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„Ich packe meinen Koffer und nehme mit... meinen Fußball, meinen Laptop, meinen Armanipullover uuuuund..." Schuldig überlegte einen Moment oder tat zumindest so. „meinen Aya."
„Das gilt nicht, du kannst keinen Menschen in einen Koffer packen."
„Aber es gibt Dinge, die kann man einfach nicht zu Hause lassen."
Der Rotschopf, der scheinbar geschlafen hatte, öffnete grummelnd ein Auge. „Wart's nur ab. Sobald wir anhalten, bring ich dich um."
Das hieß, sobald er sein Katana wieder hatte. Schuldig hatte es eingepackt, doch die Trennung am Zoll war unvermeidlich gewesen. Im Grunde war es ein Wunder, dass sie die Waffen überhaupt nach Amerika bekommen hatten. Es war Brad zu verdanken, der das irgendwie gedreht hatte. Allerdings nur unter Protest, da er meinte, es wäre leichter, sich im Land mit Waffen zu versorgen, als sie über die Grenze zu bringen. Himmel, sie waren in L.A. losgefahren und nun auf dem Weg in die Südstaaten, da wurden einem die Dinger quasi nachgeworfen.
Da Farf und Ken aber darauf bestanden hatten, ihre eigenen mitzunehmen...
„Komm schon Farf. Spiel auch mit!"
Der Ire hatte bisher entspannt aus dem Fenster geblickt und schien mit den Gedanken ganz woanders gewesen zu sein. Als er angesprochen wurde zuckte er jedoch nur mit den Schultern, ratterte die Liste plus Aya ab und setzte seine Messer dazu.
Aber wurde er dafür verblüfft angeguckt? Bekam er ein wenig Bewunderung oder Anerkennung? Nein! Diese Begabung wurde einfach übergangen.
Ach egal. Er sah wieder aus dem Fenster.
„Okay, jetzt Nagi."
Der Telekinet sah nicht von seinem Gameboy auf, als er antwortete. „Ich kann nicht, ich kämpfe grad gegen zwei Böse Beißmäuse und einen Dreiäugigen Dungeondino. Außerdem hab ich nicht zugehört." Der Gameboy war eine Neuanschaffung nach drei Stunden ununterbrochener Litanei etwa dieser Art: „L.A. ist scheiße. Topeka ist scheiße. Kalifornien ist scheiße. Das Wetter ist scheiße. Diese Schrottkarre ist scheiße. Die Staaten sind scheiße..."
„Du kämpfst gegen WAS?"
Nagi sah jetzt doch auf und den nervenden Telepathen an, als hätte dieser nicht mehr alle Tassen im Schrank, so etwas zu fragen. Seine Antwort klang todernst. „Gegen Böse Beißmäuse und einen Dreiäugigen Dungeondino. Könntest du jetzt aufhören, mich zu stören, Schuldig?"
Das Grinsen des Rothaarigen war immer breiter geworden. „Ja klar, schon okay. Ich wollt nur wissen, ob ich richtig gehört habe." Er holte einmal tief Luft. „Okay, jetzt Brad."
„Ich fahre." Brad fragte sich einen Moment, womit er das verdient hatte. Bis auf ein paar Morde, konnte er sich an nichts erinnern, was eine so harte Strafe rechtfertigte. Na ja, vielleicht sollte er seine moralischen und ethischen Maßstäbe noch einmal überdenken, aber es war trotzdem ungerecht.
Kurz vor dem Hit hatte ihre letzte Zielperson es geschafft, sich in die Staaten abzusetzen und hielt sich jetzt in einem winzigen Kaff in North Carolina versteckt. Was zu Beginn noch nach schlichtem Pech aussah, wuchs sich immer mehr zu einer wahren Odyssee aus.
Zumindest, was Brads Sicht der Dinge anging. Bei gewissen anderen Teammitgliedern hatte sich eher Urlaubsstimmung breitgemacht. Kurz überlegte er, warum er sie nicht einfach zu Hause gelassen hatte, erinnerte sich dann jedoch mit Grauen an seine Visionen kurz vor der Abfahrt. Er liebte sein Haus. Er liebte das Wohnzimmer. Und auch die Küche wollte er nicht aufgeben. Darüber hinaus hatten die rauchenden Ruinen nicht den Eindruck vermittelt, dass noch irgendwas von seinem schönen Büro übrig gewesen wäre. So blieb ihm nichts anderes übrig, als seinen Vorsatz zu brechen, nie wieder mit Schuldig zu reisen.
„Wieso wolltest du nie wieder mit mir reisen?" Kam es von den billigen Plätzen hinten ihm Kleinbus.
Verdammt! Diese schrecklich monotonen Highways ermüdeten ihn jetzt schon so sehr, dass Schuldig seine Gedanken lesen konnte. Nun ja, vielleicht lag es auch daran, dass er nun schon geschlagene acht Stunden fuhr. Mal wieder Zeit für einen Fahrerwechsel.
„Nun sag schon! Warum?"
„Ist die Frage ernst gemeint? Erinnerst du dich nicht mehr an diese Sache in Mexiko?"
„Hey, wieso? Das hat doch Spaß gemacht."
„Spaß? Wir wären fast draufgegangen, nur weil du unbedingt das halbe Drogenlager von diesem Typen mitnehmen musstest und uns die Privatarmee seiner Klienten fünf Tage durch den halben Dschungel gejagt hat, bis wir sie endlich los waren." Nach diesem für den Amerikaner doch sehr ungewöhnlichen Ausbruch folgte mehr oder weniger erfolgreich unterdrücktes Lachen. Brad nach fünf Tagen in freier Natur, war anscheinend eine zu komische Vorstellung.
