Titel: Bittersweet reality
Autor: Leya
Disclaimer: Die in dieser Geschichte verwendeten Charaktere gehören voll und ganz Maki Murakami.
Fandom: Gravitation
Charaktere: Kitazawa/Tohma
Thema: 034 – nicht genug
Word Count: 3.561
Rating: R
Anmerkung des Autors: Diese Geschichte spielt unmittelbar vor dem unglücklichen Vorfall in New York.

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Tohma wusste nicht mehr, wann es ihm zum ersten Mal aufgefallen war. Vielleicht an diesem einen Abend, an dem er das kleine Studierzimmer betrat und Kitazawa dabei beobachtete, wie er den Jungen ansah, wie seine Hand Eiris Schulter berührte, ihm zärtlich das Haar aus dem Gesicht strich... Oder vielleicht war es an dem Morgen, an dem Kitazawa sich verspätet hatte und Eiri voller Sorge immer und immer wieder zum Fenster lief.

Wann auch immer es gewesen war, nachdem er es einmal bemerkt hatte, konnte er es einfach nicht mehr ignorieren. Immer öfter ertappte er sich dabei, wie er die beiden verstohlen musterte. Dabei fielen ihm Kleinigkeiten auf, die er bisher nie wahrgenommen hatte.

Eine zärtliche Berührung hier, ein liebevoller Blick dort. Verständnisinniges Lächeln und in den goldenen Augen seines Schützlings die ersten Funken erwachender Leidenschaft.

Am schlimmsten war jedoch, dass Eiris jugendliche Schwärmerei von seinem Lehrer erwidert, und wie es oft schien, sogar gefördert wurde, da der Mann auf die Signale des Jungen mit kaum verhohlenem Interesse reagierte.

Und dann dieser hungrige Blick. Tohma konnte kaum noch ertragen, wie Kitazawa den Jüngeren ansah. Diese beunruhigende Mischung aus unterdrücktem Verlangen und Gier sorgte für unzählige schlaflose Nächte, doch der junge Musiker wusste einfach nicht, was er dagegen tun konnte.

Er hatte keine Beweise für die Absichten des Lehrers und lange Zeit redete er sich ein, dass er sich alles nur einbildete, dass er wegen der Schwärmerei eines Schuljungen überreagierte und sich grundlos Sorgen machte.

Dennoch, ein ungutes Gefühl blieb und dann sah er, wie Kitazawa dem Jungen sanft durch das Haar strich und sich so nah zu ihm herabbeugte, dass Eiri sich nur ein winziges Stück zur Seite bewegen musste, um mit seinen Lippen Kitazawas Mund zu berühren.

Das genügte, um in Tohma den Entschluss heranreifen zu lassen, alles in seiner Macht stehende zu tun, damit aus der drohenden Gefahr niemals Realität wurde.

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Und jetzt war er hier. Schritt um Schritt näherte er sich seinem Schicksal und je näher er der Tür kam, desto langsamer wurde er. Als er schließlich den obersten Treppenabsatz erklommen hatte, blieb Seguchi Tohma stehen und starrte unschlüssig auf das dunkel lackierte Holz.

Wollte er das wirklich?

Zögernd hob er die Hand, doch er wagte es nicht, den Türgriff auch nur zu berühren. Tohma schluckte und ließ die Hand wieder sinken. Er war sich so sicher gewesen, doch jetzt...

Aber umkehren konnte er nicht. Nicht, wenn so viel auf dem Spiel stand.

Noch einmal holte der Musiker tief Atem, warf einen angewiderten Blick auf das Türschild mit dem verhassten Namen, dann klopfte er energisch gegen die Tür und trat im gleichen Augenblick ein.

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Undurchdringliche Dunkelheit umfing ihn, kaum dass er die Schwelle überschritten hatte. Unsicher blieb er stehen, während lediglich das fahle Licht der dürftigen Treppenhausbeleuchtung einen winzigen Hafen der Sicherheit in einer ansonsten feindlich wirkenden Umgebung bot.

