Joint Expeditionary Force: Unbeachtet von den Medien
baut Großbritannien eine "Nord-NATO" auf

von Thomas Röper (Anti-Spiegel, 30. Mai 2025)

Anmerkungen & ergänzende Links: Nikolas Dikigoros

In Nordeuropa ist ein von Großbritannien geleiteter, von der NATO unabhängiger Militärblock entstanden, von dem wohl nur wenige je gehört haben, der aber bei der Provozierung eines heißen Krieges gegen Russland eine wichtige Rolle spielen kann.

Ich habe vor knapp einer Woche in einem langen (und ganz vorzüglichen, Anm. Dikigoros) Artikel aufgezeigt, wie europäische Staaten die Eskalationsschritte gegen Russland erhöhen. Was ich dabei nicht beachtet hatte, war die sogenannte "Joint Expeditionary Force (JEF)", eine von Großbritannien gegründete und geleitete multinationale Expeditionstruppe und schnelle Eingreiftruppe, die de facto ein Militärblock Großbritanniens mit den nordeuropäischen Staaten ist.

Eine russische Expertin hat in einem Artikel für die TASS erklärt, was man darunter verstehen muss, wie die Verbindungen der JEF zur NATO sind und was das mit dem kommenden NATO-Gipfel zu tun hat. Da vieles in diesem Artikel auch für mich neu war, habe ich den Artikel übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Großbritanniens Nord-NATO: Wer ist für die Fortsetzung des Konflikts in der Ukraine?

Elena Ananjewa über den bevorstehenden NATO-Gipfel ohne die Ukraine, Londons Annäherung an Brüssel und die Ausweitung des Tätigkeitsbereichs der Joint Expeditionary Force

NATO-Generalsekretär Mark Rutte möchte, dass der NATO-Gipfel in Den Haag, der für den 24. und 25. Juni geplant ist, sachlich und kurz ist, berichtet die New York Times. Was die produktive Seite betrifft, so geht es eindeutig um die von Donald Trump geforderte Anhebung des Mindestbetrags der Militärausgaben auf 5% des BIP jedes Allianzlandes. Was die Kürze betrifft, so möchte Rutte Störungen des Gipfels vermeiden.

In diesem ganzen politischen und militaristischen modernen Spiel der NATO sollte man die Rolle der in Russland nicht so bekannten Joint Expeditionary Force und insbesondere Großbritanniens in Betracht ziehen.

Der NATO-Gipfel und eine neue Ära für London und Brüssel

Eine Störung des NATO-Gipfels ist aufgrund der offenen Spaltung über die Ukraine, des Konflikts zwischen dem US-Präsidenten und dem Chef des Kiewer Regimes Wladimir Selensky möglich. Auf dem Gipfel wird es keine Sitzung des NATO-Ukraine-Rates geben. Und Trump lehnt zum jetzigen Zeitpunkt eine Mitgliedschaft der Ukraine in der Organisation ab.

Das Problem, vor dem die NATO steht, ist jedoch tiefer als die persönliche Abneigung der Spitzenpolitiker der beiden Länder. Die USA wollen unter Trumps Präsidentschaft die Hauptverantwortung für die Verteidigung Europas abgeben, was für die europäischen Mitglieder der NATO eine Situation der Unsicherheit schafft.

Es wird gemunkelt, dass sich die Diskussion darauf beschränken wird, dass die Teilnehmer neue Parameter für die Ausgaben genehmigen werden, die es den europäischen Verbündeten mit der Zeit ermöglichen könnten, die USA als Hauptgarant für ihre eigene konventionelle Verteidigung abzulösen. Dabei sollte man auch an das 800-Milliarden-Euro-Aufrüstungsprogramm für die EU-Mitgliedstaaten denken, das mit einem 150-Milliarden-Euro-Kredit zu Vorzugsbedingungen an Großbritannien verbunden ist. Letzteres wurde durch das "Abkommen über eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft" zwischen London und Brüssel ermöglicht, das am 19. Mai auf dem ersten EU-Gipfel mit Großbritannien nach dem Brexit geschlossen wurde. Laut Premierminister Keir Starmer hat eine neue Ära in den Beziehungen zwischen London und Brüssel begonnen, und Großbritannien sei „zurück auf der Weltbühne“.