Crawford sagte dazu gar nichts und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die schnurgerade Straße. Es juckte ihm in den Fingern, die rostige Karre samt Bagage an den nächsten Baum zu setzen. Das wäre zwar unfair gegenüber Aya, der nicht gelacht hatte, aber seine Überlebenschancen standen dank Gurt besser als bei dem Rest der Bande. Das einzige Problem war, dass der nächste Baum vermutlich erst nach ein bis zwei Tagen Fahrt auftauchen würde und so nachtragend war er nun auch wieder nicht.
Schuldigs Gedanken waren inzwischen scheinbar in nostalgischer Verzückung versunken, denn er fragte doch tatsächlich, ob sie nicht nach dem Auftrag noch einen Abstecher nach Mexiko machen könnten.
Die Antwort bestand aus einem mehrstimmigen, entsetzten ‚Nein', was allerdings im Scheppern und Holpern unterging, als der Wagen die Fahrbahn verließ.
Nur durch die Geistesgegenwart Ayas, der vom Beifahrersitz aus die Handbremse zog und das Steuer herumriss, konnte Schlimmeres verhindert werden. Als das Auto stand, herrschte tiefe Stille. Sie hatten keine Musik angehabt, da der letzte Versuch in einer halbstündigen Streiterei über Musikrichtungen ausgeartet war.
Niemand sagte ein Wort. Niemand regte sich. Selbst Brad hatte durch die Aktion seine gewohnte Ruhe wiedergefunden. Schweigen.
„Okay, Brad will also nicht mitspielen... Aya, du bist dran."
+___+___+___+
„Du solltest wirklich umkehren."
„Aya, komm schon. Er ist ja zugegebenermaßen etwas nervtötend, aber es gibt da im Umkreis von zehn Kilometern nur Wüste."
„Ja genau und du weißt doch, wie gefährlich Trampen ist."
„Schon, aber nur für die armen Irren, die ihn mitnehmen."
„Mein ich doch. Kannst du das verantworten?"
Omi, Ken und Nagi klangen nicht gerade übermäßig besorgt, dafür ließ sich die Stimme in Ayas Kopf, die verdammt nach Schuldig klang, nur sehr schwer ignorieren. ~Ayaaaa. Aaaaayaaaaaa! Lass mich nicht allein in der Wüste. Komm zurück. Ich verdurste. Ayaaaa! Wie kannst du so grausam sein? Du liebst mich doch! Hör auf dein Herz und komm zurück! Ayaaaa!...~
Nach einer knappen viertel Stunde hatte Schuldig es so geschafft, Aya psychisch zu zermürben und sie wendeten, um ihren Telepathen wieder einzusammeln.
Brad fragte nur ungerührt, ob Aya seine Mitleidsphase nicht etwas früher hätte haben können, immerhin hätten sie jetzt eine halbe Stunde verloren, aber andererseits hatte auch er dafür gestimmt, den Deutschen auszusetzen. Das und Ayas Blick überzeugten ihn davon, dass er sich jetzt nicht darüber beschweren durfte.
Schuldigs Schock über den Verrat seines Teams bewirkte drei Dinge. Erstens: Er fragte nach, ob er weiter Kofferpacken spielen dürfe. Zweitens: Er unterließ alle Versuche, Aya, Brad oder Nagi für das Spiel zu begeistern. (Die anderen spielten freiwillig mit, weil sie nichts besseres zu tun hatten.) Und Drittens: Er versuchte die anderen auch darüber hinaus möglichst wenig zu nerven.
Für etwa eine Stunde.
Nachdem Farf mindestens dreimal hintereinander gewonnen hatte, hatten die anderen aufgegeben und beschäftigten sich selbst. Ken schlief, Farf starrte aus dem Fenster, Nagi spielte weiterhin Gameboy, Omi hatte sich seine Kopfhörer aufgesetzt, pulte im Takt der Musik abwesend die bröckelnde Innenraumverkleidung ab und fragte sich, was in aller Welt Farf an dieser unfassbar langweiligen Landschaft so faszinierend fand. Yohji schließlich hatte sich über den Beifahrersitz gelehnt und verpasste dem ebenfalls schlafenden Brad halb gelangweilt, halb engagiert eine neue Frisur. Schuldig langweilte sich, trieb sich ab und an in den Köpfen der anderen rum und jammerte zwischendurch „Laaangweiiiliiig!", was aber von allen außer Aya ignoriert wurde, der ihn anknurrte.
Aya fuhr und haderte mit seinem Schicksal. Das war nicht so geplant gewesen.
+___+___+___+
Ursprünglich sollten nur Brad, Farf und Nagi – auf keinen Fall Schuldig – fahren. Aya sollte zu Hause bleiben. Dann kamen Brads Visionen von einem anscheinend völlig zerstörten Haus und Schuldig musste mit. Als sich die restlichen Weißmitglieder meldeten, dass sie doch auch gern mal in die Staaten wollten und Brad zustimmte, da er meinte, sie fielen bei der Anwesenheit von Schuldig auch nicht mehr ins Gewicht, hätte Aya vor Freude Luftsprünge machen können.
