Autor:
STOAKY
Spoiler: nach Dead/Alive, teilweise wird auch die 7. Staffel erwähnt
Rating: PG-13
Kategorie: MSR natürlich, Mulder POV, WiP
Disclaimer: Mulder und Scully sind leider Gottes nicht meine,
aber schon allein ihre Inspiration ist großartig!!
Short-Cut: Nach seiner Rückkehr muss sich Mulder entscheiden, ob
er mit seiner Vergangenheit leben kann, oder ob sie ihn vernichtet....
Cover: Ale
Feedback: Adresse wird nachgereicht
Black Coffee
* * *
Schmerzen vergehen. Aber Erinnerungen? Beinhalten sie nicht auch den Schmerz?
* * *
Kaffee. Mein Gott, wie habe ich dieses schwarze, belebende Elixier vermisst. Ich nehme einen weiteren Schluck aus meiner Tasse und schließe meine Augen, um den Geschmack zu spüren, so kräftig, würzig. Wie er sich langsam seinen Weg durch meine Speiseröhre bahnt und schließlich meinen Magen erreicht, wo er ein warmes Gefühl in meinem ganzen Körper hinterlässt.
Zufrieden lehne ich mich in meinem Stuhl zurück und beobachte die vielen Menschen, die in diesem Café sitzen. Links an der Tür sitzt ein Paar, bei welchem ich mir sicher bin, dass ihre Getränke bereits kalt sind, so sehr sind sie mit sich selbst beschäftigt. Weiter rechts sitzt eine Mutter mit ihrem Kind. Eine Weile beobachte ich, wie sie mit ihrer Gabel ein Stück von ihrem Kuchen, Schoko, nehme ich an, entnimmt und es daraufhin ihrem Kind zum Mund führt, welches nach jedem Bissen vergnügt aufschreit und nach mehr fordert. Als sie merkt, dass ich sie ansehe, lächelt sie, uns so lächle auch ich sie an. Etwas weiter hinten sehe ich eine Frau an einem Einzeltisch sitzen, nachdenklich rührt sie in ihrem Kaffee. Ich denke an die Zeit, wo ich Gedanken lesen konnte, und frage mich, was ihr diesen traurigen Ausdruck in ihrem Gesicht verursacht haben kann. An der Theke sitzen ein Mann und eine Frau, beide in Anzügen, und unterhalten sich angeregt. Offenbar verbringen sie ihre Mittagspause hier. Eine Weile sehe ich ihnen zu und kann dabei nicht aufhören zu lachen.
Seit meiner Entführung bin ich nicht mehr gern allein. Ich bemühe mich, so oft ich es kann unter Menschen zu kommen. Einsamkeit, so habe ich feststellen müssen, bringt die Erinnerung, die Kälte, den Schmerz. Meine Erinnerungen sind vage und sehr bruchteilhaft, doch denke ich an den Blick in Scullys Augen, als ich aus dem Koma erwachte und sie mich fragte, ob ich eine Ahnung von dem hätte, was ich durchgemacht habe, bin ich froh, dass ich mich nicht an mehr Details erinnern kann.
Scully. Ich weiß bis heute nicht, wie sie es getan hat, was sie getan hat, um mich zu retten. Doch was ich weiß ist, dass ich ohne sie tot wäre. Verloren. Für immer.
Erneut sehe ich mich im Café um, mein Blick richtet sich zur Tür. In dem Moment öffnet sie sich und Scully betritt den Raum. Ich könnte schwören, dass das Café plötzlich wesentlich heller ist. Sie sieht mich und läuft in meine Richtung, am Tisch angekommen bleibt sie stehen, streicht mir mit ihrer kleinen Hand über meinen Rücken und schenkt mir ein warmes Lächeln.
"Hi."
"Hi."
Auch ich lache sie an. Offensichtlich freut sie sich mich zu sehen, denn selbst als sie sich auf den Stuhl schräg neben mir setzt, lacht sie noch. Ich jedoch freue mich noch mehr, sie zu sehen, endlich nicht mehr allein. Vorher war ich an diese Einsamkeit gewöhnt, habe mehr als acht Jahre nahezu jeden Abend allein verbracht. Vorher. Heute habe ich Angst, wenn ich allein bin, Angst, dass sie mich erneut holen, ohne mich ein weiteres Mal gehen zu lassen. Ich kann sie förmlich hören, wenn ich allein bin. Ihr Flüstern, ihren kalten Atem, wie sie mich greifen. Dann denke ich an Scully und schaffe es, mich für einen Moment zu beruhigen. Sie ist immer meine Konstante gewesen. Mein einziger Halt. Sie hat mich beschützt, wenn ich in Not war, hat mich verteidigt, selbst wenn sie meine Meinung nicht teilte, sie hat mich getröstet, wenn ich den Trost brauchte. Nun hat sie mich gerettet. Zum tausendsten Mal. Ich bräuchte mehr als ein ganzes Leben, um mich für all das zu bedanken, was Scully für mich getan hat. Ich schulde ihr so viel, so unendlich viel, und weiß nicht, wann ich ihr all das zurückzahlen soll, um ihren Bemühungen auch nur annähernd gerecht zu werden. Ich weiß auch nicht wie. Das glaube ich zumindest.
Plötzlich spüre ich eine Hand an meiner Wange, sie ist feucht.
"Mulder, was ist los? Du weinst ja."
Besorgt schaut mich Scully an. Ich führe meine Hand an mein Gesicht, und spüre, dass ich tatsächlich Tränen in den Augen habe. Mit meinen Fingern fange ich die nächsten auf und wische sie aus meinem Gesicht.
"Es ist nichts, Scully. Ist schon gut, ich bin okay." Ihr Blick zeigt mir, dass sie mir nicht einmal annähernd glaubt. Ich fasse ihre Hand und küsse sie. Besorgt sieht sie mich an. "Ich habe nur nachgedacht, mach dir keine Sorgen. Mir geht es gut, wirklich." Mit einem Blick lache ich sie an, um ihr zu verstehen zu geben, dass ich es ernst meine. Der Druck ihrer Hand in meiner und ihr Lächeln auf den Lippen zeigen mir, dass sie mir Glauben schenkt, zumindest für jetzt. Einen weiteren Moment sehe ich sie an, dann führe ich meine Hand zu ihrem kugelrunden Bauch und streichle sanft über ihn. Es ist erstaunlich, wie in einem so kleinen Scullykörper, in einem so kleinen Scullybauch, ein noch viel kleineres Leben entstehen kann. Ein Sculderbaby.
"Wie geht es euch beiden?" Sie sieht mich an und schenkt mir einen Blick voller Liebe, Wärme und Zuversicht. "Uns geht es wunderbar." Sie greift meine Hand und verschränkt ihre Finger in meinen. "Mulder, als du erwacht bist, im Krankenhaus, habe ich gespürt, wie das Baby trampelte, sich bewegte. Als freute es sich genauso sehr über deine Rückkehr wie....wie ich." "Vielleicht war es ja auch eifersüchtig." Daraufhin müssen wir beide lachen.
Zärtlich sieht mich Scully an und küsst mich auf meine Nasenspitze. Die Berührung ist so zart und leicht wie die einer Feder, so dass ich sie nur als einen sanften Hauch ihrer Lippen wahrnehmen kann, der über meine Haut schwebt und sogleich verfliegt. Innerlich jedoch hält dieses Gefühl noch sehr viel länger an, was mich zum Lachen bringt, sobald ich daran denke.
Einen Moment sieht mich Scully mit ihren vor Freude strahlenden, blauen Augen an, und dann greift sie meine Hand.
"Es ist Frühling, Mulder, und die Sonne scheint. Lass uns nach draußen gehen."
Ich bezahle an der Theke, dann verlassen wir Hand in Hand das Café.
* * *
Eine Weile spazieren wir entlang des Potomac Rivers, genießen die reine Luft und die Sonnenstrahlen, die bereits angenehm warm sind. Wir reden über Gott und die Welt, über Kaffee und Strampelanzüge. Ich weiß nicht warum, aber ich habe dieses überzeugende Gefühl im Bauch, dass es ein Junge wird. Mulder Jr. . Oder Fox? Ich lache über diese Vorstellung und merke, wie großartig es ist, Vater zu werden. Voller Enthusiasmus drehe ich mich zu Scully und küsse ihre Schläfe. Obwohl sie sichtlich überrascht ist, lacht sie mich an.
Wir beschließen, uns auf eine Bank zu setzen, Scully zuliebe. Eine Weile sitzen wir einfach nebeneinander und schauen der Sonne beim Untergehen zu. Ich sehe zu Scully. Ihre Haut leuchtet orange und in ihren Augen funkeln goldene Sterne. Wie schön sie ist.
Plötzlich spüre ich ein fürchterliches Stechen in meinem Kopf, welches sofort meinen ganzen Körper durchbohrt. Ich spüre, wie etwas an meinen Wangen zerrt, immer stärker, und ich vermag es nicht zu schreien. Ich möchte mich bewegen, doch ich kann es nicht, bin wie gelähmt, diese Schmerzen, und dann höre ich es, das unerträgliche Summen des Bohrers, es kommt näher, immer näher – "Mulder! Mulder!!" Ich öffne meine Augen und sehe Scully über mich gebeugt.
Der Bohrer ist verschwunden, so auch die Schmerzen. Oh mein Gott.
Scully betrachtet mich mit einem unglaublichen Ausdruck von Panik und Angst. Ich begreife, dass dies erneut eine meiner Erinnerungen war, diesmal waren sie jedoch viel klarer, viel... realer. Ich zittere am ganzen Körper als mich Scully in ihre Arme nimmt, mein Kopf auf ihrer Schulter, sie über meine Haare streichelnd. "Oh Mulder", flüstert sie, "Wir müssen einen Weg finden, damit es aufhört."
Eine Weile verharren wir in unserer Umarmung, bis ich die Kraft finde, mich aufzurichten und Scully anzusehen. Mit zittriger Stimme sage ich: "Scully ich... ich möchte heute Abend nicht allein sein."
Zu Hause angekommen öffnet Scully die Tür und führt mich in ihr Apartment. Während ich mich auf ihre Couch setze geht Scully zur Küche. Auf ihrem Weg dorthin lässt sie ihre Jacke auf einem der Stühle an ihrem Esstisch fallen und ein paar Meter weiter entledigt sie sich ihrer Schuhe, ohne sich darum zu kümmern, dass sie mitten in ihrer Küche liegen. Wie klein sie plötzlich ist. Selbst mit Schuhen reicht sie mir gerade einmal bis unter mein Kinn, aber ohne.....
„Ich mach uns einen Tee, ja.“
Ich erinnere mich an einen Tag, es ist ungefähr ein Jahr her, da habe ich Scully in meine Arme genommen, und während ich sie hielt, baumelten ihre kurzen Beine in der Luft.
„Magst du Zucker?“
„Hm.“
Obwohl Scully so klein ist, hat sie die perfekte Größe. Umarmen wir uns, sei es im Stehen oder im Liegen, fügen wir uns zusammen wie zwei Puzzleteile, die perfekt zueinander passen. Ihr Kopf an meiner Brust, mein Kopf auf Ihren gestützt, ihre Arme um meiner Taille, meine wiederum um ihren schmalen Rücken geschlungen, wo sie sich problemlos überkreuzen. Nun, aufgrund der besonderen Umstände momentan wirken wir zwar eher wie zwei deformierte Puzzleteile zusammen, aber das zählt nicht.
