John Hubert Marshall

(19.03.1876 - 17.08.1958)

[John H. Marshall 1906]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1851
Der britische Offizier Alexander Cunningham (1814-93) entdeckt im Industal die Ruinen von Mohänjodaro.* Er mißt diesen jedoch keine größere Bedeutung bei.

1856/57
Beim Bau der Eisenbahnlinie von Lāhaur nach Multān entdecken Mitarbeiter der East Indian Railway Company (die nicht nur im Osten Indiens tätig ist, sondern in ganz "Ost-Indien", im Gegensatz zum - karibischen - "West-Indien" :-) in der Nähe des Dorfes Häräppā* altes Gerümpel; dankbar, keine Steine von weither heran karren zu müssen, verwenden sie es zur Befestigung der Schienentrasse.

1871
Der Archaeological Survey of India [ASI] wird gegründet, mit Generalmajor a.D. Cunningham als erstem Direktor.
(Er widmet sich hauptsächlich der Erforschung Sānchīs und des nahe gelegenen Widisha.**)


1876
19. März: John Hubert Marshall wird als Sohn der Eheleute Frederic und Annie Marshall in Chester geboren.
(Seine Mutter ist eine Schwester des bald berühmten Archäologen Arthur Evans - was von allen Biografen krampfhaft verschwiegen wird. [Dikigoros hat es nur durch Zufall erfahren.] Dabei ist das eine schlüssige Erklärung für die sonst rätselhafte schnelle Karriere, die der junge Marshall - der über keine anderweitige "Protektion" verfügte - machen sollte.)
Er besucht das Dulwich College und das King's College in Cambridge.

1900
Marshall begleitet seinen Onkel Arthur Evans nach Kreta zu Ausgrabungen in Knossós.

1902
Marshall wird ohne weitere Erfahrung oder formelle Qualifikation zum neuen Leiter des ASI bestellt.
Er krempelt diese Einrichtung völlig um, in der Überzeugung, daß es weniger wichtig ist, nach bisher unbekannten Ruinen zu suchen und sie auszubuddeln, als vielmehr bereits bekannte, oberirdische Kulturdenkmäler vor dem Verfall zu retten.
Das betrifft besonders die alten buddhistischen Heiligtümer, um die sich im hinduistisch/muslimisch geprägten Indien niemand mehr kümmert und die z.T. in einem kläglichen Zustand sind.

[Sanchi vor Beginn der Restaurierung] [Sanchi zu Beginn der Restaurierungsarbeiten]

Taxilā*, Sānchī und Sārnāth werden in Jahre langer Arbeit zu Vorzeige-Objekten gemacht.
(Sie sind es auch ein Jahrhundert später noch, wie Dikigoros aus eigener Anschauung berichten kann; allerdings sind sie völlig von japanischen und koreanischen Touristen überlaufen - auch noch unter der Corona-Diktatur; sie stören sich nicht am Maskenzwang, da sie von zuhause seit je her gewohnt sind, mit Narrenkappen vorm Maul herum zu laufen :-)


1915
Marshall wird von König George V geadelt ("Sir John")

1920
Marshall läßt nun doch Ausgrabungen bei Häräppā durchführen. Dabei werden Ruinen einer alten Zivilisation entdeckt, die ca. 5.000 Jahre zurück reichen.


1922
Daraufhin läßt Marshall auch bei Mohänjodaro graben; dabei werden ganz ähnliche Funde gemacht.


Die Ruinen wirken - mal abgesehen von ihrer Ausdehnung, die sie zu den größten bekannten Siedlungen ihrer Zeit machen - nicht sonderlich spektakulär. Interessanter sind die Fundstücke, die dort auftauchen (wenn man denn annimmt, daß sie autochthon sind, d.h. nicht von irgendwoher im Fernhandel "eingetauscht"), vor allem die Täfelchen mit Tierdarstellungen nebst Schriftzeichen.


Marshall schließt daraus, daß es im Industal eine durchgehende, gemeinsame Zivilisation gegeben haben muß, die älter ist als die bisher bekannten in Ägypten und Mesopotamien.


(In den folgenden Jahren werden im Industal noch weitere Überbleibsel derselben entdeckt, die allerdings nicht so alt und auch nicht so weitläufig sind.)

1931
Marshall veröffentlicht "Mohenjo-Daro [sic!] und die Indus-Zivilisation".


1934
Marshall geht in Pension und zurück nach Old Blighty England.

1936
Marshall wird in die British Academy aufgenommen.

1939
Marshall veröffentlicht "Die Bauwerke von Sānchī".***


1939-1945
Im mutwillig angezettelten Zweiten Weltkrieg verspielt England sein Empire.

1947
Dessen wichtigster Bestandteil, British India - überstürzt in die Unabhängigkeit entlassen - löst sich in seine Bestandteile auf. Die Nachfolgestaaten nehmen umfangreiche Vertreibungen ethnischer und religiöser Minderheiten vor und führen mehrere Kriege gegen einander. Die Zahl der Opfer ist achtstellig. Nun ist die Gegenwart und Zukunft Indiens erst einmal wichtiger als seine Vergangenheit. Überdies hat man in "Pākistān" - wo das Industal und Taxilā liegen - grundsätzlich kein großes Interesse an vor-islamischer Kultur.