Mehrere Wochen allein zu Hause. Niemand der irgendwas wollte. Keine hungrigen Chibis, keine Aufträge, kein Blumenladen. Und natürlich eine Weile ohne Schuldig. DAS wäre Urlaub gewesen. Das Paradies. Aber nein! Schuldig, der meinte, keinen Tag ohne ihn auskommen zu können, hatte ihn tagein tagaus genervt. Sicher schmeichelhaft, aber es hatte ihn beinah in den Wahnsinn getrieben. Doch was Schuldig auch versuchte - emotionale Erpressung, Betteln, Flehen, Drohungen, der Versuch, Aya für die USA zu begeistern - alles war gescheitert und Aya war standhaft geblieben.
Der Sieg gegen Schuldigs dreiste Hartnäckigkeit war schon in greifbarer Nähe gewesen. Aya glaubte sich schon als Sieger, als er sich von allen verabschiedete. Dann allerdings umarmte er Schuldig, hörte noch ein leises ‚Sorry' in seinem Kopf und wachte erst wieder im Flugzeug auf, einige Kilometer über dem Pazifik.
Schuldig saß am Gang und spielte Stuardessenärgern (Zwei Passagiere an unterschiedlichen Enden des Fliegers haben immer abwechselnd den unbändigen Wunsch, etwas zu trinken...) und Passagiereärgern (Plötzlich im Geiste auftauchende Bilder von Operationen am offenen Herzen, Flugzeugabstürzen oder ähnlichen Dingen, damit die kleinen Tütchen in den Rückenlehnen auch mal gebraucht werden...), seine zweitliebsten Beschäftigungen auf Flügen (in Kombination gleich noch viel lustiger).
Aya saß daneben am Fenster. Er war etwas verwirrt, als er aufwachte, sah dann aus dem Fenster, sah sich im Flieger um, sah Schuldig an. Dann lehnte er sich seufzend in seinem Sitz zurück. Nur Augenblicke später zuckte Schuldig scheinbar grundlos zusammen und hielt sich den Kopf. Damit fiel dann Schuldigs liebste Beschäftigung auf Flügen wohl flach.
+___+___+___+
~Och komm schon, bist du etwa immer noch böse? Du bist ziemlich nachtragend.~
/Nachtragend? Diese Entführung ist gerade vier Tage her. Dann war da noch die Sache auf dem Flug nach Kansas und nun fahren wir, ebenfalls dank dir, in einem Hippiebus quer durch Missouri. Dann noch diese Nahtoderfahrung, die, wie du dich hoffentlich erinnerst, keine zwei Stunden her ist. Außerdem ist das Essen in diesem Land einfach nur grauenvoll und die Hitze unerträglich./
~Hey, was kann ich denn dafür, dass wir nicht den Flug an die Ostküste genommen haben?~
/Es gab stundenlange Verzögerungen, weil große Teile der Besatzung plötzliche, unerklärliche Panikattacken hatten und dann Brads Visionen von einem Flugzeugabsturz durch den kollektiven Nervenzusammenbruch der Besatzung... Findest du das nicht auch etwas verdächtig?/
~Ich find's schon ganz schön gemein, für was du mir immer die Schuld geben willst. Außerdem warst du fies zu mir, da hatte ich schlechte Laune.~
/Inwiefern war ich bitte fies? Du kannst froh sein, dass ich überhaupt noch mit dir rede und dich nicht gleich nach unserer Ankunft in L.A. gekillt habe./
~Ach, das würdest du sowieso nie tun.~
/Moment, lenk nicht ab! Das mit dem fies sein hat doch nicht etwa was mit deiner krankhaften Besessenheit von Flugzeugtoiletten zu tun?/
~So würd' ich das aber nicht bezeichnen.~
Aya zuckte nur mit den Schultern. /Würdest du nicht? Also ich schon./
~Du kannst so herzlos sein!~, schluchzte es in Ayas Gedanken.
/Und du bist anstrengend./
~Verzeihst du mir trotzdem?~ Das Grinsen war schon wieder herauszuhören.
Aya seufzte. /Ich fürchte, ja./
Das Auto machte einige Schlenker, weil es bekanntermaßen schwer war, mit einem Spinner am Hals zu fahren. Dadurch wurden noch mal alle aus ihren Tätigkeiten gerissen und schrieen Schuldig an, er solle gefälligst den Fahrer nicht ablenken und sich mal ein bisschen zusammenreißen und überhaupt könne er auch gerne wieder aussteigen. Aber wenigstens sagte Aya nichts.
+___+___+___+
Die Sonne war schon eine Weile untergegangen und die Landschaft hatte sich gewandelt. Sie fuhren inzwischen ab und an durch kleinere Wälder und es gab auch mehr Ortschaften. Von Crawford gelotst, der zwar wieder aufgewacht war, aber noch nicht so ganz verstand, warum sein Anblick bei den anderen solche Heiterkeit auslöste, erreichten sie einen Vorort von St. Louis, erstaunlich weit von St. Louis entfernt und erstaunlich unheimlich.
Unheimlich vor allem deshalb, weil sich sämtliche Häuser bis auf die Vorgärten glichen, wie ein Ei dem anderen, was daran lag, dass alle Ansätze von Natur zugunsten des Rasens ausgemerzt waren. Alle Häuser hatten einen schicken, absolut neutralen, eierschalfarbenen Verputz und eine Doppelgarage mit automatischer Tür. Unheimlich aber auch, da die Lichter in den Häusern innerhalb von nur zehn Minuten ausgegangen waren, während sie die perfekt asphaltierte, schnurgerade Hauptstraße entlanggefahren waren.
