg der Verfasser des Nibelungenliedes ist. Welche Argumente sollen gegen ihn sprechen? Zunächst die Lebensdaten. Während man seine Geburt früher um 1220 ansetzte, nimmt man heute eher 1225-1230 an. Wenn man die Entstehungszeit des Nibelungenliedes um das Jahr 1204 ansetzt, ist das egal; wenn man dagegen 1241-47 annimmt, ist es wichtig, denn ein 11-17-jähriger dürfte schwerlich in der Lage gewesen sein, ein solches Werk zu schreiben - wohl aber ein 21-27-jähriger. (Das Nibelungenlied ist in vielerlei Hinsicht ein "unreifes" Werk, nicht zu vergleichen mit den späten Werken der älteren hochmittelalterlichen Dichter). Warum also 1225-1230, und nicht mehr 1220? In seinem "Turnier von Nantes" verfaßte Konrad ein Loblied auf einen "König Richard von England" und beschrieb dabei die Wappen der Teilnehmer so genau, daß er dabei gewesen sein müsse. Da man damals noch keine Reporter zu solchen Veranstaltungen schickte, müsse Konrad wohl persönlich teilgenommen haben. Da aber Richard von Cornwall - um den es sich wohl handeln müsse - erst 1257 (also während des "Interregnums") zum deutschen (!) König gewählt und gekrönt wurde, wäre Konrad zu diesem Zeitpunkt schon zu alt gewesen, um selber an einem Turnier teilzunehmen, wenn er 1220 geboren wäre; folglich muß er um 1230, frühestens 1225 geboren sein. Diese Argumentation übersieht nur eines: Richard selber war 1209 geboren, also 1257 schon 48 Jahre alt, ein Alter, in dem damals niemand mehr in der ersten Reihe mitkämpfen konnte, auch nicht bei einem Turnier. (Konrad bezeichnet seinen Helden denn auch ausdrücklich als "jugendlich".) In Frage kommt also nur Richard Löwenherz, der - im Gegensatz zu Richard Cornwall - tatsächlich König von England und für seine häufige aktive Teilnahme an Turnieren bekannt war. Er war, als im Jahre 1177 die Bretagne an England fiel und darob in der alten und neuen Hauptstadt Nantes ein großes Turnier abgehalten wurde, mit einiger Sicherheit dabei (er lebte hauptsächlich in und um Nantes herum und liegt auch in der Nähe begraben), denn er war mit 20 Jahren im besten Alter dafür. Die Wappen aber brauchte Konrad nicht persönlich beim Turnier gesehen zu haben: Wenn man weiß, daß der Nibelungendichter aus der Thidrekssaga schöpfte und daß Konrad dieser Nibelungendichter war, braucht man nur noch einen Blick in die "Heldenschau" überschriebenen Absätze der Thidrekssaga zu werfen: die Wappen-Beschreibungen im "Turnier von Nantes" sind z.T. exakt von dort übernommen (Beispiele dafür in der Langfassung). Das nächste Gegenargument betrifft Stil, Sprache und Versmaß des Nibelungenliedes, die nicht mit denen der übrigen Werke Konrads von Würzburg übereinstimmen. Doch das besagt nicht viel, denn das Nibelungenlied wurde für einen bayrischen Auftraggeber - den Bischof von Passau - geschrieben, folglich verfaßte es der Franke Konrad von Würzburg in einer Sprache, die man nicht als "Mittelhochdeutsch", sondern genauer als "Mittelhochbayrisch" bezeichnen sollte. Später siedelte Konrad nach Südwestdeutschland über, nach Basel; sein Auftraggeber war damals überwiegend der Bischof von Straßburg - daß er da in einer anderen Mundart schrieb bzw. schreiben ließ (er pflegte nicht selber zu schreiben, sondern zu diktieren), ist einleuchtend, ebenso, daß er als reiferer Dichter nicht mehr den primitiven "Nibelungenvers" gebrauchte. Zwei wichtige Punkte haben die Konrad-Leugner indes übersehen - vielleicht weil man sie nicht in einen Computer eingeben kann, um Vokabular und Schreibstil zu vergleichen: Konrad hat in allen seinen Werken die Angewohnheit, ständig in die Zukunft vorzugreifen: "Das sollte noch die und die Konsequenzen haben..." Diese Eigenart taucht bei keinem anderen hochmittelalterlichen