1951
Marshall veröffentlicht "Taxila".



1954
Auf der Halbinsel Kāthiāwār, am Ende des Golfs von Khambhāt, werden Ruinen entdeckt, die man zunächst für eine "Totenstadt [Lothal]" hält.
Sechs Jahr lang buddelt der ASI herum, nur um um nur festzustellen, daß es sich wohl um eine wichtige Hafenstadt der "Indus-Kultur" gehandelt haben muß. Auf die Idee, die Nase mal ein paar Meter unter Wasser zu stecken, kommt niemand.

1958
17. August: John Hubert Marshall stirbt in Guildford (Surrey).

1960
Posthum erscheint Marshalls Buch "Die buddhistische Kunst von Gandhāra".


* * * * *


1974
In Bälutschistān werden die Ruinen von Mehrgarh entdeckt, die alle bisherigen Theorien zur "Indus-Kultur" über den Haufen werfen: Sie sind mindestens 3.000 Jahre älter als die bisher favorisierten Haupt-Fundstätten; und zu allem Ärger liegen sie gar nicht im Indus-Tal, sondern relativ fernab im Nordwesten.

[Hauptfundorte der 'Indus-Kultur'] [Fundorte der 'Indus-Kultur']

2001/2002
Unterwasser-Archäologen entdecken an der Küste vor Lothal eine untergegangene Stadt, die noch einmal rund 3.000 Jahre älter ist als Mehrgarh. Daß sie kein bloßer Ausläufer der "Indus-Kultur" sein kann, sondern vielmehr deren Ausgangspunkt, liegt auf der Hand.****
(Und nicht ganz von derselben zu weisen ist die Vermutung, daß sie als Vorbild für Platons Atlantis diente - Dikigoros schreibt darüber an anderer Stelle mehr.)

2017
Durch den indischen Blätterwald rauscht eine böse Geschichte: Marshall sei 1922 erst durch seinen indischen Mitarbeiter Rakhaldās Baner auf die Ruinen von Mohanjodaro aufmerksam gemacht worden, den er jedoch in seinen Büchern totgeschwiegen und ihm so "den Entdeckerruhm geraubt" habe. [So steht es inzwischen auch in allen indischen Schulbüchern.]

[R. Baner]

Dieser Vorwurf ist kaum haltbar. Wenn Baner wirklich behauptet haben sollte, der "Entdecker" von Mohänjodaro gewesen zu sein, dann wird umgekehrt ein Schuh draus, d.h. dann wollte er Cunninghams "Entdeckerruhm" stehlen. Marshall muß aus den Akten seines Vorvorgängers von M. gewußt haben, teilte aber wohl zunächst dessen Einschätzung als "weniger bedeutend". War es Baner, der Marshall dazu brachte, seine Meinung zu ändern? Wohl kaum; vielmehr dürften ihn die Ausgrabungen in Häräppā auf die Idee gebracht haben, daß es noch weitere interessante Fundstellen der "Indus-Kultur" geben und daß Mohänjodaro eine davon sein könnte. Das Verdienst, die "Indus-Kultur" als solche erkannt und Ausgrabungen großen Maßstabs durchgeführt zu haben, gebührt zweifellos Marshall.
Man könnte allenfalls fragen, ob Marshall die Funde in H. und M. etwa vorsätzlich überbewertete, um sich und seine Entdeckungen ins rechte Licht zu rücken. Dikigoros glaubt das nicht: 1. waren Lothal und Mehrgarh seinerzeit noch nicht entdeckt - geschweige denn die Unterwasserstadt im Golf von Khambhāt -; und 2. hält die herrschende Meinung der Archäologen bis heute krampfhaft an der These fest, daß H. und M. die Zentren der "frühen Indus-Zivilisation" gewesen seien und alle anderen Fundorte deren "spätere Ausläufer" - obwohl sie es inzwischen besser wissen könnten, ja müßten, als Marshall.


Sie bezeichnen die Einwohner von Lothal hartnäckig als "Harappa-Leute" und behaupten, die Stadt sei "nach dem Vorbild von Harappa erbaut" worden.


