Politisch-Psychologische Schriftenreihe
der SEXPOL
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Nr. 2
Wilhelm Reich
"DIALEKTISCHER MATERIALISMUS
UND PSYCHOANALYSE"
1934
Verlag f�r Sexualpolitik, Kopenhagen, Postbox, 827
INHALT:
Vorwort zum Neudruck 1934
I. Vorbemerkung
II. Die materialistischen Erkenntnisse der Psychoanalyse und einige idealistische Auslegungen
a) die psychoanalytische Trieblehre
b) Die Lehre vom Unbewussten und von der Verdr�ngung
III. Die Dialektik im Seelischen
IV. Die gesellschaftliche Stellung der Psychoanalyse
Copyright 1934
Verlag f�r Sexualpolitik
Kopenhagen
VORWORT
zum Neuabdruck 1934
Das gro�e Interesse f�r die vorliegende erste Zusammenfassung der Beziehungen zwischen dialektischem Materialismus und Psychoanalyse veranlasste den Verlag f�r Sexualpolitik, die Abhandlung, die 1927/1928 abgefasst wurde und 1929 in der Zeitschrift "Unter dem Banner des Marxismus" in russischer und deutscher Sprache erschien, in Brosch�renform herauszubringen. Sie liegt auch in franz�sisch, �bersetzt in "La crise sexuelle", Paris, Edition Social. Int. 1933, vor.
Vor die Frage gestellt, die Abhandlung durch Neubearbeitung auf das Niveau meiner heutigen Anschauungen zu bringen oder sie der �ffentlichkeit in ihrer damaligen Fassung neuerdings vorzulegen, entschied ich mich f�r das zweite. An Grunds�tzlichem habe ich nichts zu �ndern; wohl sind die Einsichten im Laufe dieser sechs Jahre betr�chtlich erweitert, stellenweise auch korrigiert und pr�zisiert worden. Im ganzen aber ist die konkrete Bearbeitung des Gebietes der Sexual�konomie, das hier erschlossen wurde, noch durchaus im Flusse der Entwicklung und mit schwerer neuer Problematik belastet. Ich zog es daher vor, zun�chst die Abhandlung in ihrer alten Form herauszugeben und nur durch erg�nzende Fu�noten *) anzuzeigen, welche Stellen anderw�rts ausgearbeitet wurden, welche der Korrektur bedurften und wo sich mittlerweile neue Probleme und L�sungen ergaben. Die Abhandlung bleibt also nur die orientierende Einf�hrung in die Psychoanalyse vom marxistischen Standpunkt aus. Eine ausf�hrliche Angabe der seither erfolgten Publikationen wird den Leser hoffentlich bef�higen, in meinen Schriften die Erg�nzungen bzw. grundlegenden Darstellungen aufzusuchen.
Ich kann korrekterweise nicht l�nger verhehlen, dass alle Beteiligten sich von den hier dargelegten Zusammenh�ngen distanzierten. Freud lehnte die Beziehung von Marxismus und Psychoanalyse grunds�tzlich ab und bezeichnete die beiden Disziplinen als einander kontr�r. Den gleichen Standpunkt beziehen die offiziellen Vertreter
der Komintern. In beiden Lagern wurde ich vor die Alternative gestellt, zwischen der Psychoanalyse und dem revolution�rem Marxismus zu w�hlen. Ich �berlasse es der �ffentlichkeit, zu beurteilen, und der Zukunft, zu entscheiden, wer hier Recht hat. Vielleicht gelingt es mir, einmal die Gr�nde zusammenzustellen, die diese Stellungnahmen veranlassen.