Britain's but a walking shadow, a poor player,
that struts and frets its hour upon the stage,
and then is heard no more
It is a tale, told by an idiot [Starmer],
full of sound and fury, signifying nothing.
(Dikigoros, frei nach Shakespeare :-)

Ob Trump die Unterstützung der Ukraine aufgeben wird, ob er die Bemühungen um einen Waffenstillstand und eine Normalisierung der Beziehungen zu Russland abbrechen wird, ob er die US-Truppen aus Europa abziehen wird, ob er die Beschränkungen für die Reichweite von Waffen, die an die Ukraine geliefert werden, aufheben wird - bei der Impulsivität des amerikanischen Präsidenten ist das schwer vorherzusagen.

Auf jeden Fall gibt die „Koalition der Willigen“ ihre Absicht nicht auf, die USA in eine aktive Konfrontation mit Russland zu verwickeln, auch wenn die Verhandlungen über die transatlantische Koordinierung gemeinsamer Maßnahmen zur Bekämpfung der Umgehung der Sanktionen gegen Russland derzeit gescheitert sind. So lehnte es US-Finanzminister Scott Bessent ab, eine Formulierung zur Senkung der Preisobergrenze für russisches Öl in das Abschlusskommuniqué des Treffens der Finanzminister und Zentralbankchefs der G7 am 27. Mai in Kanada aufzunehmen. Darüber hinaus verkündete Trump 50-prozentige Zölle auf Waren aus der EU, verschob deren Einführung jedoch nach einem Gespräch mit der Präsidentin der EU-Kommission Ursula von der Leyen auf den 9. Juli.

Die Joint Expeditionary Force

Für den Fall, dass die „Koalition der Willigen“ scheitert und die USA sich aus ihren Verpflichtungen in Europa zurückziehen, hat Großbritannien jedoch einen Plan B (neben den bilateralen Verteidigungsabkommen mit Frankreich und Deutschland), die Joint Expeditionary Force (JEF). Ich erinnere daran, dass Starmer auf Trumps Frage während des Besuchs des Premierministers im Weißen Haus am 27. Februar 2025, ob Großbritannien Russland allein gegenübertreten könne, nur lächelte. Großbritannien ist nicht in der Lage, allein Widerstand zu leisten, und hat auch nicht die Absicht dazu. (Anm. Dikigoros: Das wußte Trump natürlich auch; seine Frage war eine rein rhetorische!)

Im Jahr 2014 gründete Großbritannien auf dem NATO-Gipfel in Wales unter seiner Schirmherrschaft an der Nordflanke Europas ein Korps aus zehn Ländern: Dänemark, Estland, Island, Lettland, Litauen, Norwegen, den Niederlanden, Finnland und Schweden. Die beiden letztgenannten Länder traten der JEF bei, als sie noch neutral waren (und erst später, im April 2023 bzw. März 2024, traten sie der NATO bei). Die Besonderheit des Korps besteht darin, dass es einen Zusammenschluss von Ländern Nordeuropas und des Baltikums darstellt und in den Regionen des hohen Nordens, des Nordatlantiks und der Ostsee tätig sein soll.

Das erklärte Ziel ist es, die Verteidigungsfähigkeiten der Streitkräfte der Länder Nordeuropas und des Baltikums zu verbessern. Die britische Regierung bekundete ihr Interesse und beschrieb es als „eine Gruppe hochmobiler, anpassungsfähiger Streitkräfte, die die Fähigkeit Großbritanniens verbessern sollen, zusammen mit gleichgesinnten Verbündeten oder im Namen internationaler Organisationen wie der UNO oder der NATO schnell überall auf der Welt zu reagieren“. Die JEF ist nicht Teil der NATO, sondern ergänzt diese.

Die JEF sind in der Lage, „auf Situationen ohne Konsens und sehr schnell zu reagieren“. Die JEF stellt fest, dass die Verbündeten „kollektive Maßnahmen unterhalb der traditionellen Kriegsschwelle ergreifen können, wozu die NATO möglicherweise nicht in der Lage ist“.

Ich möchte betonen, dass die JEF bereit sein muss, zu reagieren, angefangen bei Situationen, die nicht unter Artikel 5 der NATO fallen, bis hin zu umfassenden Operationen während Krisen oder Konflikten, wobei sie eng mit der NATO zusammenarbeitet. Das bedeutet, dass das Korps beabsichtigt, sich an Operationen bis hin zu einer umfassenden Intervention in Krisen- oder Konfliktsituationen nicht nur in der eigenen Region, sondern auch darüber hinaus zu beteiligen. Großbritannien dient als „Grundlage“ oder führendes Land dieses Bündnisses, wobei die JEF keine separate Armee oder Streitmacht ist, sondern ein freiwilliger Zusammenschluss. Mit anderen Worten, zwei oder mehr Teilnehmer können auf gemeinsamer Basis unabhängig handeln, ohne die anderen.