Schuldig schauderte. Gingen die hier alle zur gleichen Zeit schlafen? Wahrscheinlich standen sie auch alle zur selben Zeit auf, aus dem selben Doppelbettmodell, putzten sich die Zähne mit der gleichen Zahnpastamarke, aßen die gleichen Dinge zum Frühstück, machten ihre Kinder synchron für die selbe Schule fertig, verließen synchron das Haus mit einem Abschiedskuss für Frau und Kinder, kamen synchron wieder heim und sahen abends die selbe Sendung im Fernsehen.
Es gab nicht viele Dinge, die Schuldig Angst machen konnten, aber das gehörte zweifellos dazu und war sogar noch wesentlich grauenerregender als ein wütender Aya.
Auch die anderen wirkten angesichts dieser beeindruckenden Zurschaustellung von 'Normalität' leicht erschlagen.
„Sag mal, Brad, was machen wir hier?", flüsterte Yohji verstört.
„Genau. Sieht nicht aus, als wär' hier irgendwo ein Hotel in der Nähe. Oder willst du wieder die ganze Nacht durchfahren?", ließ sich nun auch Ken vernehmen.
Da es zu dunkel war, sah keiner von ihnen das seltsame, halb verrückte, halb gefährliche Lächeln, das sich auf Brads Gesicht geschlichen hatte. Seiner Stimme war allerdings nichts besonderes anzumerken, als er antwortete.
„Wir besuchen meine Eltern."
Eine Weile herrschte geschocktes Schweigen, dann traute sich Schuldig endlich, nachzufragen. „Du hast jetzt nicht gesagt, dass wir deine Eltern besuchen?"
„Willst du sie umbringen?", kam es tonlos von Aya.
„Wisst ihr, ich dachte mir, wo ich schon mal hier bin...", entgegnete Brad launig und ohne weiter auf Ayas Frage einzugehen.
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Mr und Mrs Crawford wurden nach nur zwei Stunden Schlaf um elf Uhr siebenundzwanzig aus dem Bett geklingelt. Brad hatte verständlicher Weise ein paar Schwierigkeiten gehabt, das richtige Haus wiederzufinden und die anderen waren selbst darüber noch erstaunt.
Ein wahrer Einheimischer hätte allerdings gesagt, dass 313 Mainroad unmöglich zu verfehlen wäre, war doch die Hecke noch viel ordentlicher gestutzt, der Rasen noch perfekter manikürt, der Wagen in der Einfahrt makellos sauber. Jetzt stand er natürlich in der Garage, zusammen mit einem etwas anderen Fahrzeug, dass dort niemand vermuten würde oder auch sehen, so hofften zumindest Mr und Mrs Crawford.
Als die acht das Haus gefunden hatten und klingelten, ging im oberen Stockwerk gerade das Licht an, als ihnen auch schon von einer jungen Frau Mitte zwanzig geöffnet wurde, die einen so starken Kontrast zu ihrer Umgebung bildete, wie der Hippiebus in der Einfahrt. Nicht, dass sie wie ein Hippie ausgesehen hätte, eher im Gegenteil. Ihr schwarzes Haar war hüftlang und glatt. Sie trug ein bodenlanges, schwarzes Kleid und erstaunliche Mengen an Silberschmuck. An jeder Hand hatte sie mindestens vier Ringe und ihre Ohren machten Farfi Konkurrenz.
Aus tiefschwarzen, ruhigen Augen sah sie die Neuankömmlinge wenig überrascht an. „Hallo Craw, warum lässt du nichts von dir hören? Ich sah mich gezwungen, extra von New Orleans herüberzukommen, um dich zu sehen." Ihre Stimme war leise und dunkel und hatte einen leicht unheimlichen, monotonen Klang.
Das Orakel stand sichtlich erstaunt da, rang sich dann aber doch zu einigen Worten der Begrüßung durch. „Nancy?"
Plötzlich lachte die Frau, wirkte gleich noch ein wenig jünger. Auch ihre Stimme klang nicht mehr ganz so weltfern und leblos, als sie eine lebhafte Unterhaltung begann, während sie die acht ins Wohnzimmer führte, eine rosa Hölle aus Patchwork und Blumenmustern.
„Ich heiße nicht mehr Nancy, auch wenn Mom mich immer noch so nennt." Sie verzog angewidert ihr Gesicht. „Seit sechs Jahren heiße ich Blanche Esprit. Ihr könnt mich alle Blanche nennen."
Sie umarmte jeden einzelnen von ihnen, schien völlig begeistert von ihrem Besuch und besonders angetan von Farfis Outfit.
„Mein Bruder hat euch sicher nicht viel von seiner Familie erzählt. Ich bin von zu Hause weggelaufen, als er zum Studium nach Harvard ging. Nur Wochen später verschwand er leider spurlos." Sie warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, fuhr dann aber mit einem Lächeln fort. „Schade, schade, du wärst bestimmt so ein guter Anwalt geworden." Sie fand es ganz klar nicht ein bisschen schade.
Sie brachte es irgendwie fertig, alle acht auf Sitzgelegenheiten im Alptraumwohnzimmer zu verteilen und setzte sich danach selbst im Schneidersitz auf den Couchtisch.
