Studien Boris Körkel: Wörterbuchkritik



Makrostrukturelle Defizite eines Wörterbuchs zum Lexikon

MICROSOFT ENCARTA ENZYKLOPÄDIE 99. Microsoft Corporation 1998, DM 119,-
erschienen in: Lexicographica 17 (2001) 313-319


Systemvoraussetzungen (laut Herstellerangabe): Betriebssystem Microsoft Windows 95 oder höher bzw. Windows NT Workstation, Version 4.0 oder höher; Multimedia-PC ab 486DX/50 MHz, 8 MByte RAM, 30 MB Festplattenspeicher; Double-Speed-CD-ROM-Laufwerk oder schneller; SVGA-Grafikkarte für 256 Farben oder mehr mit Auflösung 640 x 480 oder höher.

Elektronische Enzyklopädien behaupten sich auf dem Markt als relativ kostengünstige und platzsparende Alternative zu herkömmlichen Lexika; sie können zudem bei sinn- und phantasievoller Umsetzung der im elektronischen Medium gegebenen Möglichkeiten einen Mehrwert gegenüber den Printlexika besitzen, welcher v. a. mit Schlagwörtern wie Multimedia, Hypertext und Interaktivität zu fassen ist Fußnote. In jährlicher Überarbeitung erscheint die Microsoft Encarta Enzyklopädie sowie die umfangreichere Microsoft Encarta Enzyklopädie Plus. Diese Rezension hat nur das deutsche einsprachige Wörterbuch, welches in die Microsoft Encarta 1999 Enzyklopädie implementiert ist, zum Gegenstand Fußnote.

Will man den Angaben auf der Produktverpackung der Microsoft Encarta 99 Enzyklopädie Glauben schenken, so entspricht sie einem 29-bändigen Lexikon. "Zusätzlich verfügt Encarta", heißt es weiter, "über Multimedia-Funktionen, die ein gedrucktes Lexikon nie bieten kann." Gemeint sind die nach Angaben des Herstellers neben 7350 "Photos und Illustrationen" enthaltenen 112 "Videos und Animationen", 30 "360-Ansichten", 7 "Interaktivitäten", 79 "Themenreisen" sowie 1500 "WebLinks". Außerdem sind die 33587 Artikel durch nahezu 200000 elektronisch realisierte "Querverweise" miteinander vernetzt. Das ebenfalls enthaltene Wörterbuch führt allem Anschein nach ein eher stiefkindliches Schattendasein neben der Enzyklopädie. Auch in Rezensionen wird es zumeist einfach übergangen. Hier sollen einmal seine Funktionen einer Prüfung unterzogen werden Fußnote.

Im Kontrast zur medialen Üppigkeit der Encarta Enzyklopädie - hier ist ein Lexikon gelungen, dessen Benutzung Freude macht und das dem Benutzer sinnvolle Funktionen gewährt, die über die Möglichkeiten eines auf Papier gedruckten Lexikons hinausgehen - ist das Erscheinungsbild des Wörterbuchs karg. Indiz für seine stiefmütterliche Behandlung scheint schon die Angabe auf der Verpackungsrückseite: wo 12 Produktmerkmale der Enzyklopädie (z. B. Anzahl der Artikel, Anzahl der einzelnen Medienelemente) unterschieden werden, wird das Wörterbuch lediglich mit einem Häkchen als vorhanden abgetan; Angaben über Art, Umfang, Gegenstandsbereich, Aktualität etc. des Wörterbuchs werden keine gemacht. Der unzureichende Metatext, der als "Hilfethema" "Verwenden des Wörterbuchs" abgerufen werden kann, gibt hinsichtlich des genuinen Zwecks des Wörterbuchs nur die äußerst spartanische Auskunft: "Im Wörterbuch können Sie Schreibweisen, Definitionen und die Herkunft von Wörtern nachschlagen." (dass das Wörterbuch Angaben zur Etymologie enthalte, muss allerdings bestritten werden).

Das Wörterbuch zur Encarta 99 Enzyklopädie verfügt über keine multimedialen Funktionen oder Möglichkeiten zur "Interaktivität"; der Benutzer kann das Verhalten der Softwareumgebung nicht beeinflussen bzw. es nicht (etwa durch eigene Verknüpfungen, Anmerkungen etc.) seinen individuellen Bedürfnissen anpassen. Das Konzept eines als kleineres Fenster vor dem Hintergrund eines Lexikonartikels zu öffnenden optisch schlichten Wörterbuchs mag einleuchtend erscheinen, sofern das Wörterbuch lediglich als Beigabe und Hilfsmittel zum Lexikon verstanden wird. Dennoch könnten auch hier schon durch geringfügige Überarbeitung große Verbesse-rungen erzielt werden.

