In wenigen Tagen beginnt die Fußball-WM. Doch Schwarz-Rot-Gold ist im besten Deutschland aller Zeiten inzwischen so beliebt wie ein unerwarteter Steuerbescheid des Finanzamtes. Vor diesem Hintergrund ergab das vieldiskutierte Mannschaftsfoto ganz ohne Nationalfarben vor dem Abflug in die USA plötzlich einen tieferen Sinn: Bloß kein Risiko eingehen!
Die Fußball-Weltmeisterschaft steht vor der Tür, und die Anspannung im Lande steigt – zumindest theoretisch. Nach dem jüngsten Testspiel-Debakel, trotz 2:1-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen die USA, lässt sich immerhin eines mit mathematischer Sicherheit konstatieren: Es muss beim Turnier wirklich alles passen, damit es gutgeht. Aber wirklich alles. Und mit „alles“ meine ich nicht nur die Taktik, sondern das gesamte kosmische Gefüge inklusive der Großwetterlage im Frankfurter DFB-Hauptquartier. Früher, ja früher, da kannte die Nation ihre Nationalmannschaft. Und zwar die gesamte Nation, nicht nur die Hardcore-Ultras. Da liefen Typen auf dem Rasen herum, die man an der bloßen Silhouette erkannte: Gerd Müller, Franz Beckenbauer, Wolfgang Overath. Später folgten Matthäus, Klinsmann und Völler. Selbst normale Omis und auch die Omas gegen rechts, die ein Stadion zeitlebens nur für eine moderne Variante eines Wochenmarktes hielten, konnten die Aufzählung fehlerfrei herunterbeten. 2014 funktionierte das Ganze dann phänomenal als Kollektiv. Weltstars vom Schlage eines Messi oder Ronaldo waren Mangelware, aber die deutsche Maschine lief wie geschmiert. Manuel Neuer, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos, Thomas Müller, Miroslav Klose – das war eine verschworene Gemeinschaft. Jeder wusste, wer sie waren und wofür sie standen. Fungiert als Chef-Schamane mittlerweile Karl Lauterbach?Heute wird es komplizierter. Man muss für die Identifikation mittlerweile ein Handbuch mitliefern. Natürlich haben wir Jamal Musiala. (Anm. Dikigoros: Und noch manch anderen Spieler ähnlicher Art und Güte :-)
Er gilt als die personifizierte Zukunft des deutschen Fußballs. Wobei seine Auftritte derzeit eine faszinierende Mischung aus absolutem Genie und brutalem Ballverlust darstellen. Man sitzt fassungslos vor dem Fernseher, sieht drei unmenschliche Dribblings, bei denen er die Schwerkraft auszuhebeln scheint, rutscht erwartungsvoll auf die Stuhlkante und denkt: Jetzt passiert etwas Historisches! Und dann verliert er den Ball. Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob Musiala noch Fußball spielt oder bereits moderne Konzeptkunst aufführt. Seit seiner Verletzung wirkt er ohnehin, als suche er nicht nur seine Form, sondern auch den Sinn des Lebens auf dem Platz. Vielleicht kommt das Genie wieder. Vielleicht bleibt es auch im intellektuellen Nirwana. Joshua Kimmich und Aleksandar Pavlović gehören zweifellos zum Besten, was dieses Land derzeit fußballerisch aufzubieten hat. Das tragische Problem ist nur: Ihre idealen Mitspieler heißen Harry Kane, Michael Olise oder Luis Díaz. Blöderweise tragen die im Alltag die falschen Trikots und besitzen Pässe, die sie für die deutsche Nationalelf komplett disqualifizieren. Und dann sind da noch die ewigen, unvollendeten Talente. Florian Wirtz, Kai Havertz, Leroy Sané, Nick Woltemade. An guten Tagen zaubern sie wie angehende Weltstars. Deutschland weiß seit Jahren ganz genau, was diese Jungs können. Noch besser weiß die geplagte Fußballnation allerdings, was sie nicht können: Konstanz. Man hat vor jedem Anpfiff das Gefühl, als müsse im DFB-Trainerstab zunächst ein hochkomplexer Quantencomputer hochgefahren werden. Unter Berücksichtigung von Biorhythmus-Analyse, Mondphase, dem aktuellen CO2-Zertifikatepreis und dem Wetterbericht wird die Aufstellung ausgewürfelt. Als Chef-Schamane fungiert dabei mittlerweile gefühlt Karl Lauterbach, der die Mannschaftsausrichtung streng nach epidemiologischen Gesichtspunkten, maximaler Risikovermeidung und dem aktuellen Inzidenzwert der gegnerischen Stürmer optimiert. Erst nach dieser wissenschaftlich-moralischen Generalprüfung wird errechnet, welche elf Akteure an diesem Tag zufällig gleichzeitig ihre Höchstform erreichen könnten – sofern sie bis dahin nicht vorsorglich in Quarantäne geschickt wurden. Wahrscheinlichkeitsrechnung für Fortgeschrittene. Das kollektive Bild der allgemeinen MalaiseWoher bei diesem mathematischen Konstrukt die große Motivation kommen soll, bleibt das exklusive Geheimnis von Bundestrainer Julian Nagelsmann. Schwarz-Rot-Gold ist im besten Deutschland aller Zeiten inzwischen ohnehin ungefähr so beliebt wie ein unerwarteter Steuerbescheid des Finanzamtes. Vor diesem Hintergrund ergab das vieldiskutierte Mannschaftsfoto ganz ohne