„Entschuldige, dass ich soviel rede, aber immerhin habe ich dich ja seit Jahren nicht mehr gesehen. Du musst mich unbedingt mal in New Orleans besuchen, deine Freunde sind natürlich auch herzlich eingeladen. Ich hab da einen kleinen Voodooshop im French Quarter. Außerdem musst du deinen Neffen kennen lernen. Ich habe ihn bei einer Freundin gelassen. Ich wollte ihm das hier nicht antun." Mit ausholender Geste schloss sie das Wohnzimmer, das Haus und den ganzen Vorort ein. „Er ist doch noch ein kleines Kind.
Oh, ich rede und rede und hab euch noch gar keine Zeit gegeben, euch vorzustellen. Oder wollt ihr damit warten, bis die Zombies unten sind? Das könnte allerdings problematisch werden, weil sie, wie ich sie kenne, darauf bestehen werden, erst mal den Wagen in die Garage zu fahren, damit die Nachbarn ihn nicht zu sehen bekommen."
Crawford lächelte nach dem Ende dieses Redeschwalls. „Ich freue mich ehrlich, dich zu sehen."
~Ich freue mich auch.~, meldete sich Schuldig erleichtert in Ayas Kopf. ~Sie scheint total durchgeknallt zu sein. Und ich hatte schon Angst, hier gibt's nur 'normale' Menschen...~
Auch die anderen nickten Blanche freundlich zu.
„Woher wusstest du eigentlich, dass Brad hierher kommen würde?", fragte Yohji etwas verwirrt.
„Ich habe davon geträumt." Sie führte das nicht weiter aus, scheinbar hielt sie diese Erklärung für absolut einleuchtend, was Schuldig noch weiter für sie einnahm und die anderen bei näherer Überlegung auch nicht weiter verwunderte.
„Nanette-Schatz? Haben wir Besuch? Wer ist das? Freunde von dir?" Die letzte Frage klang eindeutig ängstlich. Im rosa Morgenmantel, aber akkurat frisiert und geschminkt erschien eine drahtige Frau auf der Treppe, die die fünfzig offensichtlich schon seit Jahren überschritten hatte. Sie schien mit dem Wohnzimmer praktisch zu verschmelzen. Schuldig vermutete, dass sie sich hier nur still hinsetzen musste, um zwischen den Rüschen und Spitzen wie ein Chamäleon nahezu unsichtbar zu werden. Ihm lief es kalt den Rücken herunter.
Die Frau, allem Anschein nach Brads Mutter, würdigte die Besucher erst eines Blickes, als sie durch die Spitzengardinen in die Einfahrt geschaut und scharf die Luft eingezogen hatte. Erst nach einer nicht sehr höflichen Anordnung, das Automobil doch bittschön in die Garage zu fahren, wandte sie sich den Gästen zu. Offensichtlich erkannte sie ihren Sohn nicht, was aber wie das Orakel wusste, nicht daran lag, dass sie eine schlechte Mutter war, obwohl sie das seiner Meinung nach durchaus war, sondern daran, dass sie selbst mit achtundfünfzig noch zu eitel war, eine Brille zu tragen.
Er konnte nicht ganz nachvollziehen, wie man es vorziehen konnte, nahezu blind durch die Welt zu laufen, aber da er seine Eltern noch nie hatte verstehen können, schien ihm auch dieses Verhalten nicht allzu absonderlich.
Er wollte sie gerade über seine Identität aufklären, als Mr Bradley Crawford senior auftauchte, Schnauzbartträger und seit über zwanzig Jahren Buchhalter in derselben Firma, worauf er sehr stolz war. Nicht mit der gleichen Kurzsichtigkeit, wie seine Frau geschlagen, dafür aber mit einer Engstirnigkeit, die Brad als Kind immer wieder verblüfft hatte, erkannte er ihn natürlich. Nachdem er seinen Sohn mit einem kurzen Händeschütteln begrüßt hatte, schaute er durch die Spitzengardine in die Einfahrt, entdeckte den bunt bemalten VW-Bus und schleifte seine Frau und Brad ohne weitere Begrüßung heraus, um das „Ding" in der Garage zu verstecken.
Die anderen sieben blieben mit Blanche und einem mittleren Schock im Horrorwohnzimmer zurück. Blanche allerdings lachte nur. Yohji fing sich am schnellsten wieder. „Sag mal, ich dachte, solche Leute sind in den Fünfzigern ausgestorben...", murmelte er matt.
„Wer sagt, dass sie nicht schon längst tot sind.", sagte Blanche mit Grabesstimme.
„Wisst ihr, meine Harley haben sie auch schon versteckt. Ich glaube, mich hätten sie am liebsten auch in der Garage einquartiert... Schöner Wagen übrigens. Passt nicht so ganz zu Craw... Ist das dein Auto?" Sie sah Schuldig fragend an.
Der grinste zurück. „Nein, seh ich aus wie ein Hippie?"
Aus nicht ganz klaren Gründen lachte Blanche darüber, fragte dann aber noch einmal nach, woher sie das Fahrzeug hatten, so dass Yohji ihr schließlich die Geschichte erzählte.
+___+___+___+
Topeka, Kansas; etwa 24 Stunden früher...
Am frühen Vormittag waren sie, aus San Francisco kommend, in Topeka gelandet, wo sich ihren letzten Informationen zufolge ihre Zielperson befand. Es stellte sich allerdings schnell heraus, dass diese die Stadt schon einige Zeit vor ihrer Ankunft verlassen hatte und sich auf dem Weg zur Ostküste befand.