"Du bist zu spät."

Erschrocken zuckte Tohma zusammen, als hinter ihm unvermutet eine kalte Stimme erklang. Doch ehe er sich umdrehen konnte, fiel die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss und sperrte so auch noch den letzten Fetzen Licht aus. Obwohl Tohma eigentlich nicht dazu neigte, sinnlos in Panik zu verfallen, war die nun herrschende Dunkelheit beinahe mehr, als er ertragen konnte.

"Ich bin ein wenig enttäuscht von dir." Die Stimme wurde kaum merklich leiser, ein Feuerzeug klickte, doch lediglich ein paar Funken blitzten auf. Sein Gastgeber stieß einen unterdrückten Fluch aus und warf das Feuerzeug achtlos beiseite. Gedämpfte Schritte huschten über den Teppich.

Anscheinend bewegte der andere sich mit einer nahezu unheimlich wirkenden Sicherheit durch das Dunkel und Tohma wurde schlagartig klar, wie hilflos er unter diesen Bedingungen war. Wenn Kitazawa beschloss, seinem Leben ein Ende zu setzen, würde er die Gefahr noch nicht einmal kommen sehen…

"Es… es tut mir leid…", stammelte der junge Musiker leise in dem sinnlosen Versuch, seine wachsende Angst mit dem Klang seiner eigenen Stimme zu bekämpfen und versuchte etwas, ganz gleich was, in der bedrückenden Schwärze zu erkennen. Es half ihm nicht im Geringsten. Im Gegenteil. Je mehr er sich anstrengte, desto unheimlicher wurden die Schemen, die seine Augen ihm vorgaukelten.

"Damit ist es nicht getan, Tohma." Die kalte Stimme erklang nun wieder weiter von ihm entfernt. Diesmal hatte er gar nicht gehört, wie der andere sich bewegte und dieser neuerliche Beweis des Ausgeliefertseins verstärkte nur seine Furcht. Verstohlen tastete er nach dem Messer, das er aus einer spontanen Regung heraus eingesteckt hatte. Er fragte sich, ob er den Mut haben würde, es zu benutzen und die Sache ein für alle Mal zu beenden…

Der Schlag traf ihn völlig unvorbereitet und mit einem erstickten Laut beugte er sich keuchend vornüber, die Hände auf die Stelle gepresst, wo der Mann ihm seine Faust in den Magen gerammt hatte. Die Schmerzen waren so intensiv, dass er kaum mitbekam, wie der andere seine Kleidung durchsuchte und innerhalb kürzester Zeit aus einer der Außentaschen seiner Jacke das Messer hervorzog.

Stöhnend richtete er sich auf und streckte beinahe flehend die Hand nach der Waffe aus, doch es war zu spät.

"Hatten wir nicht ausgemacht, keine Waffen?"

Der nächste Schlag traf ihn fast genau an der gleichen Stelle wie zuvor und für einen langen Augenblick musste der Musiker gegen die Ohnmacht ankämpfen, die ihn zu überwältigen drohte. Die Stimme seines Peinigers konnte er über das Rauschen in seinen Ohren kaum noch hören, doch glücklicherweise schien Kitazawa keine Antwort zu erwarten.

Schritte umrundeten ihn, gaben ihm das Gefühl, von einem Hai umkreist zu werden, der zuerst mit seiner Beute spielt, um sie dann umso genüsslicher zerreißen zu können.

"Ich fürchte, dieser Ungehorsam muss bestraft werden."

Nein! Unwillkürlich blitzte das Bild seines Schützlings vor seinem geistigen Auge auf und dann war es eine einzige, beängstigende Vorstellung, die sein Denken beherrschte: Was war, wenn er durch seine Dummheit alles zerstört hatte? Würde Kitazawa zu seinem Wort stehen oder würde er die Gelegenheit nutzen und diesen einen winzigen Verstoß gegen ihre Abmachung nicht verzeihen wollen?