Die Textgestaltwahrnehmung der Benutzer-in-actu erfährt bei der unübersichtlichen Präsentation der Artikel in der rechten Hälfte des ohnehin schon kleinen Wörterbuchfensters wenig Beachtung. Wünschenswert wäre ein vertikal- bzw. horizontalarchitektonischer Ausbau der Mikrostruktur in verschiedene Suchzonen, so dass die einzelnen Angabetypen im Wörterbuchartikel visuell schnell unterschieden werden könnten; die Erschließbarkeit der Wörterbuchdaten könnte somit wesentlich verbessert werden Fußnote.

In einem elektronischen Wörterbuch hat Platzersparnis keine vorrangige Dringlichkeit; aus eben diesem Grund ist schwer nachvollziehbar, weshalb in den Wörterbuchartikeln so viele Abkürzungen verwendet werden, wodurch in den meisten Fällen das Lesen der Artikel erschwert wird. Nicht unproblematisch ist, dass nicht alle Abkürzungen im "Hilfetext" zum Wörterbuch aufgelöst werden. Inkonsistenz der Abkürzungspraxis ist im Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen auf einen Blick auszumachen, wenn etwa unsinnigerweise zwischen den nur typographisch verschiedenen "Gen / Gen." unterschieden wird, welche beide für "Genitiv" stehen. Ursache für derartige Inkonsistenz ist ein grundsätzliches Problem des Wörterbuchs, auf das weiter unten noch einzuge-hen sein wird. Der inkonsistente Gebrauch von Abkürzungen (z. B. "kMz." [= keine Mehrzahl; nicht im Hilfetext aufgelöst], aber auch: "nur Sg." [= nur Singular]) sowie überhaupt Inkonsistenz der Mikrostruktur schränken die Lesbarkeit der Wörterbuchartikel in hohem Maße ein. Auch dazu unten noch mehr.

Vor große Schwierigkeiten sehen sich Benutzer-in-actu bereits beim Auffinden einzelner Artikel gestellt. Da in einem elektronischen Nachschlagewerk, das vornehmlich dazu gemacht sein soll, dass seine Benutzer zu denjenigen Ausdrücken Informationen erhalten, unter denen sie nachschlagen, das Nachschlagen nicht wie im Printwörterbuch tatsächlich durch Blättern in einem Buch und anhand einer (meist alphabetischen) Ordnungsrelation der Leitelementträger geschieht, sondern vermittelt durch elektronisch realisierte Suchfunktionen, steht und fällt die Benutzbarkeit eines elektronischen Wörterbuchs mit seinen Suchfunktionen. Diese spiegeln dabei nicht unbedingt die tatsächliche Anordnung der Wörterbuchartikel wieder; die Anordnung der Daten auf einer internen konzeptionellen Ebene des Wörterbuchs determiniert jedoch die Möglichkeiten von Suchfunktionen, welche in ihrer Funktionsweise den Gegebenheiten der internen Organisation der Daten entsprechen müssen. Ist dies - wie im Wörterbuch zur Encarta Enzyklopädie - nicht der Fall, so können durch die Suchfunktionen die Daten nicht bzw. nur teilweise aufgefunden werden. Um dieses Defizit zu erläutern wird zunächst ein Blick auf die externen Zugriffsstrukturen des rezensierten Wörterbuchs notwendig sein.

Dem Benutzer des Wörterbuchs eröffnen sich zwei äußere registerexterne Zugriffsmöglichkeiten zu den Wörterbuchdaten, welche unter dem "Hilfethema" "Verwenden des Wörterbuchs" wie folgt beschrieben werden:

"So schlagen Sie im Wörterbuch nach: Doppelklicken Sie in einem Artikel auf ein Wort. Das Wörterbuch wird daraufhin geöffnet. - Oder - 1. Klicken Sie im Artikelfenster auf die Schaltfläche Wörterbuch. 2. Geben Sie im Texteingabefeld das gesuchte Wort ein, und klicken Sie dann auf die Schaltfläche Nachschlagen. Während der Eingabe des Wortes wird ein Bildlauf durchgeführt. Sie können jederzeit auf ein Wort im ange-zeigten Verzeichnis klicken, um dessen Definition nachzuschlagen."

