Altorientalische Reiche

Fortsetzung 3

Charakteristik des schriftlich Überlieferten

Ein grundlegendes Kennzeichen sumerischer Literatur ist, dass sie bewahrenden Charakter hatte, d. h. es gab im Großen und Ganzen kein Streben nach Neuerung. Obgleich alte Texte immer wieder abgeschrieben wurden und weiter gegeben wurden, trachtete man dabei nicht nach Originalität.

Dies bringt es mit sich, dass wir nur mit großer Mühe eine Art Literaturgeschichte (zumindest nicht im modernen Sinn) nach literarischen Gattungen oder literarischen Motiven rekonstruieren können. Man kann aber sagen, dass die Werke von einer damals bedeutenden Persönlichkeit oder von einem Kollektiv von Autoren geschaffen worden sein mussten, obgleich uns kein Verfassername erhalten ist! Allenfalls vom Namen des jeweiligen Schreibers haben wir Kenntnis; ja freilich der des Kopisten ist oft angegeben worden. Aber die Angabe, auf welche wir heutigen spekulieren, der Verfassername ist uns gerade nicht überliefert.

Wir versuchen ja nun in unserem Kulturraum in Kunst sowie in Literatur den »freien ästhetischen Geist«, dem Geist des Individuums Ausdruck zu verleihen. Das bedeutete heutzutage in positiver Art und Weise die künstlerische Absicht zu gestalten. Nicht jedoch so für die Sumerer! Für sie ist Kunst und Kultur etwas ganz und gar Objektives, ist unveränderter Ausdruck ihrer sozialen Gemeinschaft. Daher eignet ihr auch etwas Bewahrendes, das wenig Wert legt auf freie Neuerung. Das Individuum scheint hinter der Masse der Abschriften zu verschwinden.

Die Keilschrift war auf Tontafeln geschrieben, doch dies gewöhnlich so, dass nicht immer ein in sich geschlossener Text einer Tafel entspräche, vielmehr sind die größeren Werke auf mehrere Tafeln verzeichnet. Dies also eine weitere Schwierigkeit bei der Entzifferung und Deutung der Texte. Die Aufeinanderfolge der einzelnen Teile, z. B. eines Epos, zu bestimmen, gestaltete sich somit gar nicht so einfach. Und dies ist auch überhaupt ein Grundproblem besonders des Heldenepos geblieben.

Die Eigenart der Mythen

Eine größere Rolle spielen die mythologischen Dichtungen. Epos, Lyrik und Drama, Begriffe, wie wir sie heute verwenden, sind in die Mythen eingewoben. So werden die Fruchtbarkeits-fördernden Wasserläufe des Euphrat und des Tigris besungen, die wohl die größte Rolle für den Menschen Mesopotamiens spielen. In den Mythen über Götter fehlen auch nirgends die Heroen. Insofern ist die »Heldendichtung«, wenn man sie überhaupt so nennen darf, nicht von der mythologischen Dichtung zu trennen. Überhaupt ist diese Verwobenheit ein weiteres Kennzeichen solcher Literatur. Immer wieder ist der heroische Held auf der Suche nach dem Leben. In elementarer Weise wird er gerade deshalb so oft mit dem Problem des Todes konfrontiert. Was bleibt aber nun noch? Wenigstens durch unsterbliche Taten möchte er nun seinen Namen der ewigen Auslöschung entziehen. Dafür nimmt er größte Gefahren auf sich. Weisheit und körperliche Stärke paaren sich bei ihm; doch diese Eigenschaften können nichts gegen das Schicksal ausrichten, von dem er bestimmt wird - es erscheint ausweglos! Der Heros gibt nach, ehe es zum Schlimmsten kommt, während der tragische Ödipus im griechischen Drama sich selbst treu bleibt und gerade dadurch zur »tragischen Figur« wird.

Magie und Astrologie

Die sumerische Literatur ist neben der ägyptischen die älteste. Sie spiegelt eine Gesellschaft, die eine Art Weltanschauung entwickelt hat. Es ist oft eine gewaltige Kraft gegeben, indessen fehlt der Wille, ein Ziel jenseits davon zu suchen. Das kommt zur Geltung in der babylonischen Zivilisation. So bleiben die Mittel der Astronomie, und sie wurden von den Sumerern und später den Chaldäern tiefgründig erforscht. Chaldäa ist ja eigentlich eine Landschaft im südlichen Mesopotamien; Abraham zog ja von dort aus, »aus Ur in Chaldäa in das Land Kanaan« (1). Doch im Hinblick auf Magie und Astrologie spricht man gerne von den »Chaldäern«, wenn man Altbabylonien meint. Die Griechen und Römer setzten Chaldäer und Magier gleich, die Horoskope hießen »Babylonii numeri«.und wurden durchaus nicht als wirkungslos verstanden. Neben der Magie war die Astrologie und Astronomie die zweite »Wissenschaft« sumerischen Erbes.

