Monaco - Das Fürstentum baut um

von Brigitte Scherer (FAZ, 15.09.2005)

16. September 2005 Lau ist die Abendluft, es blitzen Juwelen und schimmern Schultern, während das Orchester die Instrumente stimmt und Parfümduft herüberweht. Vor dem illuminierten Fürstenpalast von Monaco fahren immer noch Autos vor, durch das Schloßtor streben die letzten Besucher auf einem über das holprige Pflaster gebreiteten Teppich, von Platzanweisern im Abendanzug zu den Sitzreihen am Fuß der Freitreppe im Ehrenhof geleitet, um die sich die monegassischen Philharmoniker gruppieren. Bevor der Orchesterchef Marek Janowski den Taktstock zum traditionellen Sommerkonzert in den Mauern des Fürstenpalasts hebt, betritt Albert, der Hausherr und neue Regent, seine Loge hinter den Zuschauerreihen, ein wenig Unruhe entsteht, man erhebt sich, klatscht. Dann rauscht Beethoven auf, und über allem funkelt der Sternenhimmel.

Monaco ist ein Ort magischer Momente. Um sie zu genießen, braucht es nicht zwangsläufig Geld. Hundertfünfzig Jahre besteht das philharmonische Orchester des Fürstentums, und immer noch kann man mit Veranstaltungsort und Preis seiner Sommerkonzerte zu Hause in Deutschland verblüffen. Während im touristischen Biotop Ticketpreise um die fünfhundert Euro für eine solche Veranstaltung vermutet werden, obgleich die Kosten für die besten Plätze nur etwa ein Zehntel davon betragen, zeigt sich die Hochkulturfraktion daheim eher sprachlos. Nicht wenige unter jenen, die nach Salzburg und Bayreuth zu pilgern pflegen, empfinden das Begriffspaar Monaco und Kultur als etwa so kompatibel wie Schwimmen und Nordpol und wissen nichts von monegassischen Philharmonikern.

Vision Tourismusmetropole

Was derzeit außer Schloßkonzerten sonst in Monaco geschieht, ist noch viel unglaublicher - doch in Deutschland schaut keiner hin. Dabei ist das, was an Aufbruchstimmung zu spüren und von Visionen schon zu sehen ist in dem winzigen Fürstentum auf dem fünf Kilometer langen Küstenstreifen zwischen Nizza und Menton, mit nichts zu vergleichen, nicht in Amerika, erst recht nicht in Europa - außer vielleicht mit jenen neuen Welten, an denen Dubai baut. Doch während das Emirat frei assoziierte Phantasien in den jungfräulichen Sand arabischer Wüsten setzt, basieren in Monaco noch die ausgefallensten Statements der Architektur, die das neue Zeitalter des Fürstentums als Metropole des Kongreß-, Kultur- und Eventtourismus begleiten sollen, auf der eigenen Kultur.

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Den Plan, Funktion und Ruf eines Steuerparadieses hinter sich zu lassen, faßte Monaco vor mehr als einem Jahrzehnt. Gleichzeitig hat das Fürstentum vor, sich vom Ballett bis zur Kunstausstellung als kulturellen Mittelpunkt aufzubauen für jene achteinhalb Millionen Menschen, die in bis zu drei Autostunden Entfernung zwischen Marseille und Mailand leben. Dafür wurden, fast unbemerkt von der Außenwelt, Milliardensummen in Infrastruktur, Renovierung und in Bauten gesteckt, die Felsen ausgehöhlt für ein Tunnelsystem mit Bahnhof und Geleisen und neues Land geschaffen durch teure Erdaufschüttungen im steil abfallenden Meer.

