Plötzlich tauchen Zahlen auf
Den gesamten Umfang der Propagandakampagne an dieser Stelle aufzuzeichnen, ist unmöglich. Auch der baskische Klerus wurde eingeschaltet. Eine Delegation übergab im Vatikan ein Schreiben, das in der republikanischen Presse veröffentlicht wurde als weiterer »Beweis« für den Terrorangriff. Gegenüber dem Klerus und der überwiegend streng katholischen Bevölkerung hatte sich die nationale Propaganda oft als unwirksam erwiesen. Flugblätter mit der Aufforderung, die Waffen niederzulegen, wurden wiederholt über den baskischen Städten abgeworfen. Sie fanden kein Gehör. Am 15. Juni 1937 veröffentlichte »ABC Sevilla« einen Aufruf
Francos
an die Bevölkerung Bilbaos, der am Tage vorher in Tausenden von Flugblättern über der Stadt abgeworfen worden war. Franco erklärte, daß der Eiserne Ring um Bilbao von seinen Truppen durchbrochen worden sei, und forderte die Basken auf, die Waffen niederzulegen. Würden sie weiter Widerstand leisten, erwarte sie nur Tod und Zerstörung. Am 19. Juni rückten die Nationalen in Bilbao ein. Im Heeresbericht des Generalstabs der Nordfront-Parte oficial facilitado por el Estado Mayor del Ejército del Norte - vom 1. April 1937, 3 Uhr morgens, veröffentlicht am gleichen Tage in »ABC Madrid«, werden die Luftangriffe auf Elorrio und Durango genannt. In Durango habe die faschistische Luftwaffe die Bevölkerung unbarmherzig bombardiert, was zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung, vor allem in den Kirchen, gefordert habe. Ein Bericht von etwa 50 Zeilen wird in der gleichen Ausgabe unter der einspaltigen Überschrift »Hinterhältiger Bombenangriff auf Durango« veröffentlicht: Die Kirche Santa Maria war ein Hauptangriffsziel. Dort und in dem Säulengang, wo der Markt abgehalten wird, der heute stark besucht war, fielen mehrere Bomben. Pfarrer Murillo zelebrierte gerade die heilige Messe. Er und viele Gläubige wurden getötet. Im Jesuitenkloster wurde die Kirche völlig zerstört. Auch hier wurde von Pater Villamedia gerade die Messe gelesen. Er und der Meßdiener wurden getötet. Der Pfarrer des Klosters nahm in diesem Augenblick einer Frau im Beichtstuhl die Beichte ab. Er blieb unverletzt, während die Frau schwer verletzt wurde. Bis jetzt sind in dieser Kirche 25 Tote, die meisten Frauen und Kinder, geborgen worden. Im Kloster Santa Susana wurden viele Nonnen von den Bomben getroffen. Es gab 12 Tote unter den Nonnen, die zum Augustiner-Orden gehören.«
(Am 4. April berichtete »ABC Madrid«, daß »Durango gestern erneut Ziel eines verbrecherischen Luftangriffs der faschistischen Luftwaffen gewesen sei. Zuerst hätten drei, dann sechs Flugzeuge als Hauptobjekt den Bahnhof mit Bomben belegt. Auch sei ein Haus getroffen worden, in dessen Schutzraum viele Menschen waren. Es habe jedoch keinen Personenschaden gegeben.) Thomas: »Vierzehn Nonnen wurden in der Kapelle von St. Susanna durch eine Bombe getötet. Auf die Jesuitenkirchen fielen Bomben während der Kommunion. In der Kirche von Santa Maria tötete eine Bombe den Priester, als er gerade die Hostie hob.« Mason: »Der Angriff erfolgte zur Zeit der Frühmesse, und die drei großen Kirchen der Stadt waren voll von Gläubigen. Eine Bombe durchschlug das Dach der Jesuitenkirche und tötete mit Ausnahme des Geistlichen alle Anwesenden. Eine andere Bombe tötete in der Kirche der heiligen Susanne vierzehn Nonnen. In der Marienkirche wurde Pater Don Carlos Murillo unter Trümmern begraben, als er gerade im Begriffe war, die Hostie zu heben.« Trotz dieser dramatischen Schilderungen, die den Faschismus zum Inbegriff der Gottlosigkeit und der Unmenschlichkeit machten, wurde Durango nicht zu dem erhofften und gewünschten Fanal. Der Ort war unbekannt; daß Kirchen zerstört, Priester, Nonnen, Frauen und Kinder getötet worden waren, ließ sich in der roten Propaganda zwar verwerten, konnte aber kaum große Wirkung erzielen, weil in der Welt bekannt war, wie viele Kirchen die Roten angezündet und wie viele tausend Priester sie ermordet hatten. Aber Durango war das Vorspiel zu Guernica. Es hatte zwar Opfer unter der Bevölkerung gegeben, doch die Zahlen, die man genannt hatte, waren zu klein, um weltweite Resonanz hervorzurufen. Im Fall Guernica nutzte man diese Erfahrungen. Der Bombenangriff auf die Stadt war ein Geschenk für die rote Propaganda.