„Kannst du die Kanne tragen, Mulder?“
Ich stehe auf und bewege mich Richtung Küche. Ich mag ihren Bauch. Zuzusehen, wie er immer größer und runder wird, teilzunehmen an diesem Wunder, so unglaublich und großartig zugleich, ohne fassen zu können, dass sich in diesem Bauch tatsächlich ein neues Leben entwickelt.
„Scully. Küss mich.“
„Ich wusste ja gar nicht, dass ich so undeutlich spreche“, entgegnet sie mir lachend und küsst mich trotzdem. All meine Schmerzen und Erinnerungen von heute Nachmittag sind vergessen, und ich zweifle nicht daran, dass es an Scully liegt.
Gemeinsam setzen wir uns auf die Couch und trinken unseren Tee. Nach ein paar Schlucken stellt Scully ihre Tasse auf den Couchtisch und sieht mich an. „Wie fühlst du dich?“ „Mir geht es gut.“ „Mulder, wir haben nie darüber gesprochen, wie es zu deiner Rettung kam, zu dem Wunder deiner.... deiner Auferstehung. Hast du dich nie gefragt, wie es möglich war, wie all diese Wunder geschahen?“
Ich bin mir nicht sicher, ob ich es wissen will. Trotz alledem fährt sie fort.
„Mulder, du hast keine Vorstellung darüber, wie ich mich gefühlt habe, als wir dich endlich fanden. Nach so langer Zeit warst du endlich zurück. Doch dann sah ich dich, wie du auf dem kalten Boden lagst, regungslos, starr.... Ich beugte mich zu dir hinunter und berührte dein Gesicht. Es war so furchtbar blass und kalt.... Alle dachten, du seiest....“, sie schluchzt laut, „Alle dachten, du seiest tot, aber ich wollte ihnen nicht glauben. Gerade erst warst du zurück, und dann solltest du schon wieder von mir gehen, für immer....“ Sie schafft es nicht, ihre Tränen zurückzuhalten, und beginnt zu weinen. „Drei Monate Mulder. Mehr als drei Monate lagst du in diesem Grab, alle in dem Glauben, du seiest tot...“ Jetzt muss auch ich schlucken. Ich bin mir nicht sicher, ob ich noch mehr von alldem hören möchte. Ich weiß auch nicht, ob ich es kann. Trotzdem bin ich es, der schließlich das Schweigen bricht. „Aber... warum....Scully, wieso habt ihr
mich... Wie konntet ihr wissen, dass ich... dass ich eigentlich nicht tot war?“ Immer noch schluchzend rückt Scully zu mir heran, umfasst meinen Arm und legt ihren Kopf auf meine Schulter. „Mulder, bevor
sie... dich entführten, sagtest du einmal, dass alle Toten, wo auch immer sie seien, niemals wirklich tot seien. Sie alle leben, in irgendeiner Form, auf irgendeine Weise weiter...“ Ihre Hand krallt sich in meinen Arm und sie fährt fort. Ihre Stimme ist nun so leise, dass ich sie kaum verstehen kann. „Ich habe nie geglaubt, dass du wirklich tot bist, Mulder. Vielleicht wollte ich es nicht glauben. Wie oft waren wir solchen Gefahren ausgesetzt, dem Tod so nah, unerreichbar füreinander, und doch hatten wir stets wieder zueinander gefunden. Ich habe dir immer vertraut, wenn du sagtest, du würdest mich finden, wo auch immer ich sei. Und ich wusste, dass auch du mir vertrautest.... Ich hatte dich gefunden, und war plötzlich mit dem größten Verlust meines Lebens konfrontiert. Ich fand dich, und sollte sogleich Anschied von dir nehmen. All das erschein mir so unwirklich, so falsch, Mulder. Ich kann dir nicht erklären warum, aber vielleicht erinnerst du dich an Colleen Azar. Du fragtest mich, ob ich bei ihr die Kornkreise für dich holen könnte, als du nach England geflogen bist. Seit ich mit ihr gesprochen habe weiß ich, dass es diese Schwingungen gibt, Mulder, dass sie einem etwas sagen können. Mir sagten sie, dass du noch nicht verloren bist, dass ich dich retten kann....“ Voller Erstaunen sehe ich sie an. Scully räuspert sich und ihre Stimme gewinnt an Kraft. „Und dann war da Billy Miles. Es hieß, er sei tot, doch tatsächlich war er lebendiger, gesünder als je zuvor. Da wusste ich, was diese Schwingungen zu bedeuten hatten.“ Scully sieht mich an, und ich glaube, eine gewisse Form von Stolz in ihren Augen zu erkennen. „Niemand lebt für immer, doch ist der Tod nicht auch eine Form von Leben, Mulder?“
Ich habe Scully in so vielfältiger Weise unterschätzt. Ihre Frage macht mich sprachlos. Wie viele einsame Nächte wird sie verbracht haben, sich endlos nach der Bedeutung von Leben und Tod fragend, um schließlich zu dieser so philosophisch anmutenden Frage zu gelangen. Zu diesem Zeitpunkt bin ich zu verwirrt, um eine Antwort zu finden.
„Ich weiß es nicht, Scully.“ Ich drehe mich zu ihr und fasse ihr Gesicht mit meinen Händen. Scully schmiegt ihre Wange an meine Hand und sieht mich nachdenklich an. „Was ich weiß ist, dass wir hier sind. Zusammen. Am Leben. Das ist sehr viel, und vielleicht sogar mehr, als wir uns je erträumt haben. Mag sein, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Doch ohne dich“, ich schaue ihr tief in ihre großen, erwartungsvollen Augen, „wäre es nicht einmal halb so lebenswert.“ Damit küsse ich zärtlich ihre Wange. Nach ein paar Sekunden löse ich meine Lippen von ihr und fahre mit meinem Daumen entlang der Stelle, wo ich sie zuvor geküsst habe. Eine Weile sehen wir uns an und kommunizieren mit unseren Augen. Scully ist es, die dieses Band schließlich löst, indem sie sich zu mir beugt, mein Ohr küsst und daraufhin leise flüstert: „Lass uns schlafen gehen, Mulder.“ Damit steht sie auf und geht. Ich wiederum lege mich auf die Couch und breite eine Decke über mir aus, bereit zu schlafen. „Mulder...? Was machst du da?“ Scully dreht sich um und sieht mich an. Ich kann nicht glauben, dass sie ihre Frage ernst meint, und so entgegne ich ihr: „Ausschau halten nach unidentifizierten Flugobjekten.“ „Du glaubst doch nicht, dass du auf dieser Couch schlafen wirst, oder Mulder?“ „Scully, ich möchte nicht auf dem Fußboden schlafen, der ist mir zu hart.“ „Du Dummkopf, du schläfst in meinem Bett!“ „Ja aber.... Und wo schläfst du dann?“ „In meinem Bett natürlich, wo sonst.“ Sie schenkt mir eines ihrer schönsten, breitesten Lächeln und reicht mir ihre Hand. „Komm schon, G-Man, es ist spät genug.“
Ich liege bereits im Bett, als Scully in dem Türrahmen steht, der ihr Schlafzimmer und das Bad voneinander trennt. In ihrem roséfarbenen Pyjama, der ihr momentan fast ein wenig zu klein zu sein scheint, steht sie an dem Rahmen gelehnt, die eine Hand die Zahnbürste, die andere Hand ihren Rücken haltend, und sieht mich an. Einen Moment später dreht sie sich Richtung Bad, ich höre sie den Schaum der Zahnpasta ausspucken und daraufhin den Wasserhahn laufen. Dann verhallt das Rauschen des Strahls und ich sehe Scully, wie sie in das Schlafzimmer kommt. Dieser Moment erscheint mir irreal. Indem ich in Scullys Bett liege, wartend wie ein Pascha auf seine Haremsdame, als wären wir seit einer Ewigkeit verheiratet. Als sei es das normalste der Welt. Ist es das nicht? Ich habe unsere Beziehung nie als normal eingeschätzt. Doch auch wenn sie das nie war, ist sie doch perfekt, perfekt für uns. Wir brauchen nicht Händchenhaltend durch den Park zu laufen, nur um der ganzen Welt zu zeigen, dass wir zusammen sind. Wir brauchen uns nicht ständig zu küssen, um uns zu zeigen, dass wir uns lieben, und schon gar nicht müssen wir uns ständig „Ich liebe dich“ sagen, um uns von unseren Gefühlen zu überzeugen. Wir haben tausend andere Mittel, um uns das zu zeigen. Scully zum Beispiel zeigt es mir auf die Weise, wie sie lacht. Sie mag von einer völlig anderen Überzeugung sein als ich, mich für verrückt halten, oder genervt von mir sein. Ihr Lachen verrät sie jedes Mal. Wie sie versucht, ihre Fassade zu bewahren, standhaft zu bleiben, tough und souverän, und dann doch scheitert, indem sie ihr schönstes Lachen lacht. Weil ihr Gefühl über die Vernunft siegt, auch wenn sie das stets verneint. Dafür liebe ich sie. Nur brauchen wir eben nicht ständig in einem Bett zu schlafen, als Zeichen unserer Verbundenheit. Wir respektieren und gewähren des anderen Freiheiten, und somit verbringen wir auch nicht jede Nacht gemeinsam. Gewiss, an Tagen wie diesen habe ich das schon bereut, doch letztlich sind wir stets füreinander da, und an Tagen wie diesen, wo ich nicht allein sein kann, ist Scully für mich da und gibt mir die Nähe, die ich so sehr brauche.
Scully setzt sich zu mir auf den Bettrand und sieht mich an. Ihre Hand durchfährt meine Haare, streicht entlang meines Nackens und bleibt schließlich auf meiner Schulter liegen. „Was macht dein Kopf?“ „Nach mehr Streicheleinheiten verlangen.“ Scullys rechte Augenbraue bewegt sich nach oben. „Du weißt, was ich meine, Mulder.“
„Ich denke, für heute werden sie mich in Ruhe lassen“, entgegne ich ihr gähnend, doch innerlich bin ich mir nicht sicher. Scully schlägt die Decke auf und legt sich zu mir unter sie. Eine Weile umarmen
wir uns, Puzzleteil 1 und Puzzleteil 2, bis mich Scully auf mein Augenlid küsst und flüstert: „Das werden sie.“ Und ich glaube ihr.
„Mulder!“
Ich wälze mich hin und her, schlage mit dem einen Arm, wehre mich mit dem anderen Bein, nein, ich möchte nicht –
„Mulder!“
Ich trete erneut. Nicht mich, nicht noch einmal! Etwas hält meinen Kopf –
„Liebes!“
Lasst mich los, verdammt noch mal, lasst mich, nicht noch mehr Tests, nein! –
„Oh Gott, so komm doch endlich zu dir!“
Scully? – Oh so lasst mich doch bitte, bitte lasst mich! – War das Scullys Stimme? – Lasst mich los, bitte!! – Wo ist sie?
Mit einem Mal öffnen sich meine Augen.
Eine Weile weiß ich nicht, wo ich bin, daraufhin habe ich das Gefühl, mich erneut auf der Parkbank von heute Nachmittag zu befinden, als ich Scullys Gesicht vor mir erkenne.
