Als wir uns begegneten, war ich gerade theaterwissenschaftlich mit Helmut Qualtingers „Herrn Karl“ beschäftigt. Ich wollte dieser allseits bekannte „Inkarnation der österreichischen Seele“ (Erwin Ringel) und dem österreichischen Mythos „mir warn ja nur a Opfer“ auf die Schliche kommen, um dadurch den erlebten dumpfen Nachkriegsnazismus der fünfziger und sechziger Jahre besser verarbeiten zu können. Meine Hypothese heute: Hätte es meine Arbeitsbeziehung zu Erich Fried nicht gegeben, hätte ich die Sprache und die Bilder des „Herrn Karl“ möglicherweise nur als verhasste Karikatur empfunden. Damals wurde mir klar, dass die Realität tausendfach grausamer war als das verdichtete Stück Literatur von Qualtinger und Carl Merz.

Erich Fried würde man heute neumodisch als „Gutmenschen“ bezeichnen, müsste dies jedoch im besten Sinne des Wortes verstehen.

Damals war er für uns ein reisender Rabbi, der wie ein Zaddik (ein Gerechter) durch Deutschland, Österreich und die Schweiz zog - und dabei lehrte, wie wichtig es ist, jedes Menschenleben singulär wertzuschätzen und sich die Zeit zu nehmen, es notfalls auch zu retten. Die einzigen Waffen, die er mit sich herumschleppte, waren Gehstock und Knackwurst, immer auch eine Aktentasche voll mit beschriebenen Blättern sowie ein unsichtbarer Koffer voll mit Gedichten und jüdischen Witzen. Fried konnte stundenlang Gedichte aufsagen, seine eigenen, aber auch fremde, vom mittelalterlichen „Minnesangs Frühling“ bis hin zu Brecht, insgesamt über zweitausend. Ich lauschte begierig, habe aber leider vergessen, die Witze aufzuzeichnen.

Das „Sich Verschenken“ war eine der herausragenden Eigenschaften dieses „Gutmenschen“, die mir unvergessen bleibt. In Erinnerung sind mir nicht nur viele öffentliche Lesungen und Veranstaltungen, bei denen er seine kräftige Bassstimme dramatisch zur Geltung brachte, sondern auch viele kleine zumeist private Gespräche unter Freunden und Kritikern, wobei seine Fähigkeit, auf Einzelne einzugehen und zuzuhören, eine nachhaltige Wirkung auf mich hatte. Zudem war Fried auch in aller Öffentlichkeit immer bereit, sich zur politischen „Gegenrede“ aufzuschwingen. Auch als der damalige österreichische Bundespräsident sich nicht mehr zu erinnern vermochte.

Gerade weil Fried diese Welt geliebt hat, hätte er den momentanen Kriegsrausch der amerikanisch-westeuropäischen Phalanx gegen Afghanistan keinesfalls kritiklos hingenommen - zumindest hätten wir einen Gedichtband „und Afghanistan und“ vorliegen, worin er die Interessen der Kriegsparteien schonungslos offengelegt hätte...






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