Das Volk verhungert, doch sein Herrscher prasst: Kim Jong Il, Nordkoreas Diktator, führt abgeschottet vom landesweiten Elend ein exzentrisches Luxusleben. Wer gegen den marxistischen Despoten rebelliert, wird beseitigt – oder riskiert lieber die Flucht.
Als gottähnlicher Herrscher von Nordkorea hatte sich Kim Il Sung in einem halben Jahrhundert nicht wenige Paläste gebaut. Sein Lieblings-Refugium lag jedoch in den frischen Kiefernwäldern der Berge von Mjohjang-San. Der Sommer kann heiß und feucht sein in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang, die einige Stunden Fahrt über die Ebene entfernt liegt, aber die Gebirgsluft ist kühl und trocken. An diesem Ort beschloss der große Führer, den Präsidenten von Südkorea, Kim Young Sam, zu empfangen.
Der Besuch sollte einen Wendepunkt in der Geschichte der koreanischen Halbinsel darstellen, die aufgrund des Atomwaffenprogramms des Nordens am Rande eines verheerenden Krieges stand. Sechs Wochen früher, am 1. Juni 1994, hatte Kim Il Sung den ehemaligen amerikanischen Präsidenten
Jimmy Carter
auf seiner Yacht empfangen und sie hatten sich auf den Plan geeinigt, den Norden und den Süden zusammenzubringen und das bittere Erbe des Korea-Krieges zu beenden. (Anm. Dikigoros: Ein Glück für Korea, daß "Peanuts" damals schon nichts mehr zu sagen hatte :-)
Obgleich Kim 82 Jahre alt war, hatte Präsident Carter ihn bei guter Gesundheit angetroffen. Plötzlich jedoch, zwei Wochen bevor der südkoreanische Präsident kommen sollte, erlitt Kim Il Sung einen Herzinfarkt. Er wurde nicht ins Krankenhaus gebracht und starb am folgenden Tag, dem 8. Juli, um 14 Uhr. Die offiziellen Medien glaubten, dass sein Tod durch schwere psychische Belastung verursacht wurde und berichteten später, dass die Ärzte auf den unbefestigten Straßen nicht imstande waren, die abgelegene Villa rechtzeitig zu erreichen.
Als ein Land von 22 Millionen Menschen bereits zu trauern begann, verbreiteten sich Gerüchte, dass Kim Il Sungs Sohn und Erbe Kim Jong Il den Tod des Vaters verursacht hatte, um sich den Thron zu sichern und die Entspannungspolititk mit dem Süden zu sabotieren. Dies ist nicht die schlimmste Behauptung, die über Kim Jong Il von einigen jener 4000 Nordkoreaner verbreitet wird, die in den Süden geflohen sind, seitdem er oberster Herrscher seines Landes wurde. Zum ersten Mal ergibt sich ein klares Bild davon, wie Kim Jong Il, heute 62, aus dem Schatten trat, um nach der Macht zu greifen. Und seither, gegen alle Erwartungen, sein Land im eisernen Griff hält – trotz eines wirtschaftliches Zusammenbruchs, der Millionen von Leben gekostet hat.
Bis Kim Jong Il vor einigen Jahren damit anfing, sich mit fremden Staats-oberhäuptern zu treffen, hatte er nur einen einzigen kurzen Satz in der Öffentlichkeit geäußert, das war 1992. Er war bekannt als rätselhafte, zwielichtige Figur, ein Playboy und Trinker mit einem Hang zum Filmbusiness. Als die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright 2000 nach Pjöngjang reiste, um ihn zu treffen, wurde sie gewarnt, er sei ein extrem realitätsfremder Eremit, ein schwacher, vorsichtiger Mann, der unter seinem Stottern leide. Statt dessen fand sie einen charmanten, wenn auch exzentrischen Regenten vor, der ihr ganz vernünftig vorkam. (Anm. Dikigoros: Nun ja, was will man von einer jüdischen Marxistin schon erwarten?!?)