Nationalfarben vor dem Abflug in die USA plötzlich einen tieferen Sinn: Bloß kein Risiko eingehen! Bloß nicht mit bösen nationalen Symbolen in Verbindung gebracht werden – das könnte ja das sensible Image beschädigen. Lennart Karl hätte einer sein können, der frischen, unideologischen Wind in diese Truppe bringt. Ein Kicker, der nicht lange nachdenkt, keine woke Haltungsschablone im Kopf hat, sondern einfach macht. Technisch stark, quirlig, frech, mutig. Einer, der Mitspieler und Zuschauer gleichermaßen aus der Lethargie reißen kann. Doch wie bestellt für das aktuelle deutsche Gesamtbild verabschiedete er sich schon in der Vorbereitung verletzt. Das passt einfach ins kollektive Bild der allgemeinen Malaise. Ich selbst werde mir die WM-Spiele natürlich anschauen, aber nicht noch extra dafür bezahlen. Um den eigenen Geldbeutel zu schonen, schaute ich das USA-Spiel auf einem türkischen Sender. Eine heilsame Erfahrung. Vor dem Spiel erklärten die türkischen Kommentatoren Deutschland noch pflichtbewusst zu einem der Turnierfavoriten. Während der folgenden 90 Minuten geriet diese These jedoch arg ins Wanken. Irgendwann fragte der sichtlich irritierte Kommentator seinen Kollegen: „Findest du nicht auch, dass Deutschland heute völlig ohne Tempo spielt?“ Der Co-Kommentator dachte kurz nach, suchte nach einer diplomatischen Erklärung für das Elend und antwortete: „Vielleicht testet Nagelsmann diese Spielweise. Es wird beim Turnier auch solche zähen Spiele geben.“ In diesem Moment ging es mir schlagartig besser. Es war also keine kollektive Arbeitsverweigerung, sondern möglicherweise Absicht! Dieses orientierungslose Gekicke, dieses mutlose Herumgeschiebe, diese taktische Interpretation eines Standbildes – alles Teil eines genialen, geheimen Masterplans, um die Weltelite zu verwirren. Man muss eben nur fest genug daran glauben. Natürlich musste ich schmunzeln. Was nicht geht, geht eben nicht. Aber vielleicht sind wir gegen starke Gegner besser? Vielleicht wächst die Mannschaft mit ihren Aufgaben? Vielleicht finden wir mitten im Turnier zu alter deutscher Turnierstärke zurück? Sie merken schon: Die Hoffnung stirbt auf dem Rasen zuletzt. Ich hoffe inständig, dass ich mich irreVielleicht ist es am Ende sogar ganz passend, dass die Mannschaft ohne Schwarz-Rot-Gold angereist ist. Früher hätte Deutschland bei Spielen um sechs Uhr morgens gigantische Public-Viewing-Meilen aufgebaut. Ganze Städte hätten gemeinsam beim kollektiven Frühstück gezittert. Schwarz-Rot-Gold überall: an Autos, Balkonen, in Biergärten. Nicht, weil man damit irgendeinen geopolitischen Statement-Wettbewerb gewinnen wollte, sondern weil man sich einfach unbefangen freute, Deutscher zu sein und seine Mannschaft anzufeuern. Heute sagt man solche Veranstaltungen lieber vorsorglich ganz ab. Offiziell natürlich aus „organisatorischen Gründen“, wegen der „Sicherheitslage“ oder weil angeblich niemand um sechs Uhr morgens Fußball schauen will. Komisch nur, dass dieselben Deutschen früher klaglos um vier Uhr morgens aufstanden, um Michael Schumacher in Australien durch die Kurven jagen zu sehen oder Boxkämpfe aus Las Vegas zu verfolgen. Am Wecker liegt es also ganz bestimmt nicht. Irgendwie fügt sich das alles zu einem großen, deprimierenden Mosaik zusammen. Die Nationalmannschaft wirkt inzwischen wie das perfekte Spiegelbild des modernen Deutschlands: Enorm viel Potenzial, Heerscharen von Experten, endlose Analysen, moralisierende Erklärungen – aber null Selbstverständlichkeit, null Leichtigkeit und keinerlei gemeinsames, verbindendes Gefühl mehr. Man hat den Eindruck, dass nicht nur die Mannschaft auf dem Platz ihre Spielidee sucht, sondern das ganze Land seine Identität. Und genau deshalb hoffe ich inständig, dass ich mich irre. Nichts würde mich mehr freuen, als in ein paar Wochen festzustellen, dass all diese kulturpessimistischen Zweifel völlig unbegründet waren. Dass Musiala plötzlich jeden Ball schlafwandlerisch ins Tor dribbelt, Wirtz zum Regisseur einer fulminanten Fußball-Sinfonie wird, Havertz seine Kritiker mit Toren am Fließband verstummen lässt und diese Mannschaft uns alle eiskalt überrascht. (Anm. Dikigoros: Aber wohl mehr eiskalt als angenehm :-)
Bis dahin bleibt mir – und uns allen – allerdings nur die altbewährte, urdeutsche Fußballstrategie: Hoffen, leiden, schimpfen, weitermachen. Und pünktlich zum Anpfiff wieder wie hypnotisiert vor dem Fernseher sitzen... (Anm. Dikigoros: oder auf dem Gebetsteppich knien und zu Allah beten, wie ein bekannter Auswahlspieler des Undeutschen Fußballverbands mit Startelf-Garantie. Und wer das nicht gut findet, der ist ein islamofober Rassist :-)
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