„Mulder....“
Auf allen Vieren hockt sie über mir, ihre Hände meine Arme festhaltend, ihre Beine auf meine gestemmt. Was ist los? Warum sieht sie mich so an? Meine Finger, die sich zuvor in das Bettlaken krallten, entkrampfen sich. Sie sind schweißnass. Großer Gott, schon wieder.
Scully atmet schwer und in kurzen Zügen, auch sie hat Schweißperlen auf der Stirn. Noch immer sitzt sie auf mir und hält mich fest. Voller Schrecken sieht sie mich an.
Ich beginne zu begreifen, was passiert ist, und es macht mir Angst. In der Hoffnung, die Erinnerungen würden nicht wiederkehren, verbringe ich die Nacht bei Scully, meinem Ruhepol, und doch kommen die Träume wieder. Sie ergreifen mich, übermannen mich, fressen mich auf. Anfangs glaubte ich, mich von ihnen befreien zu können, einfach aufzutauchen aus dem großen Magen meiner Träume. Mittlerweile glaube ich, dass er mich verschlingt. Langsam aber sicher. Für immer. Was, wenn ich erneut träume, und Scully nicht da ist, um mich aus seinen Klauen zu befreien?
Verzweifelt und regungslos bleibe ich unter Scully liegen, bis sie glaubt, ich habe mich beruhigt. Dann lässt sie mich los und legt sich wieder neben mich.
Eine Weile liege ich im Bett und starre an die Decke, obwohl ich nicht wahrnehme, was ich sehe. Dann spüre ich Scullys Hand, ihre zarte, kleine Hand, wie sie meine ergreift und behutsam umfasst. Sie ist kalt.
Obwohl es nachtdunkel ist in dem Raum, erkenne ich die Sorge und Angst in Scullys Augen, als ich mich zu ihr drehe und sie ansehe. Der Druck ihrer Hand jedoch zeugt von Entschlossenheit, von dieser unendlichen Kraft, die ich so sehr an ihr bewundere. Auch wenn sie es nicht weiß, ich glaube, dass sie die Kraft hat, mich zu heilen.
„Versuche zu schlafen, Mulder.“
Ihre Lippen hauchen die Worte „Ich liebe dich“ an meine Haut als sie zärtlich meine Wange küsst.
Ein leises „Danke“ ist das einzige, was ich in meinen Emotionen über die Lippen bringe. Ich rolle mich zusammen, ohne Scullys Hand loszulassen, schließe meine Augen und atme tief durch.
Die ersten Lichtstrahlen erleuchten bereits den Raum als ich schließlich einschlafe
Was ist Schmerz?
Ich wache auf, als mir die Sonne direkt in mein Gesicht scheint. Dieses Licht bin ich nicht gewohnt. In meinem Apartment – man sollte es wohl eher Kammer nennen – ist es wesentlich dunkler.
Ich blinzle in die Sonnenstrahlen, und frage mich, wie viele Stunden ich geschlafen habe. Es dürften nicht mehr als drei gewesen sein. Als ich mich an das Licht gewöhnt habe, blicke ich um mich, und sehe Scully in das Zimmer kommen. Sie ist bereits angezogen und wie immer perfekt gestylt. Anderen mag es trist erscheinen, ich jedoch mag es, wenn sie schwarz trägt. Es lässt ihre Haut weiß wie Porzellan schimmern, ihre Haare wirken roter und magischer denn je und ihre wasserblauen Augen strahlen schöner als alle Meere auf dieser Welt. Ich sehe ihr zu, wie sie ihren FBI-Ausweis an ihrer Jacke befestigt. Als sie es geschafft hat, blickt sie zu mir und lächelt, als sie bemerkt, dass ich bereits wach bin.
„Guten Morgen.“
„Morgen.“
Ich strecke mich, um meinen Körper zum Leben zu erwecken, und stelle erst jetzt fest, dass ich quer über Scullys Bett ausgebreitet liege. Meine Handgelenke schmerzen.
„Wie hast du geschlafen?“
„Wie Gott in Frankreich zu Weihnachten“, erwidere ich mit einem ironischen Unterton.
„Keine Träume.“
Scully kommt zu mir an den Bettrand und greift meine Hand. Erst jetzt sehe ich ihre dunklen Ringe unter den Augen und es tut mir leid, weil ich weiß, dass ich schuld an ihnen bin.
„Wir werden einen Weg finden, um dich davon zu befreien, Mulder. Noch ist alles sehr frisch, die Erinnerungen, die Schmerzen.... Aber sie helfen dir, all das zu verarbeiten. Wenn du lernst, diese Erinnerungen zu verarbeiten, dann wirst du sie irgendwann auch als erledigt ablegen können, sie vergessen.“ Scully setzt sich zu mir auf das Bett und sieht mich an. „Als Emily starb, habe ich mich gefragt, wie ich jemals darüber hinweg kommen sollte. Viele Nächte verfolgte sie mich in meinen Träumen. Das Warum, der Sinn von alldem. Doch mit der Zeit begann ich zu begreifen, den Verlust zu akzeptieren, das Warum aus meinem Kopf zu löschen... Wenn Gott will, werde ich sie wiedersehen. Irgendwann. In einem anderen Leben. Außerdem...“, sie schaut auf ihren Bauch und streicht sanft über ihn, “gibt es so viele andere Dinge momentan, die mich glücklicher machen als je zuvor...“ Erneut schenkt mir Scully einen Blick voller Liebe, ihre Augen groß und rund und vor Freude strahlend, und so sehe auch ich sie an, in der Hoffnung, ihr das selbe vermitteln zu können.
„Scully, sagst du mir nun, was es wird? Daddy hat doch das Recht, zu erfahren, wer ihm seine Hausschuhe und die Zeitung bringt, wenn er von der Arbeit kommt, oder?“
Sie lacht leise. „Es wird..... ein Junge.“
Ich bin sprachlos. „Ein Junge? Ein kleiner Fox?“
Sie schüttelt den Kopf.
„Es wird doch ein Mädchen! Wird es ein Mädchen?“
Lachend sieht sie mich an, das Spiel sichtlich genießend.
„Oh Scully, habe ich nicht das Recht, es zu erfahren? Oh, das schmerzt...... Wird es ein Mädchen?“
„Vielleicht...“
Lachend beugt sich Scully zu mir herunter und küsst mich, so dass ich keine Möglichkeit habe, ihr darauf zu antworten.
„Zeit zum Aufstehen, Mulder, im Büro warten eine Menge X-Akten auf uns.“
Sie küsst mich erneut, dann verlässt sie das Zimmer.
„Hey Scully.“
„Hm?“ Sie bleibt stehen und dreht sich um.
„Danke.“
„Wofür?“
„Dass es dich gibt.“
* * *
Es ist kurz vor neun Uhr als wir gemeinsam durch D.C. zum FBI Hauptgebäude fahren. Westwood Road, rechts abbiegen, Kensington Street, links abbiegen. Ich fahre etwas schneller als sonst, denn Scully hasst es, wenn wir unpünktlich sind.
„Hey Scully, denkst du eigentlich, dass sich Paranoia eher vererben lässt als Skepsis?“
Noch bevor ich zu ihr sehe, weiß ich ganz genau, welcher Blick mich erwarten wird, wenn ich meinen Kopf zu ihr drehe um sie anzusehen. Als ich es schließlich tue kann ich nichts anderes, als von ganzem Herzen zu lachen, da sich meine Vermutung vollends bestätigt. Voller Skepsis sieht sie mich an, die Antwort sehr wohl wissend, jedoch nicht die geringste Absicht habend, mir zu antworten.
Ich lächle sie an und konzentriere mich wieder auf das Fahren. Diese Konzentration wehrt jedoch nicht lang, denn an der nächsten Kreuzung, die wir überqueren, erinnere ich mich an einen Tag, der noch nicht allzu lang her ist.
Wir überquerten genau diese Kreuzung als sie es tat. An diesem Tag hat Scully Sonnenblumenkerne gegessen. Meine Sonnenblumenkerne. Ich weiß nicht, ob ich es auf ihre Schwangerschaft zurückführen soll, aber meine Sonnenblumenkerne hat sie noch nie, nie zuvor angerührt, und bis zu diesem Tag habe ich auch nicht geglaubt, dass sie es jemals tun würde. Scully belehrte mich des öfteren, dass sie die Zähne schädigen würden, vor allem wenn man sie, wie ich, im Mund schälen würde. Wenn ich mir dann vor ihren Augen demonstrativ einen weiteren Kern in den Mund steckte, drehte sie sich kopfschüttelnd weg von mir und ging.
Ich weiß nicht, warum sie es plötzlich tat. Während wir ins Büro fuhren und die neuesten Fälle diskutierten, genau wie an diesem Tag, griff sie einfach in die Tüte, die neben meinem Sitz lag. Fragend sah ich sie an, als sie einen Sonnenblumenkern in ihren Mund nahm und ihn mit einer Geschicklichkeit schälte, die mich sprachlos machte. Ich konnte förmlich spüren, wie ihre Zunge den Kern umfasste, ihn balancierte, drehte, wendete und ihn schließlich von der Schale löste, welche sie in unglaublicher Eleganz aus dem Fenster spuckte. Ich muss wie ein alter, sabbernder Psychopath ausgesehen haben, ihr jeder Bewegung faszinierend folgend als wäre es der pure Sex. Doch wie gern wäre ich in diesem Moment der Kern gewesen.
Erneut muss ich mich daran erinnern, dass wir nicht die einzigen auf dieser Straße sind, und so versuche ich, mich auf das Fahren und nur darauf zu konzentrieren.
„Mulder, heute früh habe ich einen Anruf bekommen. Es war Teresa Hosey. Sie wollte ursprünglich dich sprechen, doch du hast noch geschlafen. Sie klang sehr verwirrt, sagte jedoch nichts genaueres. Sie meinte lediglich, es sei sehr dringend und wir sollten unbedingt zu ihr kommen. Ich sagte ihr, wir würden so schnell wie möglich bei ihr sein. Was hat das zu bedeuten, Mulder?“
„Teresa Hosey?“ Auch ich weiß in der Tat nicht, was es zu bedeuten hat. Sie schien die Entführung so gut überstanden zu haben, ihr ging es besser als je zuvor. Was sollte sie von uns wollen?
„Wie ich bereits sagte, sie klang sehr ernst.“
„Hm.“
Mitten auf der Straße bremse ich und wende den Wagen.
Aus mir unverständlichen Gründen wird mir plötzlich kalt. Sehr kalt.
* * *
* * *
Ist Angst der Schmerzen Ursprung? Oder Schmerz der Ängste Ursprung?
* * *
Es dämmert bereits draußen als Scully und ich in unserem Café sitzen. Wie oft sind wir hier schon gewesen. Früh, Mittags, Abends. Nachts. Meistens wenn es darum ging, einen Fall auszuwerten, wir jedoch keine Lust hatten, dazu in unser Büro zu fahren. Ja, diese kleine, dunkle Kellerkammer kann einen depressiv machen.
Ich verstehe nicht, warum dieses Café so schlecht besucht ist. Es ist fast immer leer.