"Wir haben eine Abmachung", presste der Musiker gequält hervor und rang mühsam nach Atem. "Es tut mir Leid, wirklich! Bitte! Mach mit mir, was du willst, aber lass Eiri in Ruhe!"

"Ein wirklich verlockendes Angebot, aber ich war mir sicher, dass wir diesen Punkt bereits lange hinter uns haben…", murmelte die sanfte Stimme seines Peinigers in sein Ohr und Tohma versteifte sich unwillkürlich. Die Nähe zu diesem Mann machte ihn regelrecht krank und er musste voller Schrecken erkennen, dass es etwas ganz anderes war, über eine Sache zu reden und seine Absichten dann auch tatsächlich in die Tat umzusetzen. Dabei blieb ihm gar keine andere Wahl, wollte er Eiri vor diesem Monster beschützen.

Dass Eiri für seinen Lehrer schwärmte, überraschte ihn nicht weiter. Es war eine verständliche Reaktion auf die tagtägliche Nähe zu einem bewunderten Vorbild und absolut nichts Ungewöhnliches. In der Regel legten diese Gefühle sich ebenso schnell, wie sie entstanden waren. Doch das Wissen, dass der Mann diese Gefühle zu erwidern schien, war mehr, als Tohma ertragen konnte. Seine Sorge um Eiri hatte ihn dazu gebracht, Kitazawa zur Rede zu stellen.

Mit einem erschreckenden Ergebnis. Irgendetwas in den dunklen Augen Kitazawas hatte ihn von Anfang an überzeugt, dass er niemals zulassen durfte, dass sein Schützling in die Fänge dieses Mannes geriet. Sein Gespräch mit Kitazawa zeigte ihm, wie berechtigt seine Sorge tatsächlich gewesen war.

Kitazawa hatte rein gar nichts für Eiri übrig. Er sah lediglich einen willigen Zeitvertreib in dem zutraulichen Jungen und voller Entsetzen musste Tohma erkennen, dass der andere nicht davor zurückschreckte, die kindliche Bewunderung des Jungen für seine Zwecke auszunutzen.

Das auf diese Erkenntnis folgende Gespräch war mehr als unangenehm geworden. Tohma hatte den Mann auf der Stelle entlassen wollen, doch Kitazawa hatte ihm lediglich ins Gesicht gelacht.

‚Du kannst mich nicht entlassen, Tohma. Ganz gleich, was du versuchst, du wirst mich niemals loswerden. Weder du noch Eiri werdet jemals sicher vor mir sein. Du kannst nicht ewig auf ihn aufpassen. Irgendwann wirst du ihn alleinlassen müssen und dann wirst du dich jede einzelne Sekunde fragen, ob ich deinem kostbaren kleinen Eiri nicht gerade in diesem Augenblick auflauere.’

Die Stimme des Mannes war mit jeder Sekunde kälter geworden. Verschwunden war die warme Herzlichkeit, mit der er Eiri und auch Tohma bisher immer begegnet war und mit einem letzten schwachen Versuch der Gegenwehr, hatte der Musiker damit gedroht, die Polizei einzuschalten.

‚Die Polizei? Mach dich nicht lächerlich, To-chan! Was willst du ihnen erzählen? Das ich Eiri in Literatur und Sprachen unterrichte? Das wir uns gut verstehen? Ich bin ihm nicht ein einziges Mal zu nahe getreten und das weißt du auch. Abgesehen davon würde diese unüberlegte Handlung einen Keil zwischen dich und Eiri treiben. Er würde dir niemals glauben und erst recht nicht verzeihen, seinen geliebten Lehrer vertrieben zu haben. Du würdest ihn für immer verlieren. Überleg dir also gut, was du tust.’

