Geschichte des "CanadianRugbyGirl"
Die 1. Woche oder Das "typische" Leben eines ATS
Sonntag, 26.
Jetzt geht mein ATJ wohl richtig los... Kaum zu glauben!
Es ist 9 Uhr morgens und ich bin grad aufgewacht - fremdes Bett, fremdes Zimmer, fremdes Haus, fremdes Land - was nun??
Ich steh auf und dusch erst Mal sch�n ausgiebig, und geh dann auf die Suche nach meiner Gastfamilie. Aber alle Zimmer sind leer, kein Mensch ist da, aber auch kein Zettel und nix; irgendwie komm ich mir schon sehr verloren vor... Pl�tzlich w�nsch ich mir mit aller Kraft MJ zu mir, wie sch�n w�re es wenn ich jetzt nicht alleine rausfinden m��te, wo meine Gastfamilie essbare Dinge versteckt!
Nach l�ngerem Suchen finde ich Toast und Butter, und habe ein ausgiebiges Fr�hst�ck aus einem Glas Wasser und zwei Toast - irgendwie ist es mir zu unangenehm in einem fremden Haus nach mehr zu suchen.
Schlie�lich finde ich heraus, dass Bob und Linda, die Gasteltern, wohl in den St�llen sind, die ich aber nicht betreten darf (soviel hab ich gestern abend noch mitbekommen), also setze ich mich hin und schreib erstmal ein bisschen Tagebuch.
Der Tag scheint unglaublich lang und leer und grau und tr�b - nichts scheint mich aufzuheitern, da alles was ich ansehe immer nur den Gedanken "Bald bist du eh nicht mehr hier" ausl�st...
Linda f�hrt mit mir zu ihrem Sohn um ihre Enkel abzusetzen, danach in ein Dorf um Wolle und ein paar Lebensmittel zu kaufen. Sie erz�hlt, dass Chrystal, ihre Tochter, arbeiten ist und auf dem R�ckweg MJ mitbringen soll, aber als wir zu Hause ankommen ruft Diane, die YFU national director, an und sagt, dass MJ irgendwie zu aufgekratzt ist um auf eine Gastfamilie losgelassen zu werden, und deshalb erstmal bei ihr bleibt. Stattdessen will sie Gaby schicken - die arme kleine Gaby, die mit ihren riesigen Augen total verst�rt in diese fremde Welt guckt...
Also sitze ich wieder wartend zu Hause (hahaha... 'zu Hause') und wei� nicht wirklich was ich mit mir anfangen soll. Ich rufe zu Hause an und erz�hl ein paar positive Dinge und geh anschlie�end online und sch�tte mein Herz bei einer Freundin auf msn aus... So kann das doch nicht weitergehen!!! Nichts, gar nichts geh�rt mir auf diesem bl�den Kontinent, ich hab kein zu Hause, keine Familie, keine Schule, keine Freunde....
Ich merke wie ich mich immer weiter in das Tief reinsteigere und freu mich unendlich als endlich endlich Chrystal und Gaby ankommen.
Wir verbringen den Rest des Tages mit fernsehgucken (unglaublich anstrengend, obwohl es nur ein Kinderfilm ist, aber Gaby schl�ft trotzdem nach einer halben Stunde auf der Couch ein - die Arme ist total fertig)
Montag, 27.
Der Tag startet ruhig, wird dann aber um so lustiger! Gabys und meine Gasteltern haben alle ATS, die noch auf ihre Familien warten, zu sich eingeladen und das sind inzwischen eine ganze Menge:
Janna und ich aus Deutschland, MJ und Gaby aus Ecuador, Kristoffer und Karoliina aus Finnland, Allanah aus Neuseeland, Chrystal und ihre Freundin Stephanie aus Kanada.
Wir verbringen den ganzen Tag entweder im hauseigenen Pool (die Familie scheint relativ gut situiert, muss man sagen) und spielen internationale Kartenspiele, bei denen alle andere Regeln kennen (Erinnerungen an eins der Spiele auf der VBT tauchen auf ) und wo es sehr lustig zu geht.
Abends waren wir bei Diane und haben dort unsere private Begr��ung in Kanada erhalten - mit dem Versprechen uns alle ganz bald irgendwo unterzubringen. Wir halten an dem Glauben fest und reden den ganzen Tag �ber alles au�er unserer familienlosen Situation.
Dienstag, 28.
Ein neues Kapitel meines Lebens in Kanada startet: Das Kapitel der chronischen Geldsorgen.
Heute waren Linda, Chrystal, Gaby und ich shoppen, und aus lauter Frust und Langeweile hab ich mir einen Rock, eine Jeans und ein Shirt gekauft - und schon sind meine ersten Traveller Cheques weg!!
Als wir wieder nach Hause kommen, ist eine Nachricht von Diane da, dass ich wohl bald nach Simcoe fahre, aber ohne MJ - muss ich das jetzt verstehen??? Ich bin total aufgeregt und will mehr wissen, aber Linda schweigt wie ein Grab und meint, das solle Diane mir erkl�ren. Na toll.
Bei einem langen Spaziergang �ber das Gel�nde wird deutlich dass Linda und Bob total vernarrt in Gaby sind, w�hrend ich mich immer noch sehr abseits f�hle. Trotzdem bricht Gaby am Abend in Tr�nen aus - ein starker Anfall von akutem Heimweh; Linda und Bob verlassen fluchtartig das Zimmer und �berlassen mir das Tr�sten, obwohl mir die richtigen Worte fehlen...
Mittwoch, 29.