Der erste Schritt zur Rückverwandlung Monacos in ein elegant-seriöses Tourismusziel war der Wiederaufbau der "Thermes Marins" vor zehn Jahren, des ersten und berühmtesten Thalasso-Spa Europas, das 1908 eröffnet worden war. Im letzten Kriegsjahr bei Bombenangriffen zerstört, entstanden die Thermen an gleicher Stelle wieder. Auch architektonisch ist das fächerförmige Gebäude, das sich am Steilhang zwischen Hotel Hermitage und Hotel de Paris mit drei Stockwerke hohen, verglasten Rundbögen Hafen und offenem Meer zuwendet, ein Neubeginn: die Abkehr vom Zuckerbäckerstil. Statt dessen rosa Marmor, helle Edelhölzer, schimmernde Spachtelwände und mindestens ein Quadratkilometer Glas. Bis heute dient das 6600 Quadratmeter große Spa mit dem urbanen Understatementschick der restlichen Wellness-Welt als Vorbild.

Kreuzfahrt und Pariser Oper

Fünf Jahre später entstand das ehrgeizig dimensionierte Kongreß- und Ausstellungszentrum mit Namen Grimaldiforum, oberirdisch eine bauchig-kühne Glas- und Stahlkonstruktion mit weitem Meerblick, die unterirdisch zwanzig Meter tief ins Wasser reicht. Die Bühne des größten der Mehrzwecksäle für Konzert, Kongreß und Oper unter dem Meeresspiegel, gänzlich in rotem Samt ausgeschlagen, ist so dimensioniert, daß auch die aufwendigste Inszenierung der Pariser Oper Platz findet. Deren Architekt baute einst auch das Kleinod Salle Garnier im Casino, Monacos Opernhaus, das jetzt nach einer fünf Jahre währenden komplizierten Restaurierung wieder öffnet.

Und weiter im Masterplan: Seit drei Jahren liegt der schwimmende Kreuzfahrtpier im Hafen, eine spektakuläre Fertigteil-Konstruktion, die in einer wochenlangen Seefahrt von Spanien hergebracht und in Monaco dann zusammengefügt wurde. Hier legen seitdem, wie erwartet, internationale Kreuzfahrtschiffe an. Neunzehn Millionen Euro brachten ihre Passagiere im vorigen Jahr Monaco ein, vorwiegend den Luxusgeschäften. Staunend beobachten Schaulustige an Land oder jene Glücklichen, die in einer der vornehmen Suiten des Hotel de Paris residieren, wie sich frühmorgens ein dickes Kreuzfahrtschiff mit Passagieren im weißen Bademantel auf ihrem Glasbalkon Zentimeter für Zentimeter in die schmale Öffnung des Port Hercule schiebt, in dem bislang die saudische Yacht "Lady Moura" das Solo als Hecht im Karpfenteich spielte.

Land der schönsten Wirklichkeiten

Aber das Aufsehenerregendste ist Monacos Hotelkollektion. Nirgendwo sonst gibt es so märchenhaft restaurierte Hotel-Antiquitäten. Nun sind die Palasthotels aus der Belle Epoque ein weiteres Mal auf den neuesten Stand gebracht, der Salle Empire im Hotel de Paris strahlt nach aufwendiger Restaurierung in Weiß und unter einem Kilo Blattgold. Doch gab es viel zu wenige Zimmer für Monacos Tourismuspläne, nicht genügend Suiten - für die neuen Russen - und zu wenig Betten in Hotels unterhalb der Fünf-Sterne-Kategorie. So entstand jetzt das dringend benötigte Kongreßhotel auf einem aus dem Meer gewonnenen Grundstück direkt neben dem Sporting Club - der so legendäre Orte wie Sommercasino und Salle Etoiles beherbergt, wo vom Rotkreuzball bis zum Auftritt von Rod Stewart alle jetsetpflichtigen Events stattfinden. Das neue Bay-Hotel ist in einer modernen Version neoklassizistischen Stils errichtet und gilt als ein Resort, das in Europa seinesgleichen sucht mit seinen dreihundertdreißig Zimmern und Suiten, der riesigen Lagune - in der im Moment noch Seevögel planschen -, Schwimmbädern innen und außen, Spa, Restaurants und Kongreßsälen, Anfang Oktober ist Eröffnung.