In diesem Augenblick erst war Tohma bewusst geworden, wie kalt und berechnend Kitazawa Yuki tatsächlich war und lange Zeit konnte er nichts weiter tun, als den anderen einfach nur ungläubig anzustarren. Zum ersten Mal in seinem Leben wusste er nicht, was er tun sollte. Ihm war klar, dass es falsch war, sich erpressen zu lassen, aber was sonst blieb ihm denn übrig? Er hatte rein gar nichts gegen den Mann in der Hand. Er wusste nur, dass er die offensichtliche Gefahr für den ihm anvertrauten Jungen nicht auf die leichte Schulter nehmen durfte.

‚Also, wie viel? Was muss ich zahlen, um Eiris Sicherheit zu gewährleisten?’

Das triumphierende Grinsen des Mannes verursachte ihm Übelkeit, doch dieses Gefühl verblasste zu einem Nichts, als Kitazawa sich plötzlich vorbeugte und ihm mit verführerisch leiser Stimme zuflüsterte: ‚Wie kommst du nur darauf, dass ich Geld will?’

Unverhohlene Gier funkelte in den dunklen Augen des Mannes und schlagartig wurde dem Musiker klar, dass er sich selbst in genau die Position manövriert hatte, in die der andere ihn von Anfang an hatte haben wollen.

‘Hast du es immer noch nicht verstanden? Ich will dich.’


Licht flammte auf, unerträglich grell nach der Minutenlangen Dunkelheit und Tohma kniff schmerzerfüllt die Augen zusammen. Es dauerte eine Weile, bis seine Wahrnehmung sich den veränderten Bedingungen angepasst hatte. Gelbe und grüne Punkte tanzten vor seinen Augen, die er rasch wieder geschlossen hatte. Es half nicht viel. Schwankend suchte er nach einem Halt, stolperte und fand nur mit Mühe sein Gleichgewicht wieder.

Spöttisches Gelächter füllte seine Ohren und gleich darauf gruben sich harte Finger in sein Kinn und hielten ihn unerbittlich fest, während Kitazawa ihn durchdringend musterte.

"Wage es nie wieder, mich zu ignorieren. Solange du hier bist, gehört deine Aufmerksamkeit mir. Mir allein und niemandem sonst. Hast du das verstanden, Tohma?"

Eingeschüchtert durch den harschen Ton nickte der Musiker nur.

"Gut." Kitazawa schien dies zu genügen. Er ließ los und trat ein paar Schritte zurück. "Dann sollten wir zusehen, dass wir endlich zum interessanten Teil des Abends kommen."

Lächelnd verschränkte er die Arme vor der Brust, lehnte sich in einem Ausdruck lässiger Überlegenheit gegen die Wand und warf Tohma einen erwartungsvollen Blick zu. "Na los, mach schon. Zieh dich aus."

Überrumpelt starrte Tohma sein Gegenüber an, von der plötzlichen Forderung völlig aus der Bahn geworfen. Ungeduldig tappte Kitazawa mit dem Fuß auf den Boden, ein deutliches Zeichen dafür, wie dicht er davor stand, die Geduld zu verlieren.

"Na, was ist? Haben wir nun eine Abmachung oder nicht?" Das Lächeln des Mannes wurde noch um einige Nuancen kälter. "Ich könnte dich auch einfach so nach Hause schicken und meinen Spaß bei Eiri suchen. Ich glaube kaum, dass er mich abweist. Wie würde dir das gefallen?"

Unwillkürlich beschleunigte sich der Puls des Musikers, bis ihm das Klopfen seines Herzens wie das Schlagen einer Trommel in den Ohren widerhallte. Plötzlich verblasste die Umgebung, wurde farblos, nahezu unbedeutend und ließ einen winzigen Raum zurück, in dem lediglich er selbst und Kitazawa zu existieren schienen. Ihre Blicke begegneten sich, braune Augen trafen auf grüne, Überheblichkeit auf Angst, und in diesem einen winzigen Moment stürmte die Realität in all ihrer Hässlichkeit auf den jungen Musiker ein.

