Man sollte unter Mesopotamien das gesamte Land zwischen Euphrat und Tigris verstehen, denn Mesopotamien bedeutet ja �Land zwischen den beiden Str�men�. Mit diesem Namen hat man aber allgemein nur das Gebiet vom Taurus bis dorthin, wo Euphrat und Tigris sich zum ersten Mal n�hern, bezeichnet. Die Flussniederung, die von den Unterl�ufen der beiden Str�me begrenzt wird, hei�t gew�hnlich Babylonien. Dort, am Euphrat lag sp�ter der Nabel der Erde, Babilu, die Stadt, die seit Hammurabi die Reichshauptstadt war. Babylon ist zwar die bekannteste Stadt Mesopotamiens, aber nicht die �lteste.
Euphrat und Tigris beherrschten das gesamte Land von der See bis zum Hochgebirge. W�hrend der Tigris in seiner gesamten Ausdehnung zu Mesopotamien geh�rte, flie�t ein Drittel des Euphrat durch Armenien. �hnlich wie in �gypten spielt naturgem�� die �berschwemmung eine gro�e Rolle. Doch gibt es einen Unterschied zwischen Nil und Euphrat und Tigris: Auf ihrem langen Lauf von den Bergl�ndern Ostafrikas herab hatten die Fr�hjahrsfluten des Nil reichlich Zeit, sich zu einer m�chtigen und gleichzeitig gleichm��igen Hochwasserwelle zu vereinen, die sich einigerma�en kontrollieren lie�. Euphrat und Tigris hingegen st�rzen in sehr viel k�rzerer Strecke von den Hochgebirgen Armeniens und Anatoliens herab. Und wenn dort im Fr�hjahr der reichlich gefallene Schnee schmolz, so war die Ebene von Sumer in eine Sumpflandschaft verwandelt.
Mit der Fr�hjahrs-Schneeschmelz im M�rz und April scheinen die Fluterz�hlungen von Ut-Napischtim, dem �sumerischen Noah�, zusammenzuh�ngen. Bei Ausgrabungen hat man allerdings auch m�chtige Lehmschichten gefunden, man darf in ihnen Zeugen erkennen von der verheerenden Kraft dieser �berschwemmungen im Zweistromland jedes Jahr im Juni/Juli. Und doch war es diese Urgewalt des Wassers, die den Ansto� zur Zusammenarbeit und damit zur Staatenbildung und Hochkultur gab: Mittels Gr�ben und Kan�len kommt man in den Genuss der ergiebigen Wirkung dieser Hochflut!
Gemeinsam gruben die Bauern Kan�le, welche die Hochwasser auffingen und so �ber das Land verteilten, dass sie noch wochenlang zur Bew�sserung dienen konnten. Wenn dann die d�ngenden Gew�sser mit diesen Kan�len richtig verteilt waren - so gab es Fruchtbarkeit im �berfluss. �ber die Kan�le konnte w�hrend der hei�en Sommermonate auch das �normale� Wasser der Str�me auf die Felder gef�hrt werden. Denn von den gro�en Hauptkan�len zweigten die eigentlichen Bew�sserungskan�le ab. Jeder Bauer war f�r seinen Kanalabschnitt verantwortlich. Die Wassermenge, die er f�r seinen Bedarf entnehmen konnte, war ebenso genau festgelegt wie seine Haftung f�r Sch�den, die durch Nachl�ssigkeit entstanden, etwa, wenn der Damm brach, oder wenn der Kanal in seinem Abschnitt von Pflanzen �berwuchert wurde. Die fruchtbare Wirkung war im Unterlauf am gr��ten, denn hier waren die Str�me nahe aneinanderger�ckt, ja sie flossen beinahe parallel nebeneinander her.
Man fuhr auf den gr��eren Kan�len und den Str�men mit einem Flo� aus den Stielen von Palmbl�ttern. Ein Relief aus dem 9. Jahrhundert zeigt einen Truppentransport, wo auf diese Weise Mannschaft und Ausr�stung �ber den Flu� gebracht werden.
Im Oberlauf haben sich indessen immer nur Rinnen von fruchtbarem Land durch die W�ste fressen k�nnen.
�Das Land tr�gt in der Regel 200-f�ltige, ja manch mal sogar 300-f�ltige Frucht. Wie hoch Hirse und Sesamstaude wachsen, wei� ich, doch wird es mir niemand glauben, der nicht schon selbst in Babylonien gewesen ist�,
schreibt der Grieche Herodot aus Halikarnassos (heute T�rkei)in seinem Autopsie-Bericht. In einem assyrischen Relief wird der einfache Sch�pfhebel des �Schaduf� gezeigt, einem Hilfsmittel, das sich auch die einfachen Bauern leisten konnten. Dies ist ein Sch�pfbaum, bei dem das Hebelgesetz kr�ftig mithalf. Gro�e Sch�pfr�der blieben den reichen Grundbesitzern vorbehalten.
F�r die m�hselige Arbeit, das Wasser von den Gr�ben auf die Felder zu leiten, fielen den Sumerern immer raffiniertere Hilfsmittel ein. Die technischen Meisterleistungen der fr�hen Geschichte sind uns in zahlreichen Fundst�cken und Reliefbildern �berliefert; sie lassen sich aber auch heute noch an Euphrat und Tigris studieren: Bei den bew�hrten Methoden, das lebenswichtige Nass zu sichern, ist das Rad der Geschichte im alten Zweistromland seit gut 5000 Jahren stehen geblieben.
Dieser Kampf um die Beherrschung des Wassers, das die M�hen dann mit zwei oder drei Ernten im Jahr belohnte, inspirierte nicht nur die Rechtsprechung, sondern auch die Berechnungskunst.
Anmerkungen
(1) 1. Mose 12, 31
(2) Egidius Schmalzried: Hauptwerke der antiken Literaturen; Eduard Kindlers Literaturlexikon, M�nchen 1976, s.v. �Aristoteles: Metaphysik�
(3) Heinrich Wey: Die Funktionen der b�sen Geister bei den griechischen Apologeten des zweiten Jahrhunderts nach Christus; Winterthur 1957, S. 259
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