*Über die richtige Schreibweise und Aussprache dieser Orte hat Dikigoros zwar schon in der Einleitung etwas geschrieben; aber er wiederholt sich gerne, da es so oft falsch gemacht wird. Also:

  • Es heißt nicht "Mohénjodáro", sondern "Móhänjódaró"; und wenn man es in zwei Wörtern schreibt, dann trennt man es richtig nicht in "Mohenjo" und "Daro", sondern in "Mohän" und "Jodaro".
    [Man kann auch "Mohãjodaro" oder "Mohã Jodaro" schreiben - das "n" ist kein echter Konsonant, sondern zeigt nur die Nasalierung des "a" an - das eigentlich ein kurzes "ä" ist, dem deutschen "Schwa" vergleichbar.]
  • Es heißt nicht "Haráppa", sondern "Häräppá".
  • Es heißt nicht "Takßíla", sondern entweder - in ordentlichem Sanskrit/Hindi/Urdu: "Takß[a]schilá" [das mittlere "a" ist stumm] oder - vernuschelt, aber auch noch als korrekt geltend: "Takh[a]schilá".
    Es geht das Gerücht, daß die verkürzte Schreibweise und Aussprache auf die alten Griechen zurück gehe, die schon unter Alexander dem Großen dort gewesen seien. Das Gegenteil ist richtig: Die alten Griechen sagten "Taxásila" - betonten also ausgerechnet das stumme "a" in der Mitte -, und die neuen Griechen - die sonst alle Wörter im Zweifel auf der letzten oder vorletzten Silbe betonen - legen den Akzent idiotischer Weise auf die erste und sagen: "Táxila".
**In Widisha gelingt Cunninghams Nach-nachfolger Marshall sein erster großer "Coup": Er läßt die "Säule des Heliodor", die Cunningham 1877 entdeckt hatte, von einer dicken Schmutzschicht säubern und legt dabei eine mehrzeilige Inschrift frei.

Marshall und seinen Zeitgenossen wird von ihren heutigen Epigonen immer wieder der Vorwurf gemacht, sie hätten archäologische Fundstücke "unsachgemäß" restauriert, statt sie in ihrem ursprünglichen Zustand zu belassen. Das mag in Einzelfällen zutreffen, aber nicht grundsätzlich. (Manchmal hat Dikigoros den Eindruck, daß seine Zeitgenossen bloß neidisch sind, weil sie dadurch selber weniger Entdeckungen am Objekt machen und so weniger persönlichen Ruhm ernten können :-) Solche Inschriften wurden schließlich angebracht, damit die Nachwelt sie lese; und ohne Marshalls Aktion wüßten wir bis heute nicht, woher und von wem die Säule stammte und was uns ihr Stifter sagen wollte. Jetzt ist die Säule frei zu besichtigen, und an ihrem Fuße stehen Tafeln mit Übersetzungen der Inschrift in Hindi, Urdu und Englisch.

***Manche Verlage nehmen es mit der Transkription noch genauer als Dikigoros. Es gibt im Indischen zwei "sch[a]" und zwei "n[a]", die sich für unsere Ohren nicht unterscheiden. Die ersteren schreibt er "sh" und "sch", die letzeren unterscheidet er nicht. Auf dem Buchcover wird das Schlingen-n in "Sānchī" - im Gegensatz zum Nasen-n - mit Oberstrich geschrieben. (Man kann freilich streiten, ob das korrekt ist; denn ursprünglich schrieb es sich mit keinem von beiden "n", sondern nur mit einem Anuswar [Nasalierungspunkt] über dem langes "a" ;-)

****Ein Strengbeweis ließe sich allerdings erst führen, wenn es gelänge, die Schrift auf den gefundenen Täfelchen zu entziffern. Dikigoros hat zu mehreren Forschern Kontakt aufgenommen, die glauben, eine Lösung gefunden zu haben; aber so recht überzeugt war er von keiner einzigen. Es ist nicht mal sicher, ob es sich bei den Zeichen um Piktogramme handelt (dafür sind es eigentlich zu wenige unterschiedliche - aber das könnte auch daran liegen, daß man nicht genügend Täfelchen gefunden hat) oder um Lautzeichen (dafür sind es eigentlich zu viele unterschiedliche - obwohl die indischen Schriften ja weitaus mehr Laute haben als andere Sprachen, besonders wenn man von einer Silbenschrift ausgeht) oder gar um eine Mischform (wie sie heute nur noch das Japanische aufweist). Bei den letzteren beiden Alternativen käme als Hauptproblem hinzu, daß man nicht einmal weiß, um welche Sprache es sich handelt - d.h. nach welchen Lauten man überhaupt suchen soll. In Kreisen "patriotischer" Inder wird die These vertreten, daß es Sanskrit sein könnte; aber das wäre selbst dann ganz unwahrscheinlich, wenn die gesuchte Zivilisation ihren Ursprung nicht am Golf von Khambhāt gehabt hätte, sondern im Industal, denn dorthin kamen die "Aryer", die es sprachen, ja - jedenfalls nach derzeitigem Forschungsstand - erst Mitte des 2. Jahrtausends v.Chr.
(Und die Fundstücke, die Menschen darstellen, wirken nicht gerade sehr "arisch" :-)

Verglichen damit war die Entzifferung der elamitischen Linearschrift, die anno 2020 in der Fachwelt groß gefeiert wurde, ein Kinderspiel, denn man kannte die Sprache und wußte - oder ahnte zumindest -, um welche Inhalte es ungefähr ging. Das eigentlich Sensationelle daran war "nur", daß sie sich als reine Lautschrift entpuppte - die älteste bisher bekannte dieser Art.


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