Schonungslos offenbarten sich ihm die Abgründe der menschlichen Seele und das was er sah, machte ihm Angst. Noch hatte er nicht viel Erfahrung, noch war er nicht vorbereitet auf die Grausamkeiten, die andere ihren Mitmenschen oft nur so zum Spaß zufügten. Sein ganzes Leben war er behütet und vor allem bewahrt worden, doch als er nun die Gefühllosigkeit und Kälte in den Augen seines Gegenübers sah, wurde ihm schlagartig klar, dass er diese eine Lektion wohl nur allzu bald lernen würde.

"Ich warte, Tohma." Kitazawa war sichtlich genervt von dem zögerlichen Verhalten des Musikers. Sekundenlang schien es beinahe, als wolle er sich auf ihn stürzen, doch dann riss er sich sichtlich zusammen und nur die fest zusammengepressten Lippen gaben einen Hinweis darauf, wie es tatsächlich in ihm aussah.

Tohma stand mittlerweile am Rande einer Panik, da er sich der Situation absolut nicht gewachsen fühlte. In den letzten Sekunden war er zu der Überzeugung gelangt, dass er sich geirrt hatte. Er sollte gar nicht hier sein. Bei dem Gedanken daran, sich von Kitazawa berühren zu lassen, fiel ihm das Atmen immer schwerer.

Seine Gedanken jagten sich. Warum sollte er sich überhaupt für jemanden opfern, der ihm im Grunde genommen völlig fremd war? Das, was Kitazawa von ihm wollte, hatte rein gar nichts mit Liebe oder auch nur Zuneigung zu tun. Es war ein Geschäft, bei dem beide Parteien bekamen, was sie wollten. Kitazawa würde ihn lediglich benutzen, um seine Überlegenheit zu beweisen und seinen Machthunger zu befriedigen und im Gegenzug seine Finger von seinem Schützling lassen.

Der blonde Musiker schauderte, als ihm bewusst wurde, dass er im Begriff war, als einziger den vollen Preis zu bezahlen und rein gar nichts dafür zurückerhielt. Was würde denn danach für ihn bleiben? Nichts weiter als Schmerzen und die Gewissheit, freiwillig ein Stück seiner Seele verkauft zu haben. Und wofür? War Eiri das alles wirklich wert? Vielleicht war er es, vielleicht aber auch nicht.

Ungewollt schob sich Eiris Gesicht in den Vordergrund seiner Gedanken und mit ihm die Erinnerung daran, wie einsam der Junge war, wie... vertrauensvoll. Eiri war ihm von dessen Familie anvertraut worden und obwohl sie einander erst seit wenigen Monaten kannten, konnte er das Vertrauen, das in ihn gesetzt worden war, nicht leichtfertig enttäuschen. Als er den Jungen mit nach Amerika genommen hatte, war er eine Verpflichtung eingegangen. Alles, was nun mit Eiri geschah, lag in seiner alleinigen Verantwortung. Und schließlich war er es gewesen, der diesen elenden Kitazawa überhaupt erst ins Spiel gebracht hatte. Ihm blieb keine Wahl, denn er selbst hatte die Maschen des Netzes aus Verantwortlichkeit und Pflichtbewusstsein geknüpft, in dem er sich nun verfangen hatte.

Jeden Blickkontakt sorgfältig vermeidend, begann Tohma damit, seine Kleidung abzulegen. Langsam knöpfte er sein Hemd auf, faltete es zusammen und platzierte es in Ermangelung einer besseren Möglichkeit neben sich auf dem Boden. Hose und Schuhe folgten ein wenig rascher. Schließlich stand er nackt und zitternd unter dem kalten Licht der einzelnen Neonröhre, die Kitazawa in seinem Apartment als Beleuchtung diente und wartete auf das, was der andere nun mit ihm vorhaben mochte.

