Deutschlandradio Berlin: Kalenderblatt 11. 11. 2003

vor 50 Jahren: Die "Mundorgel" erscheint

von Vanessa Loewel, Ida Krenzlin, Arne Friedmann, Christina
Hosten, Frank Ulbricht, Sebastian Albrecht und Ulrike Häußer

(mit einer Nachbemerkung von N. Dikigoros)

Mädchen singt: Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord.

Interviewer: Was ist die "Mundorgel"? Kennen Sie die?

Frau: Nee... kicher... nee.

Mann: Das ist ein Musikspielinstrument, was über den Mund praktisch gesteuert wird. Mit so'ner kleinen Fahne drin.

Frau: Ein Heft gibt es mit Liedern. Ne alte Liedersammlung heißt "Mundorgel".

Junge Frau: "Mundorgel"? Ist das nicht dieses Liederbuch, dieses kleine rote, was die Pfadfinder immer benutzen.

1953, in einem Keller in Köln. Die vier Studenten Dieter Corbach, Hans-Günther Toetemeyer, Ulrich Iseke und Peter Wieners sitzen zusammen. Sie schreiben Lieder auf. Für ihre Jugendarbeit beim "Christlichen Verein Junger Männer" brauchen sie dringend ein Liederbuch.

Hans-Günther Toetemeyer: Weil das Problem war, die konnten alle singen, aber immer nur die erste Strophe. Und das war die Idee der "Mundorgel". Wir haben das dann angepackt, haben ein kleines Heft zusammengestellt.

In dieser Nacht begann die Erfolgsgeschichte der "Mundorgel". Bis heute wurde sie 14 Millionen Mal verkauft.

Klein, rot und stets mit einem Mundharmonika-Spieler auf dem Deckblatt – das ist die "Mundorgel". Rein kommt, was bekannt und eingängig ist, erinnert sich der inzwischen verstorbene Dieter Corbach, Mitbegründer der "Mundorgel":

Dieter Corbach: Wir brauchen Lieder, die auch eine Gruppe schnell nach zweimaligem Vorsingen mitsingen kann. Das klingt vielleicht primitiv, aber so ist die Wirklichkeit.

In der "Mundorgel" findet man neben christlichen Liedern und Fahrtenliedern auch bekannte Volkslieder wie "Hoch auf dem gelben Wagen" oder internationale Titel wie "Sur le pont d'Avignon". Auch der beliebte Kanon "Frère Jacques – Meister Jacob" fehlt nicht. Besonders beliebt sind die lustigen Lieder, wie "Die Affen rasen durch den Wald" und andere Gassenhauer.

Das Repertoire der "Mundorgel" hat sich mit jeder Auflage verändert. Neue Lieder kamen hinzu, alte wurden aussortiert. So wurde das Lied "Blonde und braune Buben" wegen seines diskriminierenden Textes 1968 aussortiert.

Peter Wieners, ein Gründer der "Mundorgel", sagt rückblickend über die Ausgabe der 50er Jahre:

Peter Wieners: Es sind also im Grunde genommen Gedanken darin gewesen und Formulierungen darin gewesen, die eher der Nazizeit ähnlich waren. Zumindest. Das haben wir so nicht empfunden, weil wir ja eben eine andere Tradition hatten, aber empfunden haben es sehr stark die jungen Leute aus der DDR.

Dennoch traf die "Mundorgel" auch den Zeitgeist junger Christen in der DDR. Heinz Scholz, Diakon aus Ost-Berlin und damals in der christlichen Jugendarbeit tätig, erinnert sich:

Diakon Heinz Scholz: Wir haben diese Dinger uns mitbringen lassen. Von jungen Leuten, die bis `61 […] hier herkommen konnten […] So was Geistiges, solche Sachen kriegte man ja hier nicht. Denn die Machthaber in der DDR schätzten dieses Liederbuch, mit dem sich christliche Gruppen in Stimmung brachten, nicht.

Diakon Heinz Scholz: Im Gegenteil: wer damit erwischt wurde, na, der musste sich peinlichen Fragen unterwerfen. Denn hier gibt es ja, im Sprachgebrauch der DDR, Liedgut mit einem gewissen […] revanchistischen Charakter. Nach dem Mauerbau verlor die "Mundorgel" in der DDR fast völlig an Bedeutung. Die Einfuhr war schwieriger, außerdem gab es nunmehr eigene, modernere Kirchenliederbücher.

Auch im Westen nahm die Beliebtheit der "Mundorgel" im Laufe der Jahre ab. Betrug die jährliche Auflage in den 70er Jahren eine halbe Million, so gehen heute jährlich noch 50.000 Büchlein über den Ladentisch. 1993 sagte Dieter Corbach in einem Interview dazu:

Dieter Corbach: Aber das Singen selbst ist im Schwinden. Man lässt singen.

Vielleicht sind es auch die Lieder der "Mundorgel", die nicht mehr gesungen werden. Was 1953 noch so frisch und jugendlich klang, reißt heute keinen Teenie mehr mit. So bleibt die "Mundorgel", der Klassiker, heute zumeist im Regal stehen.


Nachbemerkung Dikigoros:
Da scheint doch jemand Ursache und Wirkung zu verwechseln. Die ursprüngliche Mundorgel von 1953 enthielt 132 Liedertexte, die bis Mitte der 1960er Jahre, genauer gesagt bis zur Ausgabe von 1964, weitgehend erhalten blieben. Diese Sammlung wurde ein Bestseller, der es auf knapp 10 Millionen verkaufte Exemplare brachte. 1968 setzte dann die erste große Zensur ein, 1982 die zweite, der fast alle guten Lieder - 78 von 132 - zum Opfer fielen: Dafür wurden 224 neue Lieder nachgeschoeben, größtenteils Schrott, den niemand hören, geschweige denn singen wollte. (Kaufen erst recht nicht - die Absatzzahlen brachen massiv sein.) Die Lieder von 1953 würden noch heute jeden Teenie vom Hocker reißen - den Mist von 2001 (das ist die bisher - und wahrscheinlich auch endgültig - letzte Neuauflage) hätte schon 1953 niemand mehr "frisch" oder "jugendlich" gefunden.
Pardon, das war jetzt nicht politisch korrekt ausgedrückt. Also noch einmal von vorne:
Die alte "Mundorgel" der 1950er Jahre enthielt überwiegend faschistoïdes, rassistisches, militaristisches, diskriminierendes, deutschtümelndes usw. "Liedgut" aus der Nazizeit - schlimm, daß so etwas damals in Deutschland überhaupt noch verkauft werden durfte. Ein Glück, daß Mitte der 1960er Jahre endlich einige demokratische Gutmenschen auf die Idee kamen, all diese bösen Lieder auszumerzen und, vor allem die, in denen Unwörter wie "Neger" oder "Zigeuner" vorkamen; diese wurden durch neue Lieder mit wertvollem, demokratistischem Gedankengut ersetzt, wie z.B. Lieder der israelischen Friedensbewegung, aus dem afrikanischen Busch und noch mancherlei andere schöne ethno-linke Gesänge. Es ist wirklich eine Schande, daß das niemand mehr kaufen will. Sollte man da nicht einen speziellen Straftatbestand schaffen, der das Unterlassen des Kaufens und Singens der neuen "Mundorgel" ebenso als "Volksverhetzung" unter Strafe stellt wie jetzt schon das Singen der Gott sei Dank gestrichenen Lieder der alten "Mundorgel" von 1953? Aber der Gesetzgeber ist ja mal wieder auf dem rechten Auge blind...


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