Dichter und in keiner anderen hochmittelalterlichen Dichtung in dieser Massierung auf - mit einer Ausnahme: dem Nibelungenlied. Und noch etwas ganz Grundlegendes: Der Nibelungendichter hat zwei ältere Sagenkreise, die nicht notwendigerweise zusammen gehören - nämlich die um Siegfried und die vom Untergang der Nibelungen - mehr oder weniger kunstvoll miteinander verknüpft. An einer solchen "künstlerischen Freiheit" mag man heute nichts besonderes mehr finden. Aus damaliger Sicht bedeutete es jedoch eine ziemliche Dreistigkeit, derart "frei" in zwei ältere Überlieferungsstränge einzugreifen und aus ihnen einen neuen zu machen. Dafür gibt es in der ganzen hochmittelalterlichen Literatur nur noch ein anderes Beispiel: "Der Trojanerkrieg" fügt ebenfalls ganz respektlos zwei alte Sagen - die von den Argonauten und die vom Troianischen Krieg - zu einem neuen Epos zusammen; und dessen Verfasser war kein anderer als... Konrad von Würzburg! Als Heinrich von Meißen ("Frauenlob") 1287 eine Totenklage auf Konrad von Würzburg verfaßte, leitete er sie mit folgenden Zeilen ein: dins brunnens dunst unt din geroeset flammenriche brunst..." *****Warum sollte Konrad von Würzburg aber aus dem Zug der Nibelungen gegen die westfälischen Hunen nach Soest (so steht es in der Thidrekssaga, die ihm offenbar als "Steinbruch" diente) einen Zug der Burgunder gegen die "Hunnen" nach Ungarn machen? Gab es dafür einen konkreten Anlaß, womöglich gar eine historische Parallele? Ja, auch die gab es, und wenn man die richtige Entstehungszeit - zwischen 1241 und 1247 - kennt, ist sie auch nicht schwer zu finden: 1241 waren die deutschen (und polnischen) Ritter bei Liegnitz schwer geschlagen worden von einem Volk, das wir heute als "Mongolen" kennen, das man im Mittelalter aber als "Tartaren" oder schlicht als "Hunnen" bezeichnete, in Erinnerung an die Einfälle der letzteren während der Völkerwanderungszeit. Dagegen sind all die Parallelen, die man zwischen den Nibelungenlied und jener acht Jahrhunderte zurück liegenden Ereignisse zu ziehen versucht hat, schief: Damals zogen nicht die Burgunder gen Osten, sondern die Hunnen gen Westen, wo sie schließlich selber vernichtend geschlagen wurden - allerdings nicht von den Burgundern. Das Nibelungenlied macht nur Sinn im aktuellen Bezugsrahmen des "Mongolensturms" und seiner Auswirkungen insbesondere auf Ungarn, aber auch auf Österreich (damals noch die - bayrische - Ostmark); indirekt führte er zum Untergang zwar nicht der Burgunder, wohl aber der Babenberger, doch das ist allgemein bekannte Geschichte, die an dieser Stelle keiner weiteren Ausführungen bedarf. Erwähnenswert ist dagegen noch die ausführliche Schilderung der prachtvollen Hochzeit zu Worms in der 10. Aventiure und des anderen Festes rund zehn Jahre später dortselbst in der 13. Aventiure. Beide finden in anderen Überlieferungen des Nibelungen-Stoffes keine Parallele. Wohl aber in der Wirklichkeit - wenn man sie denn in der Lebenszeit Konrads von Würzburg sucht: 1235 feierte Kaiser Friedrich II in Worms mit großem Aufwand seine Hochzeit mit der englischen Prinzessin Isabel (der Schwester Richards von Cornwall, der später zum deutschen König gewählt werden sollte); und 1243 verlieh Friedrich der Stadt Worms die Zollfreiheit und das Marktrecht, was ebenfalls mit einem großen und überaus prächtigen Fest gefeiert wurde. (Die Tradition des darauf zurück gehenden "Pfingsmarktes" hat sich bis heute in Worms erhalten.) Beide Ereignisse könnte Konrad miterlebt haben - das erstere als Jüngling, das letztere kurz vor oder während der Niederschrift des Nibelungenliedes, in welches er ihre Schilderung einfließen ließ. zurück zur Langfassung heim zu Reisen, die Geschichte machten |