"Hübsch."

Dieses in arroganter Verachtung vorgebrachte Wort verletzte Tohma mehr, als neuerliche Schläge es gekonnt hätten. Ein einziges Wort, eine einzige Silbe nur, und doch wusste der Musiker genau, was der andere damit aussagen wollte. Es gab ihm das erniedrigende Gefühl, nichts weiter zu sein als ein Spielzeug, eine Ware, die nach Belieben gekauft und auch wieder verkauft werden konnte. Es war absolut erniedrigend, doch es war nichts im Vergleich zu dem, was ihm noch bevorstand, ehe dieser Abend enden würde.

"Du gefällst mir. Wer hätte gedacht, welch einen wunderschönen Anblick du ohne deine Kleider bietest."

Glühende Röte kroch ihm in die Wangen, als Kitazawa jeden Zentimeter seines Körpers einer genauen Musterung unterzog. Schließlich hielt er es nicht länger aus und konzentrierte sich auf den wild gemusterten Teppich zu seinen Füßen. Quadrate und Streifen aus mehreren Farben liefen willkürlich ineinander, trennten sich an einigen Stellen, nur um an anderen letztlich doch wieder zusammenzulaufen. Dieses wirre Durcheinander machte ihn beinahe krank, doch es war immer noch besser, als der Wahrheit ins Gesicht blicken und erkennen zu müssen, wie tief er in den letzten Minuten gesunken war.

Ohne das Kitazawa ihn auch nur ein einziges Mal berührt hätte, fühlte Tohma sich bereits entsetzlich schmutzig und bei dem Gedanken an die nächsten Stunden sammelte sich ein eisiger Klumpen in seinem Magen. In diesem Augenblick fiel ihm auf, dass der andere ihn etwas gefragt hatte, doch es war bereits zu spät.

"Hast du etwa schon wieder vergessen, was ich dir eben gesagt habe? Wenn du mich ignorierst, muss ich dir wehtun!"

Eine heftige Ohrfeige holte Tohma abrupt in die Gegenwart zurück. Sekunden später wurden seine Hände gewaltsam auf seinen Rücken gezwungen und gleich darauf so fest zusammengebunden, dass er sich nicht rühren konnte. Ein harter Stoß zwischen die Schulterblätter beförderte ihn auf die Knie. Der Aufprall trieb ihm die Tränen in die Augen, doch damit war Kitazawa noch nicht zufrieden. Rücksichtslos grub er seine Finger in Tohmas Haare und riss dessen Kopf mit brutaler Gewalt in den Nacken.

"Ich denke, es ist an der Zeit, dass du lernst, dich an die Spielregeln zu halten. Wir hatten eine Abmachung. Du hast sie gebrochen und ein Messer mitgebracht. Ich habe dich freundlich gebeten, mir deine volle Aufmerksamkeit zu schenken, doch du ignorierst mich. Ich denke, es ist an der Zeit, mich für diese wirklich ungerechte Behandlung zu entschädigen."

Tohma wagte nicht, sich zu rühren, obwohl seine Kopfhaut durch Kitazawas festen Griff regelrecht in Flammen zu stehen schien. Ein Blick in die Augen seines Peinigers und ihm wurde klar, dass dieser dicht davor stand, den letzten Rest seiner Selbstbeherrschung zu verlieren. Und was dann geschehen mochte, wollte Tohma gar nicht erst herausfinden.

Endlich löste Kitazawa seine Hände aus Tohmas Haaren und trat einige Schritte zurück. Mit einem geradezu bösartigen Grinsen wandte er sich der neben ihm stehenden Kommode zu. Als er sich wieder umdrehte, hielt er das Klappmesser in den Händen, das Tohma leichtsinnigerweise selbst mitgebracht hatte. Beinahe schon genussvoll langsam ließ er die Klinge aufschnappen.

