Abschied vom Turmmythos

Suchwege der Exegese

von Thomas Staubli

Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) hat sich fast zeitlebens, besonders aber in der letzten Phase des Zweiten Weltkrieges, mit dem Turmbau zu Babel beschäftigt. Er plante ein Schauspiel, in dem jeder Akt in einem höheren Stockwerk des Turmes spielen sollte, bis die Akteure nur noch in Sauerstoffmasken auftreten würden. Nebukadnezar will den Himmel erobern und Gott töten. Aber statt Gott findet er auf der Himmelsplattform nur einen Vorgängerkönig, der vor Jahrtausenden dasselbe versuchte, beim Zusammenkehren einiger Atome. Lachend drückt dieser seinem Ablöser den Besen in die Hand und verschwindet. Dürrenmatt wollte in diesem Stück ferner den ewigen Rebell Nimrod auftreten lassen, der Zeuge gewesen war, wie der Tagelöhner Gimmil wegen einer Lappalie ausgepeitscht worden war. Seitdem will Nimrod das kapitalistische Wirtschaftssystem stürzen und eine kommunistische Weltordnung einführen. Die fast gelungene, aber dennoch gescheiterte Revolution wird von allen Gesellschaftsschichten dem Tagelöhner Gimmil zugeschoben, der nichts anderes will als ruhig leben. Er will sich vom Verdacht befreien, selbst ein Revolutionär zu sein, und verfolgt ein Leben lang Nimrod als seinen Erzfeind. Schließlich stehen sich die beiden gegenüber. Nimrod wirft Gimmil vor, seine eigene Sache zu verraten. Noch bevor Gimmil seinen Erzfeind erkennt, entkommt Nimrod, um jahrtausendelang weiterverfolgt zu werden. Auch diese Version Täter (Nebukadnezar) - Opfer (Gimmil) - Retter (Nimrod) blieb Makulatur. Das meiste hat Dürrenmatt in einem verzweifelten Befreiungsakt verbrannt, denn die Turmbaustoffe wucherten ins Uferlose. Einiges davon ist in seine 1953 geschriebene Komödie "Ein Engel kommt nach Babylon" eingeflossen. 1990 verglich er - zurückblickend - die Geschichte seiner ungeschriebenen Stoffe mit dem Turmbau: "Indem ich meine alten Fabeln aufgriff, griff ich mich selber auf, allzusehr bin ich mit meinen Stoffen verwoben und in sie eingesponnen. Mein Irrtum, mein Schreiben sei dem gewachsen. Allzu leichtfertig ließ ich mich auf ein Unternehmen ein, dessen Ende nicht abzusehen war. Es ging mir wie mit dem Turmbau zu Babel, den ich einmal plante und begann: ich musste ihn abbrechen, um mich von ihm zu befreien. Was blieb, sind seine Trümmer."

Ein Turm - und was noch?
Dürrenmatts Rückgriff auf das Turmbaumotiv folgt einer im Abendland dominanten Auslegung von Gen 11,1-9, die im Turm der hurerischen Stadt Babel (Apk 17) ein Sinnbild der Hybris (Überheblichkeit) sieht. Vielleicht kannte er auch den jüdischen Midrasch von Nimrod, der zum Himmel hinaufsteigt, um Krieg gegen Gott zu führen. Besonders mit dem Aufschwung der Technik in der Neuzeit und dem massiven Erweitern der mittelalterlichen Städte wurde dem Text große Aktualität beigemessen. Da der Technoboom sich in den vergangenen Jahrzehnten geradezu in einen Technorausch gesteigert hat, hält die Faszination des Turmbaubildes bis in die Gegenwart an. Noch heute wird in allen "großen" deutschsprachigen Bibelübersetzungen" (Einheitsübersetzung, Zürcher, rev. Luther, rev. Eberfelder) der Sinn der LeserInnen durch den Zwischentitel "Der Turmbau zu Babel" in diese Richtung gelenkt.

Die ersten, die das taten, waren die Juden in Babylon
und später auch die Muslime der Gegend. Ihnen schien klar, dass die "Generation der Trennung" rund um eine Zikurrat lebten. Die Ruinen dieser Stufenpyramiden mit einem Hochtempel zu Ehren Marduks, des Stadtgottes von Babel, lagen vor ihren Augen. Die neuzeitlichen Archäologen haben ihre Ansicht übernommen und "wissenschaftlich" zu bestätigen versucht.

