Briten betrieben bis 1947 Folterlager

von Hendrik Bebber (Frankfurter Rundschau, 18.12.2005)

London. „Es wird uns vorgeworfen, dass wir Gefangene auf eine Art und Weise behandeln, die an deutsche Konzentrationslager erinnern“, warnte der britische Minister Frank Pakenham davor, dass der Untersuchungsbericht über britische Verhörzentren in Deutschland unmittelbar nach dem Krieg an die Öffentlichkeit gelangen. Nun gelang dem „Guardian“ sechzig Jahre danach der Zugang zu den streng geheimen Papieren im Londoner Militärarchiv. Demnach unterhielt die britische Militärregierung mehrere Verhörzentren, in denen Gefangene grausam gefoltert wurden und dem Hungertod ausgeliefert waren.

Das schlimmste war das Lager in Bad Nenndorf bei Hannover, in dem zwischen 1945 und 1947 372 Männer und 44 Frauen festgehalten wurden. Sie wurden systematisch verprügelt, ausgepeitscht und mit Daumenschrauben gequält, Scheinexekutionen sollten ihren Willen brechen. Die zum Skelett abgemagerten Gefangenen bekamen kaum medizinische Betreuung. „Mir bot sich einer der scheußlichsten Anblicke in meinem Leben“, sagte der britische Artilleriemajor James MorganJones, der schließlich die Regierung in London über die Zustände informierte.

Bizarres Begräbnis

Die meisten der hier von den „Vereinigten Geheimdiensten der Streitkräfte“ verhörten Personen waren ehemalige Angehörige der SS und Nazifunktionäre. Aber wie später der mit der Untersuchung beauftragte Scotland-Yard-Inspektor Tom Hayward sagte, gab es unter den Folteropfern eine „Anzahl von Personen, denen man nur vorwerfen konnte, dass sie die Staatsangehörigkeit eines Landes besitzen, mit dem wir uns im Krieg befanden.“ Als 1946 der Kalte Krieg zwischen den westlichen Alliierten und der Sowjetunion ausbrach, wurden in dem Lager viele Personen verhört, die man für Moskaus Spione hielt. Darunter befanden sich auch einige ehemalige KZ-Häftlinge.

Der „Guardian“ berichtet auch über das bizarre Begräbnis eines SS-Offiziers, der an den Misshandlungen starb. Um dies zu vertuschen, wurde er als britischer Offizier mit allen militärischen Ehren beigesetzt. Dies geschah auf Drängen der Amerikaner, für die der ehemalige SS-Mann als Agent gearbeitet hatte. Haywards Bericht führte zu Kriegsgerichtsprozessen gegen drei der schlimmsten Schinder. Sie endeten mit zwei Freisprüchen und einer Entlassung aus der Armee wegen Pflichtvernachlässigung.


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