Sie beschlossen, am selben Nachmittag einen Flug nach Washington zu nehmen, obwohl die Zweifel an der Kompatibilität von Flugzeugen im Allgemeinen und deutschen Telepathen im Speziellen nach zwei nur knapp überstanden Flügen immer größer wurden. Aufgrund von Umständen, die in Yohjis späterer Erzählung keine Erwähnung finden sollten „verpassten" sie aber diesen Flug und waren auch geneigt, vorerst von jeder weiteren Luftreise abzusehen.
Was bis dahin noch kein allzu großes Problem darstellte, denn Crawford kümmerte sich schon vom Flughafen aus per telephonischer Benachrichtigung bei einer Autovermietung um die Bereitstellung eines Kleinbusses. Bei der Autovermietung angekommen, gestand ihnen ein zerknirschter Mitarbeiter, dass der bestellte Kleinbus aufgrund eines Buchungsfehlers nicht bereitgestellt werden konnte, man sich aber um einen adäquaten Ersatz bemüht hatte.
Bei der Erwähnung eben dieses „adäquaten" Ersatzes zeigte sich auf Schuldigs Gesicht ein breites Grinsen. Er kam aber nicht mehr dazu, die anderen zu warnen, denn in eben diesem Moment fuhr der adäquate Ersatz vor, ein VW-Bus, der definitiv schon einmal bessere Zeiten gesehen hatte und dessen Außenverkleidung nur von mehreren dicken Schichten bunter Farbe zusammengehalten wurde, die auch die Rostflecke großteils verdeckten oder zumindest davon ablenkten.
Zwischen Blumenwiesen, Friedenstauben und tanzenden Menschen waren Schriftzüge zu lesen wie „Make Love Not War", „Love, Peace and Harmony" und „ALL you need is LOVE". Schuldig hatte das ungute Gefühl, exakt diesen Wagen schon einmal auf Aufnahmen von Woodstock gesehen zu haben.
„Da steig' ich nicht ein! Ich bin doch nicht Scooby Doo!" Nagi sah ernsthaft entsetzt aus. Der Mitarbeiter klärte sie über die zahlreichen Vorteile des Wagens auf. Erstens: Der Wagen wäre ausgefallen. Da konnte und wollte nun keiner widersprechen, allerdings fragte Aya sich, ob sie nicht so schon sehr auffällig waren.
Zweitens: Es war das einzige Fahrzeug, das verfügbar war. Ein zugegebenermaßen zwingendes Argument.
Drittens: Sie würden ihn zum schon im Voraus bezahlten Mietpreis behalten können. Das war ihnen ganz recht, wer wusste schon, was unterwegs mit dem Ding passieren würde...
+___+___+___+
Nachdem die Herkunft des „Lovemobils", wie es liebevoll von Schuldig genannt wurde, geklärt war, kamen auch Brad und seine Eltern wieder herein. Zweitgenannte begaben sich allerdings umgehend wieder ins Bett, nachdem sie klargestellt hatten, dass auch die Rückkehr ihrer Kinder nach etwa sieben Jahren keinen Grund darstellte, ihre Gewohnheiten zu ändern.
Den anderen war es ganz recht.
„Das hört sich an, als wärt ihr geschäftlich hier.", begann Blanche wieder das Gespräch.
„Ja, wir arbeiten zusammen. Eine Art privates Unternehmen. Wir leben in Japan.", stellte Brad klar.
„Und was macht ihr?"
Sie schauten sich einen Moment ratlos an.
„Ähm... so eine Art... ähm... exekutive Strafverfolgung.", kam es von Omi.
Eine steile Falte bildete sich auf Blanches Stirn, als sie überlegte, was das nun bedeuten sollte. „Soll das heißen, ihr..."
Schuldig hatte ihre Gedanken gelesen und grinste sie an. „Genau das."
„Ist das in Japan legal?"
„Davon war nie die Rede."
„Oh." Einen Augenblick herrschte Schweigen. „Und wie verdient man da so?"
„Ganz anständig."
„Und da fahrt ihr mit so einer Schese rum?"
„Wir haben dir doch erzählt, es ging nicht anders."
„Hm. Und ist man da Krankenversichert?"
„Wir führen einen Blumenladen mit sehr guter Unfallversicherung, die auch Schusswunden abdeckt."
„Seltsam."
Bis etwa um eins redeten sie noch über dies und das, bis sie beschlossen, schlafen zu gehen. Hierbei zeigte Blanche ein organisatorisches Talent, das man ihr gar nicht zugetraut hätte. Darauf angesprochen lachte sie aber nur und meinte, sie hätte immerhin einen Laden und ein Kind.
Während Blanche die Couch im Wohnzimmer auszog, stellte sie das Bettenangebot klar. „In meinem alten Zimmer ist noch so eine ausziehbare Couch, da können zwei schlafen. Zwei können hier schlafen, zwei können im Gästezimmer schlafen, zwei können in Brads altem Zimmer schlafen."
„Das Gästezimmer nehmen Aya und ich.", meldete sich Schuldig sofort. Ken und Nagi machten kurz den Eindruck, widersprechen zu wollen, hatten aber wohl doch nur Kopfschmerzen. Brad und Yohji wurden in Brads altem Zimmer, dem jetzigen Hobbyraum untergebracht, in dem sich sauber archivierte Zeitungen seit den späten Sechzigern befanden.
Den anderen war es ziemlich egal, wo sie nun übernachteten, aber da Ken und Farf auf frühes Wecken nicht so allergisch reagierten, wie die Chibis, wurden die beiden im Wohnzimmer einquartiert. Damit waren alle halbwegs zufrieden.