Andere Häuser, etwa das MeridienBeach-Hotel mit seinen neuen Glastürmen, haben angebaut. Auf das verspielte Hermitage mit dem duftigen Wintergarten von Gustave Eiffel wurden zwei Stockwerke im selben weißen Zuckerbäckerstil der Jahrhundertwende so geschickt gesetzt, daß man selbst aus nächster Nähe glaubt, sie seien schon immer dagewesen. An anderer Stelle riß man alte Gebäude ab und baute ein trendiges Hotel hin, wie es im Fall des coolen Port Palace am Yachthafen geschah. Auch das Columbus in Fontvieille zählt zu den schicken neuen Häusern unterhalb der Luxuskategorie und ist offiziell sogar ein normales Drei-Sterne-Mittelklassehotel - aber, wie eben Mittelklasse in Monaco definiert ist: jung, elegant, hochgradig designt, und sein Besitzer heißt David Coulthard. Im Hotel Metropole ist gar dessen Verwandlung zu einem atemraubend opulenten mediterranen Palast zu bestaunen, den der französische Star-Architekt Jacques Garcia besorgte. Was Garcia in Interviews zu seiner Arbeit bemerkte, ist allerdings eine Ohrfeige für seine Zunft. Garcia nämlich hält es für ein "Drama", daß heute selbst Luxushotels für ein Publikum ohne Kultur gebaut würden, denn dies verleihe dann den Gästen tatsächlich den Anstrich von Neureichen. Er hingegen hält es gerade für die Aufgabe von Architektur und Design, "Gäste zu kultivieren und ihren Horizont zu erweitern".

In weißen Sofas am weißen Strand

Ob alle neuen Hotels und Restaurants Garcias Anpruch genügen, weiß der Besucher nicht, er sieht jedoch, daß es hier vor Ideen sprüht. Lässige Plätze wie die "Sealounge" entstanden, wo jedermann zu zivilen Preisen - "nach der Arbeit" - in weißen Sofas auf weißem Sandstrand lümmeln, Cocktails trinken, tanzen und Tapas essen kann. Vierundzwanzig Stunden ist das neue Restaurant mit Namen L'intempo im Meridien-Hotel offen, zum Design paßt die Crossover-Cuisine des jungen elsässischen Küchenchefs. Unbefangen mischen die Architekten in alten wie in neuen Häusern gläserne Treppen und Bauhausmoderne mit opulenten Brokatstoffen, kühne Bäder setzen den Kontrapunkt zu seidenbespannten Wänden. Mit einem gewissen Neid stellt der Besucher fest, daß er sich auf einer Insel der Seligen befindet, in der es um Qualität, nicht um Kostensenkung geht.

Mit einer Dynamik, die das Staunen lehrt, baut sich Monaco um. Bernard Lambert, seit drei Jahren Chef der mächtigen Fremdenverkehrsgesellschaft Societe de Bains de Mer (SBM), an der das Fürstenhaus die Mehrheit hält, und Michel Bouquier, seit zwei Jahren Generalbevollmächtigter für den gesamten Tourismus Monacos, haben die Koordinaten für die Zukunft mit den vier Säulen Kultur, Event, Wellness und Geschäftstourismus festgelegt. Vor allem Kongresse sollen helfen, das ganze Jahr über die Hotels und das Grimaldiforum zu füllen, elf Angestellte kümmern sich jetzt allein um die Vermarktung dieser Sparte.

Als weiteres Ziel gilt, bislang unterrepräsentierte Märkte zu gewinnen. Damit sind wir bei der Kehrseite der glänzenden Medaille angelangt: Monacos Ruf, vor allem in Deutschland. Zwar ist durch die Bemühungen der neuen Manager die Zahl der deutschen Besucher bis Ende Juli um fast ein Drittel gestiegen, und die Hälfte davon waren Kongreßteilnehmer - aber der Anteil der Deutschen ist mit fünfzehntausend im Jahr weiterhin unverhältnismäßig klein. Und noch immer ziehen deutsche Firmen dann doch als Kongreßort oft ein anderes Ziel vor, auch wenn das Angebot aus Monaco das beste und billigste war: Ein Kongreß in Monaco klinge nach Vergnügen und Verschwendung, nicht nach Arbeit, sagen sie entschuldigend.