Die Astrologie geht ist aber deutlich jüngeren Ursprungs. Sie geht zurück auf eine Jahrhunderte-lange Beobachtung der Gestirne und hat ihre Wurzeln in der Annahme, dass - so wie die Sonne den Wechsel der Jahreszeiten bestimmt - jeder Himmelskörper in besonderer Weise das Leben auf der Erde beeinflusst. Und wie man die periodische Wiederkehr von Sonnen- und Mondfinsternissen berechnen kann, so muss man auch die Einwirkungen der Planeten und Fixsterne auf die Menschen berechnen und vorhersagen können.

Dass man in Sumer und in Chaldäa Astronomie mit Astrologie fast identifizieren konnte, ergibt sich aus folgendem Umstand: Indem man die zwölf hellsten Gestirne mit den mächtigsten Göttern gleichsetzte, gab man ihnen bestimmte Charakterzüge, die für das Schicksal des Menschen von Bedeutung sein sollten: Demnach wird jeder von uns unter einer bestimmten Konstellation von Sonne, Mond und Sternen in einem bestimmten Tierkreiszeichen geboren. Anerkennt man nun diese Voraussetzungen, so kann man ein Horoskop erstellen. Mantik und Orakel aus Naturerscheinungen gerieten im Laufe der Zeit in Vergessenheit, sind aber Praktiken, die noch bei den Römern große Bedeutung hatten.

Man muss sich auch vor Augen halten, dass die Beherrschung der Schrift die Grundlage der Ausbildung in den Tempelschulen war. Begabte Schüler durften dann zu den höheren wissenschaftlichen Disziplinen wie der Sternenkunde vordringen. Während die Astrologie ein skurilles, okkultes Erbe Sumers wurde, so schufen die alten Sterndeuter doch auch die Grundlagen der Astronomie.

Eine Art Abschluss der antiken abendländischen Astronomie findet sich in dem »schwierigen Buch ‘Lamda’« der Metaphysik des Aristoteles, »dem Höhepunkt der Aristotelischen Transzendenzphilosophie«. Hier wird in subtilen Gedankenprozessen das »Sein« der »ewig unbewegten Seiendheiten« . . . erörtert und zugleich geraten kosmologische Probleme aus der Astronomie und der Astrophysik in die Diskussion, die den Rahmen dieser »Theologie« nach heutigem Empfinden zu sprengen drohen.(2)

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Auch die griechischsprachigen Kirchenväter schrieben übrigens über die »Wissenschaften« der Chaldäer, jedoch in ablehnendem Sinne: Während Justin der Märtyrer die Geister vorwiegend im Angriff gegen das Reich von Jesus Christus als ganzes und jetziges sieht, empfindet Tatian, dass die Dämonenherrschaft dieses künftige individuelle Heil gefährdet. Dies vor allem in seinem Kapitel über den Ursündenfall, über Magie, Medizin, Heilungen und Mantik.(3)

Die reiche Kunst des Zweistromlandes

Die Angesichter der Skulpturen des Zweistromlandes sind nicht etwa von irgendeiner seelischen Bewegung geprägt. Gab es in der Kunst eigentlich so etwas wie Individualisierung wie wir sie heute kennen? In Babylon finden wir kein eigentliches Individuum. Eine Ausnahme bilden etwa Löwen, auch die Wildstiere haben zumeist ihr eigenes Gesicht. Die Münzen und Wappen zieren heraldische Wesen, die drohend und phantastisch wirken, sie sind prächtig und fürchterlich zugleich; aber sie gehen dem Tod entgegen. Sie werden auf der Jagd mit Pfeilen erlegt - so sind sie zumeist abgebildet. Darüber hinaus verkörpern sie auch herrschaftliche Macht, wenn sie Portale von Palästen zieren. Aber sie versinnbildlichen insbesondere die Menschheit der damaligen Zeit zwischen dem Persischem Golf und dem Mittelmeer.