Am Schluss muss ich noch der vielen anderen Versuche gedenken, die in der Luft schwebenden Zusammenh�nge von Marxismus und Psychologie zu fassen. Ohne zu ihnen jetzt sachlich Stellung zu nehmen, muss ich doch die Abgrenzung zun�chst an der entscheidendsten Stelle vornehmen: Sie gehen alle an der Kernfrage, der sexuellen Not in der Masse der Erdbev�lkerung vorbei und finden nicht den Anschluss an die von mir vertretene Grundanschauung und Praxis. Sie sind entweder akademisch-theoretisch reserviert oder weitherzig liberal in der Zuordnung von Soziologie und Psychologie. Doch fordern gerade die Kompliziertheit der Tatsachen und ihre Bedeutung f�r die Kulturpolitik der Revolution die allergenauesten Abgrenzungen und die sch�rfste Vertretung der einmal errungenen Gesichtspunkte im Nebel, den der ideologische und kulturelle Prozess unseres Seins noch immer bildet. Ich muss also auch die Verantwortung f�r alle Produktionen aus dem Gebiete der dialektisch- materialistischen Psychologie und Sexuologie ablehnen, die nicht von mir oder meinen Sch�lern stammen, das Gleiche gilt f�r derartige Arbeiten, die zwar von mir bestimmte Grundanschauungen �bernehmen, sie aber durch Weglassung des Wesentlichsten schon jetzt verflachen und es au�erdem offenbar als eine Gefahr oder als eine Verminderung des eigenen Ruhms betrachten, die Herkunft der �bernommenen Ansichten zu nennen.
Im Oktober 1934
Wilhelm Reich
Das "look and feel" der Ausgabe von 1934 wurde so weit wie m�glich �bernommen, der Blocksatz - wegen der Lesbarkeit - nicht. So sind die Inhalte der Seiten dieser Ausgabe mit denen der Ausgabe von 1934 identisch - dies ist f�r das Zitieren wichtig.
Es wurden weitgehendst auch die Hervorhebungen, die kursive oder v.a. auch die gesperrte Schreibweise �bernommen, nicht aber die Wortabteilungen, daher passt der Seitenabschluss nicht 100%ig.
Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse
I. Vorbemerkung
Die Aufgabe dieser Abhandlung ist, zu untersuchen, ob und inwiefern die Psychoanalyse Freuds Beziehungen zum dialektischen Materialismus von Marx und Engels hat. Von der Antwort, die wir auf diese Frage geben k�nnen, wird es abh�ngen, ob die Basis f�r eine Diskussion ihrer Beziehungen zur proletarischen Revolution und zum Klassenkampf gegeben ist. Die wenigen Beitr�ge zum Thema "Psychoanalyse und Sozialismus", die sich bisher in der Literatur finden, leiden daran, dass die Diskussion entweder der entsprechenden Orientierung in der Psychoanalyse oder der im Marxismus entbehrt. Auf marxistischer Seite war die Kritik der Anwendung psychoanalytischer Erkenntnisse auf die Gesellschaftslehre zum Teil berechtigt. Die wenigen Beitr�ge von Psychoanalytikern zu diesem Thema entbehrten einer entsprechenden Orientierung in den grunds�tzlichen Fragen des dialektischen Materialismus und vernachl�ssigten �berdies v�llig die zentrale Frage der Marxschen Soziologie, den Klassenkampf. Dadurch werden sie f�r den marxistischen Soziologen unbrauchbar, ebenso wie eine Abhandlung �ber psychologische Probleme f�r den Psychoanalytiker bedeutungslos wird, wenn sie die Tatsachen der kindlichen Sexualentwicklung, der Sexualverdr�ngung, des unbewussten Seelenlebens und des Sexualwiderstandes unbeachtet l�sst.
