Augustin: Bedeutung, Confessiones, Retractationes, Soliloquia (Zitate)

Hoffnung für die Menschheitsgeschichte durch den Einfluss
der frühen Kirche auf die westliche Zivilisation

Als die christliche Kirche entstand, war Rom das Zentrum eines Reiches, das jedoch auch durch einen großen religiösen und moralischen Hunger gekenzeichnet war. Durch diese Situation begünstigt, konnte durch den Tod und die glorreiche Auferstehung Jesu Christi die Gemeinde Jesu des Neuen Bundes geboren werden.
Gott hat den frühen Aposteln den Auftrag gegeben, das Reich Gottes auf dieser Erde einzurichten und zu fördern, daher verkündeten sie, inspiriert durch gottgewirkten Eifer und Begeisterung das Evangelium allen Völkern.

Dadurch brachten sie eine radikale Veränderung in die Welt, in der sie lebten. Als Erebnis ihrer Bemühungen, dem Willen und den Maßstäben Gottes für alle Lebensbereiche Geltung zu verschaffen, wurde die Saat der Freiheit in der westlichen Zivilisation gesät.
Wir dürfen nun den Einfluss, den die Gemeinde Gottes auf die westliche Welt hatte, beileibe nicht unterschätzen.

Unter den frühen Kirchenvätern war ein Augustin von Hippo Rhegius in Nordafrika (354–430), der das Wort Gottes so wirkungsvoll in der Gesellschaft und in allen Lebensbereichen anwandte, dass das Christentum in den folgenden tausend Jahren der maßgebliche Einfluss in der westlichen Welt blieb. Zur Zeit, als Rom fiel, war es eben die Kirche, welche die römischen Bürger vor den schlimmen Auswüchsen der barbarischen Eindringlinge schützte. Die Franken waren ein solch barbarisches Volk – und sie konnten für Jesus und den christlichen Glauben gewonnen werden! – Karl der Große z.B. spielte ein Hauptrolle bei der Sicherung solch unschätzbarer Segnungen wie den Gesetzen und der Gesetzgebung, der Zivilisation und Bildung für die Menschen in Westeuropa überhaupt. Dies kam durch das Christentum.

Augustin über Augustin und andere über Augustin

Die dreizehn Bücher meiner Bekenntnisse sowohl über meine üblen wie auch über meine guten Taten loben Gott als den Gerechten und Gütigen ... sie rütteln den Leser in seinem Verstand und seinem Gefühlsleben auf. Vielen Geschwistern haben sie, wie ich weiß, gefallen und werden auch noch anderen gefallen.

— Retractationes 2,6,1

(Die Vernunft spricht:) Drei Dinge gehören also zur Seele: Gesundheit, Betrachtung und Schau. Drei Dinge aber, Glaube, Hoffnung und Liebe, sind für das erste jener drei Dinge und für das zweite immer notwendig, für das dritte aber in diesem Leben alles, nach diesem Leben nur die Liebe.
Vernimm nun, soweit es für den gegenwärtigen Stand unserer Untersuchung nötig ist, nach jenem Vergleich aus der Welt der sinnlichen Wahrnehmung auch etwas über Gott, und lass dich von mir belehren. Erkennbar ist nämlich Gott, erkennbar auch sind jene Anschaunisse der Wissenschaften, doch mit schwerwiegenden Unterschieden. Denn sowohl die Erde ist sichtbar als auch das Licht; aber die Erde ist, wenn sie nicht vom Licht beleuchtet wird, unsichtbar. Also wird man auch bei dem, was in den Wissenschaften überliefert wird und was jeder, der es erkennt, unbedenklich als höchste Wahrheit ansieht, glauben müssen, man könne es nicht erkennen, wenn es nicht von einem anderen, sozusagen von seiner »Sonne«, beleuchtet wird. Wie man also hier bei unserer Sone drei bestimmte Dinge beobachten kann: dass sie ist, dass sie leuchtet, dass sie beleuchtet, so gibt es auch bei jenem so tief verborgenen Gott, den du erkennen willst, drei bestimmte Dinge:
• dass er ist,
• dass er erkannt wird,
• dass er das übrige erkannt werden lässt.
Damit du diese zwei, dich selbst und Gott, erkennen kannst, wage ich, dich zu belehren. Doch antworte, wie du meine Ausführugen annimmst: als bloß glaubwürdig oder als wahr.