Anders haben die palästinischen Juden
der talmudischen Zeit den Text verstanden. Sie haben in der einen Sprache vor der Zerstreuung einen Idealzustand gesehen, der durch das rebellische Geschlecht Nimrods aufs Spiel gesetzt worden sei. Abraham habe sich den Plänen des Gewaltherrschers aber nicht gefügt und sei ausgewandert.

Griechisch angehauchte Juden in Alexandria
haben sich einen Sport daraus gemacht, die Bibeltexte psychologisierend und allegorisierend auszulegen. Den Lehm deuteten sie auf die verirrte Seele, die Ziegel auf die Laster, den Turm auf die aufgehäuften falschen Argumente der Philosophen etc. Mit solchen Deutungen, die uns mehr über die Deuter als über den gedeuteten Text verraten, entfernen wir uns immer weiter vom biblischen Text. Um uns von ihm zu neuen eigenen Deutungen anregen zu lassen, empfiehlt es sich, ihn wieder einmal im O-Ton zu lesen.

Wer macht sich einen Namen?
Was den aufmerksamen Leserinnen und Lesern der Bibel vielleicht als erstes auffällt, ist, dass die sog. Turmbaugeschichte mitten in den Stammbaum des Noachsohnes Sem platziert worden ist (vgl. Gen 10,21-31; 11,10-32). Was könnte der Sinn der Unterbrechung der Semgenealogie sein? Eine Untersuchung der Wortfelder im Mythos, wie sie der deutsche Alttestamentler Ulrich Berges anstellt, hilft weiter. Es gibt deren drei: Die Wörter "Ziegel", "Ziegel ziegeln", "zu Brand brennen", "Stein", "Bitumen", "Mörtel", "bauen", "Stadt", "Zitadelle" bilden das Wortfeld "Konstruktion". Die Wörter "Rede", "Wörter", "sprechen", "Namen", "verstehen", "nennen" bilden das Wortfeld "Kommunikation". Die Wörter "eine (gleiche)", "einerlei (gleiche)", "zueinander", "Menschen (Söhne Adams)", "einzig", "alles", "einer ... des andern", "dort", "von dort", "vermengen", "zerstreuen" bilden schließlich das Wortfeld "Einheit/Vielheit".

Gleichsam im Schnittpunkt dieser Wortfelder
ereignet sich das Städtebaudrama: Die Kommunikation dank einer Rede/Sprache ermöglicht ein Bauprojekt, dessen Sinn es sein soll, den ErbauerInnen einen Namen zu machen, der ihre Zerstreuung verhindert. Das Bauprojekt dient demnach dem "Namenmachen". Die Wörter "Name" (schem), "dort" (scham) und "Sem" (schem) werden im Hebräischen genau gleich geschrieben.

Der theologische Sinn
der Einbettung der sog. Turmbaugeschichte in die Semgenealogie liegt demnach auf der Hand: Während JHWH das Projekt der Menschen, sich selber einen Namen zu machen, vereitelt, erwählt er sich dort, wo er das Bauprojekt vereitelte, die Nachkommen Sems, um mit ihnen jenes Projekt zu beginnen, das seinen Namen in der ganzen Welt bekannt machen wird. Mit der Verortung des Mythos in Babel im Lande Schinear wird zusätzlich eine Brücke von der ortlosen Urzeit in die Geschichte gebaut, auf welche die Bibel fortan fokussiert.

Eine historische Parallele in Assur…
Dem aufmerksamen Historiker fallen zu den biblischen Wortspielen und Wortfeldern außerbiblische Parallelen ein. Christoph Uehlinger, Alttestamentler in Fribourg (CH), hat beobachtet, dass viele Motive der sog. Turmbaugeschichte in der Rhetorik mesopotamischer Herrscher eine zentrale Rolle spielten (vgl. Kasten 1).