Kitazawa hielt das helle Metall ins Licht und beobachtete scheinbar nachdenklich die Lichtreflexe, die über die Klinge tanzten.

"Ich denke, ich sollte mich bei dir entschuldigen. Bisher habe ich dir noch gar nicht richtig für dieses entzückende kleine Spielzeug gedankt", spottete der Mann schließlich voller Hohn und sah sein Opfer lauernd an. "Wäre doch schade, es völlig ungenutzt zu lassen. Meinst du nicht auch?"

Bevor Tohma reagieren konnte, war der andere bereits an seiner Seite, an ihm vorbei, hinter ihm. Vergeblich versuchte er, den anderen im Auge zu behalten, wollte sich umzudrehen, doch unnachgiebige Finger krallten sich in sein Genick und hielten ihn nahezu bewegungslos. Und dann bestand die ganze Welt nur noch aus einem alles verschlingenden Schmerz, als das kalte Metall der Waffe in seine rechte Schulter biss und Linien glühenden Feuers in seine Haut zeichnete.

Gepeinigt schrie Tohma auf, kämpfte wie besessen um seine Freiheit, doch Kitazawa hielt eisern fest. Was immer er tat, er schien fest entschlossen, sein Werk zu vollenden. Nach, wie es schien einer Ewigkeit, ließ er von seinem Opfer ab und ließ das Messer unbeachtet zu Boden fallen.

Halb besinnungslos vor Schmerzen hielt Tohma sich noch einen kurzen Augenblick aufrecht, ehe er schließlich vornüber fiel und hilflos liegenblieb.

Blut rann in dünnen Fäden an seinen Seiten herunter und besudelte den Teppich. Kitazawa stieß einen angewiderten Laut aus, griff sich Tohmas Hemd und benutzte den dünnen Stoff, um das Blut abzutrocknen. Rücksichtslos rieb er mit seinem improvisierten Lappen über die offene Wunde, ignorierte das leise Wimmern seines Opfers und warf das blutgetränkte Kleidungsstück schließlich achtlos hinter sich.

Vorsichtig, zärtlich beinahe, schob er Tohmas Beine auseinander, glitt zwischen die nun einladend gespreizten Schenkel und nahm sich einen Augenblick Zeit, den schlanken Körper zu bewundern, der nun für immer sein Zeichen trug. Versonnen fuhr er mit den Fingerspitzen die verschlungenen Initialen seines Namens nach, die sich blutrot von der weißen Haut abhoben und dieser unglaubliche Anblick erregte ihn mehr, als er sich jemals hätte träumen lassen.

Kitazawa stützte sich mit einer Hand neben Tohmas Kopf ab, beugte sich vor und brachte seine Nase so dicht wie möglich an dessen Hals. Sekundenlang atmete er den wundervollen Duft nach Aftershave und Eau de Cologne ein, bevor er dem anderen seine letzte Grausamkeit erwies.

Sein Atem strich über Tohmas Ohr und der Musiker schauderte. Seine Schulter brannte wie Feuer und obwohl die Schmerzen kaum noch zu ertragen waren, blieb ihm die gnädige Schwärze einer Ohnmacht versagt. Und so fühlte er nur zu deutlich, wie der andere sich zwischen seine Beine drängte, Hände umklammerten seine Hüften und dann war der andere in ihm und während Kitazawa seinen Körper gänzlich in Besitz nahm, starrte der Musiker auf die grellbunten Streifen des Teppichs, die vor seinem tränenblinden Blick zu einer einzigen flimmernden Masse zerliefen.

Das letzte, was er hörte, bevor ihn letztlich doch eine wohltuende Schwärze umfing, war die Stimme seines Peinigers, kalt und überheblich und so unglaublich zufrieden...

"Tut mir wirklich leid für dich, To-chan, aber um deinen kostbaren Eiri zu retten warst du einfach nicht genug."

ENDE

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