Johann Ludwig Burckhardt

(14.11.1784 - 15.10.1817)

[Johann Ludwig Burckhardt]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1784
25. November: Johann Ludwig Burckhardt* wird als Sohn des Kaufmanns Johann Rudolf Burckhardt und dessen Ehefrau Sarah, geb. Rohner, in Lausanne geboren. Er wächst in Basel auf.

1799-1800
Burckhardt - der bis dahin von Hauslehrern unterricht wurde - besucht das Gymnasium in der preußischen Enklave Neuenburg ("Neuchâtel"), wo er das Abitur ablegt.

[Neuenburg/Neuchatel um 1800} [Neuenburg/Neuchatel, Marktplatz um 1800]

1800-1804
Burckhardt studiert in Leipzig und Göttingen Geschichte, Filologie und Jurisprudenz.

[Göttingen, Universitätsbibliothek um 1800]

1805-1809
Burckhardt reist nach London und tritt in die Dienste der African Association ein, die ihm als Handlungsreisendem in spe für Nordafrika ein Arabisch-Sprachstudium in Cambridge spendiert.**

[London um 1805] [Wappenschild der Universität Cambridge]

1809
Juli: Burckhardt übersiedelt ins Osmanische Reich, das damals noch den ganzen "Nahen (nach englischem Verständnis: Mittleren) Osten" sowie den größen Teil von Nordafrika beherrscht.
Er läßt sich in Aleppo nieder, wo er sich als indischer Handlungsreisender namens "Ibrahim ibn Abdallah" ausgibt. Er betreibt Sprach- und Koranstudien.***

1812
Februar: Auf einer Reise nach Damaskus entdeckt Burckhardt in Hama einen Stein mit Hieroglyphen - die Jahrzehnte später als "luwische" identifiziert werden. Er schenkt diesem Zufallsfund jedoch keine größere Beachtung.


Sommer: Burckhardt reist nach Kairo, um sich einer Karawane zum sagenhaften Timbuktu anzuschließen, das er als erster Europäer "entdecken" will.

[Karawane nach Timbuktu]

Unterwegs macht Burckhardt einen Abstecher ins "Tal des Aaron", um ein Zicklein auf das gute Gelingen der Reise zu opfern. Dabei entdeckt er die nicht minder sagenhafte "Felsenstadt" Petra.****

[Petra]

1813
Januar: Da die Karawane wegen einer Epidemie ausfällt, unternimmt Burckhardt statt dessen eine Reise nielaufwärts nach "Nubien" [früher "Oberägypten", heute "Sudan"], die er jedoch wegen irgendwelcher Stammesfehden abbrechen muß.
März: Auf dem Rückweg macht Burckhardt einen Abstecher nach Abu Simbel. Neben dem - weniger bedeutenden, aber nie in Vergessenheit geratenen - ["kleinen"] Hathor-Tempel entdeckt er die vom Winde verwehten vom Sand zugewehten Ruinen des ["großen"] Ramses-Tempels" mit seinen Monumental-Statuen.*****

[Abu Simbel, Statuen am Hathor-Tempel] [Abu Simbel, Statuen am Ramses-Tempel]

1814
Burckhardt reist erneut gen Süden nach "Nubien". Auf dem Markt von Schandi ersteht er einen Sklaven, den er nach Überquerung des Roten Meers in Jidda mit Gewinn weiter verkauft. Aus dem Erlös finanziert er eine Pilgerfahrt zum Hajj nach Mäkka.


Dazu gehört einiger Mut - auch heute noch -, denn wer dort als Nicht-Muslim entlarvt wird, ist des Todes. Dikigoros - der selber auch mal so leichtsinnig war, nach Mäkka zu reisen, wenngleich nicht zum Hajj, sondern "nur" außerhalb der Hauptsaison, schreibt darüber an anderer Stelle mehr - nicht viel, sondern nur einen Exkurs, aus dem aber hoffentlich klar wird, daß er es nicht noch einmal riskieren und auch niemandem empfehlen würde, es nachzumachen. Er war auch weniger begeistert als Burckhardt, der volle drei Monate dort blieb und sich in seinen Berichten geradezu euforisch über die muslimischen Pilger im allgemeinen und die Wahhabiten im besonderen äußerte.


1815
Januar: Burckhardt zieht weiter nach Medina, wo er schwer erkrankt. (Nein, nicht an "Corona", sondern wahrscheinlich an Malaria oder Gelbfieber.)
Erst im Sommer hat er sich so weit erholt, daß er nach Kairo zurück kehren kann.

1816
April: Burckhardt bereist die Sinaï-Halbinsel, besucht das Katharinenkloster am Fuße des Moses-Berges und besteigt denselben.

