Robert Hansen – das verkannte Genie
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Titelbild des DIME-MAGAZINE vom Januar 1961. Es zeigt Robert Hansen kurz nachdem er den Literatur-Nobelpreis erhalten hatte. Bescheiden wie er war, sagte er einfach nur: "Ich brauche mich nicht zu bedanken, denn ich habe mir diese Auszeichnung durch meine Arbeit verdient." Das Komitee war über so viel Dankbarkeit entsetzt, jedoch Robert Hansen ließ noch ganz andere Sprüche los. Seine ungekürzte Dankesrede gibt es hier."Das einzig Gute an der Sache war, dass ich endlich mein eigenes Literatur-Magazin gründete, um allen Ignoranten dieser Welt zu zeigen, dass es auch ohne hochnäsige Bonzen und einen Haufen Geld geht!" sagte er später über diese Sache. Es war der Anfang vom DICHTER UND DENKER MAGAZYN. |
Am 17. April 1901 wurde Robert Alexander Hansen als einziges Kind einer vermögenden hamburgischen Familie geboren. Er sollte, wie es damals üblich war, das Erbe seiner Eltern übernehmen und eine kaufmännische Laufbahn einschlagen.
Aber schon in frühester Jugend zog es Robert Hansen immer wieder in die umfangreiche Bibliothek seines Onkels, wo er stundenlang nichts anderes tat, als wahllos in allen möglichen Büchern zu lesen. Das schlug sich allerdings nicht in seinen schulischen Leistungen nieder. Nur durch den Einfluß seiner Familie (und, wie immer wieder gerüchteweise bekannt wurde, durch gewisse finanzielle Zuwendungen an seine Lehrer) erlangte Robert Hansen sein Abitur. Es war ihm allerdings vollkommen egal, wie es weitergehen sollte, denn er studierte wahllos alle möglichen Fächer, wechselte die Universitäten so häufig, dass zeitweise noch nicht einmal seine Eltern wussten, wo er gerade studierte, und wurde irgendwann wegen seiner zahlreichen Disziplinlosigkeiten von der Hamburger Universität (und sicher auch von einigen anderen Hochschulen) verbannt. Trotzdem schloß er sich einer konservativen Studentenverbindung an, was angesichts der Zeit und der Umstände nichts Besonderes war. Hansen war ein Kind der wilhelminischen Epoche; die Abdankung des Kaisers und der verlorene erste Weltkrieg hatten ihn schwer getroffen, obwohl er damals erst 17 Jahre alt war.
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Die Villa der Familie Hansen in Hamburg-Blankenese. Leider wurde das wundervolle Gebäude im 2. Weltkrieg vollkommen zerstört.
Robert Hansen verbrachte die Kriegsjahre in Südamerika. Als er 1946 Deutschland besuchte und dabei auch die Trümmer seines Elternhauses sah, meinte er nur: "Ich glaube, das kann man vergessen!" |
Die frühe Weimarer Republik und der in ihr (so wurde es von zahlreichen Zeitgenossen von Hansen ebenfalls gesehen) stattfindende Sittenverfall sorgten einerseits für eine gewisse Entwurzelung des jungen Genies, andererseits sehnte er sich auch nach einer bestimmten Ordnung, die er aber nirgendwo finden konnte. So kam es, dass er die kuriosesten Sachen machte:
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Carl-Alexander Hansen, (1746 - 1811) erster Senator für Kunst und Kultur der Freien und Hansestadt Hamburg im Jahre 1775 bei der Grundsteinlegung der oben genannten Villa. |
1921 spielte Robert Hansen auf der Orgel der Dreifaltigkeitskirche in Blankenese Rimski-Korsakoffs "Hummelflug". Anlass war eine Wette, wonach dieses unmöglich sein sollte. Robert Hansen meinte im Anschluss an dieses einmalige musikalische Ereignis: "Es geht eben doch. Ich hätte es selbst nicht geglaubt, wenn ich es nicht getan hätte".
Eine weitaus dümmere Idee war aber die Heirat mit Ida Pommerencke, seiner ersten Ehefrau. Es war im Jahre 1922, und Robert Hansen sollte diese Begegnung später bitter bereuen.
Man muss hier natürlich erwähnen, dass Hansen damals einen gewissen Ruf in Hamburg hatte, und man kann sich denken, dass es nicht der beste war. Natürlich bewunderte und respektierte man ihn, weil er aus einer einflussreichen Familie stammte, aber man missbilligte seine tatsächlichen oder auch nur erfundenen Kontakte zur Halbwelt, zu Ganoven und Anarchisten. Hansen kamen diese Gerüchte natürlich auch zu Ohren, aber er lachte nur darüber.Er war damals schon ein sehr produktiver Schriftsteller, allerdings sind aus dieser Zeit kaum Werke erhalten, und die wenigen, die er später veröffentlicht hat, sind zusammenhanglos und sehr schlampig geschrieben. Am liebsten dichtete Hansen Spottlieder über städtische Honoratioren, Neureiche und die allgemeinen Zustände. In kleinem Kreis trug er diese Lieder vor, und meistens begleitete er sich selbst auf der Gitarre. Dabei lernte er Ida Pommerencke kennen, und man kann wohl sagen, daß es Liebe auf den ersten Blick war. Später meinte Hansen dazu: "Ich hätte besser ein zweites Mal hingeschaut... Diese Dame hat mich geschafft!"