Die Zahlen der Opfer, mit denen man operierte, zeigen es. Mason schreibt, Durango sei an den beiden folgenden Tagen - also am 1. und 2. April - und am 4. April erneut angegriffen worden. Das behauptet nicht einmal die offizielle Statistik des republikanischen Verteidigungsministeriums. Dafür aber hat man dort den 29. April genommen, einen Tag, nachdem die Nationalen Durango in Besitz genommen hatten. Es heißt in der Aufstellung: Bombenangriffe auf Durango, 1.,2.,29. April - 133 Tote und 86 Verletzte, Bombenangriffe auf Guernica, 26., 27. April - 1654 Tote und 889 Verletzte. Die Zahlen über Guernica sind in zahlreichen Publikationen über den Spanischen Bürgerkrieg unbesehen übernommen worden, so auch von Thomas (S. 326), während Mason meint (S. 219): »Die Schätzung der Verluste schwankte zwischen 100 und 1600 Toten; zieht man die Erfahrungen von Durango heran und berücksichtigt man die Intensität der Angriffe und die Bevölkerungsdichte, wird man annehmen können, daß es in Guernica etwa dreihundert Tote gab.« Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Castor Uriarte Aguirreamalloa in dem 1976 in Bilbao erschienenen Buch (»Bombas y mentiras sobre Guernica« (Bomben und Lügen über Guernica). Uriarte war Baumeister der Stadt, gleichzeitig verantwortlich für die Feuerwehr und erlebte den Luftangriff des 26. April 1937. Er korrigiert zahlreiche Schilderungen anderer Autoren, auch die von Hugh Thomas, vor allem aber das auch in Deutschland erschienene Buch von Gordon Thomas und Max Morgan-Witts »Der Tag, an dem Guernica starb« (El dia en que murió Guernica, Barcelona 1976). Uriarte schätzt die Zahl der Toten auf 250, die der Verletzten auf erheblich mehr. »Inmitten der furchtbaren Zerstörung, die die Gerichtsstadt mit vielen Schäden aller Art materiell erlitt, hatte sie, was Menschenleben angeht, Glück, weil die Einwohner durch das Glockenläuten alarmiert worden waren und weil das erste Flugzeug, das drei Bomben warf und sich danach entfernte, die Leute so erschreckt hatte, daß sie sich in die Schutzräume begaben oder aus der Stadt flohen und Zuflucht in den nahegelegenen Wäldern oder in weiter entfernt liegenden Häusern suchten. Deshalb war die Zahl der Opfer viel geringer, als man am Anfang gedacht hatte.« (S. 81). Was ist Wahrheit?24 Punkte zählt Uriarte auf, in denen er Gordon Thomas und Morgan-Witts vorwirft, eine falsche Darstellung gegeben zu haben (S. 158-174). Sie haben einen »Spannungsroman« geschrieben, in dem Namen auftauchen, die es in Guernica nicht gegeben hat (S. 153), aber sie bringen, so Uriarte, auch interessante Einzelheiten- und das betrifft vor allem den »Chef der Legion Condor, von Richthofen« und seine Besprechung am 25. April 1937 mit Oberst Vigón, dem Chef des Stabes bei General Mola. Uriarte übernimmt die Behauptung von Thomas/Morgan-Witts, daß die beiden Männer (nach dem Richthofen-Tagebuch) Aufnahmen der Luftauflklärer überprüft und die militärische Lage diskutiert hätten. »Später hat Richthofen den Befehl zur Bombardierung des Zentrums der baskischen Tradition gegeben.