Allanah's Gastfamilie (�brigens eine permanente... es gibt also ATS, die f�r das ganze Jahr in Monkton bleiben!! Und ich dachte schon, das w�re das offizielle kanadische Auffanglager f�r heimatlose Ausl�nder...) l�dt ein: Die hottub steht bereit! Eine etwas gew�hnungsbed�rftige Besch�ftigung: Bei etwa 35-40�C kanadischem Sommer in einer Art hei�em Whirlpool auf der Veranda sitzen, umgeben von Fliegenschw�rmen, die von den K�hen aus den anliegenden St�llen angezogen werden - aber trotzdem sehr lustig!! Die finnischen M�dels (irgendwie werden wir immer mehr ATS: Inzwischen sind noch Martijn aus Belgien, Sonya aus Finnland und einige andere angekommen) haben nationale Spezialit�ten gebacken und wir werden (wie immer....) mit kanadischen Chocolate Chips Cookies vollgestopft - die ersten Kommentare wie "Ich glaub ich werd sehr fett in diesem Jahr" werden laut
Am Abend erfahren wir echte kanadische Gr��envorstellung: Ich dachte ja schon, Diane w�re verr�ckt, als sie Diane und Bob als Nachbarn bezeichnete, und diese mal eben 30 min. Autofahrt weit weg wohnten - aber Allanah's Gasteltern toppen dies noch! "Kinder, Diane hat angerufen, sie l�dt euch zum BBQ ein - lauft doch mal eben r�ber"....
Mal eben. MAL EBEN!!!
Endlose Weiten, abgeerntete Felder in allen Richtungen und nur eine staubige Landstra�e, kein Haus in Sicht.... wir laufen und laufen und laufen und wundern uns sehr, ob wir �berhaupt noch auf dem richtigen Weg sind (es gab aber schon seit 20 Minuten keine Abzweigung mehr) und flippen fast aus vor Freude, als ein Pick up truck vorbeikommt und die H�lfte von uns aufl�dt - sein Kollege kommt kurz danach und nimmt den Rest mit. Es muss ein komisches Bild gewesen sein.... ein knappes Dutzend ausl�ndische Jungendliche, ein bisschen verloren in der Landschaft, die auf die Frage, wohin wir wollen, mit "Diane's farm" antworten - und der Fahrer sogar wei�, was wir meinen!!
Dank kanadischer Freundlichkeit werden wir sogar bis vor die Haust�r gefahren, wo Diane uns begr��t ("Ihr wart aber schnell") und mir nach langem Quengeln endlich die EINE Frage beantwortet: Was passiert mit mir? Sie erbarmt sich und erkl�rt mir, dass ich deshalb nicht mit MJ in Simcoe zusammenleben werde, weil sich eine Gastfamilie f�r mich gemeldet hat!
EINE GASTFAMILIE!!! Eine Familie!!! Mutter, Vater, Kind - und alles was sie wollen bin ich!! ICH BIN GEWOLLT!!!! JEMAND HAT MICH AUSGESUCHT!!!! Eine Familie hat abends beim Essen mein student profile angesehen und sich f�r mich entschieden! F�R MICH!!!!! Ich habe ein zu Hause!!! Menschen, die ein Jahr lang mit mir zusammenleben wollen!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Der Abend h�tte nicht sch�ner sein k�nnen.
Vor lauter Freude vergesse ich ganz, Diane nach mehr Informationen zu fragen - ich erz�hle den anderen die Neuigkeiten und alle freuen sich mit mir und feiern ausgelassen (nat�rlich nur mit 'pop', also Cola etc., schlie�lich sind wir alle noch nicht 19 ).
Spontan wird von Diane beschlossen, dass wir alle am n�chsten Tag, also Donnerstag, mit einem eigenen gelben Schulbus nach Canada Wonderland fahren sollen, eine Art Vergn�gungspark, um uns mal wieder von der Tatsache abzulenken, dass wir zum Warten verdammt sind (mich nat�rlich ausgenommen, hehehe) - das hei�t, MJ und ich werden erst Freitag nach Simcoe fahren, was uns jetzt aber auch egal ist.
Donnerstag, 30.
Gabys Geburtstag! Linda und Bob schenken ihr einen s��en Bilderrahmen (und mir die kleinere Version davon - sie haben wohl ein schlechtes Gewissen, weil sie sich am Abend zuvor entschieden haben, Gaby f�r das ganze Jahr zu behalten ) und schon geht's los: In's Wonderland!!!
Die Fahrt im Schulbus dauert lange... Ich w�nsche mir im Stillen, das ich nah genug an der Schule wohne, um nicht ein Jahr lang auf diese Busse angewiesen zu sein (und dass, nachdem ich mich �ber ein Jahr lang auf eine Farm wie die von Bob und Linda gefreut habe!) und bin froh, dass wir eine so lustige Gruppe sind. Inzwischen sind alle Heimatlosen in Monkton (zwei sogar, die eigentlich eine Gastfamilie hatten, aber deren Haus abgebrannt ist, weswegen jetzt wieder eine neue Familie gefunden werden muss):
Kristoffer und Karoliina (Finnland), Katrina (D�nemark), Raffael (Schweiz), Martijn und Bram (Belgien), Allanah und Steph (Neuseeland), Juan (Venezuela), MJ und Gaby (Ecuador), Anna (Mexiko), Diane's Tochter Charlene und Bob, der Busfahrer
Der Tag ist wundersch�n; lang und hei� und anstrengend und einfach herrlich sch�n. Wir lachen viel, aber die Gruppe teilt sich automatisch in kleinere Gruppen auf. Die heimatlose Situation f�ngt an, alle etwas gereizter werden zu lassen, und so sammeln sich die Europ�er, die S�damerikaner und die englischsprachigen unter sich und bek�mpfen die unangenehmen Gedanken auf ihre Art und Weise. Wir Europ�er auf dem Free Fall Drop Zone
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