Die wachsende Anzahl von Exilanten in Seoul, die ihr Schweigen brechen, zeichnen jedoch ein höchst beunruhigendes Bild. Ihr Kim ist ein skrupelloser Charakter, ein schreckenerregender und unbarmherziger Politiker, der seinen Vater jahrzehntelang manipulierte und dessen Anhänger terrorisierte.Die Exilanten aufzuspüren ist nicht immer einfach: Manche sind völlig in ihr neues Leben in Südkorea eingetaucht und wollen die Vergangenheit vergessen. Viele sind krank vor Schuld, ihre Familien verlassen und manchmal gar ihre Liebsten geopfert zu haben, um zu entkommen. Was sie außerdem verbindet, ist eine hingebungsvolle Verehrung für Kim Il Sung und brennender Hass auf seinen Sohn.
„Er ist wahnsinnig. Niemand in unserer Geschichte ist je so grausam gewesen“, meint Lee Young-guk, der als Leibwächter für Kim Jong Il arbeitete. Lee, ein großer, ausladender Mann in einem blauen Anzug, greift unter den Kaffeetisch, um mir seine Schienbeine zu zeigen, die von einem Wulst blauer Narben bedeckt sind. In den elf Jahren, in denen er Dienst tat, hatte er jede Gelegenheit, den erstaunlichen Luxus in Augenschein zu nehmen, in dem Kim lebt. An dem Tag, als er in sein Elternhaus zurückkehrte, wo jedermann am langsamen Hungertod zu sterben schien, erlebte Lee einen Sinneswandel. Er entschied sich zur Flucht.
Von ihm stammt der einzige Augenzeugenbericht jener geheimnisvollen Ereignisse, die sich vor zehn Jahren in den Myonghyang-Bergen abspielten. Laut Lee passierte Folgendes: Als Kim Il Sung seinen Herzinfarkt erlitt, untersagte Kim Jong Il sämtlichem Personal, sogar seinen Ärzten, den Raum zu betreten. Später wurden fünf Hubschrauber aus Pjöngjang geschickt, um die Leiche zu bergen, aber auf dem Weg zurück stürzten jene beiden ab, in denen sich Kim Il Sungs Ärzte und der Rest seiner persönlichen Entourage befanden. Es gab keine Überlebenden. Alle weiteren in das Ereignis verwickelten Personen, einschließlich Kims oberster Sicherheitsbeamten, begingen einer nach dem anderen entweder Selbstmord oder verschwanden.
Die Geschichte ist unmöglich zu verifizieren, aber sie passt gut zu dem Bericht, der von einem anderen wichtigen Überläufer, Hwang Jang Yop, gegeben wird, der den Süden 1997 erreichte. Der damals 82-jährige Ideologe hatte seit den späten fünfziger Jahren eng mit Kim Il Sung zusammengearbeitet. Später, als Leiter der Kim Il Sung-Universität, hatte er als Kim Jong Ils Lehrer gedient. Er kannte die inneren Geheimnisse der herrschenden Elite besser als irgendwer sonst. Im ersten Interview, das er nach seinem Überlauf gab, berichtete Hwang, dass Kim senior seinen Herzanfall inmitten einer lautstarken Auseinandersetzung mit seinem Sohn erlitten hatte, der sich den Anweisungen des Vaters widersetzte, eine Million jubelnder Menschen zu organisieren, die den südkoreanischen Präsidenten begrüßen sollten. Noch ein Jahr vor seinem Tode hatte Kim Il Sung seinen Bruder Kim Joung-yu gebeten, seine Nachfolge anzutreten und somit anstelle von Kim Jong Il die Leitung des Landes zu übernehmen. Fast sah es so aus, als ob Kim Jong Il nach zwanzig Jahren Kronprinzendasein den Thron nie übernehmen würde.
An Südkoreas Vereinigungsinstitut zögert Park Young-ho, einer der ranghöchsten Nordkorea-Beobachter, solche Berichte zu bestätigen – doch hält er es für glaubhaft, dass sich Vater und Sohn über eine Menge Themen nicht einig waren. „Kim Jong Il hatte seinen Vater über den wahren Zustand der Wirtschaft jahrelang belogen, und als sein Vater das herausfand, überwarfen sie sich“, so Park. Der Vater wollte genau wie China Reformen einführen und eine „Engagement-Politik“ verfolgen, doch Kim Jong Il war strikt dagegen. Er fürchtete, mit den Reformen würde er genauso enden wie die Freunde der Familie Ceaucescu in Rumänien, die 1989 gestürzt und hingerichtet worden waren.
