Hitler gegen Tell

von Georg Ruppelt

Vor 200 Jahren wurde Schillers Wilhelm Tell uraufgeführt, vor 63 Jahren ließ Hitler ihn verbieten

Am 17. März 1804 wurde Schillers Schauspiel "Wilhelm Tell" im Weimarer Hoftheater von 17:30 Uhr bis gegen 23:00 Uhr das erste Mal mit riesigem Erfolg aufgeführt. Es sollte für viele Jahrzehnte sein erfolgreichstes Stück werden, aber auch das am meisten von der Zensur verhunzte oder gar verbotene. Welch tiefe Angst Machthaber vor dem gesprochenen oder gedruckten Wort befallen kann, zeigt der groteske Fall des Tell-Verbotes durch Hitler 1941.

In den ersten Jahren nach 1933 wurde Schillers "Wilhelm Tell" als "National- oder Führerdrama" in Deutschland hoch geschätzt. Auf den Bühnen des Deutschen Reiches war der "Tell" das meistgespielte Stück Schillers. Kaum ein Lesebuch verzichtete auf Lieder und "Kernsprüche". In zahllosen Aufsätzen und Reden wurde die politische Aktualität des Schauspiels betont. Fest- und Lobredner zitierten immer und immer wieder: "Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an." "Unser ist durch tausendjährigen Besitz der Boden"; "Wir wollen sein ein einzig [häufig falsch: "einig"] Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr"; exemplarisch die Kundgebung zum Geburtstag Hitlers am 20. April 1933 im Landes-Theater Braunschweig, die mit der Programmfolge endete: "Horst-Wessellied. - Wilhelm Tell. Rütli-Szene. - Deutschlandlied."

Hitler hatte für das achte Kapitel von "Mein Kampf" die Überschrift "Der Starke ist am mächtigsten allein" aus dem "Tell" gewählt. Im Dezember 1934 wurde der Film "Wilhelm Tell" ("frei nach Schiller") uraufgeführt. Die Darstellerliste wies bekannte Namen wie Emmy Sonnemann [die vier Monate später Hermann Göring heiratete, Anm. Dikigoros], Eugen Klöpfer, Käthe Haack oder Paul Bildt auf. Der Film selber war künstlerisch und technisch wenig bedeutsam, sehr frei nach Schiller, auch als politisches Propaganda-Instrument unbedeutend. [Immerhin war er den alliierten Besatzern bedeutend genug, daß sie ihn 1945 nicht nur als "nazistischen Propagandafilm" verboten, sondern alle Kopien ausnahmslos vernichteten, Anm. Dikigoros.] Am 20. April 1938 wurde der "Tell" im Wiener Burgtheater als "Festvorstellung zum Geburtstag des Führers" mit großem Pomp und Aufgebot gegeben.

Damit war es 1941 vorbei. Am 3. Juni verließ eine streng vertrauliche und von Reichsleiter Martin Bormann unterzeichnete Anweisung das Führerhauptquartier. Sie war an den Chef der Reichskanzlei, Reichsminister Lammers, gerichtet und lautete:

"Der Führer wünscht, dass Schillers Schauspiel "Wilhelm Tell" nicht mehr aufgeführt wird und in der Schule nicht mehr behandelt wird. Ich bitte Sie, hiervon vertraulich Herrn Reichsminister Rust und Herrn Reichsminister Dr. Goebbels zu verständigen."

Dieses Schreiben löste einen regen Briefwechsel zwischen verschiedenen Reichsministern und einflußreichen Parteifunktionären aus. Goebbels ließ durch den "Reichsdramaturgen" Schlösser sofort erkunden, wo der "Tell" auf dem Spielplan stünde; anschließend wurden die Theaterleiter streng vertraulich über das Verbot informiert. Die Spielzeit 1941/42 erlebte nicht eine einzige "Tell"-Aufführung im Deutschen Reich oder in den besetzten Gebieten.

Mehr Schwierigkeiten bereitete die Ausführung des Verbotes im Schulbereich. Ein reger Briefwechsel entspann sich zwischen verschiedenen staatlichen und parteiamtlichen Stellen, die ohnehin um Macht und Kompetenz miteinander rangelten. Es ging um die Frage, ob denn auch "Kernsprüche" aus den Lesebüchern entfernt werden sollten. Zudem hatte der Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Bernhard Rust, einen Erlaß konzipiert, der über die vorgesetzten Behörden unter einer Geheimhaltungsstufe die Schulen anweisen sollte, den "Tell" nicht mehr zu behandeln und für die Entleihung aus Lehrer- und Schülerbüchereien zu sperren. Dagegen gab es von parteiamtlicher Seite Einwände des Inhalts, daß gerade die Geheimhaltungsstufe in der gegenwärtigen Kriegszeit zu unerwünschten Diskussionen führen könne.