Das unerfreulichste Erzeugnis dieser Art ist die Arbeit von Kolnai "Psychoanalyse und Soziologie" 1, ein Autor, der mittlerweile, ohne je wirklich Analytiker gewesen zu sein, bei Scheler gelandet ist, nachdem er sich offiziell, leider nicht schon vor der Abfassung seines Pamphlets �ber Soziologie, von der Psychoanalyse losgesagt hat, weil sie - wie er sagte - seinen Anschauungen nicht mehr entsprach ... Seine Arbeit strotzt von falschen, metaphysischen und idealistischen Auslegungen der von der Psychoanalyse entdeckten Tatbest�nde; sie kommt f�r unsere Diskussion hier nicht in Betracht. Irrt�mlicherweise wurde er von Jurinetz der Kolnais Arbeit
zum Ausgangspunkt einer Kritik der Psychoanalyse machte, als "einer der eifrigsten Sch�ler Freuds" hingestellt 2).
Wir k�nnen hier im Detail auf die Arbeit von Jurinetz nicht eingehen, m�ssen aber zur prinzipiellen Kl�rung voran - schicken, dass die ablehnende Kritik der Psychoanalyse durch marxistische Theoretiker in zwei Punkten berechtigt ist.
1. Sobald man den eigentlichen Boden der Psychoanalyse verl�sst und insbesondere ihre Anwendung auf Probleme der Gesellschaft versucht, wird sie sofort zur Weltanschauung ausgebaut; sie tritt dann etwa als psychologische Weltanschauung, die die Herrschaft der Vernunft predigt, der marxistischen entgegen, mit dem Anspruch, durch vern�nftige Regelung der menschlichen Beziehungen ein durch Erziehung zur bewussten Beherrschung des Trieblebens ein besseres gesellschaftliches Dasein vorbereiten zu k�nnen. Dieser utopische Rationalismus, der �berdies eine individualistische Auffassung des gesellschaftlichen Geschehens verr�t, ist weder originell noch revolution�r und geht fraglos �ber die Befugnisse der Psychoanalyse hinaus. Sie ist n�mlich nach der Definition ihres Sch�pfers nichts anderes, als eine psychologische Methode, die mit naturwissenschaftlichen Mitteln das Seelenleben als ein besonderes Gebiet der Natur zu beschreiben und zu erkl�ren versucht. Da die Psychoanalyse weder eine Weltanschauung ist noch entwickeln kann, kann sie die materialistische Geschichtsauffassung auch nicht ersetzen, noch erg�nzen. Als Naturwissenschaft ist sie der Marxschen Geschichtsauffassung disparat 3).
2. Der eigentliche Gegenstand der Psychoanalyse ist das Seelenleben des vergesellschafteten Menschen. Das der Masse kommt f�r sie nur insofern in Betracht, als individuelle Ph�nomene in der Masse in Erscheinung treten (etwa das Problem des F�hrers), ferner, soweit sie Erscheinungen der "Massenseele", wie Angst, Panik, Gehorsam usw. aus ihren Erfahrungen am Einzelnen erkl�ren kann. Aber es scheint,
als ob ihr das Ph�nomen des Klassenbewusstseins kaum zug�nglich w�re, und Probleme, wie das der Massenbewegung, der Politik, des Streiks, die der Gesellschaftslehre angeh�ren, k�nnen nicht Objekte ihrer Methode sein. Sie kann also auch die Gesellschaftslehre nicht ersetzen, noch aus sich heraus eine Gesellschaftslehre entwickeln. Wohl aber kann sie der Gesellschaftslehre etwa in Form der Sozialpsychologie Hilfswissenschaft werden. Sie kann etwa die irrationalen Motive aufdecken, die eine F�hrernatur bewogen, sich gerade der sozialistischen oder nationalistischen Bewegung anzuschlie�en 4), sie kann ferner die Wirkung der gesellschaftlichen Ideologien auf die seelische Entwicklung des Einzelnen verfolgen 5). Die marxistischen Kritiker haben also Recht, wenn sie manchen Vertretern der Psychoanalyse vorwerfen, dass sie zu erkl�ren versuchen, was mit dieser Methode nicht erkl�rt werden kann; sie tun aber Unrecht, die Methode mit denen, die sie anwenden, zu identifizieren, und Fehler, die diese begehen, jener in die Schuhe zu schieben.