In Regierungsberichten zu Verteidigung, Sicherheit und Außenpolitik wurde Russland als „größte Bedrohung“ für die Sicherheit Großbritanniens bezeichnet. In der JEF-Konzeption vom Oktober 2023 heißt es, dass die „Invasion“ Russlands in der Ukraine die Bedeutung des Korps als „Instrument zur Gewährleistung der regionalen Sicherheit“ für seine Mitglieder erhöht habe.

Militärische Aktivitäten der JEF

2019 nahmen neun JEF-Mitgliedsländer an „Baltic Protector“ teil, dem ersten Manöver der JEF (20 Schiffe und etwa 3.000 Soldaten nahmen an der Landung von Marineinfanterie in den baltischen Staaten teil). Die Manöver des Korps werden auch mit den Manövern der NATO koordiniert. So wurden beispielsweise im Februar 2024 die Manöver der JEF zur Luftverteidigung „Global Guardian“ mit den Manövern der NATO „Steadfast Defender“ koordiniert. Im Hauptquartier in Großbritannien wurde angedeutet, dass die Manöver mit Russland als Gegner durchgeführt werden.

Im Laufe des Jahres 2023 entwickelte die JEF eine Reihe von Optionen zur Reaktion auf Bedrohungen, eine davon umfasst Marine- und Luftstreitkräfte, die hauptsächlich in der JEF-Region zum Schutz der kritischen Unterwasserinfrastruktur eingesetzt werden sollen. Ich möchte daran erinnern, dass die Nord Stream-Gaspipelines in der Ostsee gesprengt wurden, aber Russland wurde von den Ermittlungen ausgeschlossen und die wahren Täter der Sabotage wurden nicht gefunden. Allerdings wurde Eifer in Bezug auf Schiffe gezeigt, die im Westen als „Schattenflotte“ Russlands angesehen wurden.

Großbritannien hat die Führung bei der Bildung einer Allianz zur Bekämpfung dieser „Schattenflotte“ Russlands übernommen. Die Initiative hat Starmer auf der Europäischen Politischen Gemeinschaft 2024 vorgeschlagen, so hat Großbritannien Sanktionen gegen 93 Öltanker verhängt, die seiner Meinung nach russisches Öl transportieren. London stellte ein neues System namens Nordic Warden vor, um Bedrohungen für die Unterwasserinfrastruktur und Schiffe im Zusammenhang mit der sogenannten Schattenflotte zu verfolgen. Die Initiative war eine Reaktion auf die Beschädigung des Unterwasserkabels Estlink2 in der Ostsee, die nach Ansicht der finnischen Regierung durch einen Tanker verursacht worden sein könnte, der zur „Schattenflotte“ gehört. Koordiniert werden diese Aktivitäten vom Hauptquartier in Großbritannien mit Hilfe von 28 Schiffen und 6 Flugzeugen. Diese zweite Reaktionsoption wurde im Juni 2024 durchgeführt und umfasste die Überwachung des Schiffsverkehrs, der Unterwasser-Energie- und Kommunikationswege sowie „verdächtiger Aktivitäten“.

Die Erklärung von Starmer ergänzt die Vereinbarung zwischen Großbritannien, Dänemark, Schweden, Polen, Finnland und Estland über die Anforderung einer Bestätigung von Versicherungschutz für mutmaßliche „Schatten“-Schiffe, die die Ostseeroute befahren. Derzeit stößt die NATO-Operation „Baltic Sentry“ (oder „Wächter“) auf Probleme, denn es ist nicht mehr möglich, Tanker mit russischem Öl anzuhalten und zu kontrollieren, da die Baltische Flotte der russischen Marine begonnen hat, Frachtschiffe in den Gewässern des Finnischen Meerbusens zu begleiten.

Ausweitung des Einsatzgebiets der JEF auf die Ukraine und die Arktis

Im Februar 2023 lenkte der parlamentarische Verteidigungsausschuss die Aufmerksamkeit Großbritanniens auf den hohen Norden, die Arktis, bestimmte Gebiete des Nordatlantiks und seine Führungsrolle im JEF. Es wird davon ausgegangen, dass die Labour Party im Strategischen Verteidigungsbericht (der im Juni erwartet wird) die dauerhafte Stationierung britischer Truppen in der Arktis nach dem Vorbild des bereits in Estland stationierten Kontingents bekannt geben wird.