Seit sumerischen Tagen galt "eine Rede/Sprache" (1) als politisches Ideal und als Ausdruck einer einheitlichen, befriedeten Welt. Sargon II. (721-705 v. Chr.) machte sich dieses politische Programm ganz besonders zu eigen. Als äußeres Symbol seines "modernen" Einheitsstaates ließ er seinen völlig neuen Regierungssitz Dur-Scharrukin erbauen. Die ummauerte Stadt und die turmhohe Zitadelle (2) sollten den Eindruck von Stärke, Macht und Sicherheit vermitteln. Mit dem Bau großer Projekte wie Kanälen, Mauern und Städten - heute sind es vor allem Staudämme - versuchten sich orientalische Herrscher schon immer einen Namen zu machen (3). Gleichzeitig war damit die Absicht verbunden, alle unterworfenen Völker durch Einbindung in die großen Bauprojekte zu einem Volk zu machen, aus assyrischer Perspektive gesprochen: "zu den Leuten Assyriens zu zählen" (4). …

und ihre prophetische Kommentierung in Israel

Nun ist es höchst aufschlussreich zu wissen, dass jener ehrgeizige Sargon II., der Kriege ohne Ende führte, 722/20 v. Chr. auch Samaria, die Hauptstadt des Nordreiches Israel, erobert hat (vgl. 1Kön 17,5-6). Damals flohen wohl viele IsraelitInnen nach Juda. Als sie 705 v. Chr. hörten, dass der Zerstörer ihrer Hauptstadt in einer Schlacht umgekommen war, freuten sie sich, wie ein Spottlied des Propheten Jesaja auf den Verstorbenen bezeugt: "Oh, wie bist du vom Himmel gestürzt Helel, Sohn des Schahar (wörtl. "Glänzender, Sohn der Morgenröte"), zur Erde gefallen, Völkerbesieger! Du hattest doch gesagt in deinem Herzen: Zum Himmel will ich hinaufsteigen, höher als die Sterne will ich meinen Thron erheben, doch zum Totenreich bist du hin…" (Jes 14,4-20). Sein Tod bedeutete auch das Aus für den Weiterbau seiner Prunkstadt Dur-Scharrukin. Seine Nachfolger regierten von der traditionellen Hauptstadt Ninive aus. Der Kern der sog. Turmbaugeschichte dürfte daher so etwas wie ein theopolitischer Kommentar, in Gestalt eines konstruierten Mythos, zum Abbruch des gigantischen Bauprojektes Dur-Scharrukin gewesen sein.

Aktualisierungen des Kommentars in babylonischer und persischer Zeit
Rund 150 Jahre nach diesen Ereignissen wurde Jerusalem von den Babyloniern erobert und die städtische Oberschicht in die Gegend von Nippur verschleppt. Dort wurden sie Augenzeugen monumentaler babylonischer Bauten, u.a. der Zikurrat. Sie bezogen den nicht ausdrücklich auf Dur-Scharrukin gemünzten Mythos nun mit wortspielerischem Witz ausdrücklich auf Babel: "Darum nennt man ihren Namen Babel, denn dort vermengte (balal) JHWH die Rede der ganzen Erde" (11,9).

In und nach dem babylonischen Exil
wurden die alten Erzählstoffe Israels zu der in der heutigen Form bekannten Urgeschichte der Tora zusammengefügt. Bei dieser redaktionellen Arbeit haben die Sammlerinnen und Schriftkundigen erklärende und verknüpfende Sätze einfließen lassen. Die Bemerkung "Als sie von Osten her aufgebrochen waren, fanden sie eine Ebene im Land Schinear und ließen sich dort nieder" verband die Sintflutgeschichte mit der "Babelerzählung", die nun zum fulminanten Finale der Urgeschichte wurde. Drei stereotype, refrainartige Glossen handeln von der Zerstreuung der Menschen über die ganze Erdfläche durch JHWH (11,4.8.9). Sie verweisen zurück auf die Völkerliste von Gen 10 und voraus auf die Wanderungen Abrahams und widerspiegeln ein Bewusstsein für die im Perserreich herrschende und gepflegte Völker- und Sprachenvielfalt.