Man konnte sich nicht einigen und trug die Sache wieder Hitler vor. Die "Führer-Entscheidung" lief schließlich darauf hinaus, daß bei Neuauflagen oder bei der Herausgabe neuer Schulbücher keine Texte aus dem "Tell" mehr aufgenommen werden sollten. Die Schulleiter wurden über das Verbot des "Tell" vertraulich informiert, diese vergatterten daraufhin wiederum die Deutschlehrer, meist in Einzelgesprächen.

Was aber waren die Gründe, die den Diktator veranlaßten, gegen ein fast 140 Jahre altes Schauspiel so rigoros einzuschreiten? Der Briefwechsel deutet zwar einiges an, wird aber an keiner Stelle konkret. Einige Indizien sprechen dafür, daß es wohl vornehmlich zwei Beweggründe für das Verbot gab:

"Wilhelm Tell" als moralisch gerechtfertigter Tyrannenmörder

Die Frage des Tyrannenmordes ist in Schillers Schauspiel zugunsten der moralisch berechtigten Tötung des Tyrannen entschieden worden, so daß Hitler, der zu Recht um seine persönliche Sicherheit besorgt war, sich durch Tell-Nachahmer bedroht fühlen konnte. Außer "Wilhelm Tell" war im übrigen Anfang der vierziger Jahre auch Schillers "Fiesco" politisch mißliebig geworden, auch wenn es hier nicht zu einem regelrechten Verbot kam.

Schwerwiegender ist der Hinweis auf den Hitler-Attentäter Maurice Bavaud, auf dessen Schicksal u.a. Rolf Hochhuth aufmerksam gemacht hat. Der Schweizer Theologiestudent Bavaud hatte 1938 mehrfach versucht, Hitler zu töten. Er wurde entdeckt, verhaftet und 1939 zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am 18. Mai 1941, also wenige Tage vor dem Verbot, vollstreckt. [Da schreibt so ein dummer Bibliothekar daher, der weder Schiller richtig gelesen hat noch die historischen Fakten kennt: Der 'Wilhelm Tell' ist eben kein Drama pro Tyrannenmord, es verdammt diesen vielmehr ganz eindeutig; und selbst wenn es anders wäre, dann wäre das Stück doch wohl nach den Attentaten von 1938 und 1939 verboten worden. Anfang Juni 1941 mußte Hitler keinerlei Angst vor einem Attentat haben: Er war der populärste deutsche Politiker aller Zeiten, mindestens 90% der Bevölkerung standen hinter ihm. Er sah aus wie der sichere Sieger des Zweiten Weltkriegs, der Rußlandfeldzug hatte noch nicht begonnen (ebenso wenig der Holocaust), und in den Kinos lief seit einem guten halben Jahr der Film "Friedrich Schiller" (den die alliierten Besatzer ebenfalls 1945 verboten). Wenn Hitler an dem Drama etwas störte, dann war es tatsächlich die Verherrlichung des "Separatismus", Anm. Dikigoros.]

"Wilhelm Tell" als Drama des Separatismus

Trotz der starken Präsenz des letzten vollendeten Schiller-Dramas im öffentlichen Leben des nationalsozialistisch regierten Deutschland meldeten schon in den dreißiger Jahren außer den radikalen Schiller-Gegnern auch Schiller-Verehrer ihre Bedenken gegen das Schauspiel an. Neben Einwänden gegen den individualistisch handelnden und im Grunde unpolitischen Titelhelden begegnet man Kritik an der im Schauspiel positiv dargestellten Loslösung eines Reichsgebietes vom Reich. Es sei Schiller als Versagen anzurechnen, daß er ein Stück geschaffen habe, welches "den Verlust eines wertvollen Gebietes für das Deutsche Reich" zum Gegenstand habe. Der "Abfall eines deutschen Stammes vom Reich" dürfe nicht mit Freude, sondern müsse mit Schmerz betrachtet werden. Es wurde darauf verwiesen, daß schon Bismarck dieses "Drama des Separatismus" wenig gemocht habe.