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Robert Hansen bei seinem liebsten Hobby, dem Gitarrespielen. Er beherrschte neben der Gitarre noch das Klavier, die Oboe und die Querflöte. Besonders bei den Damen der gehobenen Gesellschaft kam er mit seinem feinsinnigen Humor und der eigenwilligen Vortragsweise seiner selbstgeschriebenen Lieder sehr gut an. |
Viel zu eilig und gegen den Willen der Eltern wurde die Hochzeit angesetzt. Unmittelbar vor der Trauung kam es dann zum Eklat, als die ziemlich alkoholisierte Braut ihrem zukünftigen Ehemann einen Faustschlag aufs Auge verpasste. Hansen, nicht weniger schockiert als die restliche Hochzeitsgesellschaft, überspielte den Vorfall mit einem Scherz, allerdings sollten sich diese Vorfälle während der 3 Jahre, die diese Ehe dauerte, ständig wiederholen. Robert Hansen wollte es lange Zeit nicht wahrhaben, dass seine geliebte Frau ständig betrunken war, den Haushalt vernachlässigte und sich immer wieder in Tobsuchtsanfälle hineinsteigerte.
1924 war es Hansen dann zu viel. Nach einem besonders heftigen Streit wurde er mit einigen gebrochenen Rippen ins Krankenhaus eingeliefert, und noch in der Ambulanz bestellte er seinen Anwalt zu sich, um ihn zu beauftragen, die Scheidung einzureichen.
Es muss für ihn sehr schwer gewesen sein, diese Entscheidung zu treffen. Aber es war auch eine Wende in seinem Leben, denn er versöhnte sich wieder mit seinen Eltern und begann eine kaufmännische Ausbildung. Kunst und Literatur legte er für die nächsten 5 Jahre zu den Akten.
1929 besuchte Alfonso da Costa, ein guter Freund der Familie Hansen, Hamburg. Robert Hansen war inzwischen ein durch und durch seriöser Kaufmann geworden, der sich nur noch ungern an die Eskapaden seiner Jugend erinnerte. Aber in Deutschland zeigten sich schon damals die ersten Vorboten von Weltwirtschaftskrise und Inflation. Robert Hansen erkannte, dass er hier keine Zukunft mehr haben würde und entschloss sich, mit da Costa nach Brasilien zu fahren, um das Geld der Familie dort sinnvoll anzulegen.
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Robert Hansen zu Gast bei der Familie eines befreundeten Bankiers in den 20er Jahren. |
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Er wurde Mitbesitzer einer Brückenbau-Firma, handelte mit Holz, Gold, Diamanten und Guano. Hansen und da Costa waren ein gutes Team; sie verstanden sich sowohl geschäftlich als auch privat sehr gut. Es gelang Hansen, das Vermögen der Familie in den schweren Zeiten der Weltwirtschaftskrise zu retten und zu vermehren. Schweren Herzens beschlossen 1931 auch die Eltern von Robert Hansen, nach Südamerika auszuwandern.
1932 liefen die Geschäfte der Familie Hansen so gut, daß Robert wieder mit dem Schreiben anfing. Er schrieb einige Kurzgeschichten und viele "Fragmente", wie er diese Werke später selbst nannte. Darin kritisiert er in Dialogen, Erzählungen und Briefen mit Satire, Parodie und Ironie die Gebrechen seiner Zeit: den religiösen Wahn, die Bedeutungslosigkeit der Philosophen und Literaten, die Eitelkeit der Rhetoren und die Leichtgläubigkeit des Publikums. 1934 beschloß sein Geschäftspartner da Costa, in die Politik einzusteigen. Hansen, selbst ein überzeugter Konservativer, war von dieser Idee nicht so begeistert. In einem Brief schrieb er:
"Die Politik ist früher eine Sache gewesen, die man aus Verpflichtung und mit Ehrgefühl betrieben hat. Aber heute ist es nur noch eine Gelegenheitsbeschäftigung für eitle Schwätzer. Ich will Dir, Alfonso, nichts unterstellen, aber so manch guter Mann ist in einer schlechten Umgebung untergegangen. Überdenke Deinen Entschluss gut!"
Da Costa versuchte aber immer wieder, Robert Hansen zu einer Politiker-Karriere zu überreden, so dass Hansen schließlich mit einer Notlüge kontern musste. Seine Abkehr von der Politik begründete er mit schwacher Gesundheit und Unfähigkeit zu angestrengter Arbeit. Er verkehrte lieber in
Dichterkreisen.