Ich mag es. Die zwei Vorderfronten sind weiß und vollkommen aus Glas. Tagsüber wird der Raum von der Sonne beleuchtet, in der Nacht von den vielen Leuchtreklamen, die es hier in D.C. gibt, so dass die Atmosphäre immer recht angenehm ist. Scully beschrieb es einst als ungemütlich, unpersönlich und kalt, was wohl daran liegt, dass dieses Café sehr groß ist und wir zudem meistens in der Mitte des Raumes sitzen.
Trotzdem kommen wir immer wieder hierher. Wir haben das Gefühl, ungestört und unbeobachtet zu sein, was vieles einfacher macht, vor allem in unserem Beruf.
Hier war es, wo wir uns mit Wayne Federman, dem nervigsten, widerwärtigsten Menschen, der mir je begegnet ist, trafen.
Hier war es, wo mich Scully mit ihrer Geschichte von Schwester Callahan, der Spooky-Schwester, überraschte und mich zum Lachen brachte.
Hier war es, wo ich Scully aus Samanthas Tagebuch vorlas, welches wir zuvor in dem verlassenen Haus der Military Base fanden.
Und genau hier sitzen wir heute wieder. Ich links am Tisch und Scully rechts von mir. Besorgt hat sie ihre rechte Hand auf meine gelegt und sieht mich an während meine Gedanken überall und doch nirgendwo sind.
Ich kann nicht glauben, dass plötzlich alles von vorn anfangen soll. Ich will es nicht glauben, ja, ich weigere mich sogar, es zu glauben.
Ich bin nicht der Einzige, der von vergangenen Sequenzen, verbunden mit Angstzuständen und Panikattacken, verfolgt wird.
Teresa Hosey geht es schlecht. Sehr schlecht. Sie erzählte von plötzlich wiederkehrenden Erinnerungen, grauenhaft und zu realistisch. Immer länger dauern sie, immer deutlicher werden sie. Sie hat Angst, sie könnten sie wieder holen, ohne sie erneut gehen zu lassen, sie fleht um Erbarmen, weint, schreit, und wacht schließlich schweißgebadet auf.
Sie ist blass. Ihre Augen sind trüb. Sie ist irgendwo, aber nicht da, wo sie sein sollte.
Der Magen, er verschlingt sie.
Sie erzählt von den Männern. Von dem Projekt. Wir alle seien Teil von ihm und werden es immer sein. Bis sie uns schließlich für immer holen, da wir für diese Welt nicht länger brauchbar seien. ‚Auch Sie.’ Erschrocken wende ich meinen Blick ab von ihr, weil ich befürchte, dass er mich auf der Stelle töten könnte.
Scully gibt ihr noch eine Woche.
Noch nie habe ich so oft über den Tod nachgedacht wie in diesen Tagen. Was, wenn Teresa Recht hat? Was, wenn ich der Nächste bin? Wie viele Wochen habe ich dann noch? Wann wird ES sein? Wann werden SIE kommen?
* * *
„Mulder, Teresa Hosey ist ein völlig anderer Fall.“
„Ist er das?“
„Ich meine, Mulder.... Wir wissen nicht, was ihren Zustand verursacht hat. Wir kennen nicht die Gründe dafür, warum es ihr so schlecht geht. Es kann eine Virusinfektion sein, irgendetwas, schließlich ist ihr Immunsystem noch recht schwach. In dieser Zeit ist sie für so etwas sehr empfänglich.“
„Scully, sie hat die selben Erinnerungen, die selben Wahnvorstellungen wie ich. Sie träumt davon, wie sie sie holen, sie quälen.... Genau das selbe, was auch ich in letzter Zeit so oft geträumt habe! Es war, als hörte ich mich selbst reden! Scully, sie weiß, was mit ihr geschieht, sie weiß es! Und sie weiß, dass ich das selbe durchmache, es geht uns allen so. Und auch mir wird es schon bald so ergehen wie ihr, es ist nur eine Frage der Zeit...“
„Mulder wie kannst du so etwas sagen?“
„Du hättest sehen sollen, wie sie mich ansah, als sie sagte, dass sie auch mich holen werden! Als hätte es ihr jemand geflüstert! Wir alle sind von dem selben Schicksal betroffen, Scully....“
„Ich weigere mich, dass zu glauben, Mulder. Wie kannst du all das so bedingungslos glauben? Wir haben keinerlei Beweise für irgendetwas! Ja, ich weiß, dass es ihr sehr schlecht geht, aber du kannst nicht so gutgläubig und ignorant alles sofort auf dich beziehen, Mulder! Hast du dich überhaupt schon mal gefragt, wie ich mich dabei fühle, dich zu sehen, wie du dich aufgibst, obwohl es dazu nicht den geringsten Grund gibt? Wo ist dein forschender, hinterfragender Kopf, dein wacher Geist geblieben, den ich von dir kenne? Wo ist dein Starrsinn, deine Kontinuität, deine gottverdammte Hartnäckigkeit? Wie kannst du all das so zweifellos akzeptieren? Was geschieht mit dir? Wo ist der Mulder, den ich vor so vielen Jahren kennen und schätzen gelernt habe? - Ich kann nicht glauben, wie du so etwas sagen kannst, Mulder, zu mir! Ausgerechnet du! - Weißt du was? Ich werde es beweisen. Ich werde beweisen, dass all das nichts zu sagen hat, dass du leben wirst! Leben, verstehst du! - Mulder, ich werde nicht zusehen, wie du dich aufgibst, wie man dich ein zweites Mal unter die Erde bringt. Ich werde dich verdammt noch mal nicht sterben lassen, hörst du! ... Ich bin mir sicher, dass es für Teresas Krankheit eine Erklärung gibt.“
„Scully, ich – was machst du?“
„Ich fahre zurück zu Teresa Hosey. Ich werde sie untersuchen lassen.“
Ohne mir die Möglichkeit auf eine Antwort zu geben, verlässt Scully das Café und lässt mich als einzige Person in diesem Raum sitzen. Ich beuge mich nach vorn und ziehe ihren Stuhl, der mehrere Meter entfernt steht, zurück an den Tisch. Plötzlich ist alles still. Als ich mich umdrehe und zu der Frau hinter dem Tresen sehe, die mich mit großen Augen anstarrt, verharrt sie einen Moment und beginnt dann hektisch das Glas, welches sie in der Hand hält, zu polieren. Ich trinke den Rest meines schwarzen Kaffees und schlucke ihn widerwillig.
Er ist bitter.
* * * * * *
Wovor habe ich Angst?
Die letzten Monate waren so seltsam und voll von unerklärlichen Emotionen. Wie nah doch Schmerz, Liebe, Freude und Leid beieinander liegen können. Freude wird zu Leid, Liebe wird zu Schmerz.
Ja, ich habe Angst.
Wovor? Angst, vor der Wahrheit? Sie zu sehen, sie zu glauben? Angst davor, zu begreifen, was mit mir geschieht, es zu... wissen?
Ist es nicht egoistisch von mir, so zu denken? Geht es hier wirklich nur um mich?
Ich denke an Scully. Sie ist so stark. Sie ist immer die Stärkere von uns Beiden gewesen.
Es sind nur sehr wenige Momente, in denen ich Scully schwach und verletzlich gesehen habe. Das war zum einen die Zeit, wo sie Krebs hatte. Noch heute wird mir schlecht, wenn ich daran denke, dass ich gegen diese Bastarde, die ihr das angetan haben, nichts tun kann. Doch selbst in dieser Zeit kämpfte sie. Für sich, für uns, für die Wahrheit.
Scully zeigt sich in meiner Gegenwart nicht gerne schwach. Ich weiß nicht warum, und ich denke daran, wie oft Scully mich schon schwach, verletzlich und gebrochen sah.
Ich glaube, sie möchte mich beschützen. Aus irgendeinem Grund versucht sie mich vor ihrem Leid zu bewahren.
In der Antarktis war sie bewusstlos und ist beinahe erfroren. Doch ohne ihre Hilfe wären wir aus diesem Raumschiff – ich scheue mich nicht, im Gegensatz zu Scully, es als solches zu bezeichnen - nicht entkommen. Und wer war es, der mich am Ende wärmte und beschützte?
Scully.
Als Scully ein zweites Mal auf Donnie Pfaster traf – wieder wäre sie beinahe gestorben - , wer beruhigte am Ende wen?
Scully mich.
Und nun? Sieh dich an Mulder, was tust du hier. Sonnenblumenkerne essen und auf den Tod warten.
Und was macht Scully?
Sie geht durch diese gottverdammte Welt um für dich zu kämpfen.
* * *
Ich stehe auf der Straße, der Blick nach unten gerichtet, meine Hände in den Manteltaschen, in denen ich Sonnenblumenkerne, welche ich darin finde, greife und loslasse, greife und loslasse.
Ich frage mich, wo ich hin soll.
Sollte ich nicht handeln? Scully hinterherfahren? Ihr helfen, die Wahrheit zu finden? Etwas – tun - ?
Wo ist Scully eigentlich?
Ich wage es nicht, sie anzurufen.
Es ist immer wieder der selbe Ablauf. Anrufen oder nicht anrufen, anrufen oder nicht anrufen. Jeder von uns ist zu stolz, um den ersten Schritt zu tun, sich geschlagen zu geben .... Schwäche zu zeigen.
Anrufen oder nicht anrufen, anrufen oder nicht anrufen.
Schweigen hilft.
Denn wie ist es letztlich jedes Mal? Den nächsten Tag treffen wir uns im Büro und nach ein paar Minuten unangenehmen Befremdnisgefühls ist alles, wie es war. Wir versöhnen uns mental, nicht verbal.
Ich spucke die Schalen aus, die sich in meinem Mund gesammelt haben und nehme mein Handy aus der Jackeninnentasche.
Ich zeige definitiv öfter Schwäche.
* * *
Ich öffne die Tür meines Apartments und trete hinein. Hätte ich mir nicht denken können, dass sie ihr Handy ausschaltet? Es ist lang her, dass wir innerhalb eines solch großen Zeitraums nicht miteinander gesprochen haben. Und es fehlt mir jetzt schon.
Schwäche.
Es ist dunkel. Aus purer Gewohnheit finde ich den Weg durch den Flur zur Couch, welche durch das Licht des Aquariums einen bläulichen Schimmer hat.
Ich sehe keinen Grund, das Licht anzuschalten, und so lasse ich mich schwerfällig auf die Couch fallen. Seufzend blicke ich auf den kleinen Tisch rechts von mir, die goldene Buddhafigur, die mir einst Scully schenkte, das Aquarium, das darin schwimmende kleine Plastikufo, welches ich während einer unser Fälle in Wyoming in einem Supermarkt fand, und letztlich die Fische, wie sie in dem klaren Blau schweben. Ein Leben voller Leichtigkeit.
Ein Schriftsteller behauptete einmal, die Leichtigkeit des Seins sei unerträglich. Seufzend lege ich meinen Kopf nach hinten und schließe die Augen.
Wie kann Leichtigkeit unerträglich sein? Wie bezeichne ich dann mein Leben?
Ich kann nichts anderes, als dies zu bezweifeln. Andererseits: habe ich je diese Leichtigkeit verspürt? Wann habe ich je ein – unbeschwertes – Leben geführt? Wie kann ich wissen, dass es unerträglich ist? Wie kann ich wissen, dass es nicht so ist...?
Nachdenklich kippe ich zur Seite und drehe mich so, dass ich rücklings auf der Couch liege. Ich verschränke meine Hände hinter dem Kopf und schlage die Beine übereinander.
