Weihnachten steht vor der Tür. Aber da bleibt es nicht, sonst könnte man es ja einfach ignorieren. Also hat sich die DDM-Redaktion hingesetzt, lange nachgedacht und dann trotzdem so etwas als zur Veröffentlichung geeignet befunden.
Lesen Sie, staunen Sie, aber bitte, wundern Sie sich über nichts mehr.
Einmal im Jahr werden wir Heuchler so richtig nett zueinander.
Ja, wir sind alle Heuchler, und wie nett kann ein Heuchler sein, wie echt ist es, wenn er nett ist... Und wie sollen die, die auch nur Heuchler sind, auf solche Nettigkeiten reagieren?
Da sollte es doch den zynischen Nikolaus geben, der uns den Spiegel vorhält. Und er soll uns meinetwegen mit Gewalt dazu zwingen, uns so zu sehen, wie wir sind.
Sollte ich dieser "Auserwählte" sein?
Man könnte es sich leicht machen und sagen: "Sonst meldet sich ja keiner freiwillig". Also, wie auch immer, ich mache diesen Job, und ich mache ihn eben so gut, wie ich ihn machen kann.
Und da ich sowieso keinen Wert mehr darauf lege, sogenannte Freundschaften zu pflegen, kann ich auch jedem das sagen, was mir in den Sinn kommt. Ich kann es mir leisten, ehrlich zu sein, und als Preis für diese Ehrlichkeit bezahle ich alles, wirklich alles...
Das Leben ist ein Kredit zu ganz schlechten Konditionen. Sicher, man bekommt sehr viel, aber für ALLES, was man bekommt, muß man bezahlen. Hat hier jemand an Geld gedacht? Ach, ihr Heuchler mit eurem Geld! Was glaubt ihr eigentlich, wozu das gut ist, wenn es ans Bezahlen geht? Glaubt ihr, ihr werdet so glücklich sein dürfen, und alles mit Geld bezahlen können?
Ihr werdet viel grausamer zur Kasse gebeten.
Na gut, einige von euch haben es vielleicht erkannt. Aber wie setzt ihr es um? Einmal im Jahr quält ihr euch ab, letztendlich nur um NETT zu sein. Würde man euch fragen, was NETT SEIN überhaupt bedeutet, dann würdet ihr es nicht wissen. Oder ihr würdet eine vorgefertigte Antwort ohne Sinn und Verstand von euch geben. Und dann: Schnell weiter. Einkaufen. Geschenke kaufen. Und dann, ein paar Wochen später: Geschenke austauschen. Bilanzieren. Konten ausgleichen. Menschliche Gefühle, reduziert auf die Spielregeln des Konsums. Wo bleibt das, was eigentlich der Sinn der Sache war?
Nein, wenn schon hemmungslos konsumiert und bilanziert wird, dann bitte richtig. Und genau so hemmungslos, wie ihr in all den Wochen vorher Geld ausgegeben habt, schmeißt ihr jetzt mit euren Geschenken um euch. Das, was das ganze Jahr über scheißegal war, wird für einen Moment ungeheuer wichtig. Man überreicht ein Geschenk, verzieht sein Gesicht zu einer freundlichen Grimasse und glaubt tatsächlich noch, etwas Gutes zu tun! Warum, ihr verdammten Heuchler, verschenkt ihr nicht gleich leere Schachteln, und sagt beim Überreichen an den Empfänger: "Du warst mir das ganze Jahr über ziemlich egal. Na ja, vielleicht warst Du gut genug, um meine Eitelkeit in Dir zu spiegeln. Vielleicht auch als Objekt einer noch genauer zu definierenden Begierde, oder als Sündenbock, oder als was auch immer, ich will nicht darüber nachdenken, denn das ist genau so unwichtig wie Du! Aber jetzt zeige ich Dir, was Du mir bedeutest... Schau mal in diese leere Schachtel!"
Und der Beschenkte holt dann seinerseits eine leere Schachtel... Ach, das ist ja so zum Kotzen!
Aber so benehmt ihr euch! Es reicht euch nicht, mit eurem eigenen beschissenen Leben unzufrieden zu sein, NEIN, man muß auch noch alle anderen Menschen möglichst unzufrieden machen.
Schämt ihr euch überhaupt nicht, so zu sein? Nein, warum auch. Ihr wißt ja noch nicht einmal, WIE ihr wirklich seid.
Und was macht der zynische Nikolaus an Weihnachten? Nichts. Er hat sich vielleicht ein paar neue CD´s gekauft und hört sie sich an. Auf jeden Fall will er an diesem Tag keine anderen Menschen sehen, denn an SO BESONDEREN TAGEN wird dem zynischen Nikolaus klar, was für widerwärtige Kreaturen doch auf der Erde herumkriechen. Und die will er nicht sehen, wenigstens an einem Tag im Jahr. Das schenkt sich der Nikolaus zu Weihnachten.
Gute Nacht, ihr hirnlosen Spießer!