Nick Igel in Serbien
Seit sechs Jahren ist Milosevic weg vom Fenster. Grund genug, sich das Heimatland von Yugo-Automobilen und Winnetou-Filmen, von Cevapcici und Rasnici, Partisanen, Kriegsverbrechern, Bata Ilic und Monica Seles einmal aus der N�he anzusehen. Hier ein �berblick:

Architektur:
Der nahtlose �bergang von der Tito-Periode in die Tito-Renaissance-Periode ist gegl�ckt. Wohnplattenbauten aus h�sslichem braun-grauem Beton wechseln sich ab mit Gesch�ftsgeb�uden, deren Fassaden auch bei Neubauten strikt nach der Mode der beginnenden Siebziger mit gr�n get�ntem Glas verkleidet sind. Da etliche Geb�ude so ungef�hr seit den ausgehenden Siebzigern nicht mehr gereinigt worden sind, ist der gr�ne Farbton nicht mehr �berall unter den Schmutzkrusten zu erkennen und bedarf es in vielen F�llen einer gewissen architektonisch-arch�ologischen Vorbildung, um die Originalfarbe noch erforschen zu k�nnen. Oder man folgt einfach einer gewissen Empirik: Da alle Geb�ude gr�n verglast sind, gilt dies auch f�r diejenigen, die under cover sind.

Frauen:
Die Serbin als solche altert sehr schnell und verfettet dabei nicht selten. Unter anderem deswegen hatte Milosevic einst versucht, f�r das Volk ohne Raum den Kosovo als Frauendeponie zu erschlie�en. Leider erfolglos. Um die Serbin �berhaupt noch an den Mann bringen zu k�nnen, wird diese bereits im Alter von 16 Jahren verheiratet, so dass ihr bis zum Erreichen des Verfallsdatums (siehe Busenpr�gung) noch rund zwei Jahre zur Zeugung von Nachwuchs bleiben. Danach versteckt sich die moderne Serbin unter einer Schminkeschicht, die nicht selten Daumendicke erreicht, sowie hinter Sonnenbrillen, zumeist mit gr�n get�nten Gl�sern. Mittlerweile wenden sich im �brigen immer mehr Frauen, nach osteurop�ischem Vorbild, dem Dienstleistungssektor im engeren Sinne zu: Zunehmend sind Damen zu beobachten, deren Berufskleidung Netzstr�mpfe, Stilettabs�tze und eine Kombination aus Tangaslip und Hose beinhaltet, bei der der Tangaslip m�glichst weit nach oben und die Hose m�glichst weit nach unten gezogen wird, so dass zwischen Tanga und Jeans, wahrscheinlich als Reaktion auf die vielen Kriege in der Region, ein Demarkationsstreifen bekleidungstechnischen Niemandslandes entsteht, auf dem sich die obere H�lfte der Arschbacken Freiluftkontakt verschafft. Nicht selten sind diese Damen in Begleitung deutlich �lterer ausl�ndischer m�nnlicher Spontanbekanntschaften anzutreffen.

Ern�hrung:
Wer einmal den Fehler gemacht hat, in einem kroatischen Restaurant ein serbisches Reisfleisch bestellt zu haben, wei� wie die milit�rischen Auseinandersetzungen an der Adria zustande gekommen sind. �berhaupt �hnelt die serbisch-montenegrinische K�che einem Krieg, n�mlich einem solchen gegen den guten Geschmack. Auf den Tellern Plattenbauten von Grillfleisch, viele Stockwerke hoch. Dazu Sopska-Salat, bestehend aus Tomaten, Schafsk�se und einem konsequenten Verzicht aufs Dressing. Und Wein, der nicht umsonst in der Landessprache Verhunski hei�t und nat�rlich in gr�nget�ntem Glas auf den Tisch gestellt wird, damit er �berhaupt eine Farbe hat.

Industrie:
Serbien war bis 1992 traditionell die wirtschaftlich leistungsst�rkste Republik des damaligen Jugoslawiens. Wir verdankten der dortigen Industrie neben dem bereits erw�hnten Yugo und gr��eren Positionen gr�nen Glases vor allem die Kleider, die die verlockenden Regale der Ketten Kaufhalle und Woolworth f�llten. Nat�rlich hat sich dieser Standard nach den Balkankriegen nicht halten lassen. Die Motorenfabrik von Nis in S�dserbien etwa verkauft ihre Motoren nicht mehr nach Leistungsf�higkeit, sondern nach Gewicht, 40 DM pro Kilo. Ein innovatives Modell, das vielleicht auch einen Ausweg aus dem deutschen Metallerstreik weisen k�nnte: Einfach auch die Arbeiter nach Gewicht bezahlen.

Tourismus:
Der Serbe ist bekannt daf�r, erst zu schie�en und dann zu verhandeln. Deswegen werden auch im Interconti und im Hyatt von Belgrad die G�ste bei Betreten der Lobby als erstes nach Pistolen durchsucht. Ansonsten herrscht, gerade auch in den Hotels an der malerischen montenegrinischen Adriak�ste, ein herzlicher und verbindlicher Stil vor. Will man sich mit ein paar Bekannten zum Abendessen zusammensetzen, wird man mit mittlerer Trappatoni-Wutanfall-Lautst�rke angeblafft, es g�be f�r jedes Zimmer einen festen Sitzplatz, welcher w�hrend der strikten Essenszeiten nicht oder allenfalls zum maximal einmaligen Austreten zu verlassen sei. Die Zimmer geben einen einmaligen �berblick nicht nur �ber den designerischen Standard der jugoslawischen M�belproduktion in den siebziger Jahren, sondern auch �ber die Entwicklung solcher M�belst�cke im drei�igj�hrigen Dauerbelastungstest. Die zumeist in blassen Pastellfarben gehaltenen Freizeiteinrichtungen (Minigolfanlagen, Wassersportger�te) werden vor allem bei Zoneninsassen herrliche Nostalgieeffekte erzielen und an die gute alte Zeit erinnern.

Politik und Ausblick in die Zukunft:
Nach der Auslieferung von Serbenf�hrer Milosevic befindet sich das Land auf Kurs in Richtung EU. Demn�chst will Br�ssel den Stabilisierungs- und Assoziierungsprozess abschlie�en. Wichtige Standards europ�ischer Nachbarl�nder hat Jugoslawien bereits erreicht, bei der Korruption ist man auf dem Level Italiens angekommen, die Verflechtungen zwischen Wirtschaft und Politik sind bereits auf franz�sischem Niveau angelangt und die ben�tigten Subventionen f�r Bergbau und Landwirtschaft tendieren in Richtung deutscher Standards. Nur in den Bereichen Drogenhandel und Prostitution muss gegen�ber den osteurop�ischen Konkurrenten noch Boden gut gemacht werden. Willkommen in Europa, liebe Serben und Montenegriner!
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