Als Kim Il Sung 1972 60 wurde, entschied er sich, einen Erben zu ernennen. Sein Bruder Kim Joung-yu wäre als Nächster an der Reihe gewesen, aber er wählte Kim Jong Il und erschuf so die erste marxistisch-leninistische Dynastie der Geschichte. Kim Jong Ils damalige Pflichten bestanden darin, Hunderte von Berichten zu sortieren, die aus sämtlichen Abteilungen der Bürokratie eingingen. Wie der Hauptmandarin eines chinesischen Kaisers musste er alles bis 4 Uhr früh zur Morgenaudienz seines Vaters fertig haben.
Kim Jong Il begann früh, sich mehr und mehr Macht zu verschaffen. Bald betrachtete er sich als gleichrangig mit seinem Vater, obgleich er Acht gab, es nie zu zeigen. „Als ich ihn zufällig mit seinem Vater telefonieren hörte, wurde er so unterwürfig, wie man sich nur vorstellen kann und hat nur die respektvollsten Anreden benutzt“, erinnert sich Lee Young-Guk, „aber hinter seinem Rücken machte er, was er wollte.“ Bereits in den siebziger Jahren brachte Kim Jong Il den Sicherheitsapparat, die Parteibürokratie, und das Militär unter seine persönliche Kontrolle, indem er eine Reihe von Säuberungsaktionen einleitete. Er vernichtete jeden, den er verdächtigte, sich seiner Nachfolge zu widersetzen. Er verdreifachte die Geheimpolizei, reorganisierte sie und benannte sie um in K.G.B. oder Kukgabowibu. Und er baute neue Arbeitslager, um der Arbeiterpartei Gehorsam aufzuzwingen.
Ahn Myong-chol, ein weiterer Exilant, der in Südkorea lebt, verbrachte ein Jahrzehnt als Wachmann in verschiedenen Lagern, nachdem er die Schule verlassen hatte. Heute arbeitet er in Seoul als Kreditsachbearbeiter. Ahn erinnert sich noch an den Schock, der ihn durchfuhr, als er an seinem ersten Tag als Wachmann das Lager 222 betrat und seine Gefangenen erblickte: merkwürdige, zwergenähnliche Geschöpfe, in schmutzige Lumpen gehüllt. „Im Durchschnitt waren sie vielleicht ein Meter fünfzig groß – wandelnde Skelette, nur Haut und Knochen“, erzählt er. „Ihre Gesichter waren von Schnitten und Narben bedeckt – Spuren von Schlägen. Die meisten hatten keine Ohren mehr; die waren durch Schläge abgerissen worden. Viele hatten verwachsene Nasen, ein Auge verloren oder eines, das inwendig verdreht worden war.“
Nur wenige Gefangene wurden über 50 Jahre alt. Den Wachen wurde eingetrichtert, sie nicht als menschliche Wesen zu betrachten. Gefangene wurden beiläufig für die geringfügigsten Vergehen hingerichtet, oft auf grauenhafteste Weise: lebendig begraben, hinten an Jeeps zu Tode geschleift, gehängt, erschossen, erwürgt, lebendig verbrannt. Nur wenige Gefangene sind den Lagern lebendig entkommen. Die meisten haben sich in Minen zu Tode geschuftet oder bekamen lebensgefährliche Jobs – geheime Tunnel für das Militär zu bauen oder als Versuchskaninchen chemische Waffen zu prüfen. „Jeder, der der Illoyalität verdächtigt wurde, endete in den Lagern“, sagt Ahn. Schon Kim Il Sung hatte reihenweise Konkurrenten ausgelöscht, doch sein Sohn verdoppelte die Zahl politischer Gefangener und machte die Strafkolonien zu Todeslagern.
