Euzkadi Ta Azkatasuna!

Baskenland und Freiheit!

von Moritz Rabe, Irail, September 2008

{leicht gekürzt von Nikolas Dikigoros}

Antritt der Fahrt

Jena im Spätsommer 2008 - bald war es mit der Sommerzeit vorbei. Ich wollte sie noch einmal erleben, hatte für dieses Jahr noch nicht genug. Und so dachte ich mir, ich fahre weit in den Süden - spanische Mittelmeerküste, Palmenstrand, Touristenattraktionen. Doch ein Freund empfahl Lekeitio, in Nordspanien/Atlantik. Dort wäre in der ersten Septemberwoche noch eine Fiesta, die man erleben muß. Dann los, eben dorthin! {...} Das Nötigste zusammengepackt, die Gitarre, mein Kapital über die Schulter geschwungen und Horridoh!, auf ging's.

Noch im Deutschen

Autobahnraststätten sind etwas Widerliches. Da kannst Du Dich noch nicht einmal daneben benehmen und erwarten, daß die Leute sich darüber freuen. Alle sind sie in Eile und wollen dringend weiter zu ihrem Ziel – in Deutschland eine Art Rallye-Stop. Den einzig guten Gebrauch, den sie für mich haben, sind die Duschmöglichkeiten und das schon ab 2,- Euro. {...}

Irgendwo in Baden-Württemberg traf ich Maria; eine Autopanne; ihr Lächeln; die Frage nach einer Waffe - ich bot meine Gitarre als solches an – wieder ihr Lachen; dann der ADAC; mit ihr weiter nach Mannheim; eine Café-Bar und die ersten Umrisse eines Gespräches. Sie nimmt ja sonst eigentlich niemanden mit, sagte sie mir.

Der Grenzabschnitt Saarland/Lothringen

So einfach ist es nie, als Wandervogel aus einer Großstadt herauszufinden um als Tramper den Weg auf der Autobahn neu anzusteuern. Und doch, am späten Abend des darauffolgenden Tages erlangte ich endlich die Ehre aus Mannheim heraus chauffiert zu werden und am Grenzabschnitt Saarland/Lothringen wohlbehütet einzutrudeln.

Mitternacht, bewölkter Himmel, das Klima mitteleuropäisch kalt. Nur von der bedachten Grenzübergangsstelle schien aus einem Bürozimmer noch das Licht einer Schreibtischlampe. Dort machte ich es mir zum Schlafen gemütlich. Mehr als einen Biwak-Sack, eine Decke und mein Fell hatte ich nicht. Falls sich die Gendarmerie mit meiner Anwesenheit nicht arrangieren könnte, hätte ich schnurstracks zusammengepackt und mir ein anderes Nachtquartier gesucht.

Auf nach Paris!

Meine erste Fahrt durch das Land des ewigen Erbfeindes ging ich ganz gelassen an, und ich bemühte mich den Gepflogenheiten zu entsprechen, begrüßte den Service jeder Raststelle mit Bonjour! und stärkte mich im ständigen Verzehr von baguette, fromage, café et vin.

Das knappe Französisch, das von schulischer Bildung übrigblieb, langte hin, um mich mit der schon automatisierten Fragestellung Excuse-moi! Je veux conduire à Paris. Tourner à Paris? bis nach Paris durchzuwursteln. Eine brisante Stadtrundfahrt mit zwei verrückten Hippies, Boris und Julien, die mich auf einem Autohof aufgabelten und mit mir im Schnellgang in ihrem zerbeulten Kleintransporter vorbei an den Sehenswürdigkeiten durch Paris rasten, bestätigte meine Vorahnung. So wie man sich das Pariser Volk ausmalt: ein bißchen durchgeknallt, lachend und stark erinnernd an Jim Morrison – Paris, seine zweite Heimat.

Hier das Louvre, dort die Austerlitz-Brücke, da der Grand Palais an der Avenue des Champs-Élysées, mit quietschenden Reifen über die Quai dOrsay, ganz dahinten das Schloß Versailles, und nun der Eifelturm. Vor der Fontaine Saint Michel kam der Karren endlich zum stehen. Auf dem Platz vor der Kathedrale Notre-Dame zückte ich nun auch endlich meine Gitarre, um mir das nötige Kleingeld für die Weiterfahrt zusammenzuspielen. Interessant, wieviele Deutschsprachige sich in Paris herumtreiben, um nach Kultur zu suchen. Hier wurden sie fündig. Ein bündischer Wandervogel auf Urlaubsreise aus dem südbadischen Raum zeigte sich nicht nur recht gesprächig, auch ziemlich gebefreudig. Habe er doch nie mit dem Bild eines fahrenden Vaganten in Paris gerechnet. Nur die Gendarmerie spielte nicht mit, sondern verwieß mich des Platzes. Und das ohne Begründung – sie sprachen ein hektisches Französisch, ich sprach ein trotziges Deutsch.