Bis Schuldig das Gästezimmer betrat. „Aya, ich sag dir, wenn wir hier weg sind..." Er rang sichtlich um Worte. „Das sind die einzigen Leute, die ich kenne, die ein Gästezimmer mit zwei Einzelbetten haben."
Aya zuckte nur mit den Schultern. Er hatte nicht so ganz die Vorstellung davon, wie ein westliches Gästezimmer auszusehen hatte. Er fragte sich nur, wie Menschen dermaßen erschreckende Scheußlichkeiten schaffen konnten, als er das Tapetenmuster aus den Siebzigern sah.
„Ja, das auch.", sagte Schuldig nur völlig fertig und ließ sich auf eines der Betten fallen. „Ich will hier weg. Warum hat Brad uns hierher geschleppt? Diese... Menschen sind unerträglich."
„Hm... So schlimm sind sie nun auch wieder nicht."
„Du kannst ja auch ihre Gedanken nicht lesen." Schuldig schauderte sichtbar. „Ich frag mich, wo die beiden ihre weißen Kapuzen verstecken...", seufzte er, wurde dann aber durch einen Kuss seines Rotschopfes vorerst abgelenkt.
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Später in der Nacht lag Schuldig, Aya halb auf ihm in seinen Armen, auf dem viel zu schmalen Bett und versuchte zu schlafen. Aber es brachte nichts. Er hatte die erste Hälfte der Autofahrt über fast durchgehend geschlafen und war nicht ein bisschen müde. Gebannt blickte er auf das Gesicht des schlafenden Aya, der nach der Autofahrt quer durch Missouri ziemlich fertig wirkte. Er überlegte, ob er sich nicht Mühe geben sollte, die anderen und besonders Aya, vielleicht ein bisschen weniger zu nerven.
Andererseits wäre er nicht mehr Schuldig, wenn er nicht ständig den Bogen überspannen würde. Und wer weiß, vielleicht würden sich dann die anderen noch Sorgen um ihn machen. Das konnte er ihnen unmöglich zumuten, wurde ihm mit einem Grinsen klar. Nachher endete er noch wie diese Leute. Nein, das konnte gar nicht sein. Um so zu werden brauchte es wahrscheinlich Jahre konsequenter... Schuldig konnte sich nicht wirklich erklären, wie solche Leute zustande kamen. Wahrscheinlich wurden sie gebaut. Oder, wie Blanche meinte, von einem besonders furchtbaren
Voodoozauber ausgespieen.
Eine plötzliche Anwandlung von Masochismus brachte ihn dazu, noch einmal in diese Köpfe zu sehen. Doch unerwarteter Weise ließen ihn die Gedanken diesmal grinsen. Offensichtlich waren Brads Eltern von obskuren Geräuschen aus dem Hobbyraum geweckt worden.
~Braddy, es tut mir sehr leid, aber ich fürchte, du bist jetzt enterbt.~, sendete er mit einer ausreichenden Menge Mitleid, erntete aber mal wieder nichts als Undank.
/Na und? Wieso glaubst du, mich damit JETZT stören zu müssen?/, kam es wütend zurück und die Verbindung war unterbrochen.
Schuldig kümmerte das nicht weiter und er wollte schon versuchen, jetzt endlich einzuschlafen, als ihn ein Schlurfen auf dem Flur vor dem Gästezimmer aufhorchen ließ. Wie sich wenig später herausstellte, war Farf im Haus unterwegs.
~Ähm... Farf? Sag mal, was genau willst du mit dem Messer anstellen?~
Schuldig konnte förmlich vor sich sehen, wie der Ire ertappt zusammenzuckte. /Soll ich darauf antworten?/
~Du bist nicht zufällig auf dem Weg zum Schlafzimmer von Brads Eltern?~
/Doch./
Schuldig seufzte theatralisch. ~Du meinst es sicher gut, aber lass mal lieber. Weißt du Farf, man bringt nicht einfach die Eltern von seinem Chef um.~
/Glaubst du, es würde ihn stören?/
Schuldig überlegte einen Moment. ~Eher nicht, aber es wäre ziemlich auffällig. Das wäre ihm bestimmt nicht recht. Nachher bekommen wir noch Ärger mit der Ausreise.~
Die Möglichkeit, in diesem Land bleiben zu müssen, schien Farfarello letztendlich zu überzeugen und er schlurfte unverrichteter Dinge wieder ins Wohnzimmer zurück. Schuldig schickte Crawfords Eltern noch schöne Träume und schlief dann selbst ein.
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Am nächsten Morgen konnte man aus der Küche lautes Lachen von Ken hören, der Blanche von ihrem Flug nach Topeka erzählte. Farf amüsierte sich ebenfalls, Aya sah erst ein wenig genervt aus, lachte dann aber auch mit und Brads Eltern, die sehr steif und mit Augenringen ebenfalls am Tisch saßen und Brad zu seinem Leben verhörten, warfen ihnen ab und an pikierte Blicke zu.
Das heißt, sie warfen sie Blanche und Brad zu, denn anscheinend hatten sie beschlossen, den Rest des Besuches wie Luft zu behandeln. Farf, weil er ihrer Meinung nach aussah wie ein Satanist, die anderen... ja, so richtig hatten sie das nicht herausbekommen, wahrscheinlich, weil sie generell keine Japaner mochten oder Teenager oder Leute mit außergewöhnlichen Haarfarben oder überhaupt Fremde.