Ein anderer Überläufer erzählt, wie wütend er auf Kim junior wurde, als er entdeckte, dass dieser seinen Vater im Glauben gelassen hatte, dass im Land ein Lebensmittel-Überschuss herrsche und die Südkoreaner nur darauf warteten, durch die Kim-Dynastie befreit zu werden. Lee Min-bok, ein ernsthafter Mittvierziger, war Agrarwissenschaftler und verbrachte in den achtziger Jahren sechs Jahre damit, neue Wege auszutüfteln, der sinkenden Nahrungsmittelproduktion Nordkoreas entgegenzuwirken. Nahrungsmittelrationen wurden normalerweise zweimal im Monat ausgegeben, aber 1980 brach das staatliche Versorgungssystem zum ersten Mal zusammen. Zuerst wurde einen ganzen Monat lang nichts ausgeteilt, dann zwei. Mitte der Achtziger begannen die Ernten weiter zu sinken und dem Land fehlten jährlich Millionen Tonnen Getreide. Es war 1988, auf einer Reise in den Nordosten, sagt Lee Min-bok, als er zum ersten Mal Menschen sah, die den Hungertod starben. Er fand schließlich heraus, dass Kim Jong Il seinem Vater erklärt hatte, dass das Land 1982 eine Rekordernte von 15 Millionen Tonnen eingefahren hatte, wobei die tatsächliche Menge nur die Hälfte betrug. „Jeder konnte dem großen Führer gefallen, alles, was man tun musste, war lügen“, so Lee. „Was taten die Leute also? Sie betrogen, indem sie falsche Berichte lieferten.“
1990 kollabierte das öffentliche Lebensmittelverteilungssystem endgültig. Angestellte von Staatsbetrieben und die Arbeiter in den Kleinstädten begannen in großer Zahl zu sterben. Bis in die frühen Neunziger hatte die Hungersnot ungefähr drei Millionen Tote und mehrere Millionen Unterernährte für immer kleinwüchsig zurückgelassen. Doch Nordkorea bat nicht offiziell um Lebensmittelhilfe, bis 1995 nicht, ein Jahr nach Kim Il Sungs Tod. Da war es für viele bereits zu spät.
Laut Lee Young-Guk, seinem ehemaligen Leibwächter, stieg Kim Jong Ils Extravaganz in dem Maße, in dem sein Land in die Armut abrutschte. An seinem ersten Tag als Leibwächter, 1979, kam Lee in einem Palast in der Nakwon Grafschaft in der südlichen Hamkyong-Provinz an und fand den speckigen Kim an Bord eines motorisierten Surfbrettes beim Wellenreiten in seinem Privathallenbad mit eigener Wellenmaschine. Kim, sagt Lee, lässt sich auf all seinen Reisen von drei jungen Frauen begleiten, die als Krankenschwestern, Sekretärinnen und Eskorte dienen und alle sechs Monate ausgetauscht werden. „Für ihn gibt es keine Grenzen, was er tun kann. In Südkorea gibt es reiche Männer, aber ich habe hier nie irgendwas gesehen, was sich mit dem, was Kim besitzt, messen könnte.“
Wie ein marxistischer Sonnenkönig hat Kim sich für sein Privatvergnügen mindestens zehn Paläste auf weitläufigen Grundstücken gebaut. Sie enthalten Golfplätze, Pferdeställe, Garagen voller Motorräder und Luxuswagen, Schießstände, Swimmingpools, Kinos, Vergnügungsparks und Jagdreviere, die von Rotwild und Enten nur so wimmeln. Das Palastgebiet ist mit einer persönlichen Entourage von circa 2000 Ärzten, Krankenschwestern, Köchen, Hausmädchen, Gärtnern, Masseusen, Tänzerinnen und Leibwächtern ausgestattet. Während er seine gesamte Bevölkerung praktisch vom Rest der Zivilisation abgeschottet hat, genießt Kim begeistert das Beste, was die Welt zu bieten hat. Seine Kinder werden in den feinsten Schweizer Privatschulen erzogen. Er besitzt ein Landhaus in Genf und ein persönliches Vermögen – angeblich in Milliardenhöhe – auf einer Schweizer Privatbank. Auch für ärztliche Behandlungen reist seine Familie gerne in die Schweiz.