Gen 11,1-9 als Zikurrat?
Trotz seiner bewegten Entstehungsgeschichte präsentiert sich die sog. Turmbaugeschichte als erstaunlich kompaktes Gesamtkunstwerk. Besonders der kunstvolle symmetrische Aufbau der Geschichte wurde immer wieder beschrieben und bewundert. Die niederländische Alttestamentlerin Ellen van Wolde hat die Textstruktur sogar mit einer Zikurrat verglichen (vgl. das nebenstehende vereinfachte Schema). Das Bild vom Textturm noch weiterführend, versteht sie ihn als Aussichtsturm über die Landschaft von Gen 1-11 (Urgeschichte). Aus dieser Perspektive werde deutlich, dass nicht der Mensch, sondern die Erde im zentralen Blickfeld stehe, aus der der Mensch zuallererst geschaffen wird, die er dann bebaut, im Brudermord mit Blut besudelt, die in der Sintflut bedroht und im Bundesschluss bewahrt wird und über die schlussendlich die Stadtbaugeneration zerstreut wird.

Diese Interpretation, obzwar originell
in ihrer Aufmerksamkeit für die Erde, ist die jüngste einer langen Kette von Deutungen, die den Turm in Gen 11,1-9 von einem Nebenmotiv zu einem Hauptmotiv macht und dabei das Stadtbaumotiv aus den Augen verliert. Der Turm der ältesten Geschichte aus assyrischer Zeit meinte zunächst aber sicher nicht die Zikurrat, sondern die Zitadelle der Stadt Sargons. Wie auf Bildern der damaligen Zeit gehörte auch in der Sprache der Ausdruck "Stadt und Zitadelle" ('ir umigdal) zusammen. Das Hauptthema: Kommunikation
Es ist an der Zeit, ausgehend vom Text und seiner Geschichte den Weg für neue, weniger einseitige Deutungen - wie zum Beispiel jene von Dorothee Sölle (Kasten 2) - zu ebnen. Einen zaghaften Schritt in diese Richtung wagt die "Gute Nachricht", wenn sie die traditionelle Zwischenüberschrift in Klammer hinter eine neue setzt: "Die Menschheit will es mit Gott aufnehmen (Der babylonische Turm)". Fragt man sich, wie es die Menschen denn anstellten, es mit Gott aufzunehmen, so ist die Antwort "mit dem Turm" nicht die Lösung, sondern nur ein Nebenprodukt. Entscheidend für das Gelingen ist die eine Rede/Sprache, die daher von Gott in viele verwirrt wird.

Der Evangelist Lukas hat die Pointe
des Mythos voll erfasst, wenn er in der Schilderung des Pfingstwunders (Apg 2,1-13) als Gegentext zur babylonischen Sprachverwirrung nicht eine christliche Einheitssprache heraufbeschwört, sondern den Geist preist, der den Christen Verständnis für ihre Brüder und Schwestern unterschiedlichster Herkunft und Freude an ihrer Verschiedenartigkeit verleiht. Die Übersetzung der Heiligen Schrift, des meistübersetzten Buches der Welt, in gegenwärtig 2233 Sprachen kann als äußerliches Symbol einer bis heute gepflegten multikulturellen und polyglotten christlichen Haltung verstanden werden.

Gen 11,1-9 im Zeitalter des Cyberspace
Dies gilt besonders in einer Welt, wo das Englische und der American Way of Life wie ein Geschwür wuchert, das kulturelle Verschiedenheiten und Eigenarten allmählich auffrisst. Das amerikanische Produkt, das gegenwärtig die ganze Welt in Atem hält, ist der Computer mit dem Internet. Mittels einer elektronischen Einheitssprache gelingt es erstmals, die ganze Welt zu vernetzen, aber auch zu beherrschen. Am 10. Januar 2000 fusionierten AOL (America Online; 147 Mia $) und der Mediengigant Time Warner (111 Mia $). Für viele markierte diese größte Fusion aller Zeiten den Zusammenschluss von virtueller (neuer) und realer (traditioneller) Ökonomie und damit den Anbruch eines neuen Zeitalters. Firmen, die erfolgreiche Produkte für die weltweit plötzlich ins Millionenfache gewachsene Kundschaft produzieren, lösen wahre Börseneuphorien aus. Aus Forschung am MIT (Massachusetts Institute of Technology), finanziert vom amerikanischen Verteidigungsministerium, ging vor 16 Monaten die Firma "Akamai" hervor. Sie vertreibt neue, schnellere Server und dotiert heute an der Börse mit 25'000'000'000 US$. Der Zusammenhang zwischen Weltherrschaft und einer Sprache/Rede hat im Zeitalter des Cyberspace und der kapitalistischen Marktwirtschaft eine neue, ungeahnte Dimension erreicht.


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