Die Deutschen und Monaco, ein Kapitel für sich

Aber die Deutschen und Monaco sind sowieso ein Kapitel für sich. Der Vorwurf, Monaco sei unseriös und überteuert, ist bis heute zu hören. Immer wieder sieht man unschlüssige deutsche Reisende von der dreihundert Meter höher gelegenen Corniche moyenne hinunter auf diese schillernde Metropolis der Reichen und der Schönen aus den Klatschspalten starren, die so lockend wie drohend ihre barock verzierten Hochhausfinger himmelwärts aus dem Meer reckt. "Soll ich mich wirklich durch alle Serpentinen und Tunnels in dieses überlaufene und eigentlich ja ziemlich halbseidene Monte Carlo hinabquälen", fragen sich in diesem Moment deutsche Liebhaber der restlichen Cote d'Azur, "wo man am Ende doch nur geneppt wird?" Und dann verweigern sich die Weltmeister im Reisen, die in Dubai in viel teureren Hotels, etwa im Burj al Arab, sogar den Löwenanteil der Klientel stellen.

Vielleicht wegen eines vermuteten Mangels an seelischer Tiefe, rätselt man in Monaco, liebten die Deutschen das Fürstentum nicht. Als im Jahr 1956 der regierende Fürst Rainier III Hitchcocks Lieblings-Schauspielerin Grace Kelly heiratete, war das noch ganz anders. Da steuerte nicht nur eine Firma aus Wuppertal-Ronsdorf das Feuerwerk bei, der Korrespondent einer konservativen Zeitung aus Frankfurt geriet auch derart in Begeisterung, daß er Grace Kellys Atlantiküberfahrt auf dem Dampfer "Constitution" mit der von Tristan und anderen Recken geleiteten Brautfahrt Isolde von Irlands zu ihrer Hochzeit mit König Marke verglich, ein eindeutig zur Hochkultur zählender Event.

Neue Zukunft für das alte Europa

Sich an veränderte Zeiten und Zeitgefühle anzupassen, darauf verstand sich das Fürstentum gleichwohl seit je. Monaco überlebte Pest und Französische Revolution, zwei Weltkriege und den Tod von Gracia Patricia. Vor dem Ersten Weltkrieg bediente es Kaiser und Prinzen, Klientel war der europäische Adel mitsamt seinem Troß. Nach 1918 waren die Magnaten Mitteleuropas ruiniert, die Großherzöge überlebten im Exil. Monaco brachte es fertig, neue Schichten Reiche für sich nutzbar zu machen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang Rainier mit seiner Heirat die Erschließung des amerikanischen Marktes; als ihre Tochter Caroline in eine italienische Familie einheiratete, zog das eine entsprechende Clique aus Italien an. Nun aber ist auf diese Stammkunden kein Verlaß mehr. Es sind zu wenige, sie kommen nur im Sommer, sie haben Häuser und neue Ziele in der ganzen Welt. Und die Amerikaner, die in den besten Zeiten ein Viertel der Klientel ausmachten, stellen seit den Anschlägen in New York nur noch fünfzehn Prozent der Besucher. Sich auf Europa neu zu konzentrieren ist in jeder Hinsicht sinnvoll.

Für Außenstehende ist es ein ironisches Apercu, für Monegassen ein Anlaß geheimen Ärgers, daß sie bei Arbeitserlaubnis und Einreise, etwa nach England, den gleichen Status haben wie ein Flüchtling aus Afrika. Monegassen können nicht Bürger der Europäischen Union werden, solange ihre Staatsform der EU als vordemokratisch gilt. Dabei ist es gerade Monaco, das, weitgehend unbemerkt von der Welt, mit Optimismus und Qualitätsbewußtsein vormacht, wie das alte Europa auch die Zukunft gewinnt.


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