Essen ist eine von Kims großen Leidenschaften, und er hat Jahre damit verbracht, einen Sinn für jede Art von Delikatesse zu entwickeln. Ein japanischer Sushikoch, der kürzlich für ihn arbeitete, schrieb unter dem Pseudonym Kenji Fujimoto ein Buch. Dort beschreibt er, wie er in den Iran und nach Usbekistan reiste, um Kaviar zu kaufen, für Melonen und Trauben nach China, für Papayas nach Thailand und Malaysia, für Pilsner Bier nach Tschechien, für Speck nach Dänemark wie des Öfteren nach Japan – für Thunfisch und weiteren frischen Fisch.
Kim hält sich bereits für einen Weltklasse-Gourmet, doch ist er stets darauf bedacht, seinen kulinarischen Horizont zu erweitern. 1999 – als sich bereits ein Drittel der Bevölkerung Nordkoreas von internationalen Hilfsgütern ernährte – wurde der italienische Koch Ermanno Furlani eingeladen, Kims Koch in italienischer Küche zu unterweisen. Kurze Zeit später fand er sich in einem Palast an der Küste wieder, der durch Batterien von Flak-Geschützen gesichert war. Berühmte Köche aus aller Welt seien hier bereits zu Gast gewesen, erklärten ihm seine lächelnden Gastgeber, während sie ihm drei komplett eingerichtete Küchen und eine Bibliothek mit Tausenden von Rezepten zeigten.
Sex ist ein weiterer Bereich, in dem Kim keine Unkosten gescheut hat, um seinen Appetit zu stillen. In den frühen Achtzigern initiierte er das Projekt „Garantie der Langlebigkeit des großen Führers und des geliebten Führers“, das der Arbeiterpartei die „heilige Pflicht“ eintrug, ungefähr 2000 Mädchen einzuziehen und auszubilden, die Teil einer „Lustgruppe“ werden sollten. Jede Gruppe bestand aus einem „Zufriedenheits-Team“ für sexuelle Dienstleistungen, einem „Glücks-Team“, das Massagen zu geben hatte, und einem dritten Team, das Gesang- und Tanzeinlagen vorführte.
O Yong-hui, eine schlanke, zierliche Frau mit blassem Porzellanteint und Mandelaugen, ist eine von Kims ehemaligen Tänzerinnen und wohnt heute in Seoul. Die 33-Jährige begann als professionelle Turnerin, bevor sie eingezogen wurde, um in einer der vier – rein weiblichen – Tanzgruppen Kims zu arbeiten. „Für andere Zwecke war ich nicht schön genug, und dann fing ich an, pummelig zu werden“, erzählt sie. Wie jeder andere Neuankömmling bei Hofe musste sie jeden Kontakt mit der Außenwelt abbrechen. Erst als sie fünf Jahre später wieder heimkehrte, sah sie, dass ihre Familie in tiefster Armut hauste, während sie selbst in Saus und Braus gelebt hatte. O sagt, dass sie handgemachte italienische Schuhe und Designerkleidung von Yamamoto, Kenzo und Mori trug. Am Handgelenk hatte sie eine Omega-Uhr, in die Kim Jong Ils Name eingraviert war. Die Schweizer Handelsstatistiken zeigen, dass Nordkorea allein 1998 für 2,6 Millionen Dollar Omega-Uhren importierte. O kann nicht bestätigen, dass an Kims regelmäßigen Wochenend-Partys auch Orgien stattgefunden haben sollen. Sie sagt, dass sie nie zum Sex gezwungen wurde, doch sowohl Ex-Koch Fujimoto als auch Lee, der Leibwächter, berichten, halbnackte Mädchen auf diesen Partys gesehen zu haben. „Viele der Mädchen um Kim sind nicht unbedingt für Sex da“, sagt O. „Sie sind eher wie Hofdamen am Königshof. Kim würde sein Gesicht verlieren, wenn er mit gewöhnlichen Mädchen schliefe.“
Kim mochte es, Freitag- oder Samstagnacht Partys zu feiern, und wer nicht mehr in seiner Gunst stand, merkte das daran, wenn er nicht mehr eingeladen wurde. Er war ein starker Trinker, doch auf Anordnung seines Arztes hörte er mit dem harten Alkohol auf. In seiner Jugend hatte Kim angeblich mit einer Alkohol- oder Drogensucht zu kämpfen, und Lee Young-guk berichtet, dass er sich in Alkoholexzesse stürzen konnte, die sich manchmal über Tage hinzogen. Noch heute trinkt er täglich eine halbe Flasche guten Rotwein, vorzugsweise alten Bordeaux oder Burgunder. In seiner weitläufigen Residenz in Pjöngjang hat er einen Weinkeller mit 10.000 Flaschen – laut Lee beginnt er manchmal seinen Tag, indem er ein paar davon probiert.