(. . .) Doch kannst du wenigstens erkennen, wo sie (die Wahrheit) nicht ist? (. . .) Besimmt ist sie nicht in den sterblichen Dingen, denn was in etwas ist, kann nicht bestehen bleiben, wenn das nicht bleibt, worin es ist: Aber bestehen bleibt die Wahrheit (. . .) auch wenn die wahren Dinge zugrunde gehen. Die Wahrheit ist also nicht in den sterblchen Dingen. Doch sie existiert und sie ist nicht nirgends. Es gibt also Unsterbliches. Nichts ist aber wahr, indem nicht auch die Wahheit ist. So muss man denn schließen: Wahr ist nur, was unsterblich ist. Und jeder falsche Baum ist kein Baum, falsches Holz ist kein Holz, falsches Silber kein Silber, und überhaupt: was falsch ist, existiert gar nicht. Alles aber, was nicht wahr ist, ist falsch.
Nichts anderes kann also richtigerweise Existenz haben als Unsterbliches.

Bleib standhaft im Glauben an Gott und vertraue dich ihm ganz, soweit du kannst, Gib deinen Willen auf, gewissermaßen nur dir anzugehören und in deiner eigenen Gewalt zu sein; nein, bekenne, dass du der Knecht dieses allergnädigsten und mildesten Herrn bist. Dann wird er nicht ablassen, dich zu sich zu erheben, und er wird dir nichts widerfahren lassen, als was dir nützt, auch ohne dass du es merkst.

— Selbstgespräche (aus dem Jahre 386; Gespräch des ersten Tages)

Sooft ich die Bücher deiner Bekenntnisse lese, schwanke ich zwischen zwei entgegengesetzten Emotionen, nämlich zwischen Hoffnung und Furcht; ich meine sie nicht ohne Freudentränen lesen zu können nicht etwa über den Bericht der Pilgerschaft eines anderen, sondern über meine eigene.

— Francesco Petrarca im “Secretum”

Die Wahrheit, von der Augustin spricht, deckt sich mit dem hebräischen Begriff von Wahrheit, der sich semantisch eng benachbart zu treu, wahrhaft, aufrichtig im Handeln befindet. Es handelt sich beileibe nicht nur um eine reine Formel, vielmehr um die Wahrheit, die die Qualität einer lebendigen Person kennzeichnet. Augustin ‘tat die Wahrheit’ – in diesem Sinne wurde er selbst wahrhaft dann, wenn er ein Wortmodell herausfand, um auf gute Art und Weise das Wahre zu sagen. Aber beides, die Wahrheit, die es zu praktizieren gilt, und das Licht, zu dem es führte, sind für ihn von der Schrift her verbürgte Epitheta von Christus, die prae-existente zweite Person der Dreieinigkeit.

‚Vor vielem sicher ist, daß in De ordine sich nicht die mindeste sichere Spur von Neuplatonismus vorfindet, obwohl genug Gelegenheit dazu war. Auch Contra Academicos und De beata vita verraten nichts Sicheres davon.’

— A. Dyroff, in dem Sammelband Aurelius Augustinus (Köln, 1930), Seite 47


Besorgnis durchzieht die “Bekenntnisse” so sehr, dass sogar die sich aus ihnen ergebende Erzählstruktur (unbewusst) davon beeinflusst wird. Haben wir schon auf der ersten Seite gelesen, dass unser Herz ruhelos ist, bis in Gott Ruhe gewährt wird, so erwarten wir mit gutem Grund, dass im Text eine Bewegung von Ruhelosigkeit zu einer Art Ruhe stattfindet, von Angst zu einer bestimmten Gelassenheit.

In gewisser Hinsicht trifft das auch zu: die Besorgnis flieht die Taufe in Cassiciacum; am Anfang und am Ende des Werks freut sich sein Verfasser auf die Gelassenheit endlosen Lobgesangs im Himmel. Doch hinterlässt die Bekehrungsgeschichte den Eindruck eines unsicheren und ängstlichen Augustin, jedenfalls mehr, als wir erwartet hätten. Es fehlt die Vision als Frucht und eigentlicher Höhepunkt der so optimistischen “Bekenntnisse” – statt dessen lassen die zweite Hälfte von Buch 10 sowie die Bücher 11 bis 13 als Ganzes – allen modernen Versuchen, diesen Teil in eine kohärente Schablone zu pressen, zum Trotz – eine (erwartete) Bewegung vom inneren Aufruhr hin zu einer Beruhigung vermissen und Augustin noch immer über große und kleine Angelegenheiten besorgt erscheinen.

Wann wurde es Augustin möglich, wann wurde es für ihn notwendig, jene unausgesetzte Anspannung zu ertragen? – Wir wissen es nicht. Zur Zeit der Ereignisse, die in den ersten neun Büchern geschildert werden, erwartete er sicher mehr Ruhe, die auf seine Bedrängnisse folgten.

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