Die behandelten zwei Punkte leiten �ber zu einer notwendigen aber in der marxistischen Literatur nicht immer klar hervor - tretenden Unterscheidung zwischen dem Marxismus, soweit er Gesellschaftslehre, also Wissenschaft, und dem Marxismus, soweit er eine Untersuchungsmethode und soweit er weltanschauliche Praxis des Proletariats ist 6). Die marxistische Gesellschaftslehre ist Resultat der Anwendung der marxistischen Methode auf das Gebiet des gesellschaftlichen Seins. Als Wissenschaft ist die Psychoanalyse der Marx-schen Gesellschaftslehre gleichgeordnet: Jene behandelt die seelischen, diese die gesellschaftlichen Erscheinungen. Und nur insoweit gesellschaftliche Tatsachen im Seelenleben, oder umgekehrt seelische im gesellschaftlichen Sein zu untersuchen sind, verhalten sie sich jeweilig zueinander als Hilfswissenschaften. Die Gesellschaftslehre kann also auch keine neurotischen Erscheinungen, keine St�rung der Arbeitsf�higkeit oder der sexuellen Leistung aufkl�ren. Anders verh�lt es sich hinsichtlich des dialektischen Materialismus. Hier gibt es nur zwei M�glichkeiten: Entweder widerspricht ihm die Psychoanalyse als Methode, d.h., sie w�re idealistisch und undialektisch, oder aber es l�sst sich nachweisen, dass die Psychoanalyse, wenn auch unbewusst, wie so viele Naturwissenschaften auf ihrem Gebiet die materialistische Dialektik tats�chlich angewendet und dementsprechende Theorien entwickelt hat. Hinsichtlich der Methode kann die Psychoanalyse nur
entweder dem Marxismus widersprechen oder entsprechen. Im ersten Falle, wenn n�mlich ihre Ergebnisse nicht dialektisch-materialistische w�ren, m�sste der Marxist sie ablehnen, im letzten Falle aber w�sste er, dass er eine mit dem Sozialismus nicht in Widerspruch stehende Wissenschaft vor sich hat 7) 8).
Zwei Einw�nde wurden von marxistischer Seite gegen die Psychoanalyse als eine im Sozialismus berechtigte Disziplin vorgebracht:
1. Sie sei Verfallserscheinung des untergehenden B�rgertums. Dieser Einwand verr�t einen Riss im dialektischen Denken hinsichtlich der Psychoanalyse. Ist nicht auch die marxistische Gesellschaftslehre eine "Verfallserscheinung des B�rgertums" gewesen? Sie war "Verfallserscheinung" insofern, als sie ohne den Widerspruch zwischen den Produktivkr�ften und den kapitalistischen Produktionsverh�ltnissen nie h�tte entstehen k�nnen, aber sie war die Erkenntnis und damit gleichzeitig der ideologische Keim der neuen Wirtschaftsordnung, die sich im Scho�e der alten entwickelte. Die soziologische Stellung der Psychoanalyse werden wir sp�ter ausf�hrlicher behandeln, diesen Einwand aber widerlegen wir am besten mit den Worten des Marxisten Wittfogel 9).
2. Sie sei eine idealistische Wissenschaft. Etwas mehr Sachkenntnis h�tte die Kritiker vor diesem Urteil bewahrt, und einige Objektivit�t der Disziplin gegen�ber h�tte nicht vergessen
lassen, dass jede Wissenschaft, sie mag noch so materialistisch fundiert sein, in der b�rgerlichen Gesellschaft idealistische Abweichungen erwirbt und erwerben muss. In der Theoriebildung, die sich von der Erfahrung auch nur um einen Schritt entfernt, ist eine idealistische Abweichung begreiflich und sagt nichts �ber die wahre Natur der Wissenschaft aus. Jurinetz hat viel M�he darauf verwendet, gerade die idealistischen Abweichungen in der Psychoanalyse herauszustreichen; gewiss, es gibt solche Abweichungen, sogar in gro�er Zahl, aber die Frage ist, wie die Elemente der Theorie, die grunds�tzlichen Auffassungen der seelischen Vorg�nge sind.