Seine wechselnden Stimmungen, häufig durch den Alkoholkonsum verstärkt, versetzten sein Personal in einen Zustand konstanter Furcht. „Man kann ihn nicht wirklich einen Freak nennen, aber er spricht sehr schnell, das ist erschreckend“, sagt O. Wie ein manisch Depressiver wechselt er zwischen Höhen und Tiefen. Ab und zu überrascht Kim sein Personal mit Ausbrüchen von Großzügigkeit, wirft zum Beispiel einem Diener den Autoschlüssel eines Mercedes in den Schoß und sagt: „Nimm ihn dir.“ Letzten Endes jedoch blieben diese Autos, die alle das Nummernschild 2:16 tragen (nach dem 16. Februar, Kims Geburtstag), stets in seinem Besitz, genau wie das Personal selbst.
Lee Young-guk erzählt die Geschichte, wie Kim 1984 einen Diener namens No Myung-Gun bestrafte. Eines Tages nahm der 68-jährige Diener, der Kim seit seiner Kindheit umsorgt hatte, im Palast einen Aufzug, den nur der geliebte Führer benutzen durfte. Kim betrat ihn kurz danach, geriet bei der Entdeckung von Zigarettenrauch in Raserei und beschuldigte den Diener des Diebstahls aus seiner höchstpersönlichen Zigarettenschachtel, die er im Lift aufbewahrte. No und seine gesamte Familie wurden zur Arbeit in die Kohlenminen geschickt, wo die anderen Gefangenen ihn zu Tode steinigten, nachdem sie entdeckt hatten, dass er Kims Diener war. Als Kim davon erfuhr, ließ er sämtliche Bergleute erschießen.
Neben solcher Grausamkeit hat Kim Jong Il auch eine romantische Seite. Er verliebte sich in eine Menge Frauen und hatte damit zu kämpfen, seine oft unpassende Wahl vor seinem Vater zu verheimlichen. Während Kim Il Sung immer eine Art „Recht der ersten Nacht“ ausgeübt hatte, indem er hübsche Mädchen, die er zufällig auf der Straße erblickte, in sein Bett befahl, forderte Kim Jong Il die Unterwerfung einer Reihe von Frauen, die bereits verheiratet oder Töchter von hohen Beamten waren. Kim Jong Il heiratete zuerst Hong II-chon, eine Mitstudentin an der Kim Il Sung-Universität, sie ließen sich jedoch 1973 scheiden, als klar wurde, dass er den Thron übernehmen würde – möglicherweise, weil sie keine Kinder bekam. In jenem Jahr arrangierte sein Vater die Vermählung mit Kim Young-sook, einer Typistin und Generalstochter, aber sie gebar ihm nur eine Tochter und keinen männlichen Erben. Darauf verliebte sich Kim Jong Il leidenschaftlich in Sung Hae-rim, eine bezaubernde, doch leider verheiratete Schauspielerin, sechs Jahre älter als er. Alles über diese Affäre, einschließlich ihrer Kinder, wurde vor seinem Vater und seiner Stiefmutter geheim gehalten, aus Furcht davor, seine Nachfolge zu gefährden. Insgesamt hat Kim mindestens neun illegitime Kinder mit verschiedenen Geliebten, darunter viele Schauspielerinnen und Sängerinnen.
Heute heißt sein wichtigstes Verhältnis Ko Yong-hee, die seine Aufmerksamkeit als Tänzerin des Mansudae-Kunsttheaters erregte. Die Tochter von Koreanern, die in den sechziger Jahren aus Japan zurückkehrten, angelockt von der Fantasie eines sozialistischen Paradieses, hat zwei Söhne und eine Tochter geboren und tritt häufig als Gastgeberin bei Kims Partys auf. Manche glauben, dass ihr ältester Sohn Kim Jong-chul vermutlich der künftige Erbe wird, und damit Kim Jong Nam ersetzt, den ältesten Sohn der Sung Hae-rim. Kim Jong-chul, geboren 1981, studierte in der Schweiz, wo er sich als Sohn eines Fahrers und einer Putzfrau an der Nordkoreanischen Botschaft ausgab.