[Katharinenkloster]"

Zurück in Kairo gelingt Burckhardt ein letzter großer Coup, nämlich - mit Hilfe eines Strohmanns - die Büste von Ramses II zu erwerben und nach London zu verschiffen. (Der Pascha von Ägypten ist froh, das heidnische Gerümpel los zu sein :-)

[Die Büste Ramses II]

1817
Während Burckhardt erneut auf eine Karawane nach Timbuktu wartet, erleidet er einen Rückfall der Krankheit, die er sich in Medina zugezogen hat.
15. Oktober: Ibrahim ibn Abdallah, geb. Johann Ludwig Burckhardt, stirbt in Kairo.
Es ist ein Treppenwitz, daß er fast alle seine großen Entdeckungen mehr oder weniger durch Zufall machte, während er das große Ziel, auf das seine Planungen eigentlich gerichtet waren, nämlich Timbuktu, nie erreichte. (Wahrscheinlich wurde ihm dadurch eine große Enttäuschung erspart :-)
Seine Reiseberichte u.a. Aufzeichnungen werden von der African Association posthum unter dem Namen "John Lewis Burckhardt" veröffentlicht.
(Übersetzungen ins Deutsche erscheinen unter seinen deutschen Vornamen, zunächst als "Reisen in Nubien und Arabien", später als "Entdeckungen in Nubien".)


*Auf diesen Namen wurde er eine Woche später in Basel [schein]getauft. In Lausanne nannte er sich "Jean Louis", in England "John Lewis", außerhalb Europas "Ibrahim ibn Abdallah" - so steht es auch auf seinem Grab. Sein echter - jüdischer - Name ist nicht mit hinreichender Sicherheit festzustellen. Möglich wäre z.B. Abraham ben Gideon Levi.

**Die 1788 von Parlamentsabgeordneten u.a. einflußreichen Persönlichkeiten gegründete African Association hatte sich zum Ziel gesetzt, Großbritannien ein "neues" Kolonialreich in Afrika zu gewinnen durch Inbesitznahme nicht nur einzelner Küstenstreifen, sondern auch des Landesinneren.
Unter modernen Historikern wird die These vertreten, daß sie das taten, weil sie gerade ihr "altes" Kolonialreich verloren hatten (durch die Unabhängigkeitserklärung der USA 1776) und dringend nach Ersatz suchten. Aber das ist eine verzerrte Retroperspektive. "Neu-Belgien", das man im 17. Jahrhundert den Niederländern abgenommen und in "Neu-England" umbenannt hatte, war so ziemlich die unwichtigste britische Kolonie gewesen: Kaum Bodenschätze und eine aufmüpfige Bevölkerung, die ihre Steuern und Zölle nicht zahlen wollte. Viel wichtiger waren Kanada und ["Ost-"]Indien, die man den Franzosen im 18. Jahrhundert abgenommen hatte (in einem Krieg, den die Preußen nach der Dauer ihrer eigenen Beteiligung den "7-jährigen Krieg" nannten) und die Inseln der Karibik ["West-Indien"], vor allem Jamaika, denn dort gab es Zuckerrohr, das nicht nur als Süßstoff diente (die Zuckerrübe war noch nicht erfunden), sondern auch zur Herstellung von Rum, auf den England als seefahrende Nation dringend angewiesen war. (Britische Seeleute hatten Anspruch auf 1/2 Pint Rum pro Tag, ohne dessen Zusatz das oft mehrere Wochen alte Trinkwasser selbst abgekocht so gut wie ungenießbar war.
Dabei kam es ihren Lobbyisten weniger auf Besiedlung an als vielmehr auf Erschließung und Sicherung neuer Handelsrouten, da man in Afrika reiche Bodenschätze vermutete.

***Die Nachwelt hat die Frage diskutiert, ob Burckhardt sich wirklich nur verstellt habe oder nicht vielmehr ernsthaft zum Islam konvertiert sei. Dikigoros will letzteres zwar nicht ausschließen - auch ein Peter Scholl-Latour konvertierte bekanntlich zum Islam; allerdings hatte der sein Judentum schon lange verraten aufgegeben -; er hält es jedoch 1. für ziemlich unwahrscheinlich und 2. für das Thema dieses Kapitels seiner "Reisen durch die Vergangenheit" - archäologische Entdeckungen - für unerheblich.

****Warum hat Dikigoros oben nicht statt eines modernen Fotos eine zeitgenössische Zeichnung abgebildet, von denen es doch einige gibt?

Wer mal in Petra war, kennt die Antwort: Burckhardt selber hatte keine angefertigt, sondern nur eine Beschreibung, nach der sich Andere ans Werk machten. So kann es aber auch damals unmöglich ausgesehen haben - die Geografie ist einfach eine andere und ändert sich auch in 200 Jahren nicht. Petra liegt zwischen relativ eng bei einander stehenden Felsen, nicht in einer weiträumigen Landschaft:

*****Neben der modernen Fotografie des "kleinen" Hathor-Tempels wirkt die Zeichnung des "großen" Ramses-Tempels auf den ersten Blick unscheinbar. Allerdings täuschen die Relationen: Burckhardt hatte sich verständlicher Weise auf die Monumental-Statuen konzentriert - und sie, wie ein Vergleich mit modernen Aufnahmen zeigt, in diesem Fall erstaunlich genau wiedergegeben.

Einen richtigen Eindruck erhält man aber erst beim Blick auf die Gesamtanlage:


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