Der "Hilfetext" ist unvollständig, da "Nachschlagen" außer über die Schaltfläche "Wörterbuch" auf der zentralen Menüleiste des "Artikelfensters" auch über die Schaltfläche "Wörterbuch" im "Titelfenster" möglich ist. Wird ein Suchbegriff ins "Texteingabefeld" des "Wörterbuchfensters" eingetragen, so erscheint in der linken Hälfte des Wörterbuchfensters (linkes Wörterbuchteilfenster) ein der eingegebenen Zeichenkette entsprechender Ausschnitt aus der strikt initialalphabetisch angeordneten Gesamtlemmareihe des Wörterbuchs (s. Abb.1).

An fünfter Stelle dieser Teilstrecke der Stichwörterreihe steht das gesuchte Stichwort vor grauem Hintergrund bzw. ein Stichwort, das der Zeichenfolge der Suchanfrage (vermeintlich) am nächsten kommt, was bei orthographischen Unsicherheiten die üblichen Schwierigkeiten mit sich bringt: bei Eingabe von "Thür" wird "Thymian" gefunden, die Eingabe "Hühnengrab" führt zu "Hühnerauge" und bei Eingabe von "Centrum" erscheint "cephal..., Cephal...". Das richtige "Zentrum" ist so kaum zu finden, da nur solche Lemmata in die nähe-re Auswahl kommen, die mit der gleichen Zeichenkette wie der Suchbegriff beginnen (in der Enzyklopädie ist das Problem weitaus besser gelöst: etwa bei Eingabe des Stichworts "Paul" erscheinen nicht nur die Päpste "Paul I." etc., sondern z. B. auch "Newman, Paul", obwohl dieser mit "N" beginnt). Jokerzeichen und Boolesche Ope-ratoren zur Spezifikation von Suchanfragen sind im Wörterbuch nicht vorgesehen, was die Nachschlagemög-lichkeiten erheblich einschränkt Fußnote. Das Wörterbuch ist durch die Funktion "Doppelklicken" mit dem Lexikon verknüpft.

Nun resultieren Einschränkungen in der Benutzbarkeit des Wörterbuchs aus Problemen der Übereinstimmung von Suchfunktion, welche exhaustiv-mechanisch initialalphabetisch vorgeht, und Makrostruktur, d. h. Ordnungsrelation der Leitelementträger. Deren Ordnung scheint nicht Ergebnis einer nachdenklichen Wörterbuchplanung, sondern Resultat der gedankenlosen Konversion eines Printwörterbuchs ins elektronische Medium zu sein, bei welcher Mängel der Makrostruktur des Printwörterbuchs, die letztlich durch die aus ökonomischen Gründen dort verständliche Absicht, Druckraum zu sparen, bedingt sind, auf das elektronische Wörterbuch vererbt wurden. Dabei hat man in Kauf genommen, dass dessen Benutzbarkeit dadurch beeinträchtigt ist. Den veränderten Möglichkeiten des neuen Mediums sowie durch die verwendete Suchfunktion bedingten Erfordernissen wurde somit nicht Rechnung getragen.

Die Defizite der Makrostruktur des Wörterbuchs können wie folgt beschrieben werden: Die scheinbar glat-talphabetische Stichwortreihe, die im linken Teilfenster des Wörterbuchfensters in oberhalb-/unterhalb-Relation angeordnet ist, erweckt beim Benutzer den Eindruck, es handle sich hierbei um die Gesamtlemmareihe des Wörterbuchs; in wenigen Sekunden kann man mittels der Scroll-Leiste von A wie "A" bis Z wie "zyto..., Zyto..." gelangen. Erst bei genauerem Hinsehen erweist sich dies als Trugschluss, da außerdem noch verborgene Nischen- und Nestlemmata vorhanden sind.

