Kindheitsträume


Madrid. Alles nimmt seinen Anfang in den späten 70er Jahren, als José María und sein Bruder Ignacio (als "Nacho" abgekürzt, wie in Spanien üblich) sich nach einigen zaghaften Einzelanfängen an der Musik zusammentun und ihr erstes (und einziges) gemeinsames Lied komponieren. Nacho schreibt die Musik, José den Text, und so entsteht "Quiero Vivir En La Ciudad". Es kostete sie schon immer viel, ihre Musik durchzusetzen, die im Elternhaus verboten war. Aber wie immer, erhöht ja so etwas bekanntlich nur den Reiz, und die beiden Brüder haben längst eine kleine Band aufgestellt. Das dritte Glied darin ist Ana, ein Mädchen, das José von einer Party her kennt und mit der er gemeinsam studiert. Sie stand ursprünglich am Keyboard, dann übernamm sie für José die zweite Stimme, bis sie sich dann, trotz ihrer anfänglich noch schüchternen Stimme, als die bessere Lead-Sängerin herausstellte. Die drei erleben Erfolge und Misserfolge in kleinen Lokalen, vor Kaufhäusern und auf kleinen Partys. Als sie die Suche nach ihrem Entdecker schon fast aufgegeben haben, erscheint er wie aus dem Nichts und ermöglicht ihnen, nach langem Hin und Her, einen Vertrag bei CBS.

"Hoy No Me Puedo Levantar" heißt die erste Single-Schallplatte. Sie haben es tatsächlich geschafft. Nur leider sind sie bis jetzt immer noch namenlos... nach langem Entscheiden mit der Plattenfirma entscheidet man sich nun für den Namen "Mecano". Auf der B-Seite der frischen Single wird nun auch "Quiero Vivir En La Ciudad" veröffentlicht. Von "Hoy No Me Puedo Levantar" wird auf der Platte angegeben, es sei ebenfalls eine Gemeinschaftsproduktion der Brüder, weil es sich besser verkauft. Trotzdem wird dieses Prinzip im Folgenden nicht mehr beibehalten. Das System ist, dass zwei Komponisten für eine Sängerin komponieren, und "Hoy No Me Puedo Levantar" stammt von Nacho.
Und damit nimmt das Spiel seinen Lauf... die Gruppe hat genau das herausgebracht, wonach die Nachfrage steht, denn im Moment ist in Spanien die Ära des Pop angebrochen, der "aufsehen erregegenden Musik". Die Single wird ein Bestseller und bringt drei normale, junge Leute, die einen so schweren Anfangsweg hatten, groß raus: Nacho Cano (18), José María Cano (22) und Ana Torroja (21).
Nach der zweiten Single "Perdido En Mi Habitación" wird der Vertrag von CBS vom "Mal-Schnuppern-Model" auf eine fünfjährige Verpflichtung verlängert und schließlich wird das erste Album, "MECANO" veröffentlicht. Und damit sind die drei endgültig berühmt. Vor allem bei den jüngeren Leuten, auf die die Texte passend abgestimmt sind. Da Berühmt-Sein allerdings auch seine Schwierigkeiten mit sich bringt, fangen die Paparazzi schon früh an, Schlagzeilen zu entwerfen: bald heißt es, Ana Torroja sei tödlich verunglückt. Diese erfährt von ihrem eigenen Tod erst durch das Fernsehen und ruft bestürzt ihre Familie an, um alles richtigzustellen. Sie spielt sogar mit dem Gedanken, mit der Musik aufzuhören. Allerdings soll das so ziemlich die Einzige, wirklich schlimme Presse-Ente gewesen sein.
Schon versuchen sie, ihren Erfolg international auszuweiten, und nehmen eine englische Version des Titels "Me Colé En Una Fiesta" auf (The Uninvited Guest), der allerdings wenig Ertrag bringt.

Die Plattenfirma macht Druck, schon im nächsten Jahr soll das zweite Album veröffentlicht werden. Man merkt es den Liedern an, dass man unter Zeitdruck stand, denn außer dem Komponieren haben sie auch noch Konzerte zu geben und davon nicht zu wenig, denn die Nachfrage ist groß...
"¿Dónde Está El País De Las Hadas?" erscheint 1983. Das Album ist nach einem gleichnamigen Instrumentalstück von Nacho benannt. Mecano legte immer schon viel Wert auf die Instrumentation und veröffentlichte insgesamt vier reine Instrumentalstücke, komponiert von Nacho, der dazu am meisten Talent hat.
Die wohl erfolgreichste Single davon, Barco A Venus, handelt von der Drogensucht (wie es noch zwei weitere Lieder in Mecanos folgender Karriere tun sollten). Die Lieder an sich sind ziemlich revolutionär in der Instrumentation, die größtenteils aus Elektronik besteht.
Und hier endet auch schon die Harmoniephase. Wer sich Mecano zu dritt im Tonstudio vorstellt, hat sich geirrt, denn ab 1983 nimmt entweder Nacho oder José mit Ana auf, aber niemals alle drei zusammen. Die Atmosphäre zwischen den beiden Brüdern spannt sich mehr und mehr, es gibt immer einen stillen Wettkampf, wer mehr Singles für seine Kompositionen bestreiten kann. Nacho kann deutlich mehr Lieder für sich entscheiden, doch die von José bekamen ebenfalls in den Himmel ragende Kritiken. Er war schon immer der Ernstere. Von einem von José María Cano komponierten Lied kann man tiefgründigere Texte und Instrumentenvielfalt erwarten, von Nacho stets etwas neues, fröhlich klingendes, das gerade modern ist. Deshalb kann man schwer sagen, wer den Kampf schließlich gewonnen hat. Nur so weit sind wir noch längst nicht...