In der Nähe von Seouls prestigeträchtiger „Ewha Women’s University“ treffe ich Choi Jin-I, Dichterin und Frau eines Atomwissenschaftlers. Nach ihrem Fluchtversuch aus Nordkorea wurde sie zur Hochzeit mit einem chinesischen Kleinbauern gezwungen, doch sie entkam und ging 1998 zurück in ihr Land, um ihren Ehemann und die Tochter zu holen. Ende 1999 schaffte sie es wieder heraus, aber lediglich mit der Tochter. Sie hatte Dramatisches darüber zu berichten, wie sich Nordkorea nach dem Tod des Vaters gegen Kim Jong Il gewandt hatte – doch nur wenige Südkoreaner waren bereit, Choi zu glauben, als sie erzählte, dass das nordkoreanische Volk, während seine Soldaten, Arbeiter und Bauern starben, tatsächlich eine Revolte versucht hatte. Anti-Kim-Graffitis erschienen auf Eisenbahnwaggons und Telefonmasten, an Brücken und Fabrikwänden. Flugblätter, die den Sturz der Kim-Dynastie verlangen, zirkulierten in Pjöngjang. „Die Hungersnot hat die Einstellung verändert“, sagt sie.
Chois Augenzeugenbericht und weitere, ähnliche Meldungen scheinen die hartnäckigen Gerüchte von Umsturzversuchen zu bestätigen. Nachdem Kim Jong Il 1992 offiziell Oberbefehlshaber der Armee wurde, befahl er angeblich die Exekution Dutzender ranghoher Offiziere, die zum Training in der Sowjetunion gewesen waren. Am 22. April 1993 zettelte eine militärische Einheit in der Grenzstadt Sinuiju einen Aufstand an, wurde aber schnell umzingelt und besiegt. Die Teilnehmer wurden zum Tode verurteilt. Die Aktion fand zur gleichen Zeit wie die Arbeiteraufstände statt, bei denen gegen die Nahrungsmittelknappheit protestiert wurde.
1994 nahm die Geheimpolizei zehn Offiziere an Hanggons Offiziersschule fest und verbrannte sie auf einem Scheiterhaufen gleich auf dem Schulgelände, nachdem man einen Plan enthüllt hatte, Kim Jong Il zu ermorden. Offiziere einer militärischen Einheit des Nordostens wurden 1995 dabei erwischt, einen weiteren Coup zu planen, seither gibt es Berichte vieler ähnlicher lokaler Ereignisse – angeblich hat Kim 1998 und 2003 zwei Attentatsversuche überstanden.
Dank der Loyalität der militärischen Elite hat Kim bislang überlebt. Laut Lee Young-guk wird er vom Sicherheitskommando, einer Eliteeinheit von etwa 100.000 Mann beschützt – mächtig genug, jeden Militärputsch im Keim zu ersticken. Innerhalb Pjöngjangs bewegt er sich nun unsichtbar mithilfe einer Reihe von Tunneln, die alle Regierungsgebäude verbinden. Die herrschende Klasse besitzt eine Art verbotene Stadt, mit zehn Wohnbezirken und einem Palast, der für Kim reserviert ist. In den Neunzigern fing Kim damit an, die politische Elite intensiv zu überwachen. Ihren Mitgliedern war das Reisen, sogar das Treffen miteinander untersagt, sofern sie nicht vorher seine Sekretäre informierten.
Genau wie Kim die Armee mit häufigen Säuberungsaktionen unter Kontrolle hält, tyrannisiert er die Bevölkerung mit ständigen Hinrichtungen. Die Morde hörten nach Kim Il Sungs Tod ungefähr einen Monat lang auf, aber dann verbreitete Kim, dass er „wieder den Klang von Schüssen zu hören wünsche“. Landauf, landab fanden öffentliche Massen-Hinrichtungen statt, Männer und Frauen, die des Nahrungsdiebstahls oder des verbotenen Privathandels bezichtigt waren, wurden erdrosselt, verbrannt oder erschossen. Die Anwesenheit bei den Hinrichtungen war allgemein vorgeschrieben. Verwandte der Opfer wurden gezwungen, die Feuer zu unterhalten und ihre Angehörigen sterben zu sehen.