Unterkunft bei Marie und Matthieu

Am Ufer der Seine saß ein wüster Typ und schaute in der Weltgeschichte herum. Ich ging auf ihn zu und bot ihm Wein an. Er nahm an und stellte sich mit Matthieu vor. Mit Englisch kam man ins Gespräch und so saßen wir nun beide an der Seine, tranken Wein und betrachteten die winkenden Touristen, die auf Gondeln hier am Stadtteil l Hôtel de Ville vorbeigeschifft wurden. Er selber ist erst kürzlich als Schwarzfahrer auf einem Frachter von Mittelamerika über den großen Teich zurück nach Frankreich gekommen. In Paris studiert er. Die Freundin lernte ich auch kennen, Marie. Sie boten mir, ohne danach gefragt zu haben, in einer bescheidenen Studentenbude Schlafplatz an. Klar, nahm ich an. Sich selber seit Langem nicht gesehen, ein Schreibtisch, ein Schrank, ein Bett und dazwischen gerade noch Platz für eine Matraze auf der ich mich breit machen konnte. Am Abend mit ihnen in Paris zu Bekannten. Luise, eine Schwitzerdütsche, die auch in Paris studierte, gab mir kurz die Möglichkeit, wenigstens ein ansatzweises Deutsch zu sprechen. Zum französischen Wein bot man Hasenbraten an - mitten in der Woche - französische Normalität. Der Abend wurde lustig. Ich spielte meine deutsch-lumpigen Lieder, Matthieu auf einer Banjo lateinamerikanische Folksongs.

Mit der TGV Atlantique nach Bordeaux

Am Vormittag, nachdem mir Matthieuw noch ein wenig die Anschlagtechnik der Banjo-Gitarre für Flamenco eintrichterte, das von Marie servierte Baguette verzehrt war und die Ferienlagerstimmung auch den Austausch der Adressen ermöglichte, kam die Zeit aufzubrechen. Der Weg soll das Ziel sein! Umarmungen zum Abschied, wie man sich das im Deutschen nur unter Freunden vorstellt. Dem Mädchen stets auf die Wange rechts und links ein Küßchen. Tchao!, Salut!, Au revoir!..

Mit der Metro fuhr ich zum nächsten Bahnhof, Gare du Nord, eine nicht gerade unauffällige Bahnstation. Mitnichten, die meist frequentierte in Paris. Ich brauchte aus dem stickigen Tunnelsystem, mehrere Etagen aufwärts, über Rolltreppen bis hin zum Ausgang 20 Minuten. Das Zugsystem in Frankreich ist etwas anders als gewohnt. Man stelle sich vor einen Monitor in der großen Halle des Bahnhofs und warte darauf, zu erfahren, wann der gewünschte Zug auf welchem Gleis eintrifft. Nun hatte der Zug der TGV Atlantique Verspätung. Mit dieser Linie fahren sehr viele Menschen. {...}

Dann endlich; der Zug traf ein. Ein mörderisches Gedränge war das Resultat. Man mußte schnell sein, um sich einen Sitzplatz zu ergattern oder überhaupt Platz in einem Waggon zu finden. Wie bei einem Viehtransport, gepfercht zwischen Gepäck, Brüsten und Bäuchen, stand ich in einem Abteil des Zuges. Hier paßte keiner mehr rein! Und trotz dieser Feststellung quetschten sich dennoch ein paar Passagiere zwischen vernachlässigte Hohlräume und man rückte noch näher zusammen. Eine Stunde brauchte man für das Verladen aller Reisewilligen und der Zug fuhr los, Spitzengeschwindigkeit 300 km/h. Ein paar kurze Halte in der Region um Paris und die Anzahl der Insassen nahm normale Maße an, sodaß auch der Fahrscheinkontrolleur Platz fände, durch die Reihen zu gehen und um das Ticket zu bitten. Doch statt dem rollte lediglich ein Service ihren Wagen durch den Zug, auf dem allerhand Päckchen mit Reiseproviant lagen. Eine Entschuldigung für den verspäteten Zug. Ich nahm drei solcher Pakete - wie unverschämt!