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Robert Hansen und seine erste Ehefrau. Dieses Bild wurde wenige Minuten nach der Eheschließung aufgenommen. Man kann deutlich erkennen, dass alle Teilnehmer nicht in der besten Stimmung sind. Schon vor der Trauung kam es zu Handgreiflichkeiten, so dass Hansen (hinter dem Stuhl kniend) mit einem blauen Auge "JA" sagen musste, was ihm sehr peinlich war. Diese Auseinandersetzungen sollten während der ganzen Ehe anhalten. |
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Mit seinen Warnungen an den Freund sollte Hansen Recht behalten: Alfonso da Costa starb unter rätselhaften Umständen im Jahre 1938 in seiner Villa. Man hörte immer wieder Gerüchte, dass er in einen Bestechungsskandal verwickelt gewesen sein soll.
1940, in Europa wütete der zweite Weltkrieg, veröffentlichte Robert Hansen seinen ersten Roman, "Das Leben in der Fremde". Auch wenn er nichts damit verdiente, erreichte er wenigstens einen Achtungserfolg.
Der Inhalt ist schnell erzählt:
Aus Erzählwerken und autobiographischen Zeugnissen formt sich das Bild eines außergewöhnlichen Geistes, der hinsichtlich seiner künstlerischen und moralischen Maximen deutlich im 19. Jahrhundert wurzelt und gleichwohl das geistige Leben der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt hat. Hansen schlägt gekonnt eine Brücke zwischen einem Zeitalter, das zu Ende geht, und einem neuen, das noch nicht begonnen hat.
Was es mit dem neuen Zeitalter auf sich haben sollte, konnte Hansen nicht wissen. 1946, ein Jahr nach Ende des Krieges, besuchte er nach 17 Jahren Abwesenheit das erste Mal wieder seine alte Heimat. Es muss ihn sehr mitgenommen haben, was er gesehen hat, denn seine nach dieser Zeit entstandenen Werke sind äußerst pessimistisch. Dabei blieb er aber immer seinem Stil treu, der ihn als scharfsichtigen Analytiker und unbeugsamen Moralisten ausweist.
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"Für die Callas tue ich alles!" Leider wollte ihm diese Dame noch nicht mal ein Autogramm geben, was ihn sehr kränkte. |
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Ab 1955 widmete er sich mit einer nie gekannten Intensität seiner literarischen Laufbahn.
Hansen führte mit seinem Werk die Erzähltradition der großen Realisten des 19. Jahrhunderts zum abschließenden Höhepunkt. Zu seinen Vorbildern gehörte neben dem auch als Person bewunderten Goethe und dem Franzosen Paul Bourget vor allem Lew Tolstoj.
Dann endlich, nach vielen Jahren voller Arbeit, war das große Ziel erreicht. Es war im Jahre 1961, und Robert Hansen erhielt den Literatur-Nobelpreis. Aber anstatt sich zu freuen, ärgerte er sich. In den letzten 5 Jahren hatte Hansen einen zu tiefen Einblick in das System, das hinter der Vermarktung der Literatur steckt. In seiner Dankesrede, die genau genommen ja gar keine war, warnte er vor der Kommerzialisierung der Kultur.
Ab 1950 ließ Hansen seine geschäftlichen Aktivitäten immer mehr schleifen. Seine damals noch zerstörte Heimat, der Tod seiner Eltern und einige persönliche Rückschläge, darunter zwei gescheiterte Ehen in drei Jahren, setzen ihm mehr zu, als er sich selbst eingestehen wollte. Er suchte und fand Trost in der Literatur, aber auch andere Künste gefielen ihm plötzlich sehr, darunter die Oper. Besonders die großen italienischen Opernhäuser zogen ihn magisch an. Oder waren es die bekannten Opernsängerinnen der damaligen Zeit?
Hansen machte aus seiner Verehrung für einige bekannte Künstlerinnen nie einen Hehl. Er wusste, dass es immer wieder Gerüchte gab, aber er schien es zu genießen, erinnerte ihn das doch an seine wilde Jugend.
Von 1962 bis zu seinem Tod im Jahre 1999 wurde es um Robert Hansen still. Er zog sich wieder nach Brasilien zurück, wo er sich um seine Firma kümmerte, und schrieb nur noch zum privaten Vergnügen.
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Robert Hansen 1998, kurz vor seinem Tod. Er hatte sich das Rauchen schon lange abgewöhnt, fing aber 1997 wieder damit an. Das gab seiner angeschlagenen Gesundheit wohl den Rest.
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1988 kaufte sich Robert Hansen einen Computer. In einem Alter, in dem andere Menschen höchstens noch an ihre Rente denken, bemühte er sich, mit den Tücken dieses Objekts klarzukommen. Sein Kommentar: "Diese Geräte sind sehr interessant. Aber sie verleiten zur Schlampigkeit, denn man kann so viel mehr mit einem eingegebenen Text machen. Da spart man sich vorher die ganze Denkarbeit."
Ja, die Denkarbeit war immer eines der großen Themen im Leben von Robert Hansen. Er selbst beklagte wenige Tage vor seinem Tod, dass er diese Arbeit oft überhaupt nicht und meistens viel zu oberflächlich getan hätte.
Niemand weiß, wie die letzten Worte von Robert Hansen lauteten. Aber wir können sicher sein, dass er jene intuitive Weisheit in sie gelegt hat, die Zeit seines Lebens charakteristisch für alles war, was er gesagt und getan hat.
TD.