Sehr oft wird die Psychoanalyse im Zusammenhang mit der Diskussion der reformistischen Richtungen in der Politik erw�hnt (Tha1heimer, Deborin). Der Tenor dieser Beziehungssetzung ist, dass sich die reformistischen Philosophen gern auf die Psychoanalyse berufen, ja, de Man hat tats�chlich die Psychoanalyse in reaktion�rer Weise gegen den Marxismus ausgespielt. Aber ich behaupte - und ich kann mich hier auf linke Marxisten berufen -, man kann, wenn man will, in reaktion�rer Weise auch ''Marxismus" gegen Marxismus ausspielen. Einem wirklichen Kenner der Psychoanalyse w�re aber nie eingefallen, die "Psychoanalyse" de Mans mit der Psychoanalyse Freuds in Beziehung zu bringen, wie Deborin 10) es tat. Was hat de Mans sentimentaler Gesinnungssozialismus mit der Libidotheorie zu tun, auch wenn er sich auf die von ihm nie verstandene Psychoanalyse beruft? Ich werde im letzten Abschnitt zu zeigen versuchen, dass mit der Psychoanalyse in den H�nden des Reformismus 11) dasselbe vorgeht wie mit dem lebendigen Marxismus, n�mlich Verflachung und Verw�sserung.
Wir wollen der Reihe nach folgende Fragen behandeln:
1. Die materialistische Grundlage der psychoanalytischen Theorie
2. Die Dialektik im Seelenleben.
3. Die gesellschaftliche Stellung der Psychoanalyse.
II. Die materialistischen Erkenntnisse der Psychoanalyse
und einige idealistische Auslegungen
Ehe wir den gro�en Fortschritt zeigen, den die Psychoanalyse in materialistischer Richtung gegen�ber der vorwiegend idealistischen und formalistischen Psychologie vor ihr bedeutet, m�ssen wir uns von einer auch in marxistischen Kreisen weit verbreiteten und irref�hrenden "materialistischen" Auffassung des Seelenlebens abgrenzen. Es ist der mechanistische Materialismus, wie er etwa von den franz�si-
schen Materialisten des 18. Jahrhunderts und von B�chner vertreten wurde und sich in den vulg�r-marxistischen fortsetzt 12). Dieser behauptet, dass seelische Ph�nomene an sich nicht materiell seien und dass ein konsequenter Materialist im Seelischen nichts als k�rperliche Vorg�nge zu erblicken habe. Solchen Materialisten erscheint schon der Begriff "Seele" ein idealistischer und dualistischer Irrtum, was zweifellos eine extreme Reaktion auf den sich in die b�rgerliche Philosophie fortsetzenden Platonischen Idealismus ist. Nicht die Seele sei wirklich und materiell - behaupten sie -, sondern die ihnen entsprechenden k�rperlichen, also nicht die subjektiven, sondern die objektiven, mess- und w�gbaren Gegebenheiten. Der mechanistische Irrtum besteht darin , dass man mess- und w�gbar oder tastbar Stoffliches mit Materiellem identifiziert.
"Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus - sagt Marx - 13) - ist, dass der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefasst wird; nicht aber als menschliche sinnliche T�tigkeit, Praxis, nicht subjektiv. Daher geschah es, dass die t�tige Seite, im Gegensatz zum Materialismus, vom Idealismus entwickelt wurde, aber nur abstrakt, da der Idealismus nat�rlich die wirkliche sinnliche T�tigkeit als solche nicht kennt. Feuerbach will sinnliche, von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedene Objekte; aber er fasst die menschliche T�tigkeit selbst nicht als gegenst�ndliche T�tigkeit. "
Die Frage nach der Gegenst�ndlichkeit, also nach der materiellen Wirklichkeit der seelischen T�tigkeit ("des menschlichen Denkens") h�lt Marx, wenn man sie von der Praxis isoliert, f�r eine rein scholastische Frage. Aber:
"Die materialistische Lehre, dass die Menschen Produkte der Umst�nde und der Erziehung, ver�nderte Menschen also Produkte anderer Umst�nde und ge�nderter Erziehung sind, vergisst, dass die Umst�nde eben von den Menschen ver�ndert werden und dass der Erzieher selbst erzogen werden muss" 14).