Mitternacht, vier Stunden Verspätung, der Zug rollte im Hauptbahnhof Gare Saint-Jean in Bordeaux ein.

Wein in Bordeaux

Kaum aus dem Bahnhofsgebäude raus, stand da so ein französischer Teckel mit Maschinengewehr im Arm, hielt sowas wie Wache und starte auf die heraustretende Gesellschaft. Ich starte nicht geringer, wollte die Gunst des Momentes nutzen und ein hübsches Foto von der Landschaft hinter ihm schießen. Daß der das dann mitbekam, war wohl nicht so gut. Er krampfte seine Augenbrauen kämpferisch zusammen und brüllte mich in einem akustisch leicht verständlichem Ton an: Ne pas photographier! Gut, ich ließ das Fotografieren sein und schwenkte meinen Hut zum Gruße. Puh, war schon spannend sein Auftritt, dachte ich mir.

Bordeaux hat es in sich. Ich liebe es! Nicht nur wegen dem Wein, der aus dieser Region so bekannt ist. Mehr die Menschen, diese französische Art, das gesamte Flair dieser Stadt, die Liebe mit der man hier empfangen wird. Das gibt man zurück. Und es läuft dir in dieser fremden Stadt ein Mohr über den Weg. Du urteilst nicht, daß er hier fremd sei. Du fragst ihn nach dem Weg. Da steht plötzlich ein Chlochard vor dir und bettelt um Geld. Aber er lacht dabei und du gibst ihm Geld, obwohl du weißt, was er sich dafür kaufen wird. Eine Horde Gendarmen läuft an deinem Gitarrenvortrag vorbei, aber du spielst weiter, und sie grüßen dich. Wenn eine Wunschheimat in Frankreich für mich in Betracht käme, dann wäre es Bordeaux.

Donostia (San Sebastian)

Es war Vormittag, und eine unbequeme Nacht ging diesem Tagesabschnitt voraus. Um meinen Zug rechtzeitig zu bekommen habe ich wie einige andere Reisende auch hier auf dem Bahnhof genächtigt. Da lag in jeder Ecke ein anderes Gesicht und jedem sah man das ernsthafte Verlangen an, baldigst wegzukommen.

Ach, wie herrlich war es, zwei deutsche Studentinnen aus Wien anzutreffen, Sandra und Johanna. Mit ihnen war die Fahrt nach Donostia im Baskenland ein schön-sprachlicher Zeitvertreib. Endlich mal wieder fließend deutsch sprechen zu können - und das über eine Grenze zweier fremder Sprachgebiete. Sie machten auch eine Urlaubsreise, sind allerdings über den Luftweg hier eingetroffen und wollen nun das Spanien in einzelnen Etappen abtippeln. Wir fuhren zusammen nach Donostia und sahen zusammen das erste Mal die atlantische Küste. Zwei Nächte haben wir uns gesehen, nette Gespräche bei Wein und Rauchwaren. Dann sind sie weiter Richtung Bilbao.

Ich blieb hier und lernte Heidi kennen, eine Viertel-Deutsche, ihr restliches Blut war baskisch. Sie liebte mich. Aber sie wußte, daß ich weiterziehen mußte. Das machte diese Story so tragisch.

Wenn man sich tagesüblich allgemein mit der baskischen Frage und den dahinterstehenden Anschlägen auf spanische Einrichtungen auseinandersetzt, könnte man genau wie zu Tschetschenien, Kurdistan, Tirol und ihren staatlichen Freiheitsbemühungen falsch vermuten, man befasse sich allein mit Völkern aus Terroristen auf dessen Boden am laufenden Bande Politiker entführt und Botschaften ausgeräuchert werden. Läßt man alternativ dazu vom gutmenschlichen Entsetzen und Kopfgeschüttle ab, treibt es einen unweigerlich dahin, sich die Dinge schlußfolgernd nüchtern und aus der Nähe zu betrachten.

Das baskische Volk ist ein lachendes, unkomplizierters und gastfreundliches Volk. Allerdings sind es baskische Gefangene, die aus Drangsal zu Ungunsten der Angehörigen weit im Süden des Landes inhaftiert sind und auf eine Umlegung in nordspanische Gefängnisse hoffen. In den Straßen baskischer Arbeiterviertel sieht man neben Großbildern inhaftierter Familienangehöriger aus jedem Haus die Forderung wehen: Baskische Gefangene in baskische Gefängnisse!

