Lausanne - und die Folgen

Bruce Clark: Twice a Stranger. Mass Expulsions
that forged modern Greece and Turkey (2007)

Rezension von MARITA KRAUSS (FAZ, 11. März 2008)

Anmerkungen und Links: Nikolas Dikigoros (2023)

Das 20. Jahrhundert gilt als das "Jahrhundert des Flüchtlings". Der Vertrag von Lausanne von 1923, der einen gigantischen "Bevölkerungsaustausch" zwischen der Türkei und Griechenland absegnete, war der unrühmliche Beginn einer ganzen Kette "ethnischer" Vertreibungen und Deportationen. Wie Bruce Clark zeigt, sah man dies seitdem als praktikable Methode an, um Minderheitenprobleme zu lösen, sei es in Europa, im Nahen Osten oder in Asien. Ziel war jeweils eine vorgeblich "homogenere" Bevölkerung, die sich leichter zu einem Nationalstaat zusammenbinden ließ.

In Lausanne rangen die internationale Staatengemeinschaft und der Hochkommissar des Völkerbundes für das Flüchtlingswesen, Fridtjof Nansen, um die Lösung des griechisch-türkischen Konfliktes: Eine griechische Armee war 1919 mit Billigung der westlichen Mächte über Smyrna - heute Izmir - in die Zentraltürkei eingedrungen. Mustafa Kemal 'Atatürk', der spätere Präsident des neuen türkischen Nationalstaates, schlug sie 1922 zurück. Den ortsansässigen orthodoxen Christen wurde vorgeworfen, die Invasoren unterstützt zu haben. Mit Hilfe von "ethnic engineering" hoffte man nun, die entstandenen Probleme zu entflechten: In Folge der Beschlüsse von Lausanne verloren fast zwei Millionen Menschen ihre Heimat. Rund 1,2 Millionen orthodoxe Christen mussten das Gebiet des 1923 gegründeten türkischen Nationalstaates verlassen und sich auf griechischem Territorium ansiedeln, etwa 400.000 Muslime gingen den entgegengesetzten Weg. Das Vertreibungskriterium war die Glaubenszugehörigkeit.

Das Osmanische Reich kannte als theokratischer Staat nur die Religion zur Unterscheidung von Minderheiten. Unter der Oberhoheit des Sultans hatten sie relativ unangefochten gelebt. Die orthodoxen Christen (Anm. Dikigoros: und die Juden) stellten vielfach die bürgerliche Wirtschaftselite des Osmanischen Reiches, die Kaufleute, Händler und Handwerker. Ihre Sprache war die der Mehrheitsgesellschaft. Die in den großen Vielvölkerreichen errungenen Minderheitenrechte für ein friedliches Neben- und Miteinander verschiedener Sprachen, Religionen und Herkunftszuschreibungen gingen mit der Auflösung dieser Reiche am Ende des Ersten Weltkrieges verloren. (Anm. Dikigoros: Das stimmt so nicht; Aufstände der und Pogrome gegen die Armenier gab es schon Jahrzehnte früher.) Es gab zwar vielfältige Bemühungen, solche Rechte für die Nachfolgestaaten festzuschreiben; in der alltäglichen Praxis kam es jedoch immer wieder zu Reibereien und Beschwerden. Da erschien die Lösung von Lausanne einleuchtend: Entzerrung der Konflikte durch räumliche Trennung der Gruppen. Ungeachtet des menschlichen Leides, der vielen hunderttausend Toten und der langfristig weiterbestehenden Erinnerung der vertriebenen Griechen und Türken an ihre alte Heimat wird die Integration der Neuankömmlinge bis heute als "gelungen" gefeiert, ja, sie gehört sogar auf beiden Seiten zum jeweiligen nationalen Gründungsmythos. (Anm. Dikigoros: In Griechenland? Wohl kaum!)