Stichwörter wie "Redekunst", "Redetalent", "Redeübung", "Redeverbot" oder auch "Begrüßungsrede", "Eröffnungsrede", "Festrede", "Gedenkrede", "Grabrede", "Rundfunkrede", "Trauerrede" etc. sind in der Stichwort-reihe nicht aufgeführt, sondern als Sublemmata unter dem Nest- bzw. Nischeneingangslemma "Rede" aufgeführt und somit nur im rechten Wörterbuchteilfenster zu finden (s. Abb. 1). Dies hat zur Folge, dass sie weder durch die einfache Nachschlagefunktion noch durch das Nachschlagen durch "Doppelklicken" auffindbar sind. Klickt man etwa im Lexikonartikel "Rhetorik" auf das Wort "Redekunst", so wird der zugehörige Nischeneintrag nicht gefunden; statt dessen wird der wenig hilfreiche Wörterbuchartikel "reden" (statt sinnvoller das Nischenein-gangslemma "Rede") als Treffer angezeigt. Noch problematischer ist das Ergebnis, doppelklickt man z. B. im Lexikonartikel "Grillparzer, Franz" auf das Wort "Grabrede". Die Suchfunktion ermöglicht keinen Zugriff auf den vorhandenen Nesteintrag; statt dessen gelangt der Benutzer zu dem Stichwort "Grabschänder". Das Kompositum "Grabrede" ist weit und breit nicht in Sicht - unter dem Nesteingangslemma "Grab-" kann man nur folgende Reihe finden: "Grab-, -beigabe, -hügel, -inschrift, -kreuz, -platte, -schmuck". Der Benutzer hat sich hilflos in der Anordnung des Wörterbuchs verlaufen! Die Verknüpfung von Lexikon und Wörterbuch ist somit nur ansatzweise gelungen.

Das Auffinden von zusammengesetzten Wörtern im Wörterbuch der Encarta 99 Enzyklopädie ist also mehr oder weniger Glückssache und verlangt vom Benutzer detektivischen Spürsinn sowie wohlwollende Geduld.

Grundsätzlich kann an dieser Stelle zu Bedenken gegeben werden, dass Nester und Nischen in elektronischen Wörterbüchern nicht sinnvoll sind, wenn die Verlässlichkeit der Suchfunktionen durch sie eingeschränkt wird. Die Trägermenge der äußeren Zugriffsstrukturen ist im rezensierten Wörterbuch nur eine Teilmenge der Trä-germenge der Makrostruktur des Wörterbuchs, da den Nest- und Nischenlemmata offensichtlich kein Lemmati-sierungsmodul angehängt ist und sie somit der Suchfunktion entgehen.

Die zugrundeliegende Alphabetisierungsmethode sorgt für weitere Findeprobleme. Das Zugriffsalphabet ist nur bedingt für ein deutschsprachiges Wörterbuch geeignet. Zusatzbuchstaben des deutschen Schriftsystems wie "ä, ö, ü, ß" werden - zwar eigentlich korrekt - wie die jeweiligen Vokale (a, o, u) bzw. ss und direkt nach diesen eingeordnet, von der automatischen Suchfunktion jedoch nicht als selbständige Zeichen erkannt. Nach den unzu-reichenden Kriterien der Suchfunktion sind "Bar" und "Bär" Homonyme, was ein gezieltes Auffinden des gewünschten Wortes unmöglich macht. Wer in einem Lexikonartikel auf das Wort "Bär" klickt, landet sogar bei dem Suffix "-bar".

Zu dem nun hinreichend behandelten Fall, dass ein Benutzer möglicherweise einen im Wörterbuch enthaltenen Artikel nicht bzw. nicht sofort auffindet, gesellt sich - abgesehen von der aufgrund der offenkundig eher geringen lexikographischen Abdeckung des Wörterbuchs nicht seltenen Erfahrung, dass ein wichtiges Lemma überhaupt nicht enthalten ist - der sonderliche Fall, dass man auf eine Suchanfrage gleich zwei identische Lemmata (offenbar Homonyme?) und zu diesen auch zwei Artikel findet, die den selben Gegenstand haben. Die Probe aufs Exempel hat ergeben, dass in einer Artikelteilstrecke mit 167 Lemmata ganze 35 davon derartigen Redundanzen zuzuschreiben sind. Demnach liegt in der linken Hälfte des Wörterbuchfensters entgegen dem ersten Anschein keine glattalphabetische Anordnung der Stichworte vor, da die Leitelementträger nicht so geordnet sind, dass jeder genau einen Platz in der Ordnung hat und keiner seinen Platz mit einem anderen teilen muss. Wie gehäuft derartige redundante Einträge vorkommen, wird aus Abbildung 2 ersichtlich; hier sind zur Veranschaulichung der Differenzen im rechten Teilfenster zwei unterschiedliche Artikel zum Lemma "Konsekutivsatz" über-/untereinander montiert.

