Addita zu Augustin

Augustinus wird im Hinblick auf seine Theorie vom Innenleben bzw. Erforschung des Innenlebens behandelt in einer Rezension aus Zürich auf einem HTML- bzw. PDF-File von »Plekos« (Prof. Dr. Joachim Gruber, München, u.a.: Link zu »Plekos«).

„Ein Mann, der in der Theologiegeschichte nicht seinesgleichen hatte“

Das Folgende (mit Auslassungen) aus einem Gedenken an den 1650. Geburtstags des Kirchenlehrers und Bischofs von Hippo –

(Artikel des Augustinerpaters Cornelius P. Mayer in Die Tagespost vom 13.11.2004)

Heute vor 1650 Jahren erblickte jener Genius das Licht der Welt, der die Geistesgeschichte des christlichen Abendlandes wie kaum ein zweiter geprägt hatte, Augustin. Kardinal Newman nannte ihn „das große Licht der westlichen Welt, der ohne Anspruch auf Unfehlbarkeit die Intelligenz Europas prägte“. Der Kirchenhistoriker Adolf von Harnack sagte sogar: Er „ist der Mann, der überhaupt in der Antike und in der Kirchengeschichte nicht seinesgleichen gehabt hat“. Augustins Stellung in der westlichen Kultur ist in der Tat einmalig: Die Literatur um seine Person und sein Werk wächst Jahr für Jahr immer noch um einige hundert Titel. Diese außergewöhnliche Breitenwirkung beruht sicher darauf, dass am Gespräch mit ihm nicht nur Kirchenleitungen, Theologen und Philosophen, sondern auch Gelehrte aus unterschiedlichen Disziplinen wie der Geschichte, der Psychologie, der Linguistik teilnehmen. Seines Geistes Erbe sind indes alle, die das Suchen nach Gott und das Ringen um die Wahrheit beseelen.

Mit Recht sah man in Augustin den letzten antiken und den ersten modernen Menschen, ging er doch aus der griechisch-römischen Kultur hervor. In seiner Person hat die Antike die in ihr wohnende künstlerische Gestaltungskraft noch einmal zusammengefasst. Er wuchs aber auch über sie hinaus – eben durch seine Bekehrung zum Christentum.

Als Autor in die Weltliteratur eingegangen

Im Unterschied zu den meisten Persönlichkeiten der Alten Kirche sind unsere Kenntnisse über Augustin alles andere als dürftig. Der Grund dafür liegt einfach darin, dass er seine zur Weltliteratur zählenden „Confessiones“, seine „Bekenntnisse“ schrieb. Über deren Wirkung notierte er selbst: „Die dreizehn Bücher meiner Bekenntnisse preisen Gott den Gerechten und Guten um des Bösen und des Guten willen, das ich in mir gefunden, und sie lenken des Menschen Sinnen und Trachten auf ihn hin. Was mich betrifft, so erfuhr ich dies schon beim Schreiben und ich erfahre es immer noch beim Lesen. Was andere davon halten, das mögen sie selber sehen. Ich weiß jedoch, dass sie vielen Brüdern gefallen haben und immer noch gefallen.“

Als auch mit reicher Emotionalität, Phantasie und praktischem Sinn ausgestattete Person war Augustin, der ehemalige Lehrer der Grammatik, Professor der Rhetorik, kenntnisreicher und geübter Dialektiker, bereits zu seinen Lebzeiten ein in gebildeten Kreisen viel gelesener und begehrter Autor. Die Fertigstellung seiner fünfzehn Bücher „Über den dreieinigen Gott“ – vielleicht das Tiefsinnigste, was je über Gott (...) geschrieben wurde, und woran der fromme Bischof zwanzig Jahre arbeitete – wollte seine elitäre Leserschaft nicht mehr abwarten. Man entwendete ihm die ersten zwölf, ehe die restlichen drei geschrieben waren.

Bei der Besetzung Roms durch den Westgoten Alarich am 24. August 410 verstärkte sich der Druck der noch Heiden gebliebenen Gebildeten auf das Christentum, dem man die Schuld dafür anlastete. Als Wortführer der Christenheit sah Augustin sich verpflichtet, seine auf 22 Bücher konzipierte epochale Schrift „Über den Gottesstaat“ in Angriff zu nehmen. Dieses „grande opus“ (= bedeutsames Werk), wie der Verfasser selber es nannte, erschien von 413–427 in Abschnitten. Schon beim Erscheinen der ersten Lieferung beeindruckte es die Leser. Macedonius, damals Prokonsul in Afrika, erwähnt mit Bewunderung die philosophische Ansichten des Werkes, die Fülle seines historischen Wissens und den Reiz seiner Beredsamkeit.