Für eine Nacht wurde mir die Möglichkeit zuteil, in einem besetzten Haus in Donostia zu kampieren - nicht so eines, wie man sich das hierzulande vorstellt. Dort lebte eine Familie, junge, aber auch ältere Leute in wohngemeinschaftlicher Nähe nun schon seit zwei Jahren miteinander. Solange es freistehende Häuser gibt, warum soll man da wegziehen und irgendwo Miete zahlen? Ein plausibler Grund!

Wenn ich nicht noch dabei war das gute Essen von Heidi zu verdauen, die mich jeden Tag bekocht hat oder an der Promenade zu sitzen um mir ein paar Cent auf der Gitarre zu verdienen, lag ich am Strand herum, sonnte mich und bestaunte die Touristen, wie sie sich bemühten Decke für Decke vor der annahenden Flut zu retten. Dann schwamm ich ein paar Runden durch den Atlantik, kehrte zurück zu meinem Strandplatz und starrte einfach nur in die Ferne - über den Ozean - hinter den Horizont hinaus.

Ein Wochenende in La Rioja

Mittlerweile kampierte ich bei Heidi schon eine Woche, lernte ihre Nachbarin kennen, Manuel, den Fleischverkäufer im Wohnhaus nebst seiner feurigen Salchichón, ihren Bruder Erich und selbst den Vater in seinem einfachen Haus, der als Hobby Nüsse, Trockenobst und Honig aus eigener Zucht feilbot.

Einmal fuhren wir übers Wochenende nach La Rioja, östlich des Baskenlandes gelegen. Eine herrliche Gegend. Unter dem Schutz der Olivenbäume, im Duft der Thymian- und Rosmaringewächse, die wie Unkraut aus dem Boden schossen, bauten wir unser Zelt auf. Im späten September waren die Nächte hier zwar auch schon recht kühl, aber wir hatten genügend Decken in Reserve. {...}

Den Sonnabend auf einer Fiesta mir gehörig Rioja-Wein einschenken lassen. Dafür spielte ich der ansäßigen spanischen Dorfbevölkerung aus meinem Lumpenliederrepertoir vor, die sich mit einem stets vollen Glas auf meiner Seite dankbar für diese musikalische Untermalung zeigten.

Kurz in Peroblasco vorbeigeschaut. Ein kleines idyllisches Dorf, daß nur zu Fuß erreichbar ist, eigentlich nur noch aus Ruinen besteht, aber eine Romantik darstellte, wie es zwischen diese Landschaft gepflanzt dastand, als wäre es einfach aus dem Boden gewachsen. Hier werde ich noch einmal vorbeischauen müssen. Irgendwann. Nächstes Jahr? Und dann werde ich mir wieder aus dem Dorfbrunnen Wasser schöpfen, weil ich weiß, wo er steht.

Ans Ende der Welt

Ich habe mich definitiv zu lange schon bei Heidi aufgehalten. Nicht, daß es sie gestört hätte. Im Gegenteil. Aber die Gewohnheit, die sich einschleicht, macht den notwendigen Abschied nur um so schwerer. Und es war nicht einfach für mich, dieses Machs gut! zu sagen, als sie mich hinter der Grenze zu Frankreich mit ihrem Auto auf einem Rasthof schweren Herzens aussteigen ließ. Nach zwei Wochen, die ich am Stück mit ihr zusammen verbrachte. {...}

Dann stand ich wieder mit meiner Gitarre und dem Fahrten-Gepäck bei Mannheim an einer Tankstelle, hörte die Bevölkerung dies und das reden und fühlte mich so reich mit den Erlebnissen der Fahrt, die ich nicht für mich behalten kann. Und als Maria mich abholte, lächelte sie, und wir fuhren zusammen weiter und redeten, als würden wir uns doch schon länger kennen. {...}

Der Sommer 2008 war vorbei. Ein Reichtum an neuen Erfahrungswerten hat mich als Weltmenschen weiter zurecht gefeilt. Ein Reichtum, den ich in keiner Fabrik und keinem Hörsaal mir innerhalb dreier Monate hätte aneignen könnte. Die Erinnerungen an eigenem Erlebten sind der Wert, der einen Menschen ausmacht.

Erst mit dem Begreifen der Fahrt und all seinem Fühlen ergab sich die abschließende Losung für diesen vergangenen Sommer. Sowohl der Weg als auch das Ziel war selbiges: Euzkadi Ta Azkatasuna! Ich habe das Baskenland erlebt, wenn auch nicht seine, dann doch mit ihm eine angestrebte Freiheit gelebt!


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