Ich will sie spüren. Ich will diese Leichtigkeit spüren. Einmal möchte ich leben, ohne nachzudenken, leben, ohne mich zu sorgen – einfach.... leben.
Ich will wissen, ob sie wirklich so unerträglich ist, diese Leichtigkeit des Seins.
Nach einer Weile drehe ich mich zur Seite und greife nach der Fernbedienung meiner Stereoanlage. Momentan bin ich nicht in der Stimmung auf Musik. Ich drücke den POWER-Knopf und das Radio geht - an - .
Die Musik kommt nicht aus meiner Anlage. Der Gewohnheit folgend blicke ich nach oben an die Decke.
„Lines on your face don’t bother me
Down in my chair
Where you dance over me
I can’t help myself
I’ve got to see you again.”
Doch die Musik kommt nicht von oben. Ich stehe auf und lasse mich von den Klängen leiten. Schon bald befinde ich mich an meinem Fenster, wo die Musik deutlich zu hören ist.
„Late in the night when I’m all alone
And to look at the clock
And to know you’re not home
I can’t help myself
I’ve got to see you again.”
Ich beuge mich über meinen Schreibtisch, öffne einen Spalt meiner Jalousie und sehe auf die Straße.
Vor dem Haus steht ein dunkelroter Wagen, sein Inneres ist beleuchtet. Die Scheiben sind heruntergekurbelt und ich erkenne einen schwarzen Ärmel, auf dem Lenkrad liegend. Einen Moment später bewegt er sich und ich sehe ein abruptes goldenes Blitzen, welches sogleich wieder verschwindet.
„But oh even though
I know where you’ve been
I can’t help myself
I’ve got to see you again.”
Scully?
In einer Schnelligkeit, die ich zeitlich nicht zurückverfolgen kann, befinde ich mich im Hausflur und gehe Richtung Aufzug. Ich weiß nicht, wie ich bis hierher gekommen bin, mir erscheint es wie ein Quantensprung oder der Verlust von Zeit oder Teleportation.
Einen Augenaufschlag später befinde ich mich vor meiner Haustür, wo mich etwas, was ich nicht zu beschreiben weiß, in diese Zeit zurückholt und mich abrupt zum Stehen bringt. Vor mir befindet sich der rote Wagen, den ich zuvor aus meinem Fenster erblickte. Doch die Musik ist verschwunden.
Ich beuge mich nach unten um durch die Scheibe in das Auto zu sehen.
Blaue Augen starren mich an und lähmen mich wie ein Blitzschlag. Die Spannung durchfließt meinen Körper, dringt durch die Augen in meine Haut, meine Adern, mein Blut. Erneut ist es das Gefühl von Zeit, welches mir fehlt, um einschätzen zu können, wie lang ich in dieser Position verharre.
Das Blitzen, welches ich in Scullys Augen sehe ist unheimlich und ich kann es nicht deuten. Zu kurz ist der Moment bevor sie ihren Kopf erneut dreht und nach vorn sieht. Ich verliere das Gefühl der Lähmung und trete einen Schritt nach vorn, um die Tür zu öffnen und einzusteigen. Erneut sieht mich Scully an, und diesmal erkenne ich ein schwaches Zucken in ihren Mundwinkeln. Gerade in dem Moment, wo ich die Tür öffnen möchte, höre ich den angehenden Motor, sehe, wie sich das Auto nach vorn zu bewegen beginnt und spüre, wie der Türgriff aus meiner Hand gleitet.
Nach einem Moment des Zögerns oder der Verwirrung oder Beidem, ich weiß es nicht, suche ich nach meinem Auto, finde es auf der gegenüberliegenden Seite, steige hinein und verfolge die roten Lichter, die leise am Horizont verschwimmen.
* * *
* * *
In Georgetown angekommen ist plötzlich alles wie an jedem anderen Tag. Ich parke meinen Wagen neben dem roten Ford von Scully, steige aus dem Auto und öffne die Haustür. Alles scheint gewöhnlich. Doch ist es das?
Bilde ich mir etwas ein? Mache ich mir etwas vor?
Ich stehe vor Scullys Tür, und ich - klopfe -
In dem Moment öffnet sich die Tür einen Spalt und ich stelle fest, dass Scully die Tür nur angelehnt hat. Sehr langsam beginne ich, die Tür mit meiner rechten Hand zu öffnen, noch langsamer trete ich in ihre Wohnung. Ich schließe die Tür hinter meinem Rücken und schaue nach links in ihre Küche.
[Hold still, Mulder - This should just about - I see why you gave up a career in medicine for the FBI, Scully - You`ve got - manos de piedra - Imagine if he`d really connected - Who? - Billy Miles - Oh, don`t tell me - alien - Same thing happened to you - Same thing - would`ve - happened to me if I`d been - left alone - If Scully hadn`t treated me - And what were you doing there? - Looking for - answers - To what? - One of those doctors - your doctor - I just need to know that this baby of yours is going to be - all right...]
An dem Tisch sitzt Scully vor einer großen Glaskanne und zwei Gläsern, eines links, eines rechts, dort wo sie sitzt. Sie sind mit etwas gefüllt, was ich auf den ersten Blick erkenne:
Eistee.
Ihre Jacke hat sie über den Stuhl gehangen, in ihrer weißen Bluse sitzt sie an dem Tisch, den Blick nach unten gerichtet, der rechte Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt, ihr linker Zeigefinger nachdenklich entlang des Glasrandes streichend. Rechts herum, Pause, links entlang. Rechts -
Als sie merkt, dass ich in ihrem Wohnzimmer stehe und sie ansehe, blickt sie von dem Glas herauf zu mir.
Die Lähmung, sie setzt wieder ein.
„Hh - Hi.“ Meine Stimme ist schwach.
„Hi.“ Sie lächelt mich an. Da ist es, das Befremdnisgefühl, und ich muss schmunzeln, jedoch ohne die geringste Spur von Humor in meiner Stimme.
Ich löse mich aus meiner angespannten Haltung und richte den Blick von meinen Füßen auf Scully. Wir sehen uns an und eine Weile lassen wir unsere Augen sprechen. Scully ist es, die unsere visuelle Unterhaltung schließlich beendet, indem sie ihre Augen von meinen löst und ihren Blick zu den Gläsern richtet:
„Die Eiswürfel beginnen zu schmelzen.“
* * *
Es ist 3 Uhr in der Nacht und wir sitzen seit einer Stunde an Scully’s Küchentisch, umgeben von einem gelben Kegel aus Licht, der Rest des Raumes in Dunkelheit gebadet.
Rechts herum, Pause, links entlang.
Es ist still. Ich höre nichts als das leise Atmen Scully’s und das rhythmische Schlagen des Astes, der durch den Wind an Scully’s Fenster schlägt. Sturm erinnert mich an Friedhöfe. Und Friedhöfe erinnern mich an nichts Gutes.
Rechts herum, Pause, links entlang.
„Scully, was ist mit Teresa Hosey geschehen.“
Ich höre sie schlucken, zwei mal. Ich fühle ihren warmen Atem, spüre ihn wie einen zarten Flügelschlag auf meiner Haut. Ich sehe ihre Worte, wie sie beginnen, die Luft zu füllen.
„Mulder“, ein Flügelschlag unterbricht sie und die Berührung ist Balsam auf meiner Haut, „wie soll ich es sagen... Ich ließ sie unter - und... Ich glaube nicht, dass - Mulder, sie hat - “
„Aaargh!“
„Mulder!“
Weiße und gelbe Blitze durchzucken meinen ganzen Körper, Worte verhallen wie ein Echo, Bewegungen verflüchtigen sich im Dunkeln, plötzlich sehe ich nichts weiter als helle Lichtimpulse und die Schmerzen beginnen. Bohren, Zerren, Schneiden – oh – Gott. Mir wird schlecht. An, aus, hell, heller, dunkel, an - Ich verliere die Orientierung, vor meinen Augen sehe ich nichts als ein Meer aus Lichtern. Ich muss in der Hölle sein. Bohren. Zerren. Ich höre einen Schlag, er ist dumpf. Für einen Moment verschwindet das Meer an den Horizont der Ungewissheit, dann kehrt das Rauschen zurück. Mein Kopf. Bitte – nicht. Meine Lippen schmecken salzig. – Er – Nein! - Ich kann mich nicht bewegen, die Gifte des Meeres - lähmen mich – Tests – Wo kommen all die Stimmen her? – Öffnet den – Sarg - Alles ist hell, wo bin ich? Impulse durchbohren meinen Körper, tausende Nadelstiche rauben mir meine Sinne. DAS hat nichts mit Leben zu tun. – Licht – Lange Hände greifen nach mir, fassen mein Gesicht – Nein!! – Diesmal ist meine Faust schneller und treibt die kalten Finger von mir – Licht – ich schlage, schlage und schlage – nie mehr, nie mehr! Keine langen Finger, nie mehr! – Licht – nie mehr Tests! Nie mehr Schmerzen, nie mehr Stimmen! Nie mehr..... –
Das bittere Rauschen verhallt in meine Ohren und ich empfange die Dunkelheit, die mich leise ummantelt.
Das ist das Ende.
* * *
Ist das Leben unendlich?
* * *
Licht.
Das ist nicht das Ende.
Wärme.
Mein schmerzender Hinterkopf erinnert mich unsanft daran.
Mit all meiner Kraft, die ich aufbringen kann, öffne ich meine schweren Augenlider. Sie brennen. Ich brauche eine Minute, um aus der Unschärfe meiner Augen die Lampe über mir zu erkennen. Das helle Licht blendet mich. Es erfordert noch mehr Kraft, sie offen zu halten, um feststellen zu können, dass ich auf dem Boden liege. Meine Beine sind ausgestreckt und mein Oberkörper leicht aufgerichtet. Etwas hält mich. Ist es Scully’s Küche?
„Mulder.“
Etwas Kaltes, Feuchtes streicht entlang meiner Stirn und verursacht erneut schmerzhafte Impulse in meinem Kopf. Im Kontrast dazu steht die Wärme, die ich an meiner linken Wange spüre und kurz darauf ein sanftes Streichen und Kreisen entlang meiner Haut. Wo bin ich?
„Mulder.“
Die Berührung ist sanft und warm und zart, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings.
„Bitte.“
Eistee. Scully. Ihre Küche. Ich beginne, mich zu erinnern. Etwas Feuchtes tropft auf meine rechte Wange und lässt mich zusammenschrecken. Tropf. Ich spüre die Träne entlang meiner Wange nach unten rollen; entlang meines Mundwinkels, hinunter entlang meines Kinns malt sie ihren salzigen Weg.
Sehr langsam und mit all meiner Kraft, die ich noch übrig habe, hebe ich meinen Kopf. Über mir gebeugt befindet sich Scully, ihre roten Haare fallen in ihr Gesicht und ihre dunkelblauen Augen ändern ihren Ausdruck völlig, als ich sie ansehe.
„Mulder.“
„ ’I love the way you say my name, ooh, scream it louder, babe…’ “
Einen Moment höre ich, wie sie schockiert den Atem anhält, doch als ich meine Lippen zu einem Grinsen forme, atmet Scully auf: ‚Mulder, das ist nicht lustig.’
Ich schaffe es, mich aufzurichten. Der Druck in meinem Kopf ist stärker als je zuvor, doch ich führe die Bewegung weiter, stütze mich auf meine rechte Hand und sehe sie an.