1984 ist da, wieder soll die Gruppe ein neues Album herausbringen. Doch diesmal bemerkt man die Eile nicht, "Ya Viene El Sol" ist der erste Schritt zur wirklich anspruchsvollen Musik. Benannt ist das dritte Album nach einem Lied darauf.
Nun schaltet sich auch José deutlicher ein und kann die erfolgreiche Single "Hawaii-Bombay" für sich entscheiden. Das Album enthält zwar wenig Lieder, die allerdings sind von bester Qualität und sehr erfolgreich. In einem Lied, "Mosquito", komponiert Ana Torroja zum ersten und letzten Mal in ihrer Mecano-Karriere mit (sie schreibt den Refrain und das Ende).
Außerdem findet man das Lied "Aire" auf der Platte, eine der Hymnen von Mecano, komponiert von José. Und trotzdem wird es nur auf der B-Seite der Single veröffentlicht, was ihn wieder sehr zurückwirft...
Mecano sind eine der ersten Gruppen, die Musikvideos als gute Werbeanlage für sich entdecken. Anlässlich von "Ya Viene El Sol" werden einige gedreht (vom ersten Album gibt es auch wenige Clips), die noch sehr, sehr amateurhaft wirken, aber eine gute Einnahmequelle sind.
Das Lied "Me No Parlez-Vous Français" wird weder auf dem Album selbst, noch auf einer der Singles veröffentlicht - stellt also wieder eine Rarität dar. Es hat exakt die selbe Melodie wie das Lied "La Bola De Cristal" von Alaska, ein Lied dass als Eröffnung eines Kinderprogramms dient, welches José liebt. Das liegt daran, dass José zuerst "Me No Parlez-Vous Français" komponierte, sich aber nicht die Rechte reservieren ließ, da das Lied ja nicht für das Album genommen werden sollte. Also wurde die Melodie von Alaska für das Lied "La Bola De Cristal" weiterverwandt.
Zusätzlich "La Extraña Posición", was nur auf einer Single herauskommt - und auf dem nächsten Album als Mitglied in der Sammlung der "Raritäten".
Anlässlich der Herausgabe des dritten Albums beginnt eine große Tour (im Vergleich zu den anderen beiden davor). Namhafte Musiker, wie zum Beispiel Hans Zimmer, sind daran beteiligt.

1985 wird das Live-Album dieser Tour veröffentlicht, "Mecano En Concierto". Es besteht aus Aufnahmen zweier verschiedener Konzerte von 1984 und 1985.
Wer Anas Stimme bis jetzt als zaghaft und schüchtern eingeschätzt hat (was sie als Person eigentlich auch ist), wird ziemlich überrascht von ihren genialen Live-Interpretationen sein. Das Konzert ist von einer bombastischen Stimmung geprägt, von einem stets animierten Publikum, und von einer Ana die laufend Erfahrungen sammelt und dazulernt.
Die Lieder werden keinesfalls genau so abgespielt wie auf den Alben, manche sind sehr stark abgewandelt. Ein Lied von Mecano und dessen Live-Version kann selten unter einen Hut gekehrt werden. Die Gruppe versucht stets sich zu verbessern, sei es in den Konzerten oder in ihren anderssprachigen Aufnahmen, doch dazu später.
Als zusätzlicher Kaufanreiz für die Platte ist die Live-Version von "Quiero Vivir En La Ciudad" enthalten, das Lied, das zusammen mit "Hoy No Me Puedo Levantar" als Single, aber nicht auf dem ersten Album erschien.
Im nächsten Jahr die Veröffentlichung der LP "Lo Último De Mecano". Ein Album mit sehr wenig Liedern, vier die bislang nur auf den bisher erschienenen Singles als B-Seite verkörpert waren und vier weitere Live-Versionen der Tour.
Hiermit sind so ziemlich alle "Raritäten" von Mecano auf Album veröffentlicht und durch die Live-Versionen doppelt vertreten... von Neukompositionen keine Spur, wo man doch bislang ein Album ihm Jahr erwartete... es scheint vielleicht etwas größeres geplant zu sein, was mehr Zeit in Anspruch nimmt.

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