KÖNIG KARL UND SEINE KRIEGER

Schwedens umstrittener Herrscher findet keinen Frieden

von ALDO KEEL (NZZ Online, 01.10.2005)

(nebst einer Nachbemerkung von N. Dikigoros)

Dass die Geschichte Schwedens die Geschichte seiner Könige sei, verkündete der romantische Dichter Erik Gustaf Geijer. Gustaf II. Adolf, der «Löwe aus Mitternacht», zeichnete sich im Dreissigjährigen Krieg als «Retter des Protestantismus» aus. In ganz Europa waren die schwedischen Soldaten gefürchtet. «Sie tobten wie die Schweden», ist im Tschechischen noch heute eine stehende Wendung. Der umstrittenste aller Herrscher war Karl XII., der davon träumte, dem Zaren in Moskau einen Frieden zu diktieren, doch 1709 bei Poltawa von Peter dem Grossen geschlagen wurde und die Grossmachtstellung verspielte. Den einen gilt er als Heldenkönig, den anderen als politischer Abenteurer.

In seinem soeben veröffentlichten Roman «Carolus Rex» schildert ihn der Schriftsteller Ernst Brunner als blutrünstigen Despoten, als Pol Pot des 17. Jahrhunderts, der den Tod von 400.000 Menschen auf dem Gewissen habe. Brunner schont seine Leser nicht: Der Unterleib einer Frau wird mit Sprengstoff gefüllt und angezündet. Schon vor Erscheinen des Buches wurde der Sohn österreichischer Einwanderer von Rechtsradikalen belästigt, deren Idol der König ist. An Karls Todestag pflegen sie sich vor seiner Statue in Stockholm mit Autonomen zu prügeln.

Kultfigur oder Zerstörer?

Brunners Roman wird als Revision des Heldenbildes verkauft. Dabei war Karl unter Fachhistorikern schon immer eine umstrittene Gestalt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde er jedoch zur nationalen Kultfigur stilisiert. Der Historiker und Politiker Harald Hjärne sah in ihm den Beschützer der westlichen Zivilisation und verknüpfte die wirtschaftlichen Erfolge der Jahrhundertwende mit der kriegerischen Grossmachtpolitik. Der spätere Nobelpreisträger Verner von Heidenstam glorifizierte Karl und sein treues, opferbereites Volk, das in der Erniedrigung innere Grösse zeigte, im Novellenzyklus «Die Karoliner».

Als 1910 ein «Karolinischer Bund» gegrĂĽndet wurde, zu dessen Promotoren Heidenstam und der Entdeckungsreisende Sven Hedin gehörten, verlor August Strindberg die Fassung. Unter dem Titel «Pharaonen-Kult» zettelte er eine der heftigsten Pressefehden an, die Schweden je erlebt hatte. FĂĽr ihn war Karl «ein Schuft», der sein Land, «als er dasselbe verarmt hatte», feige aufgab, «ein Mann des UnglĂĽcks, der Mitleid verdient», der «Zerstörer», den nur «VerrĂĽckte und Interessierte vergöttern». Strindberg stellte alles in Frage, was dem offiziellen Schweden wichtig war: die Monarchie, den Nobelpreis, die Abwehrbereitschaft gegen Russland, ja sogar das Militärbudget. Im Zarenreich sah er ein Bollwerk gegen die asiatische Barbarei, während er gleichzeitig für Schweden ein neues, unmonarchisches Geschichtsbewusstsein propagierte und zur Galionsfigur der Sozialdemokratie wurde.

Fehde um Strindberg

Der Zank um König Karl entwickelte sich rasch zu einer Fehde um König Strindberg. «Wie der Schakal», spottete Sven Hedin, «gibt er Leichen den Vorzug, nimmt aber auch Lebendige, wenn sie nicht beissen. Ja, es ist schade um ihn. Man geht an seiner Wohnung hier in Stockholm mit einem Gefühl vorüber, als sei es ein Trauerhaus, in dem die Totenbahre schon aufgeschlagen ist.» Strindberg hatte auf den Nobelpreis gehofft. Als mit Selma Lagerlöf eine Schwedin den Preis erhielt, haderte er mit Gott. Er verteidigte «seine Stellung in der schwedischen Literatur», indem er etwa ein Gedicht Heidenstams zerpflückte. «Inhalt fehlt, poetische Form fehlt, und folglich ist das Schund. Wer bewundert diesen Schund? Diejenigen, die hoffen, im Gegenzug bewundert zu werden (Syndikatsidee).» Hierauf Heidenstam: «Er spielt mit Weltanschauungen, wie Kinder mit heiligen Gefässen spielen, und glaubt währenddessen, mit Gott zu ringen.»

Strindberg, den Widersacher als «Vollblutbarbaren» titulierten, schrieb über König Karl auch ein Theaterstück. Er lässt den Monarchen im letzten Akt sterben, verzweifelt, von allen verlassen und von jener geheimnisvollen Kugel getroffen, die gemäss einem französischen Zeitgenossen mit einem Laut ins Gehirn drang, als würde ein Stein in einen Sumpf plumpsen. Bis heute ist Karls Tod geheimnisumwittert. Kluge Köpfe streiten noch immer darüber, ob der König von einem Feind erschossen oder von eigenen Leuten gemeuchelt wurde. Nachdem vor sieben Jahren zwei dänische Forscher zum Schluss gelangt sind, Karl sei aus kurzer Distanz durch eine schwedische Waffe getötet worden, behauptet jetzt der schwedische Amateurhistoriker Peter From nach ballistischen Untersuchungen, der «Heldenkönig» sei der Kugel eines Feindes erlegen. Wie dem auch sei - der Schriftsteller Ernst Brunner, der mit seinem in einer Startauflage von 50.000 Exemplaren erschienenen Roman neues Leben in die Debatte brachte, ist überzeugt: «Mein Buch hätte Karl XII. gefallen.»


