Diachronie
und Synchronie europäischer Regionalsprachigkeit im Vergleich
Heidelberg
12.-14.06.2002
Über
Regionalsprachen, auch über europäische bzw. westeuropäische,
liegt mittlerweile eine wahre Flut von Veröffentlichungen
vor: Untersuchungen zu Detailproblemen, Gesamtdarstellungen
der Einzelfälle, Handbücher etc. (1) Nachdem es nun
schon zahlreiche Veröffentlichungen zur Regionalsprachenthematik
gibt, die dem Vergleich neben den Einzeldarstellungen eine zunehmende
Bedeutung einräumen, soll in unserem Symposium die Vergleichbarkeitskomponente
erstmals ins Zentrum des Interesses rücken. Das Ziel ist
es dabei, durch Vereinheitlichung der Vergleichskriterien eine
zusammenfassende Darstellung in möglichst aussagekräftigen
Diagrammen zu ermöglichen. Hinter diesem Projekt steht
unsere Überzeugung, dass wissenschaftlicher Fortschritt
in den empirischen Erfahrungswissenschaften nur durch die Dialektik
zweier Komponenten möglich ist:
1. dem Sammeln möglichst vieler verlässlicher Daten,
und
2. aussagekräftigen Generalisierungen über diese Daten.
Wir schlagen daher ein differenzierendes Beschreibungsmodell
zur vergleichenden Charakterisierung von Regionalsprachlichkeit
vor. Um einen wirklichen Vergleich zu ermöglichen, gehen
wir als Herausgeber in unseren Standardisierungsvorgaben noch
einen Schritt weiter als beispielsweise Hinderling / Eichinger
(1996): Wir liefern den Autoren der Einzelbeiträge ein
einheitliches Raster von Fragen und Beschreibungskategorien,
das sie auf ihre jeweiligen Fall anwenden. Die so von den ausgewiesenen
Kennern der jeweiligen Regionalsprachen gewonnen Daten sind
alle so gewählt, dass sie sich entweder numerisch oder
aber als binäre Entscheidungen ausdrücken lassen,
um so eine schematische, diagrammatische Darstellung der zentralen
Charakteristika der Regionalsprachensituationen zu ermöglichen,
und damit einem direkten, anschaulichen und aussagekräftigen
Vergleich zu dienen.
Eine solche Schematisierung, so sinnvoll sie auch sein mag,
muss natürlich in Einzelfällen unweigerlich zu Vereinfachungen
oder möglicherweise unangemessenen Darstellungen führen.
Ob der Erkenntnisgewinn durch die bis dahin unmögliche
direkte Vergleichbarkeit derartige Vergröberungen im Einzelfall
rechtfertigt oder nicht, lässt sich nicht abstrakt im Vornherein
entscheiden. Wie jedes genuin interessante Forschungsprojekt
muss auch hier die Hoffnung auf Erkenntnisgewinn erkauft werden
mit dem Risiko des Irrtums.
Um dieses Risiko so gering wie möglich zu halten, haben
die Herausgeber nun nicht den (theoretisch auch denkbaren) Weg
beschritten, die einschlägigen Daten aus bereits publiziertem
Material zu destillieren und in die geplante vergleichbare Form
zu bringen. Vielmehr sollen Experten sich mit den von uns vorgeschlagenen
Kriterien auseinander setzen und dabei nicht nur die reinen
Daten liefern, die wir zum Erstellen der Vergleichsdiagramme
benötigen, sondern diese zudem (und vielleicht: vor allem)
in ein diskursives, kritisches Übersichtsporträt der
jeweiligen Sprache integrieren.
Dies ist der Ort, an dem die Anwendbarkeit bestimmter Kategorien
auf den jeweiligen Einzelfall problematisiert werden kann. So
mag beispielsweise bei der einen Sprache bereits aus dem Jahre
1123 der erste Prosatext überliefert sein, allerdings als
ein Unikat und Kuriosum, ohne dass damit eine Schreibtradition
begründet würde; in einer anderen Sprache dagegen
mag der erste Prosatext erst für 1245 nachweisbar sein,
hier aber als Beginn einer bis heute andauernden ununterbrochenen
Prosatradition. Solche Unterschiede lassen sich in unserem Raster
nicht ohne weiteres abbilden; der systematische Ort, auf untypische
Entwicklungsverläufe wie bei der erstgenannten Sprache
einzugehen, wäre daher der jeweilige Artikel, und nicht
die Graphik. Durch diese Zweiteilung der Darstellung erhoffen
wir uns einerseits aussagekräftige Vergleichsgraphiken
- deren unvermeidliche Vergröberungen im begleitenden Artikel
aufgefangen und problematisiert werden können -, andererseits
aber auch Darstellungen, die in ihrer Differenziertheit allen
Ansprüchen wissenschaftlicher Exaktheit genügen. Wichtigstes
Anliegen ist es uns, hier einmal nicht Exaktheit und Materialreichtum
durch einen Verzicht auf Übersichtlichkeit und Vergleichbarkeit
der Ergebnisse erkaufen zu müssen. Das Symposium setzt
sich also zum Ziel, eine Bewertungs- und Vergleichsmatrix der
einzelnen Sprachsituationen zu erarbeiten, um der Gefahr einer
rein anekdotischen Auflistung sprachgeschichtlicher Einzelschicksale
vorzubeugen und den Rahmen für eine handhabbare Einordnung
der Fallbeispiele zu liefern. Der Vergleich soll auf zwei Ebenen
ablaufen: Zum einen auf der Ebene der historischen Entwicklung
und zum anderen der Ebene des derzeitigen Zustands.
[Internationales
Wissenschaftsforum der Uni Heidelberg (IWH)]
[Info
in Deutch]
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