Schon zwanzig Jahre nach seinem Tod begann die Verbreitung von Augustins Schriften, das, von zahlreichen Briefen und Predigten abgesehen, im großen und ganzen erhalten blieb, zunächst in Sentenzensammlungen und Florilegien (d.h. "Blütenlesen" – H.G.). Solche Sammlungen waren im Mittelalter gefragte Hilfsmittel des Schulbetriebs. Die berühmteste war die des Petrus Lombardus (†1160). Sie umfass-te mehr als 1500 Sentenzen aus der gesamten Patristik, darunter circa 950 dem Werk Augustins entnommene. Selbst Thomas von Aquin, der die aristotelische Philosophie zur Grundlage seines Denkens machte, zitiert in seinen Schriften Augustinus häufiger als Aristoteles. Nahezu alle namhaften Theologen des Mittelalters betrachteten Augustinus als ihren Lehrer. (...) aber auch Luther: Bei der Konzeption sowie bei der Verteidigung seiner Gnaden- und Rechtfertigungslehre berief er sich ständig auf dessen Theologie. Wie Luther meinte auch Calvin, Augustin interpretiere authentisch die Schriften des Apostels Paulus von der Rechtfertigung des Sünders allein aufgrund des Glaubens an den rettenden Gott. Auf katholischer Seite berief sich das Konzil von Trient ebenfalls auf Augustinus (...). Der christliche Humanismus propagierte in Ablehnung der Scholastik und des Aristotelismus die Rückkehr zu den Quellen und zu den Kirchenvätern, speziell zu Augustin. Die Philologen der Renaissance haben mit Hilfe der Buchdruckerkunst entscheidend zur Verbreitung der augustinischen Schriften beigetragen. Bereits 1506 erschien in Basel die erste Gesamtausgabe.

Die Philosophie und Theologie des siebzehnten Jahrhunderts war vorzüglich vom Gedankengut Augustins geprägt. (...) Dabei ging es stets um die Interpretation der Schriften Augustins. So war der Kirchenvater bei Gelehrten erneut in aller Munde und er blieb dies in der Folgezeit. Denn die evangelischen Kirchen haben trotz liberalistischer Tendenzen während der Zeit der Aufklärung nicht aufgehört, sich in Sachen des Glaubens auf Augustin zu berufen, und in den Enzykliken der Päpste in der jüngeren und jüngsten Zeit galt er als Autorität. (...) Seine Aktualität nimmt eher zu als ab.

Paradigmenwechsel:

das Menschenbild eines Mannes, der den Abgrund in der eigenen Seele kannte

Augustins Bild vom Menschen ist ganz und gar getragen von dessen Gottebenbildlichkeit als Kreatur, von dessen Sünde genannter Tragödie und von deren Aufhebung durch die Macht der Gnade. Der von Gott Ergriffene ist ein Mensch der Demut, der alles, was sein Heil betrifft, allein von seinem Erlöser erhofft. Mit diesem anthropologischen Leitbild verabschiedete sich der Kirchenvater von dem antiken Ideal des in sich ruhenden und auf sich angewiesenen Herrenmenschen.

Seine in den „Bekenntnissen“ niedergeschriebenen Ansichten aus dem Bereich des Individuellen übertrug Augustin ohne Zögern auch auf die Gesellschaft. Kein Staat, kein politisches System, so lautet die Quintessenz seiner Schrift „Über den Gottesstaat“, wird je in der Lage sein, die Entfremdung jetzt schon aufzuheben und ein Reich des Friedens bereits hier auf Erden zu schaffen.

An Stoff, dies zu illustrieren, mangelt es nicht. Beherzigenswertes steht darin über die beiden Staaten beziehungsweise über die beiden Gesellschaften zu lesen. Diese unterschieden sich ebenfalls einzig und allein durch ihre je eigene Liebe, die Selbstliebe, die den irdischen Staat, und die Gottesliebe, die den himmlischen schuf. Die Bürger des einen suchten ihren Ruhm bei Menschen, ihre Bestimmung sei der Untergang, die des anderen bei Gott, ihre Bestimmung sei die Herrschaft mit Gott. Ist dies eine Geschichtsbetrachtung in Schwarz-weiß oder eine solche in der Optik der neutestamentlichen Verkündigung?

Erbsünde

Augustin sei der Vater der Erbsünde, lautet eine weitere, ihn diskriminierende innerkirchliche Propaganda. Gewiss mag der Kirchenvater sich aufgrund der geltenden Ansichten seiner Zeit über die physiologisch bedingte Unbotmäßigkeit der Sexualorgane bei der Zeugung geirrt haben, nicht geirrt hat er sich über das entfremdete Dasein des in eine entfremdete Welt hineingeborenen Menschen. Diesen Zustand nahm er an sich selbst wahr und aufgrund der verschlungenen Gefühle und Regungen seines Herzens nannte er in seinen „Bekenntnissen“ sich und den Menschen als solchen einen „Abgrund“, ein „grande profundum“ (4, 22). Wie „unser unruhiges Herz“ im Glauben an das von der Kirche verkündete Erlösungsgeschehen die verheißene „Ruhe“ findet, das ist sein Thema. Weil aber alle Initiative in diesem Geschehen bei Gott liegt, deshalb ist Gott der Einzige und das Einzige, was Augustin interessiert. „Unselig ist der Mensch“, dies bekennt er darin seinem Schöpfer und Erlöser, „der alles weiß, dich aber nicht kennt; selig hingegen ist, wer dich kennt, auch wenn er von allem anderen nichts weiß. Wer jedoch dich und alles andere kennt, ist darum keineswegs seliger; selig ist er einzig um deinetwillen“ (5,7). Des Menschen Wert richtet sich nicht danach, was er weiß, sondern nach dem, was er liebt. Was und wie er lieben soll, das sagt Gott ihm in seinen Heiligen Schriften.

Augustin reflektierte nicht nur dem christlichen Glauben tiefsinnig reflektieren, sondern predigte auch so anschaulich, dass selbst Nicht-Gebildete wissen konnten, worauf es ankommt. (...)

Von mir ist der Artikel gekürzt worden (ungünstig ausgedrückt könnte man sagen: 'reformatorisch geglättet'). H. G. Gehen Sie nun zurück zur Übersicht!

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