Ein Paar, das ich traf, war Zeuge des Höhepunkts der Terrorkampagne in ihrer Heimatstadt Songrim. Chung Chun-min und Kim Bok-sun sind ehemalige Stahlarbeiter, die vor drei Jahren nach Südkorea flohen. Sie erzählen mir, wie sie im Februar 1998 in der Morgendämmerung vom Rumpeln der Panzer in den Straßen erwachten und nach draußen stürzten: „Alle Ein- und Ausfallstraßen waren blockiert“, fügt Kim Bok-Sonne hinzu. „150 Panzer habe ich gezählt.“ Die Hwanghae Eisen- und Stahl-Fabrik beschäftigte einst 18.000 von 120.000 Bewohnern der Stadt und erzeugte ein Viertel der nationalen jährlichen Stahlproduktion von sechs Millionen Tonnen. Das Paar sagt, dass die Produktion 1994 stoppte, nachdem die Koks-Importe aus China aufhörten und die einheimischen Kohlelieferungen versiegten. „Als der Ofen erlosch, trauten die Manager sich nicht, dem Zentralkomitee Bericht zu erstatten“, sagt Chung. „Sie befürchteten, bestraft zu werden und ihre Nahrungsmittelrationen zu verlieren. Ungefähr 200 Leute in der Stadt waren bereits verhungert.“ Zwei Wochen, bevor die Panzer kamen, hatte Kim seine Schwester Kim Kyong-hee nach Songrim geschickt, um eine Untersuchungskommision zu leiten. Sie kam in einem Bus mit Dutzenden von Offizieren der Geheimpolizei, die schnell herausfanden, dass das Stahlwerk nicht in Betrieb war. Sie entdeckten auch, dass das Management mit China Tauschhandel getrieben und Metalle für Mais erhalten hatte. Kurze Zeit später wurden 20 Leute erschossen, mehr als 200 in Lager geschickt. „Sie wollten einfach Leute erschießen, um Angst und Schrecken zu verbreiten und klarzustellen, dass keine Änderungen zu erwarten sind“, so Chung. Ähnlich hartes Durchgreifen fand in anderen Städten statt. Das Muster war immer dasselbe. In der Grenzstadt Hysean wurden 19 Leute erschossen und Hunderte in Lager geschickt.
Wie alle anderen Exilanten sind Chung und Kim überzeugt, dass Kim Jong Il zwar unter Druck Zugeständnisse machen mag – jeder Änderung jedoch solange widerstehen wird, wie er nur kann. „Er will alles so lassen, wie es ist, anstatt Reformen zu versuchen“, meint Kim. „Er glaubt, dass Reformen das Ende des Regimes bedeuten, und wenn sie erst beginnen, würden sie das Ende seiner Herrschaft und seines Lebens einläuten. Alles, was ihn interessiert, ist, sein Regime zu erhalten.“ Nachdem ich Chung und Kim verlassen habe, schlendere ich durch die neonbeleuchteten Gassen im Zentrum von Seoul, vorbei an Gaststätten voller junger Leute. Viele der Flüchtlinge, die ich getroffen habe, haben sich bitterlich beschwert, dass die Südkoreaner ihre Geschichten nicht hören wollen und dass die, die zuhören, nicht glauben, was sie hören. Hier in Seoul erscheint es geradezu unmöglich, dass eine Welt von solcher Dunkelheit und Verzweiflung gerade einmal 56 Kilometer entfernt direkt hinter der Grenze existieren könnte – aber sie tut es. Ein ähnlicher Mangel an Vorstellungskraft scheint die internationale Gemeinschaft befallen zu haben, die fortfährt, Kim Jong Il als potenziell angemessenen Verhandlungspartner darzustellen. Kims wahrscheinlicher Besitz von Massenvernichtungswaffen mag der Welt keine andere Wahl lassen als sich mit ihm an den Verhandlungstisch zu setzen. Doch die ausländischen Diplomaten sollten sich keinen Illusionen darüber hingeben, mit wem sie da reden.
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