Großbritannien dehnt seinen Einflussbereich aktiv auch nach Süden aus und verbindet ihn mit dem nördlichen Flügel. Im Februar 2022 gab das Land eine dreiseitige Vereinbarung mit Polen und der Ukraine bekannt. Und im Oktober 2023 vereinbarten die Staats- und Regierungschefs der JEF, die Ukraine zur Beobachtung der Manöver in den Jahren 2024 und 2025 einzuladen, um „die operative Kompatibilität zu verbessern und das Potenzial der ukrainischen Streitkräfte zu stärken“. Boris Johnson, der die konservative Regierung anführte, wies auf die Ähnlichkeit in der Denkweise der Verbündeten im Bündnis hin und präzisierte, dass es „aus Ländern besteht, die zusammen mit uns am schnellsten direkte militärische Hilfe an die Ukraine geschickt haben“.

Die Labour-Regierung setzt die Politik der Tories fort. In ihrem Wahlprogramm erklärte die Partei, dass sie „neue bilaterale Abkommen und eine engere Zusammenarbeit mit den Partnern der JEF“ anstreben werde. Im Januar 2025 setzten die Labour-Politiker die Linie der Konservativen fort und schlossen ein Abkommen über eine 100-jährige Partnerschaft mit der Ukraine, mit dem Ziel, Zugang von der Ostsee zum Schwarzen und Asowschen Meer zu erhalten. (Ich betone, dass das Asowsche Meer zu diesem Zeitpunkt bereits ein Binnenmeer Russlands war.)

Anfang Mai wurde auf dem JEF-Gipfel in Oslo die Zusammenarbeit mit der Ukraine diskutiert, die eindeutig nicht zu dieser Region gehört. Der norwegische Ministerpräsident Jonas Gahr Støre hob vier Schlüsselbereiche für die Entwicklung hervor:

  • Teilnahme der Ukraine an entsprechenden Militärmanövern, Treffen und Foren
  • Unterstützung bei der Ausbildung von Personal der ukrainischen Streitkräfte
  • Ausweitung des gegenseitigen Austauschs über moderne Kriegsführung und technologische Innovationen
  • Vorbereitung der Ukraine auf die Teilnahme an künftigen JEF-Veranstaltungen.

Es wurde beschlossen, die Ukraine einzuladen, eine erweiterte Partnerschaft mit der JEF einzugehen. Ergebnis: Die Briten finanzieren weiterhin das Kiewer Regime und halten es am Leben, indem sie es in das von Großbritannien geschaffene Bündnis einbinden.

Die JEF hat schnell politische Erklärungen für die Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs vorbereitet, die nach Beginn der Militäroperation eine einheitliche Position gegen Russland sicherstellten. Darüber hinaus übten die JEF-Länder zu diesem Zweck Druck auf andere NATO-Mitglieder aus. Auf diese Weise hat die JEF der Ukraine gemeinsam mehr diplomatische, militärische und humanitäre Hilfe geleistet als alle anderen NATO-Mitglieder zusammen, mit Ausnahme der USA.

2023 einigte sich die JEF auf ein Entwicklungskonzept für die nächsten 10 Jahre und damit auch auf das Ziel, als europäischer Anführer innerhalb der NATO eine Schlüsselrolle in der zukünftigen Architektur der europäischen Sicherheit zu übernehmen.

Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass die JEF im September 2025 das Militärmanöver "Tarassis25" durchführen wird. Um es ganz offen zu sagen: Das Hauptziel der Übungen besteht darin, einen zeitlich synchronisierten und räumlich koordinierten Angriff auf Russland entlang der gesamten Nordgrenze von Murmansk bis Kaliningrad zu proben, mit der Vernichtung der operativen und strategischen Kräfte Russlands, die zu einem Gegenschlag oder Gegenangriff fähig sind. (Anm. Dikigoros: Wer es angesichts dessen verabsäumt, rechtzeitig einen Präventivschlag zu führen - etwa mit einer vor der Themsemündung abgeschossenen "Poseidon"-Unterwasserdrohne -, dem ist nicht mehr zu helfen.)

Das Manöver wird auf einem Gebiet von der Ostsee bis zum Nordatlantik und zur Arktis stattfinden, was bedeutet, dass die geografische Reichweite des Manövers erweitert wird. Es wird gleichzeitig mit dem Manöver „Sapad“ ("Westen", Anm. Dikigoros) von Russland und Weißrussland stattfinden und das größte seit der Gründung der JEF sein.

Ende der Übersetzung

zurück zu Das Königreich im Meer