Verschiedene, sich teilweise widersprechende Einträge zum gleichen Thema in einem und demselben Wörterbuch müssen für Verwirrung beim Benutzer sorgen, der in solchen Fällen eigentlich mit dem Vorhandensein von zwei unterschiedlichen homonymen Wörtern rechnen darf. Erhöhte Verunsicherung tritt besonders dann auf, wenn die Angaben nur bedingt übereinstimmen oder sich teilweise sogar widersprechen: "Zivilrecht" sind einmal "die Gesetze, die Handlungen u. Beziehungen privater Personen betreffen u. nicht zum Strafrecht gehören", ein andermal ist der "Bereich des Rechts, das Eigentumsverhältnisse, Vertrags-, Familien-, Erbschafts- u. Schadensersatzfragen regelt" gemeint. Für den juristischen Laien dürfte es schwer sein, zu entscheiden, ob es sich hierbei um ein und denselben Gegenstand handelt bzw. welche Bedeutungsparaphrase nun präziser ist.

Derartige Doppelungen sind nicht anders zu erklären, als dass das Wörterbuch auf zwei eigentlich verschie-dene Wörterbücher zurückgeht, deren Daten ohne gründliche Überarbeitung zusammengeführt wurden. So ist auch die inkonsistente Abkürzungspraxis und das Fehlen einer einheitlichen Mikrostruktur zu erklären (s. Abb.2).

Verweise sind im rezensierten Wörterbuch nicht elektronisch realisiert, - auch nicht wenn von der alten Rechtschreibung zur neuen Schreibweise verwiesen wird. Hier ist eine zusätzliche Nachschlagehandlung erforderlich. Hinsichtlich der neuen Rechtschreibung verhilft das Wörterbuch nur bedingt zu Klarheit. Etwa bei den Eindeutschungen von Fremdwörtern ist eine als willkürlich anmutende Handhabung zu konstatieren: es gibt den Eintrag "Tunfisch", von dem auf "Thunfisch" verwiesen wird, sowie den Eintrag mit beiden Varianten "Thunfisch, Tunfisch". Anders ist es mit "Ketchup", von wo aus auf "Ketschup" verwiesen wird, während umgekehrt hier von der neueren Schreibweise nicht auf die ältere (noch gültige) verwiesen wird. Bei "Delfin" wurde die ältere und ebenfalls noch gültige Schreibweise "Delphin" sogar gänzlich unterschlagen; dies, obwohl der Artikel in der Enzyklopädie "Delphine" lautet. Ähnlich problematisch sind die Angaben zu zahllosen orthographischen Neuregelungen, was ein weiteres Indiz für das Fehlen einer eigenständigen gründlichen lexikographischen Überarbeitung der Wörterbuchdaten ist. Man kennt zwar die neue Schreibweise "Brennnessel", jedoch nicht die alternative Möglichkeit "Brenn-Nessel".

Fazit: In Bezug auf Handhabung, Präsentation sowie nach inhaltlichen Gesichtspunkten weist das Wörterbuch in der Microsoft Encarta 99 Enzyklopädie unübersehbare Schwächen auf; problematisch ist vor allem das Vorhandensein von Nest- und Nischenlemmata, denen kein Lemmatisierungsmodul angehängt ist, sowie das häufige Vorkommen redundanter Einträge, das beim Benutzer zu nicht geringen Irritationen führen muss. Ferner wäre eine ausführlichere Dokumentation des Wörterbuchs hinsichtlich seines Umfangs und seiner Aktualität dringend zu wünschen. Den Vergleich mit den zum Teil hervorragenden Funktionen der Enzyklopädie hält das Wörterbuch keinesfalls Stand - ein Qualitätsgefälle innerhalb eines Produkts, dem Abhilfe getan werden sollte.

Zuletzt sei noch darauf hingewiesen, dass diese Mängel auch beim Wörterbuch, welches dem neuesten Produkt der Encarta-Familie, der Microsoft Encarta Enzyklopädie Plus 2000, implementiert ist, weiterhin bestehen; die grundsätzlichen Probleme bleiben die selben. Zwei Veränderungen sind erkennbar: 1. "Doppelklicken" auf ein Wort in einem Wörterbuchartikel (im rechten Wörterbuchteilfenster) bewirkt einen Sprung zum entspre-chenden Artikel. Ein erheblicher Gewinn an Benutzerfreundlichkeit ist erzielt, sofern artikelinterne Verweisangaben nun wie eine Verknüpfung "angeklickt" werden können. 2. Es gibt keine doppelten Stichwörter mehr wie "Thunfisch, Tunfisch"; problematisch ist, dass von "Thunfisch" nicht auf "Tunfisch" verwiesen wird - diese Schreibweise bleibt also im Verborgenen. Im Grunde unverständlich ist, dass bei den insgesamt nur wenigen Veränderungen, z. T. also sogar noch Verschlechterungen in Kauf genommen wurden, vielmehr aber noch, dass die übrigen Mängel weiterhin einfach übersehen wurden Fußnote.