« (Thomas/Morgan-Witts, Barcelona 1976, S. 162). Vigón habe bei der Besprechung erklärt, General Mola sei zu einer Besprechung über die Kriegslage mit Franco nach Salamanca gefahren. Auch die Behauptung, am 31. März habe die Legion Condor auf Befehl des Generals Sperrle nach einem Gespräch mit Mola Durango bombardiert, übernimmt Uriarte. Seine Kritik bezieht sich weitgehend auf Einzelheiten, nicht auf den Vorwurf des Terrorangriffs. Fünfzig Prozent der Angaben in dem Buch sind falsch, erklärt Uriarte. »Das einzige, was wir zugunsten der Autoren sagen können: die Beschreibung des Luftangriffs, des Brandes und der Beschießung mit Maschinengewehren durch die deutsche Luftwaffe ist wahr und mit Einzelheiten dargestellt. Ich möchte hier nur die Worte kommentieren, die in diesen Tagen in der Presse von Bilbao erschienen und Gordon Thomas in den Mund gelegt wurden, daß nämlich Franco von dem Bombenangriff nichts gewußt hat, daß er eine Entscheidung der Nazis war und Franco nicht die Schuld an dem Genocid gegeben werden kann. Ich wage zu fragen: Wenn in der berühmten Besprechung im Rathaus von Burgas zwischen dem Chef der Legion Condor, dem Chef der italienischen Flieger, dem Obersten Juan Vigón und anderen spanischen militärischen Führern und nach den zwei Besprechungen, die auf einem der Hügel des Motegui mit Vigón vor Beginn der Nordoffensive stattfanden, das Bombardement von Durango und Guernica beschlossen wurde - wie soll man verstehen, daß die Generale Mola und Franco keine Kenntnis dieser Beschlüsse hatten? Wie ist es möglich, daß nach dem Bombenangriff auf Durango (wo keine Waffenfabrik existierte, wie die Autoren des Buches bemerken, und wo viele Menschen starben, darunter zwei Priester und vierzehn Nonnen) ihre Aufmerksamkeit nicht erregt wurde, damit die deutschen Flieger nicht unter dem Vorwand, die Brücke bei Renteria zu zerstören, über Guernica wüten würden, während es in Durango mehrere Brücken gab, die offensichtlich keine militärischen Objekte waren? Aber unterstellen wir, daß die Zerstörung Guernicas ausschließlich das Werk der deutschen Flieger war: Warum haben die Generale Mola und Franco zu wiederholten Malen die roten Separatisten beschuldigt, Guernica zerstört zu haben? Und warum haben sie die Wahrheit nicht gesagt, als sie genaue Kenntnis davon besaßen, was geschehen war? Noch vor seinem Tod ist Franco dabei verblieben, die Wahrheit zu leugnen (dreißig Jahre nach dem Genozid von Guernica).« Uriarte meint, der Grund des Schweigens sei gewesen, daß die ausländischen Mächte nicht erfahren sollten, daß die deutsche Luftwaffe im Franco-Gebiet auf eigene Rechnung und Gefahr, wohne jede Kontroller schalten und walten konnte. Abgesehen von der Tatsache, daß Uriartes Folgerung falsch ist, denn die übrigen Mächte wußten über den Einsatz der Legion Condor mehr; als die deutsche Bevölkerung bis zum Ende des Spanischen Bürgerkrieges 1939 erfuhr, enthält die Darstellung auch sachliche Unrichtigkeiten. Ein Beschluß, Durango und Guernica zu bombardieren, ist bei keiner Besprechung gefaßt worden. Es gibt keinen Befehl und keinen irgendwie gearteten anderen Beweis für die Behauptung, in Guernica sei Völkermord geplant worden. Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 27(4) (1979), S. 13-16 weiter zu Teil III zurück zu Teil I heim zu Reisen durch die Vergangenheit |