1941 feierte die Schweiz ihr 650jähriges Jubiläum. "Wilhelm Tell" spielte dabei keine geringe Rolle. Deutschland nahm offiziell keine Notiz von dem Jahrestag der Gründung der Eidgenossenschaft, und die Schweiz zeigte - bis auf nationalsozialistisch orientierte Kreise - kein Interesse an einem Anschluß an das Deutsche Reich. Dies entsprach natürlich nicht der deutschen "Heim ins Reich"-Ideologie. Einen Tag vor der Weitergabe des "Tell"-Verbotes hatte sich Hitler gegenüber Mussolini nach Aufzeichnungen des Chefdolmetschers Paul Otto Schmidt in eindeutiger Weise über das Nachbarland geäußert:

"Die Schweiz bezeichnete der Führer als das widerwärtigste und erbärmlichste Volk und Staatengebilde. Die Schweizer seien Todfeinde des neuen Deutschland und erklärten bezeichnenderweise, daß, wenn keine Wunder geschähen, die 'Schwaben' am Ende den Krieg doch noch gewinnen würden."

Anfang 1942 soll Hitler bei einem Tischgespräch geklagt haben: "Ausgerechnet Schiller musste diesen Schweizer Heckenschützen verherrlichen." [4. Februar 1942, gegenüber Himmler. Das zeigt nur, daß auch Hitler den 'Tell' nicht richtig gelesen hat, Anm. Dikigoros.] Aufschlussreich ist auch die Eintragung in Goebbels' Tagebuch vom 8. Mai 1943: "Der Führer verteidigt [...] die Politik Karls des Großen. Auch seine Methoden sind richtig gewesen. Es ist gänzlich falsch, ihn als Sachsenschlächter anzugreifen. Wer gibt dem Führer die Garantie, daß er später nicht einmal als Schweizerschlächter angeprangert wird! Auch Österreich mußte ja zum Reich gebracht werden." [Diesen Tagebucheintrag hat der Schreiberling frei erfunden. Goebbels' Tagebuch vom 8. Mai 1943 befaßt sich mit folgenden Themen: der militärischen Lage in Nordafrika, der Entdeckung des Massengrabs der von den Sowjets ermordeten polnischen Offiziere bei Katyn, der Beerdigung des SA-Führers Viktor Lutze sowie der Ausführungen Hitlers über den ideologischen Kampf gegen den Bolschewismus, über die militärische und politische Unzuverlässigkeit der Verbündeten - insbesondere der Ungarn -, sowie über die Frage von "Recht oder Unrecht", die einzig und allein davon abhänge, wer den Krieg gewinne oder verliere. Schiller oder gar den 'Tell' erwähnt Goebbels weder in seinen eigenen Gedankengängen noch in den Passagen über Hitlers Ausführungen auch nur mit einem Wort, ebenso wenig Karl den Großen. Hitlers Ausführungen über den letzteren stammen ebenfalls aus dem Tischgespräch vom 4.2.42, Anm. Dikigoros.]

Das Verbot des "Tell" durch Hitler ist ein Beispiel für die Wirkungsmacht von Literatur und für die Absurdität von Literaturverboten. Mit Schillers Schauspiel sollte eine Dichtung aus dem öffentlichen Bewußtsein gedrängt und die nachwachsenden Generationen von jedem Kontakt mit ihr ferngehalten werden, die in Deutschland und in deutschsprachigen Ländern seit über 100 Jahren zu den bekanntesten und volkstümlichsten Literaturwerken überhaupt gehörte. Das rigorose Vorgehen gegen den 'Wilhelm Tell' im national-sozialistischen Diktaturstaat offenbart die überzeitliche Aktualität des Schauspiels. Die Liste der Zensurmaßnahmen gegen den "Tell" ist lang. [Endgültig erreicht wurde das Ziel der Ausschaltung des 'Wilhelm Tell' aus dem Bewußtsein der Bevölkerung aber erst ein halbes Jahrhundert später im christlich-liberal-sozialistischen Demokraturstaat, was die anhaltend tiefe Angst der Machthaber vor dem gesprochenen oder gedruckten Wort zeigen mag, Anm. Dikigoros.] Eine größere Ehrung als im Jahre 1941 wurde Friedrich Schillers Schauspiel aber wohl nie zuteil. [Natürlich nicht - angesichts der offenkundig gescheiterten "Wieder"-Vereinigung" zwischen der BRD und der DDR verbietet sich die Aufführung eines Stückes mit dem Satz "Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern" wohl von selber; und auch den Schweizern dürfte die Illusion, Deutsche, Franzosen, Italiener und "Zugereiste" zu einem "einzigen" Volk verschmelzen zu können, inzwischen vergangen sein, Anm. Dikigoros.]


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