Anmerkungen:

Fußnotentext Grundsätzliches zu multimedialen Wörterbüchern, Hypertext-Wörterbüchern und Wörterbüchern in Aktion etc. bei STORRER (1998, 107); vierzehn elektronische Allgemein-Lexika testet SCHULT (1999) auf inhaltliche Quali-tät, Handhabung, Funktionsumfang, Multimedia; Ergebnisse eines neuerlichen inhaltlichen Tests mit "intellektuellen Tiefbohrungen" bei SCHULT (2000). Die Entwicklung auf dem Nachschlagewerke-Markt ist rasant; seit Herbst 1999 ist die komplette Encyclopaedia Brittanica gratis im Internet verfügbar (www.britannica.com); nach 2001 soll es keine Druckversion mehr geben; vgl. dazu ZIMMER (2000) und ZIMMER (2000a, 71). Ausgangsposition

Fußnotentext Die Rechte für das Wörterbuch liegen laut Angaben in der "Info" bei der Langenscheidt KG, Berlin und München. Ausgangsposition

Fußnotentext Zur Microsoft Encarta 99 Encyclopedia s. LOUW (1999). Ausgangsposition

Fußnotentext Vgl. BERGENHOLTZ/ TARP/ WIEGAND (1998, 1791-1809). Ausgangsposition

Fußnotentext Die Suchfunktionen der Enzyklopädie sind wesentlich elaborierter und leistungsfähiger. Hier stehen neben der einfachen Stichwortsuche (inkrementelle Suche) auch erweiterte Suchfunktionen wie Volltextsuche, Suchfilter sowie ein Suchassistent zur Verfügung. Ausgangsposition

Fußnotentext Zur Modifizierung der Suchfunktionen des Lexikons in der Microsoft Encarta Enzyklopädie Plus 2000 vgl. SCHULT (2000, 80f.). Ausgangsposition


Abbildungen:

Abb. 1: Art. "Rede" mit Nischen- und Nestlemmata. Ausgangsposition

Abb. 2: Redundante Angaben: hier eine Montage der zwei Artikel zu "Konsekutivsatz". Ausgangsposition

Weitere Abbildungen zur Veranschaulichung


Literatur:

BERGENHOLTZ, H./ TARP, S./ WIEGAND, H. E. (1998): "Datendistributionsstrukturen, Makro- und Mikrostruktu-ren in neueren Fachwörterbüchern." In: Hoffmann, L./ Kalverkämper, H./ Wiegand, H. E. (Hgg.) (1998): Fachsprachen. Languages for Special Purposes. Ein internationales Handbuch zur Fachsprachenforschung und Terminologiewissenschaft [...]. Berlin. New York, 1762-1832.

LOUW, P. A. (1999): "Portals to Knowledge: CD-ROM Encyclopaedias, with Specific Reference to Microsoft Encarta 99 Encyclopedia." In: Lexikos 9 (AFRILEX-reeks/ series9: 1999) 283-293.

SCHULT, T. J. (1999): "Brockhaus oder Silberling. Multimedia-Enzyklopädien: besser als 24 Bände?" In: c't magazin für computer technik 2/99, 88-99.

SCHULT, T. J. (2000): "Alles Wissen. Multimedia-Enzyklopädien: Was bieten CD-ROMs und DVDs?" In: c't magazin für computer technik 1/2000, 76-83.

STORRER, A. (1998): "Hypermedia-Wörterbücher: Perspektiven für eine neue Generation elektronischer Wörterbücher." In: Wiegand, H. E. (Hg.) (1998): Wörterbücher in der Diskussion III. Tübingen, 106-131.

ZIMMER, D. E. (2000): "Die Welt ist eine Scheibe. Gedruckte Enzyklopädien haben ausgedient. Das Nachschla-gewerk der Zukunft ist digital." In: Die Zeit Nr. 7 (10. Feb. 2000), S. 45

ZIMMER, D. E. (2000a): "Aufbruch der Saurier. Enzyklopädien auf dem Weg vom Papier in die Digitalität." In: ZeitPunkte 1/2000, S. 71-74


Textbeginn

Home

Hosted by www.Geocities.ws

1