Der Mann mit den Kladden

von Kai Renner (Süddeutsche Zeitung, 13.03.2003)

Vor 20 Jahren besorgte Gerd Heidemann dem „Stern“ gefälschte
Hitler-Tagebücher. Jetzt spricht er - nur exklusiv

Tief unten, im Keller von Gruner+Jahr (G+ J) am Hamburger Baumwall, lagern Schriftstücke, für die der Verlag einst 9,3 Millionen Mark ausgegeben hat. Hinter einer Stahltür steht ein grauer, etwa zwei Meter hoher Tresor, in dem knapp 60 Kladden aufbewahrt werden. Journalisten, die nicht bei G + J angestellt sind, wird ein Blick auf die Dokumente strikt verwehrt. Schließlich handelt es sich nicht um irgendwelches Schriftgut, sondern um die gefälschten Hitler-Tagebücher, die dem Verlagsflaggschiff Stern 1983 die bisher größte Pleite in der Geschichte des deutschen Journalismus bescherten.

Das Debakel wurde juristisch aufgearbeitet. Regisseur Helmut Dietl setzte 1991 ein filmisches Denkmal: Schtonk. Seither aber interessierte sich kaum noch einer für das Diarium. Doch vor ein paar Monaten stiegen Redakteure des Stern hinab in den Verlagskeller, um die Tagebücher zu begutachten: Am 25. April jährt sich die Veröffentlichung der vermeintlichen Führerbekenntnisse zum 20. Male. Das ZDF, der SWR-Hörfunk, das Norddeutsche Fernsehen, die Berliner Zeitung und das Magazin der Süddeutschen Zeitung werden sich intensiv mit dem Jahrestag befassen – und da darf der Stern als das Blatt, dem die anderen dieses Jubiläum verdanken, nicht fehlen. „Wir werden rechtzeitig vorher eine Rückblicks-Geschichte machen“, sagt Chefredakteur Thomas Osterkorn: Es gebe aber „nichts wirklich Neues“.

Ursprünglich wollte der Stern – wie viele auch – mit dem Mann ins Gespräch kommen, der ihm die Hitler-Tagebücher besorgt hatte und dafür zunächst ein Millionenhonorar und später vier Jahre und acht Monate Haft erhielt: Gerd Heidemann. Heute kassiert der einstige Stern-Reporter nur, wenn es ihm gelingt, Dokumente aus seinem Privatarchiv zu verkaufen. So erwarb der Stern 1998 Bilder aus Heidemanns Beständen, blieb das Honorar aber schuldig. Es wurde laut Verlagsangaben mit den Millionen- Verlusten verrechnet, die der heute mittellose 71-Jährige dem Hause zugefügt hat.

Dieses Vorgehen erleichterte nicht unbedingt die Arbeit der mit dem Jubiläumsstück beauftragten Stern-Redakteure. Die Kontaktaufnahme mit dem einst mitteilungsfreudigen Kollegen schlug fehl. „Die wussten gar nicht, was sie von mir wollten“, sagt Heidemann. Inzwischen sagt er überhaupt nichts mehr. Das liegt an Thomas Leinkauf, Ressortleiter der Wochenendbeilage der Berliner Zeitung, dessen Leute mit dem Beschaffer der Hitler-Tagebücher ein Interview geführt haben, das am 15. März erscheint. Bis dahin darf Heidemann nicht mit Journalisten anderer Zeitungen reden. Leinkauf: „Wir haben lange darauf hin gearbeitet, ihn als erste im Blatt zu haben.“

So berichtete die Berliner Zeitung bereits am 18. Dezember 2002 über „nicht weniger als eine zeitgeschichtliche Sensation“, die in Heidemanns Privatarchiv schlummere. Dabei handelt es sich um Interviews, die der ehemalige Stern-Mann 1979 mit einstigen SS-Männern in Südamerika führte. Die Altnazis, unter ihnen der so genannte Schlächter von Lyon, Klaus Barbie, brüsteten sich ihrer Untaten und erzählten, wie sie mit Hilfe der katholischen Kirche aus Deutschland entkommen seien. Diese Story sei vom Stern verschenkt worden, so Heidemann: Man habe „nicht Nazis als Zeugen gegen den Vatikan bringen“ wollen. Dabei hatte die Illustrierte den Fall recht ausführlich geschildert.

Michael Seufert war damals Deutschland-Ressortleiter des Stern und gehörte der Kommission an, die redaktionsintern die Vorgänge um die Beschaffung der Hitler-Tagebücher aufklären sollte. Seufert erklärt jetzt, Heidemann habe in Südamerika Auschwitz-Arzt Josef Mengele und den Hitler- Vertrauten Martin Bormann aufspüren wollen. Zurückgekehrt sei er mit „weitgehend unbrauchbaren Nazi-Interviews“.

Noch schneller als die Berliner Zeitung ist Johannes B. Kerner. Am Freitag dieser Woche, einen Tag, bevor das Blatt sein exklusives Interview bringen will, wird Heidemann Kerners Talk-Gast im ZDF sein. Natürlich exklusiv. Heidemann war bereits im Dezember 2002 bei Kerner, ohne kritisch befragt zu werden.

Aber nicht alle, die sich dieser Tage mit den Hitler-Tagebüchern beschäftigen, sind auf Bekenntnisse von Heidemann aus. SWR2-Autor Jürgen Heilig etwa versucht in seinem Radio-Feature Der Sündenfall des Stern zu klären, ob die Veröffentlichung eine Zäsur in der Geschichte des deutschen Qualitätsjournalismus markiert. Das SZ-Magazin hat mit dem damaligen Stern-Ressortleiter Zeitgeschichte, Thomas Walde, gesprochen. Walde, der gemeinsam mit Heidemann unter Umgehung der Chefredaktion den Verlag zum Kauf der Hitler-Tagebücher bewegte, hatte bisher jeden Interview-Wunsch ausgeschlagen.

Der Fernsehautor Volker Präkelt schließlich richtet in seiner Reportage Hitlers Tagebücher (NDR, 22. April, 21.45 Uhr) sein Augenmerk auf die internationale Vermarktung der gefälschten Kladden. Sowohl das amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek, als auch die zum Imperium des Medienmoguls Rupert Murdoch gehörenden englischen Zeitungen Times und Sunday Times, hätten keine Zweifel an der Echtheit der Tagebücher gehabt. Murdoch habe die Bände gar höchstselbst in Augenschein genommen. Sowohl er als auch die Amerikaner seien bereit gewesen, für die Lizenzrechte 3,75 Millionen Dollar zu zahlen. „Als Gruner + Jahr noch mehr haben wollte, sprangen beide Interessenten ab“, sagt Präkelt: „Der Verlag musste schließlich froh sein, als ihm Murdoch die Rechte doch noch für 400 000 Dollar abkaufte.“ Als herauskam, dass die Tagebücher Fälschungen waren, habe G+J das Geld zurückzahlen müssen.

Der damalige Verlags-Vorstandschef Gerd Schulte-Hillen, heute Aufsichtsratsvorsitzender sowohl von Gruner + Jahr als auch beim Mutterkonzern Bertelsmann, wollte sich Präkelt gegenüber ebenso wenig äußern wie andere Verlagsmanager, die in die Tagebuch-Affäre verwickelt waren. Schulte-Hillen habe geraten, sich bei ihm zum späteren Zeitpunkt zu melden – in fünf Jahren, wenn der 25. Jahrestag der Stern-Hitler-Tagebücher ansteht.