Ein Klima der Gegensätze

Es ist das Klima Mesopotamiens eines der heißesten der Erde überhaupt. Glühende Hitze während zwölf Stunden am Tag im Sommer 50° C sind keine Seltenheit. Dann aber auch strenge Winter. Zwischen Tag und Nacht können 30° Temperatur-Unterschied betragen! Die Vegetation war bunt: Mohn, Lilien, wilde Rosen. Es gab auch baumähnliche Vegetationsformen. Einmal die Tamariske, die auch in Ägypten und anderen Teilen Asiens auftritt. Ein Stich der sog. Gallwespe lässt bei der Tamariske einen süßen Saft austreten. Dieser wird noch heute gesammelt und verkauft. Man hat eine Verbindung zum biblischen Manna (2.Mose 16) gesucht. (von »mân hû«: ‚was ist es?’) Manna hatte den Geschmack von süßen Semmeln, fünf Tage lang musste ein Israelit einen Gomer davon sammeln. Aber die Beobachtungen passen nicht zur Stetigkeit des Auftretens des Manna, es ist dies wohl ein übernatürliches Wunder, das Gottes Fürsorge für sein Volk zeigt. Weiterhin gab es die Zwergweide und die Euphrat-Pappel, ziemlich ärmliche Bäumchen. Das Schilfrohr insbesondere förderte die Produktion; Davon gab es allerdings ganze Wälder. Das ausgewachsene Rohr konnte die Größe von 1 1/2 Menschen erreichen! Von den ergiebigen Datteln sagt Xenophon:

». . . Sie sind von wunderbarer Größe und Schönheit, von Bernstein-ähnlicher Farbe«. Die Datteln können verarbeitet werden zu einem likörartigen Getränk sowie zu Essig.
Für die prächtigen Bauwerke war man meistens auf den Import angewiesen. Als Bindemittel diente Asphalt, der sich hervorragend dazu eignet. Da auch Steinbrüche fehlten, musste alles andere als das, was man aus Lehm schaffen konnte, von weither importiert werden. Edlere Gesteine kamen wohl aus Ost-Arabien. Die Babylonier hauptsächlich wussten um den Effekt von emailliertem Backstein (vgl. das Ischtartor). Auch kostbarere Hölzer mussten zum größten Teil importiert werden.

Die Städte

Die südlichste, Eridu, an der Lagune des Persischen Golfs, nördlich davon das von Abram bekannte Ur, dann die Zwillings-Städte Uruk und Larsa. Weiter die drei Nachbarstädte Lagasch;, Umma und Kisch (Kesch).
Alle befanden sich im Gebiet des Euphrat. Stromaufwärts lagen: Isin, Nippur und ein weiteres Kisch, diesem gegenüber Babylon. Etwas weiter südlich von Babylon das uralte Borsippa.

Im Norden lag Akkade (sumerisch Agade) mit ihrer Schwesterstadt Sippar. Viele von diesen Städten sind heute nicht einmal mehr Ruinen, aber sie waren einst stolze Metropolen und Königsstädte. Sie sind sozusagen buchstäblich in die Erde gesunken. Sie waren beherrscht von der Sucht nach Herrschaft - ein Traum, der zusammen mit den Träumern sterben musste.

Wir sollten geographisch gut auseinanderhalten: Der südöstliche Teil hieß Sumer, mit den frühen Zentren Sumer (als mächtigen Stadtstaat), Ur (Abram und Haran), Uruk und Larsa, welche die kulturelle und religiöse Grundlage gebildet haben. Akkade war die Hauptstadt des nördlichen Teils, und diese Metropole gab dem nördlichen Teil auch dann später seinen Namen. Akkade schloss sich im Nord-Westen an Sumer an; es scheint zur selben Zeit wie Sumer entstanden zu sein. Das Reich hat den Namen von der eponymen Stadt.

Die offizielle Bezeichnung lautete nach den Einigungsbestrebungen: »Sumer und Akkade«. Aus Akkad oder Akkade kam eine Herrscherdynastie Babyloniens; und Akkadisch wurde sehr bald schon (um 2000 v. Chr.) die Diplomatensprache des Alten Orients.

Anmerkungen:

(1) s. 1.Mose 12, 31

(2) Egidius Schmalzried: Hauptwerke der antiken Literaturen; Ed. Kindlers Literaturlexikon, München 1976, s.v. »Aristoteles: Metaphysik«

(3) Heinrich Wey: Die Funktionen der bösen Geister bei den griechischen Apologeten des zweiten Jahrhunderts nach Christus; Winterthur 1957, Seite 259

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