Es war noch ziemlich früh am Morgen, zumindest für Chibi-, Schuldig- und Yohjiverhältnisse, weshalb diese auch noch schliefen. Crawfords Eltern schienen dafür ganz dankbar zu sein und klangen auch unverhohlen erleichtert, als sie erfuhren, dass ihre Tochter und ihr Sohn samt „Gang" nach dem Frühstück abreisen wollten.
Sie waren nicht sehr begeistert gewesen, als Brad ihnen mit sichtbarer Genugtuung erzählte, dass er stellvertretender Geschäftsführer eines tokyoer Blumenladens wäre. Brad wollte gerade von Yohji sprechen, als seine Mutter um das Brötchenmesser bat. Ken war so geistesgegenwärtig, es Farf, der sich sofort mit einem irren Blitzen in den Augen daraufgestürzt hatte, aus den Händen zu reißen und es lieber selbst weiterzureichen.
Inzwischen hatte Aya angefangen, sich drei oder vier Scheiben Toast auf den Teller zu laden und sie nach langem Zögern mit Marmelade zu beschmieren. Brad, der das gesehen hatte und genau wusste, was oder besser gesagt, wer jetzt kam, bekam glänzende Augen. Auch Blanche schien etwas zu ahnen und schaute erwartungsvoll zur Esszimmertür.
Nur wenig später betrat auch tatsächlich ein ziemlich verschlafener und nur teilweise bekleideter Schuldig das Esszimmer. Natürlich ignorierten Brads Eltern ihn. Sie konnten ihn nicht leiden, weil sie keine Ausländer mit merkwürdigen Namen mochten, keine langhaarigen Männer und auch keine rothaarigen Menschen im Allgemeinen.
Er blickte sich etwas halbherzig im Raum um, sah aber keinen freien Stuhl. Zum Esstisch gehörten nur sechs Stühle und Farf hatte sich noch einen aus der Küche geholt. Das hatte Schuldig aber nicht vor. Stattdessen setzte er sich auf Ayas Schoß und begann nach einem ausgiebigen Zungenkuss seine Mahlzeit.
Crawfords Eltern konnten DAS nun nicht mehr ignorieren und saßen da, als hätte der Blitz eingeschlagen. Oder vielleicht eher, als wären kleine, blauviolette Marsmännchen auf ihrem Frühstückstisch gelandet und hätten gefragt, ob sie gerne Schnitzel essen wollten. Schuldig machte es Spaß, sich immer neue Vergleiche auszudenken und die anderen telepathisch zu fragen, welcher jetzt der passendste wäre.
Brad hatte sich in seinem Leben noch nie so sehr über Schuldigs schlechte Manieren gefreut und war ihm ausnahmsweise mal dankbar, dass er in dieser Hinsicht so zuverlässig war. Überhaupt saß er am Tisch, als wäre Weihnachten und Ostern auf einen Tag gefallen und murmelte etwas vor sich hin, das verdächtig nach „zehn Jahre Querflötenunterricht" klang.
Bei Blanche, die neben ihm saß, war es nicht wesentlich besser, nur dass es bei ihr „neun Jahre Cheerleading" waren.
Als ihre Eltern fluchtartig das Haus verließen und irgendwas von Einkaufen murmelten und dass es sein könnte, dass sie nicht mehr rechtzeitig zur Verabschiedung zurück wären, rief Blanche ihnen nur noch hinterher, dass sie doch wenigstens auf Yohji hätten warten können, um vielleicht noch ein paar Fotos von ihm und Brad zu machen, immerhin wäre er ja so was wie ihr Schwiegersohn. Aber es kam keine Reaktion.
Blanche drehte sich wieder zu den anderen rum. „Hm. Entweder sie haben das jetzt nicht mehr gehört oder sie wollten es nicht hören. Was meint ihr?" Schuldigs Bewunderung für die Unschuld, mit der sie diesen Satz rausgehauen hatte, kannte keine Grenzen.
Sie frühstückten noch zu Ende, bis auch die restlichen drei, die nur nach und nach an den Frühstückstisch kamen und sich ärgerten, diese ganze, schöne Szene verschlafen zu haben, satt waren. Danach meinte Brad nur noch, dass sie doch besser aufbrächen, bevor seine Eltern mit der örtlichen Bürgerwehr wieder da wären.
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„Alles in allem", meinte Schuldig später zu Brad. „war der Besuch ja ganz lustig. Aber ich find es ja schon hinterlistig, uns für deine privaten Rachefeldzüge zu missbrauchen."
Crawford zuckte nur mit den Schultern.
Auch Nagi musste seinen Senf dazu geben. „Und ich dachte immer, du wärst nicht nachtragend. Da kann man ja Angst kriegen..."
Crawford fuhr ungerührt weiter.
Ein paar Minuten sagte niemand mehr etwas.
„Ähm... Hält sich unsere Zielperson eigentlich immer noch in North Carolina auf?", fragte Ken nun.
„Na ja... Eigentlich hatte ich schon vorgestern eine Vision, die mir zeigte, dass er bei einem Tankstellenüberfall erschossen wurde, aber da wir ohnehin schon auf dem Weg nach Missouri waren, hab ich mir gedacht, dass es Zeit für einen Besuch bei meinen Eltern wäre. Ich wusste aber, dass ihr wahrscheinlich nicht mitkommen wollt. Also hab ich euch gar nicht erst gefragt." Er zuckte wieder mit den Schultern. „Schiebt es auf meine verkorkste Kindheit."
Die Polizei, dein Freund & Helfer

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