Nachbemerkung

Es ist schon merkwürdig, daß man - nicht nur in Schweden - einerseits Karl XII demontiert, andererseits aber daran festhält, in Gustav II Adolf (der übrigens auch von seinen eigenen Leuten getötet wurde, bevor er die Schlacht von Lützen ganz verlieren konnte, aber das ist eine andere Geschichte) einen großen Politiker und Feldherrn zu sehen. Er war keines von beidem; und wenn man es genauer betrachtet, legte er bereits den Keim zum Untergang Schwedens im "Nordischen Krieg" unter Karl XII. Was sollte die närrische Intervention im "Dreißigjährigen Krieg", die Schweden einen ungeheuren Blutzoll abverlangte und seine Finanzen ruinierte? Wofür das alles? Für das bettelarme Pommern und noch ein paar mehr oder weniger wertlose Ecken, die er aus Deutschland heraus brach? Für die so genannte "Ostseeherrschaft"? Was war die denn noch wert, nachdem Amerika entdeckt war - und auch der echte Seeweg nach Indien? Fast nichts, denn mit gesalzenen Heringen und Rohholz konnte man bald keinen Blumentopf mehr gewinnen. Karl XII dagegen hatte wenigstens ein sinnvolles politisches Ziel: Er wollte die Vorherrschaft über Ostmitteleuropa wieder gewinnen, die einst die Waräger inne gehabt hatten, als sie Rußland gründeten, das Land der Rūs, denn er hatte richtig erkannt, daß das Tsarenreich - allen Bemühungen Peters des Großen zum Trotz - auf lange Sicht kein "Bollwerk gegen die asiatische Barbarei" sein würde, wie Strindberg meinte, sondern vielmehr ein Teil derselben, und daß damals die für lange Zeit letzte Möglichkeit bestanden hätte, es nieder zu werfen (und nieder zu halten). Allerdings verpfuschte Karl XII dieses Unternehmen genauso, wie es nach ihm Napoléon und Hitler verpfuschen sollten - und die Parallelen speziell zu letzterem sind fürwahr erschreckend, von der schlechten diplomatischen Vorbereitung über den falschen Zeitpunkt bis zu den unzureichenden militärischen Mitteln.

Aber das ist nicht der einzige Punkt, über den es in der heutigen Zeit zu sprechen gilt: Früher machte sich niemand einen Kopf wegen etwaiger Kriegsverbrechen der großen "Helden" der Geschichte - außer den Deutschen, versteht sich -, und deshalb kratzte es früher auch niemanden, ob irgendwann und -wo 400.000 Menschen umgekommen waren und warum. (Wobei Dikigoros diese Zahl für etwa so zuverlässig hält wie "6 Millionen".) Aber es sollte uns interessieren, denn da wird das Mißverhältnis zwischen dem braven Gustav Adolf und dem bösen Karl noch viel deutlicher: Gustav Adolf war ein Kriegsverbrecher allerersten Ranges, der in Mitteleuropa hauste wie niemand vor ihm (denn die Mongolen kamen im 13. Jahrhundert nur bis Schlesien) und bis Eisenhower niemand nach ihm. Was die Schweden trieben, war bewußter Völkermord an den nicht-protestantischen Deutschen, und es wäre ihnen auch fast gelungen - am Ende des "Dreißigjährigen Krieges" hatte Deutschland etwa ein Drittel seiner Bevölkerung (über die Hälfte der katholischen) verloren, und das meiste davon ging auf das Konto der Schweden. Wohlgemerkt nicht durch Kampfhandlungen - die waren für nicht einmal 10% der Verluste ursächlich -, sondern durch grausame Ausrottung der Zivilbevölkerung (kaum jemand wurde einfach nur erschlagen; die Schweden pflegten ihre Opfer langsam und genüßlich zu Tode zu foltern; und sie haben auch nicht die Ausrede, daß das vielleicht irgendwelche schlecht disziplinierte fremdländische Söldner gewesen seien, denn sie kämpften - als einzige Krieg führende Macht - allein mit eigenen Wehrpflichtigen) und die systematische Zerstörung ihrer Existenzgrundlagen ("verbrannte Erde" nannte man das später). Gustav Adolf hatte sicher ein Vielfaches an Opfern auf seinem gut-protestantischen Gewissen von dem, was Karl hätte haben müssen. Aber wie das so ist: Wenn Deutsche die Opfer sind, wirft man das besser nicht mit in die Waagschale, sonst macht man sich bei den politisch-korrekten Gutmenschen in aller Welt unbeliebt; also bleibt es dabei, daß Gustav Adolf ein braver Mann war. Wenn die Opfer dagegen Russen sind, es also eine Parallele zu Hitler gibt (nein, nicht zu Napoléon - der hat auf seinem Rußlandfeldzug ja hauptsächlich deutsche Hilfstruppen verheizt, also war auch er ein braver Mann), dann ist er reif für das Etikett "Kriegsverbrecher". Pech für Karl XII, Glück für Brunner, der an seinem Roman bestimmt gut verdienen wird.


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