„Scully – “ Sie bewegt ihren Kopf nach oben um mich anzusehen und das Licht der Lampe beginnt langsam ihr Gesicht zu enthüllen. Ihr Anblick jagt einen erneuten Kälteschock durch meinen Körper und ich habe das Gefühl, auf der Stelle zu erfrieren.
„Scully, was....?“
„Es ist nichts, nur eine Prellung. Sie wird verheilen. Ich habe keine Schmerzen, Mulder, mir geht es
gut.“
Ihre gesamte rechte Gesichtshälfte ist blau-violett-rot gefärbt und ich erkenne mit bloßem Auge, dass sie geschwollen ist. Was hat sie getan? Ihr Anblick lässt meine Augen feucht werden und ich spüre einen unangenehmen Kloß in meinem Hals, den ich nicht runterzuschlucken vermag.
„Scully...... um Gottes Willen, was ist passiert?“
„Hier geht es nicht um mich, Mulder, wichtiger ist, wie es dir geht. Ich bin okay.“ Ihr Ton ist bitter. Erneut hält sie mir den kalten Waschlappen an meine Stirn, wischt mit ihm entlang meiner linken Wange, meiner rechten Wange, über meine Stirn, dann wringt sie ihn aus und in dem Moment, wo sie ihn erneut auf meine Stirn legen will, hält sie inne.
„Mulder, du bist gefallen. Der Stuhl..... du griffst dir an die Schläfen, drehtest deinen Kopf hin und her, und dann bist du.... gefallen. Es ist nur eine Prellung, keine Platzwunde, aber....,“ besorgt sieht sie mich an, „Mulder, was siehst du?“.
Nach einem Moment des Schweigens schüttele ich leicht meinen Kopf. „Scully, ich möchte wissen, was mit deinem Gesicht passiert ist. Ich meine, wie konnte das geschehen?“ Ihr Blick richtet sich nach unten und ihre Verletzung verschwindet erneut in den dunklen Schatten der Ungewissheit. Die Frage ist ihr zutiefst unangenehm, ich sehe es an ihrem Gesichtsausdruck, der sich mir trotz der Schatten offenbart wie ein aufgeschlagenes Buch, so wie es immer war. Ich lese Bitterkeit, Verzweiflung, und Ratlosigkeit. Keine Stärke. Nur tiefste Verletzlichkeit.
Ich fasse ihr Gesicht mit meinen Händen und richte es auf mich, so dass sie mich ansieht. Ihr Blick bricht mir das Herz.
„Scully, wer hat dir das angetan? Wer?“ Sie schweigt. „Scully wer?“ Sie schluchzt. „Scully....“ Auf einmal trifft mich der Gedanke wie ein Blitzschlag. „Scully, bin ich es gewesen?“
Ihr Gesicht gleitet aus meinen Händen und fällt auf meine linke Schulter.
Wie Wolken des Regens entlädt sie sich ihrer Tränen, die sich auf meiner Schulter ergießen.
* * *
„Gehirnschlag.“
„Hm?“ Ich löse meine Stirn von ihrer und sehe sie fragend an.
„Teresa Hosey starb an einem Gehirnschlag, Mulder. Als ich zu ihr kam war sie bereits tot.“
Oh Gott, nicht sie. Warum? Warum quält ihr sie, schickt sie zurück, gebt dieser jungen Frau Hoffnung auf ein Leben, und lasst sie dann sterben, ihr Bastarde? Warum? Ein Gefühl tiefer Ernüchterung überkommt meinen Körper. Ihr fühlt euch wie Götter, oder? Über Leben und Tod zu bestimmen, als wäre es eine Art Schachspiel! Dabei seid ihr nichts weiter als lächerliche Bastarde. Wüsste ich nicht, dass das, wo ihr herkommt, bereits die Hölle ist, würde ich euch wünschen, ihr würdet in ihr verbrennen. Ein langsamer, dahinschleichender Tod, wie wäre das? Schach Matt!
Mein Hals ist trocken und ich schlucke die heiße Wut hinunter, die meinen Körper anfühlen lässt, als wäre er mit Glut gefüllt.
„Scully, es gibt etwas, was ich dir nicht gesagt habe. Und ich wünschte, du würdest es nie erfahren.“ Langsam richte ich meinen Blick auf sie und sehe ihre verwunderten Augen und ihre schwarzen Pupillen, die sich weiten, als sie mich ansieht. Ihre Stimme ist leise und schwach, als sie mir antwortet. „Was, Mulder?“
Erneut schlucke ich schwer und habe dabei das Gefühl, meine eigenen Worte zu verschlucken. Nach einer längeren Pause sehe ich ihr erneut in die Augen, die mich erwartungsvoll ansehen, und verankere mich in ihnen - mögen sie mir die nötige Kraft geben, um das hier zu überstehen.
„In meinem Kopf ist ein Chip. Ein Implantat extraterrestrischer Herkunft. Sie haben es uns eingepflanzt, um so unsere Gedanken kontrollieren zu können. Sie können unser gesamtes Verhalten kontrollieren, sie wissen wo wir sind, wohin wir gehen, was wir machen. Sie haben die Kontrolle über alle von uns. Sie bestimmen über Leben, sie bestimmen über Tod. Sie geben uns Krankheiten, sie können uns heilen. Es liegt in ihrer Hand.“
Mit offenem Mund und einem Ausdruck völliger Fassungslosigkeit sieht sie mich an. In ihren Augen sehe ich, wie sie versucht, das Gehörte zu verarbeiten, doch es wird ihr nicht gelingen. Ich beobachte ihr Schweigen, wie ihr Gehirn versucht, eine Antwort zu finden. Sie tut mir so leid.
Ihre Worte gewinnen nur langsam an Stimme und Volumen als sie beginnt, mir fragmentartig zu antworten.
„A-Aber...... Mulder ich – Mulder ich glaube das nicht. Ich habe dich untersucht, ich habe dich röntgen lassen und ich – ich konnte kein Implantat finden, Mulder. Es – “
„Scully, es ist da. Es sitzt mitten in meinem Gehirn. Ich konnte hören, wie sie kamen und es mir einsetzten. Sie platzierten es so zwischen beiden Gehirnhälften, dass man es nicht finden kann, und so, dass ein chirurgischer Eingriff, um es zu entfernen, zum sofortigen Tod führen würde.“
„Mulder, w- “
„Gedankenlesen. Ich las ihre Gedanken. Lese. Immer, wenn ich es tue, versetzen sie mir die Flashbacks, indem sie das Implantat mit Impulsen stimulieren.“
„Aber warum tust du es dann?“
„Ich kann es nicht kontrollieren. Die Gedanken kommen unerwartet, ohne, dass ich es will. Ich kann es nicht beeinflussen. Das ist mein Verhängnis. Die Flashbacks werden erst dann aufhören, wenn ich nicht mehr Gedankenlesen kann, und dies wird erst aufhören, wenn ich das Implantat nicht mehr in meinem Gehirn habe. Doch ohne das..... werde ich sterben.“
Bei aller Fassungslosigkeit, die Scully übermannt hat, ist das tiefe Einatmen und das noch intensivere Ausatmen, bei welchem ich Worte vernehme, denen ich keinen Sinn zuordnen kann, das Einzige, was über ihre Lippen nach Außen strömt.
Sie kann mir nichts entgegnen, da sie weder Beweise noch Gegenargumente hat, um diese Tatsache zu entkräften. Weil sie weiß, dass es die Wahrheit ist. Ich habe ihr ihren Glauben genommen und ihn mit meinem Glauben konfrontiert. Die Wahrheit, die in mir steckt, hat ihn ersetzt. Sie ist nicht irgendwo da draußen, sie ist in mir. Möge es uns beiden helfen, um in dieser Hölle zu überleben.
Ich blicke zu Scully und erneut beginnt ein bitterer Pfropfen, meinen Hals unangenehm zu blockieren. Mit meiner Hand berühre ich ihre rechte Gesichtshälfte, doch schon die zarteste Berührung lässt mich erschaudern bei dem Gedanken, sie könnte Scully Schmerzen zufügen. Federähnlich lasse ich meine Fingerspitzen entlang ihrer Haut gleiten, vorsichtig untersuchend, besänftigend, in kreisförmigen Bewegungen eine Entschuldigung auf ihre violett gefärbte Wange zeichnend.
Ihre großen dunkelblauen Augen verfolgen den Weg meiner Augen, Faszination, Verzweiflung, Schmerz, Ratlosigkeit und so viele Fragen spiegeln sich in ihnen wieder. Einen Moment scheinen sie zu vibrieren, dann werden ihre Augen erneut von einem salzigen Schimmer benetzt.
„Es tut mir leid, es tut mir so leid.“ Tränen rinnen über meine Finger, meinen Handrücken, hinunter entlang meines Arms. „Es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir leid.“ So zärtlich, wie ich es nur sein kann, küsse ich ihre heißen Augenlider, ihre feuchten, mit Salz getränkten Wimpern. „Es tut mir leid.“ Ich küsse die Träne, die entlang ihres linken Nasenflügels rinnt, die violett gefärbte Wange. „Es tut mir so leid.“ Ich küsse den linken Winkel ihres weichen Mundes, den zarten Bogen ihrer Oberlippe. „Es tut mir...“, ich lege meine Lippen auf ihre, „so leid...“.
Ihre Handflächen bedecken mein Gesicht und sind besänftigender als alles, was ich je erlebt habe. „Ich weiß, Mulder, ich weiß...“ Ihr weicher Mund küsst meine Oberlippe, meine Unterlippe, meine Zungenspitze, was meinem Körper schockartige Impulse versetzt. „Ich weiß...“.
Hinter der harten, kühlen Fassade verbirgt sich ein so zarter, weicher Kern; gefühlvoll, verletzlich, menschlich. Ich sehe es als Geschenk, Scully so sehen zu dürfen. Und doch fühle ich mich schuldig. Indem sie sich mir in ihrem ganzen Wesen offenbart, bietet sie mir eine noch größere Angriffsfläche für Dinge, bei denen ich wünschte, sie würde sie nie erfahren. Und doch bin ich es doch, der dafür verantwortlich ist, dass sie diese Dinge überhaupt erfahren hat. Acht Jahre lang. Acht lange Jahre. Seit acht Jahren hört sie mir zu, was auch immer ich ihr erzählte, offenbarte oder anvertraute. Unmengen stauten sich hinter dieser Fassade an, unerwähnt, unbemerkt. Für eine lange Zeit hatte ich keine Vorstellung darüber, was hinter dieser Wand geschah. Jetzt, wo ich es weiß, habe ich Angst, Risse verursacht zu haben, die nicht mehr zu kitten sind.
Wenn ich ihr nur zeigen könnte, wie leid mir das tut.
In einer kurzen Bewegung hebe ich Scully über mich in meinen Schoß, ihre Beine legen sich locker um mich. Die Reaktion meines Körpers auf ihre Bewegungen ist überwältigend und ich beginne, die Kontrolle über ihn zu verlieren. Scullys warmen Hände streichen entlang meiner Wangen, hinauf zu meinen Haaren, hinunter entlang meines Halses zu meinen Schultern. Ihre Berührungen sind wie Sonnenstrahlen, die Licht in diese Schattenwelt bringen und unsere Tränen versiegen lassen.