Clark nimmt sich dieser Ereignisse mit Kennerschaft und Empathie an. Entstanden ist eine große, gut lesbare historische Reportage. Die Besonderheit: Er wechselt zwischen der Ebene der "großen Politik", der diplomatischen Verhandlungen und Überlegungen, und der Ebene der Betroffenen hin und her. So führte er viele Interviews mit noch lebenden Betroffenen der Massendeportation und nutzte Archive in beiden Ländern gibt. Als guter Journalist erzählt er auch Geschichten einzelner Personen und Familien, er geht den Spuren verfallender Monumente nach, die in beiden Ländern auf den Massenexodus verweisen. Wer weiß schon, dass es mitten in Athen eine 500 Jahre alte Moschee gibt, die nicht genutzt wird und verfällt? Als es im Rahmen der Olympischen Spiele 2004 um Betmöglichkeiten für Muslime ging, wurde sie nicht erwähnt. Clark schildert aber auch Vorgeschichte und Folgen des Zypern-Konfliktes oder das Schicksal der Schwarzmeer-Griechen.

Er steht vor allem - und das zeichnet sein Buch aus - nicht subjektiv auf einer Seite des Konfliktes. Er sieht die menschlichen Leiden der Türken wie der Griechen, ebenso die Verbrechen: Beide Seiten mordeten und brandschatzten, schreibt Clark, es gibt keine Kriegsverbrechen, die dadurch "berechtigter" werden, dass sie aus Rache oder anderen nachvollziehbaren Motiven begangen werden. Damit führt Clark, der selbst aus Nordirland stammt, auch eine große Anklage gegen die Folgen von Krieg und Bürgerkrieg für die einfachen Menschen, die gerne mit ihren Nachbarn friedlich leben möchten.

Ein Punkt lässt sich jedoch kritisch anmerken; mit seinem Blick auf griechisch-türkische Gemeinsamkeiten (Anm. Dikigoros: Kakofonie Musik, Fraß Speisen - trotz unterschiedlicher religiöser Tabus!) vernachlässigt Clark die kriegerische Vergangenheit beider Staaten, die bereits seit dem 14. Jahrhundert mit der osmanischen Eroberung Griechenlands begann und auch im 19. Jahrhundert zu schlimmsten Schlachten, zu Brandschatzungen und Versklavungen führten. (Anm. Dikigoros: Auch das stimmt so nicht: Die doofen oströmischen Kaiser hatten einfach zu viele türkische Söldner in ihr Heer aufgenommen - so wie es ja auch im 21. Jahrhundert das Berliner Verbrecherregime mangels eigener Freiwilliger mit der Bundesgurkentruppe Bundeswehrlos plant -; in der entscheidenden Schlacht bei Mantzikert liefen jene Söldner zum Feind über, und so ging Anatolien verloren; danach bestand das "Reich" nur noch aus Konstantinopolis und einem Stückchen Vorland im Westen.) Die Konflikte eskalierten nicht erst im 20. Jahrhundert. Doch "Twice a Stranger" ist ein wichtiges Buch, denn weit über das engere historische Thema hinaus kann es Interesse und Verständnis wecken für die langfristigen Nachwirkungen von Vertreibungen und für die Probleme scheinbar so gut gelungener Integration. Jenseits von Polemik lassen sich Vergleiche ziehen, die für die Diskussionen im eigenen Land nachdenklich machen sollten.


Nachbemerkung: Am 100. Jahrestag des Vertrags von Lausanne scheint es Dikigoros, daß die damals gefundene Lösung vielleicht gar nicht so schlecht war und sogar gegenwartstauglich wäre: Alle Muslime raus aus Europa im Tausch gegen alle Christen, die noch in islamischen Ländern leben. Das ist ja auf dem Boden der ehemaligen Sowjet-Union nach deren Auflösung bereits weitgehend geschehen, auch wenn ein Putin das nicht wahrhaben will (es geschah vor seiner Zeit als Präsident) und heuer im Kampf um die Ukraïne wieder bevorzugt auf muslimische Freiwillige setzt. Hoffentlich rächt sich das nicht eines Tages bitter für die Russen...