Die furchtbare Bastille - eine Legende

von Jan von Flocken (Welt Online, 01.09.2007)

15 Kanonen feuerten am 14. Juli 1789 von der Bastille auf das Volk. Als es fast 100 Tote gab, stürmten die Menschen die Zwingburg, um die Gefangenen, Opfer der königlichen Tyrannei, zu befreien. Tage später wurde die Bastille als Symbol des Despotismus abgerissen. So steht es in vielen Geschichtsbüchern - doch nichts davon ist wahr.


Der Sturm auf die Bastille. Phantasievolles Aquarell von J. M. Houel.

Die Bastille war ursprünglich als Festung zum Schutz von Paris 1370 mitten im Hundertjährigen Krieg gegen die Engländer erbaut worden. Das 23 Meter hohe viertürmige Gebäude verlor aber mit dem Aufkommen der Artillerie seine militärische Bedeutung. Seit Anfang des 17. Jahrhunderts, unter der Herrschaft des Kardinals Richelieu, diente sie als Staatsgefängnis. In die Bastille kamen freilich keine gewöhnlichen Verbrecher; sie war ein vergleichsweise luxuriöser Internierungsort für die gehobenen Stände.

Es gab hier keine finsteren Verliese mit angeschmiedeten Gefangenen, sondern ganz normal eingerichtete Zimmer, die nur nachts abgeschlossen wurden, quasi ein "offener Vollzug". Unter den Insassen befanden sich im 18. Jahrhundert auch Leute, die ihre Schulden nicht bezahlten oder jemanden im Duell getötet hatten. Gelegentlich erwischte es sogar Sonderlinge, wie 1749 Henri Masers de Latude. Dieser überspannte Herr täuschte einen Anschlag auf die mächtige Mätresse Madame Pompadour vor, "entlarvte" ihn dann, um eine Belohung zu kassieren und wanderte deshalb in die Bastille. Als Sträfling benahm er sich derart aufsässig, dass man ihn 35 Jahre hinter den Mauern verwahrte. Hier schrieb Latude seine Gefängniserlebnisse auf, besser gesagt, er ließ seiner blühenden Fantasie freien Lauf.

Die Bevölkerung glaubte die erfundenen Schauergeschichten

Aus dem Gefängnis geschmuggelt, sorgten Latudes Gräuelmärchen für Furore. Man glaubte ihm, obwohl sein Elaborat vor Ungereimtheiten strotzte. So behauptete er, alle Gefangenen seien nach ihrer Ankunft sämtlicher Kleider beraubt und in elende Lumpen gehüllt worden. Andererseits berichtete er von seinem Fluchtversuch mittels Strickleiter, die aus mehr als 120 zusammengeknoteten Hemden bestanden habe! Dass er nach seiner Entlassung 1784 für unrechtmäßig erlittene Haft die enorme Entschädigung von 60.000 Franc kassierte, verschwieg Latude tunlichst.

Als im Juli 1789 schwere Unruhen in Paris ausbrachen, befahl König Ludwig XVI., den Großteil der Pulvervorräte aus dem städtischen Arsenal in die Bastille zu verlagern. Für das Volk war dies Anlass, die "Zwingburg des Despotismus" zu stürmen. Am Vormittag des 14. Juli zog eine bewaffnete Menge vor den Festungsgraben und begehrte Einlass. Der Bastille-Kommandant de Launay zeigte sich kompromissbereit, auch weil er nur über 114 Soldaten verfügte, davon 82 kaum kampftaugliche Invaliden. Er verhandelte mit den Aufständischen und ließ zur Warnung nur einen einzigen Kanonenschuss in die Luft abfeuern. Einige Gewehrschüsse forderten Opfer auf beiden Seiten, führten aber nicht zu dem später kolportierten Blutbad. Schließlich schleppten die Pariser auch Geschütze herbei und feuerten auf die Bastille, aber so dilettantisch, dass dabei mehrere Wohnhäuser zerstört wurden.

Das Volk garantierte dem Kommandanten freien Abzug - und spießte ihn auf

Gegen die Zusicherung freien Abzugs kapitulierte de Launay am Nachmittag, wurde aber, als er die Bastille verließ, von der Menge in Stücke gehauen. Ein Fleischergeselle schnitt ihm den Kopf ab und spießte ihn auf eine Lanze. Auch sechs Soldaten erlitten ein ähnliches Schicksal.*

Nachdem das Volk dieserart seinen Mut gezeigt hatte, ging es daran, die zahlreichen in Ketten schmachtenden Gefangenen zu befreien und erlebte eine peinliche Enttäuschung. In der riesigen Bastille befanden sich ganze sieben wohlgenährte Häftlinge: ein gefährlicher Schwerverbrecher, vier Männer, die wegen Geldfälschung in Untersuchungshaft saßen sowie zwei offensichtlich Geistesgestörte, die von ihren Familien abgeschoben worden waren. Da mit solchen Gefangenen nur wenig Eindruck zu machen war, präsentierte man dem Volk wenigstens ein "fürchterliches mechanisches Folterinstrument" im Keller der Bastille. Wie sich später herausstellte, war es eine altertümliche Druckerpresse.

Bauunternehmer verkaufte Steine der Bastille als Souvenirs

Der Sturm auf die Bastille wurde für einen Mann zum Millionengeschäft - Pierre Francois Palloy. Dieser umtriebige Bauunternehmer erschien bereits am späten Nachmittag des 14. Juli an der Spitze von 500 Tagelöhnern in den Festungsgräben. Mit Spitzhacken und Schlaghämmern rückten sie dem Gebäude zu Leibe. Nach zwei Tagen erhielt der "Patriot" Palloy den öffentlichen Auftrag zum Abriss der Bastille. Er verkaufte Steinquader Stück für Stück, teilweise mit Inschriften, als Souvenir an Parisbesucher. Nicht nur die "Kruste von den schrecklichen Gewölben" brachte ihm Gewinne. Palloy sicherte sich auch das Monopol auf Wachs- und Holzmodelle der Bastille, die im ganzen Land verkauft wurden.

Für Frankreichs Monarchie war der 14. Juli 1789 der Anfang vom Ende. König Ludwig XVI. notierte unter diesem Datum in seinem Tagebuch "Nichts". Dieser Eintrag wird in vielen Abhandlungen über die Französische Revolution als Beweis seiner Ignoranz zitiert. Tatsächlich führte er gar kein Tagebuch im klassischen Sinn. Er verzeichnete darin vor allem seine Jagdbeute, also was er wann geschossen hatte. Am historischen 14. Juli war keine Jagd angesetzt, demnach geschah in dieser Hinsicht "nichts". Eine Bewertung, die man auch den Legenden um die Pariser Bastille beimessen muss.

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*Anm. Dikigoros: Wie Bertram Job bereits 1989 in GEO mitteilte, bewies der Pöbel le peuple am Folgetag erneut seinen Mut, indem er rund 3.000 Windhunde - Symbole des verhaßten Adels - ermordete hinrichtete. Auch davon liest man für gewöhnlich nichts in unseren Geschichts- und Märchenbüchern.


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