Ihre Bluse öffnend, antworte ich ihr in der Sprache des Küssens.
Ihre Hand für die Achtung.
Ihre Stirn für Freundschaft.
Auf ihre geschlossenen Augen für die Sehnsucht.
In ihre hohle Hand Verlangen.
Ihren Arm, ihre Schulter, ihren Nacken. Begierde.
Auf ihren Mund Liebe.
Scullys Beine umfassen mich fester und sie beugt sich näher zu mir. Mein T-Shirt befindet sich nicht länger an meinem Körper. Sie beginnt mich zu küssen; auf meinen Mund, meinen Hals, meine Schulter und dann an Orte, an denen ich es noch nie erlebt habe, geküsst zu werden. *Raserei*
In diesem Moment gibt es nur uns und unsere Küsse. Wir kommunizieren mit ihnen: Ich brauche dich. Ich bin hier, Mulder. Verlass mich nicht. Niemals, Mulder. Es tut mir so leid, Scully. Ich weiß. Ich möchte dich, mehr als alles andere, möchte dich spüren. Hier, jetzt, auf mir, mit mir, verstehst du. Für immer, Mulder. Lass mich nie mehr los. Nie. Ich liebe dich, vergiss das nie. Ich liebe dich auch. Mehr als das, das weißt du. Ja. Küss mich, oh bitte küss mich.
Lust wird zu Begierde, Begierde zu Verlangen, Verlangen zu Raserei.
Meine Küsse pflanzen rot glühende Flammen auf ihre blanke Haut, meine Hände malen silbern funkelnde Blitze auf ihrem Weg vom Schlüsselbein entlang ihrer zarten Brüste, die Rundung hinab streichend zu ihrem Bauchnabel, weiter, immer weiter, bis die Funken sich im ganzen Raum verteilen.
Werde ich je genug davon bekommen?
Ich möchte nicht, dass mein Leben ewig ist, aber es gibt Momente, die sollten unendlich sein. Eine kleine Lücke in der Zeit, ein Moment, in dem es keine Zeit gibt. Nur Scully, mich und der Segen des Augenblicks. Die Leichtigkeit des Seins. Uns.
Anfangs dachte ich, es wäre mein Abdriften in die Gedankenwelt, was um mich alles ruhig werden ließ, doch nun merke ich, dass es tatsächlich still ist. Alles, was ich höre, ist das leise Summen des Kühlschranks, der sich hinter mir befindet. Verwundert sehe ich zu Scully hinunter. Wie erfroren sitzt sie auf mir, ihre Position jedoch ist unverändert: Ihre Beine um meine Hüfte geschlagen, ihre Arme meine Taille umfassend. Ihr Blick jedoch ist nach unten gerichtet, starr und ins Leere blickend. Es ist beinahe so, als würde sich ihre Seele woanders befinden; nur die Hülle, ihr lebloser Körper, ist das, was sich noch in dieser Küche befindet. Ich kann mir ihren Zustand nicht erklären, doch es macht mir Angst. Besorgt fasse ich sie an ihren Schultern, eine Reaktion erhoffend.
„Scully?“
Langsam gewinnt ihr Körper an Beweglichkeit und sie richtet ihren Kopf zu mir nach oben. Erneut schlucke ich schwer und versuche vergebens, die Trockenheit meines Mundes zu überwinden, als mich Scully mit ihrem furchtbar geschundenen Gesicht ansieht. Ihre Augen sind verschleiert, zitternd und ins Leere blickend. Ich beginne, ernsthaft Panik zu bekommen.
„Mulder ich.... fühle mich nicht gut...... mein Atem ist schwach..... ich kriege kaum Luft, ich.... Mulder, alles ist weiß.......kann nicht mehr.........atmen.....Mul – “
Und dann kehrt die Stille zurück, als Scully zusammensackt, aus meinen Armen gleitet und lautlos zu Boden sinkt.
Aus ihrer Nase läuft Blut.
* * *
Was ist Zufall? Was Schicksal?
* * *
Der elende kleine Schweinehund sitzt mal wieder in einem Krankenhaus, weil er *mal wieder* das Leben seiner Partnerin zur Hölle gemacht hat.
[„Was glauben Sie damit zu finden? Kleine grüne Aliens? Lassen Sie sie in Würde sterben.“]
Ich schlürfe aus dem braunen Plastikbecher, welcher mit schwarzem Kaffee gefüllt ist. Er ist wässrig, kalt und frei von jeglichem Aroma. Der „Geschmack“ holt mich zurück in die Wirklichkeit und ich erinnere mich, wo ich bin. Soeben erlebe ich mein drittes Déja-Vu. Wie oft habe ich schon in diesem Krankenhaus gesessen, in diesem Gang, auf diesem Stuhl? Jedes Mal, wo ich mich frage, ob ich die einzige Person in diesem Krankenhaus bin. Jedes Mal, wo ich mich frage, ob es hier immer so still ist. Jedes Mal, wo ich mich frage, ob Zeit manchmal langsamer vergeht als sonst.
Jedes Mal, wo ich mich frage, ob Scully leben wird.
Da der Kaffee seine Funktionen nicht erfüllt, sind meine Hände nach wie vor eiskalt.
Ich kann mich kaum erinnern, wie wir in dieses Krankenhaus kamen. Es ging zu schnell. Während ich Scully auf meinen Armen die Treppe hinunter zum Auto trug, knöpfte ich spärlich ihre Bluse zu, während ich den Zündschlüssel drehte, zog ich mir mein Shirt über den Oberkörper. Wie gebannt sehe ich mich auf die rot leuchtende Schrift starren: WASHINGTON MEMORIAL HOSPITAL. Ich fahre schneller, immer schneller, sehe die Schrift näher auf mich zu kommen; schneller, immer schneller. Panik äußert sich in der Kraft meiner Füße, wie sie auf das Gaspedal treten. Immer schneller. Ich blicke auf meine Hände, die auf meinem Schoß liegen. Sie sind immer noch rot angelaufen, so sehr habe ich mich in das Lenkrad gekrallt. Ich kann mich nicht auf die Straße konzentrieren, zu sehr bin ich mit Scully beschäftigt; sehe besorgt zu ihr hinüber, jedes Mal betend, nicht einen neuen Strahl aus ihrer Nase laufen zu sehen. Ich sehe auf die Straße, WASHINGTON MEMOR – blicke zurück zu ihr, fühle ihren Puls, streiche ihre Wange, blicke auf die Straße – EINGANG NOTAUFNAHME. Ich sehe mich, wie ich sie aus dem Auto hebe und zum Eingang trage. Puls fühlen, Wange streicheln. Ein Kuss. Ich höre mich Leute anschreien. So helfen sie ihr doch, verdammt noch mal! - Wer zur Hölle interessiert sich hier für eine bewusstlose Patientin? – FBI, lassen sie mich durch – Kann mir hier i-r-g-e-n-d-j-e-m-a-n-d helfen? Jemand nimmt sie mir aus meinen Armen. Ich höre Fragen über Fragen, sie klingen schwammig und so fern. Ja. Nein. Ich weiß es nicht. Was? Warum? Nein. Ja.
Verzweifelt versuche ich mich an Momente außerhalb der Zeit, in der Scully Krebs hatte, zu erinnern, wo ihre Nase blutete. Mir fallen keine ein.
Es ist unmöglich. Absolut unmöglich. In Scullys Nacken befindet sich nach wie vor der Chip. Durch seine Entnahme bekam sie den Tumor, durch das Wiedereinsetzen bildete er sich wahrscheinlich zurück. Es ist unmöglich. Jeder hat mindestens einmal in seinem Leben normales Nasenbluten. Gott, ich höre mich an wie Scully.
Manchmal glaube ich, meine Illusionen verschleiern mir den Blick auf die Wahrheit. Vielleicht will ich sie auch gar nicht wissen.
Bin ich allein in diesem Krankenhaus? Warum ist es so verdammt still hier? Ich sehe auf die Uhr. Es ist 5.32 Uhr. Manchmal habe ich das Gefühl, Zeit vergeht nicht. Wie lang ist Scully schon in diesem Zimmer? Wann werde ich endlich erfahren, was mit ihr los ist? Was, wenn –
„Ich sage ihnen nochmals, dass wir ihnen empfehlen, für einen Tag im Krankenhaus zu bleiben, nur um sicher zu gehen.“ „Danke, aber das wird nicht nötig sein. Mir geht es gut.“ „Sie haben viel Blut verloren und wir können alle froh sein, dass sie und ihr Baby noch am Leben sind.“ „Ich weiß, aber jetzt geht es mir wieder gut, wirklich.“ „Einverstanden. Dennoch gebe ich ihnen den Rat, sich vorerst von ihrem Partner fernzuhalten.“ „Ich sagte ihnen doch, dass – “ „Hey.“ „Mulder... hey.“
Scully sieht mich an und zum ersten Mal seit langer Zeit sehe ich sie wieder lachen. Sie ist immer noch blass und ihre rechte Gesichtshälfte von einer violetten Farbe überzogen, doch der Ausdruck in ihren Augen ist positiv und warm. Die Wärme überflutet mich und löst die Lähmung meines Körpers und meiner erstarrten Wangen, so dass auch ich lächle. Die Ärztin sieht mich skeptisch an; sie versteht nicht, was mit uns geschieht.
„Lass uns gehen, Mulder.“ Scully gibt der Ärztin ihre Hand, ich danke ihr. Zusammen gehen wir durch den langen Flur und ich werfe einen Blick auf den Stuhl, wo ich zuvor gesessen habe. Am Ausgang zerknülle ich den Plastikbecher in meiner rechten Hand und werfe ihn beschwingt in den Mülleimer neben mir.
Sie lebt.
* * *
Es dämmert bereits, als wir zur Tür hinaus ins Freie treten. Die letzten Sterne schmücken den hellgrauen Himmel, bis auch sie schließlich vom Licht verschluckt werden. Für eine Zeit tauchen sie ab ins Dunkle, für unsere Augen unsichtbar, unauffindbar, fern. Weg vom Licht, in eine andere Welt, die wir nur allzu wenig verstehen. Irgendwann dann, manchmal früher, manchmal später, tauchen sie wieder auf aus ihrer Welt. Unverändert, leuchtend und mit neuer Energie. Alles kehrt an seinen Platz zurück, alles ist, wie es war. Doch ganz tief im Dunkeln explodieren manchmal auch Sterne. Zeit bestimmt ihr Schicksal, welches unaufhaltbar ist. Tick. Tick. Mit all ihrer Kraft bäumen sie sich ein letztes Mal auf, werden größer und leuchtender. Manche werden noch größer, manche noch leuchtender. Tick. Bis ihre Zeit gekommen ist.
Sie kehren nicht zurück.
Was bleibt, ist die Erinnerung an sie. Manche hinterlassen ein Leuchten. Manche ein tiefes, schwarzes Loch. Doch eins hinterlassen sie alle: Unendliche Stille.
* * *
„Mulder? Mulder!“
„Hm? Oh – Scully... Was ist los?“
„Mulder, du starrst seit Minuten in den Himmel, ich war mir teilweise nicht mehr sicher, ob du überhaupt noch atmest!“
„Ich, uhm, ich habe nur nachgedacht...“
Manchmal glaube ich, ich denke zu viel.
Eine kalte Brise rüttelt mich aus meinen Gedanken und ich bekomme eine Gänsehaut auf den Armen. Ich hatte vergessen, dass ich nach wie vor nur ein T-Shirt anhabe. Inzwischen ist es fast taghell und die letzten Sterne sind verschwunden. Mein Kopf schmerzt. Ich blicke zu Scully hinunter und sehe, wie sie meinen rechten Arm hält. Skeptisch sieht sie mich an. „Alles okay, Mulder?“ „Hey, sollte ich dich das nicht fragen?“ Wir lächeln uns an. Es ist ein trauriges Lächeln, ein ungewisses.
„Du schuldest mir einen Orgasmus, Scully...“ Einen Moment lang sieht sie mich an mit einem Blick, der so typisch Scully ist. Ihre rechte Braue zieht sich nach oben, ihre Augen betrachten mich prüfend. Es ist der Blick, den sie gegenüber anderen verwendet. Er signalisiert Skepsis, Warnung und Diskretion. Kurzzeitig glaube ich, die Wand beginnt sich erneut vor mir aufzubauen, doch dann verweichlichen sich ihre Züge und sie lächelt mich an. „Hier, oder wollen wir warten, bis wir zu Hause sind...?“ Ich beginne, laut zu lachen. Scullys Humor ist selten, doch wenn er an die Oberfläche tritt, ist er einzigartig, in seiner Art absolut überraschend und einfach wunderbar. Ich erinnere mich an Tage beim FBI, wo dies das einzige war, was mich am Leben hielt.
Ich drehe mich zu Scully und nehme sie in meine Arme. Ich höre sie in meine Brust seufzen, während ich mein Kinn auf ihren Kopf lege, ihre Haare streichle und dabei tief ausatme. „Ich habe mir Sorgen um dich gemacht, Scully.“ „Sollte ich das nicht sagen?“ Ich fasse Scully an ihrer Taille, so dass sie mich ansieht. „Scully, was war das? Es ist nicht – “ „Eine Art kardiogener Schock, Mulder. Herz-Rhythmusstörungen hervorgerufen durch einen überhöhten Ausschuss von Stresshormonen im Zustand starker Reizüberflutung. Durch meine Schwangerschaft kam es zu einer Überreaktion, die letztlich zur Bewusstlosigkeit führte.“ Ein leises „oh“ ist das einzige, was ich darauf sagen kann. „Aber das Blut, was aus... deiner Nase lief - was hatte das Nasenbluten zu bedeuten?“ Mein Herz zieht sich zusammen und verursacht einen unangenehmen Schmerz in meiner Brust. Möchte ich es überhaupt wissen? „Das...“, sie atmet tief aus und betrachtet mich mit einem Mix aus Enttäuschung und Resignation, „konnten mir die Ärzte nicht sagen. Sie meinten, es passe nicht zu dem eigentlichen Krankheitsbild, und gingen so von einem Zufall aus.“ „Aber du glaubst das nicht.“ „Ich weiß nicht, was ich glauben soll, Mulder. Erst dein Zusammenbruch und jetzt dieser Kollaps von mir...“ Erneut seufzt sie, ihr Blick schweift in die Ferne. „Das Baby... was ist mit dem Baby?“ „Unserem Baby geht es gut. Ich habe alles durchchecken lassen. Ein paar Minuten später jedoch, und alles.... hätte anders ausgehen können...“ Ihre Stimme ist fest und gefasst wie immer, doch als ich sie ansehe, merke ich, wie sie mit den Tränen kämpft. Ich nehme sie erneut in meine Arme und höre ihren warmen Atem meinen Hals streifen. Ihren Kopf küssend flüstere ich in ihre Haare: „Zusammen werden wir die Wahrheit finden, Scully.“
Über unseren Köpfen prangt die morgendliche Sonne und wärmt uns beide mit ihrem gleißenden Licht. Um uns herum höre ich die Sirenen von Krankenwagen, etwas weiter entfernt die Motoren der ersten Autos. Das Rascheln von Blättern, Vogelgezwitscher. Am Horizont glaube ich leise, flüsternde Stimmen zu hören, immer mehr werden es, immer lauter werden sie.
Sie lachen mich aus.
* * *
Sprechen nur wir zu Gott, oder spricht er auch zu uns?
* * *
In Scullys weichem Bett liegend, zwischen großen Kissen gebettet, von angenehmen Düften umgeben, in einem Zimmer von Sonne durchflutet träumend, kommt mir die Welt für einen Moment fast wie ein friedlicher Ort vor. Für einen Augenblick glaube ich tatsächlich, sie zu einem besseren Platz gemacht zu haben, doch dann denke ich an den Teufel vor dem Haus, der nur darauf wartet, erneut Einlass zu bekommen.
Das Leben ist eine große Illusion. Wir arbeiten, heiraten und haben Kinder, glauben, glücklich zu sein. Wir klammern uns an das Alltägliche und sind *glücklich*. Ein Gefühl von Sicherheit und Zuversicht umgibt uns. Leichtigkeit, Einfachheit. Wir beten zu Gott, ohne zu wissen, ob er überhaupt existiert. Wir halten uns fest an einem imaginären Glauben, in der Hoffnung, er möge uns Kraft schenken und mit einem besseren Leben im Jenseits auf uns warten. Würden wir auf all diese Dinge keinen Wert mehr legen, wenn wir wüssten, dass es dieses Jenseits nicht gibt, dass es keinen Gott gibt? Würden wir ein Leben führen, kraftlos, leer, unbestimmt und ungewiss?
Ich denke definitiv zu viel.
Es ist 9.00 Uhr am Morgen und ich bin müder als je zuvor. Die Ereignisse der letzten Nacht durchfluten intervallartig meinen Kopf, gefolgt von einer Reihe großer Fragezeichen.
Das Leben ist nicht länger leicht.
Scully kommt in das Schlafzimmer und ich sehe ihr zu, wie sie die Vorhänge zuzieht und sich dann neben mich legt. Könnte ich nicht glücklich sein? Jahrelang gab es nichts, was ich mir mehr wünschte. Scullys Liebe, ein Kind mit ihr zu haben und zusammen alt zu werden. Oh Gott, wie kitschig das klingt. Und jetzt? Ich liege neben Scully und dem Kind, das sie in sich trägt. Ich weiß nicht, wie dieses Kind zustande kam. Scully bezeichnet es als ein Wunder, ein Wunder, an das sie nie aufhören sollte zu glauben, wie ich es ihr immer sagte. Und jetzt soll ich es sein, der nicht daran glaubt? Sie sagt, es wäre unser Kind. Ihres als auch meines. Es ist alles, was ich jetzt noch habe. Es ist alles, was ich brauche. Scullys Gegenwart hüllt mich erneut in sanfte Träume und schöne Illusionen. Ich erhalte so viel Liebe von ihr, so viel Hoffnung und Wärme. Werde ich je fähig sein, ihr das selbe zu geben? Sollte ich nicht glücklich sein? Scullys Wärme, die ich so nah spüre, lässt mich glauben, dass ich es bin. Zumindest für jetzt.
Ich küsse ihre Wange, was mich erneut an die Ereignisse der letzten Nacht denken lässt. Sie versichert mir oft, dass sie glücklich ist, doch ist sie das wirklich? Wie kann sie, mit einem Partner an ihrer Seite, der zu unvorhersehbaren Zusammenbrüchen und unkontrollierbaren Gewalttaten neigt? Wie lang ist sie noch sicher vor mir? Wie lang kann sie sich noch wehren? Wie lang kann sie noch ihr Baby beschützen? Vor mir? Die Ärzte haben recht, ich befinde mich in einem gefährlichen Zustand, man sollte sich von mir fern halten so gut es nur geht. Ich kann Scully nicht länger beschützen. Ich habe Angst, sie erneut zu verletzen. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ihr oder dem Baby etwas ernsthaftes zustoßen sollte - wegen mir. Sie bedeutet mir zu viel, als dass ich mein Glück auf die Probe stellen und es riskieren würde. Das habe ich oft genug getan.
Ich glaube nicht an Gott, aber sollte es etwas wie einen Gott geben, so möchte ich, dass er Scully und das Kind beschützt. Ich jedenfalls bin nicht länger dazu fähig.
Ich blicke nach rechts und sehe Scully. Auf der Seite liegend befindet sie sich neben mir, ihr Kopf an meine Schulter geschmiegt, ihre rechte Hand leicht meinen Unterarm umfassend. Sie schläft. Das wenige Licht, was durch die Vorhänge in das Zimmer dringt, sammelt sich auf ihrem Gesicht und lässt es golden schimmern. Die Haarsträhnen, die über ihr Gesicht fallen, reflektieren das Licht in tausenden roten Facetten. Eine Weile betrachte ich sie und lasse ihr Gesicht erzählen.
Die letzten Jahre haben sie sichtlich geprägt. Sie hat diese kleinen Falten zwischen den Augenbrauen, die von Konzentration und Stärke zeugen. In der Stirn spiegeln sich Skepsis aber auch Entsetzen wider. Sie hat ein paar kleinere Narben, die von früheren Fällen erzählen. Ich stelle mir vor, wie sie sich verteidigt hat, gegen Angriffe wehrte. In wie vielen dieser Fälle konnte ich sie beschützen? Wie oft war sie ihrem Schicksal allein überlassen? Habe ich eine gewisse Schuld an diesen Narben? Meine Augen wandern weiter und betrachten die kleinen Fältchen um ihren Mund. Sie zeugen von glücklichen Momenten und ich rufe mir ihr Gesicht in diesen Momenten ins Gedächtnis. Filmabende mit Popcorn und Shiner Bock. Wir gemeinsam Baseball spielend. Ihre Freude über mein Geburtstagsgeschenk an sie. Ich sie zu Silvester küssend. Sie mir mitteilend, dass sie schwanger ist.
Sie ist so schön.
Einen kurzen Moment zögere ich, möchte meine Gedanken über den Haufen werfen und alles vergessen, was ich noch ein paar Minuten vorher gedacht habe. Doch das schmerzhafte Ziehen in meiner Brust beim Anblick ihrer Prellungen, die *ich* verursacht habe, rüttelt mich aus meinen Phantasien und rückt mir erneut die Realität vor Augen. Du Idiot bist es, der ihr diese Schmerzen zugefügt hat. Du belastest sie mit deinem Leid, aber nicht erst seit heute, nein, sondern schon seit acht langen Jahren. Du hast sie genug verletzt. Ja, so ist es.
Ich atme tief aus und richte mich auf. Ich habe es mir sicher nur eingebildet, dass Scully meinen Arm leicht festhielt. Oder? Ein Schauder durchfährt meinen Körper, beinahe panikhaft greife ich meine Schuhe und stehe auf. Noch schläft sie, oh bitte lasst sie schlafen. Erneut atme ich sehr tief aus und bewege mich um das Bett herum in Richtung Tür. Ich sehe ein weiteres Mal zu Scully und kann der Versuchung nicht widerstehen, mich ein letztes Mal zu ihr hinunter zu beugen. Ich gebe ihr einen sanften Kuss auf ihre Wange und sehe ihren friedlichen Gesichtsausdruck, als ich ihr eine Strähne rotschimmernden Haares aus ihrem Gesicht streiche und sie hinter ihr Ohr lege. Dieser Anblick beruhigt mich und ich fühle mich endlich fähig, diesen Ort zu verlassen.
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