Von einer Leugnung der materiellen Wirklichkeit der seelischen T�tigkeit ist also bei Marx keine Rede. Erkennt man aber die Ph�nomene des menschlichen Seelenlebens als praktisch materiell an, so
muss prinzipiell auch die M�glichkeit einer materialistischen Psychologie zugegeben werden, auch wenn sie diese seelische T�tigkeit nicht durch organische Vorg�nge erkl�rt. Ist man nicht dieser Ansicht, so gibt es keine Basis f�r eine marxistische Diskussion �ber ein rein psychologische Methode. Dann darf man aber auch konsequenterweise nicht von Klassenbewusstsein , revolution�rem Willen, religi�ser Ideologie usw. sprechen, sondern muss warten, bis die Chemie die entsprechenden k�rperlichen Vorg�nge in Formeln gefasst oder die Reflexologie die entsprechenden Reflexe entdeckt hat. Man wird dann, da solche Psychologie notwendigerweise im kausalen Formalismus stecken bleibt und nicht zum praktischen Gehalt der Vorstellungen und Gef�hle vordringt, nicht um ein Jota besser verstehen, was Lust oder Leid oder Klassenbewusstsein ist. In dieser �berlegung ist die Unerl�sslichkeit einer Psychologie, die psychische Ph�nomene mit psychologischer und nicht organischer Methode erfasst, im Rahmen des Marxismus beschlossen.
Freilich, es gen�gt nicht, um eine Psychologie materialistisch zu nennen, dass sie sich mit den materiellen Gegebenheiten des Seelenlebens befasst. Sie wird vielmehr eindeutig Stellung zu der Frage nehmen m�ssen, ob sie die seelische T�tigkeit als metaphysische, d.h. jenseits des Organischen seiende Gegebenheit oder aber als sekund�re, aus dem Organischen sich entwickelnde und an seine Existenz gebundene Funktion betrachtet 15). Nach Engels unterscheiden 16) sich Materialismus und Idealismus prinzipiell dadurch, dass dieser den "Geist", jener die (organische) Materie, die Natur als das Urspr�ngliche auffasst, und er betont, dass er die beiden Begriffe in keinem anderen Sinne gebraucht. Einen weiteren Unterschied hat
Lenin "Materialismus und Empiriokritizismus" 17) zum Thema seiner erkenntniskritischen Untersuchung gemacht, n�mlich die Stellung zur Frage der Erkenntnistheorie, ob die Welt real, au�erhalb und unabh�ngig von unserem Denken besteht (Materialismus), oder ob sie nur in unserem Kopf als Vorstellung, Empfindung und Wahrnehmung existiert (Idealismus). Ein dritter Unterschied, der mit den ersterw�hnten zusammenh�ngt, ist, ob man der Ansicht ist, dass der K�rper sich die Seele baut oder umgekehrt.
Statt diese Fragen f�r die Psychoanalyse allgemein zu beantworten, beginnen wir mit der Darstellung ihrer grundlegenden Theorien. Ob die Tatsachen, auf die sich die Psychoanalyse st�tzt, richtig oder falsch sind, das zu beurteilen, kann nie Sache methodologischer, sondern nur empirischer Kritik sein. Den Fehler, ohne gen�gende Sachkenntnis die psychoanalytische Theorie empirisch zu kritisieren und ihre Befunde zu bestreiten, hat unter den Marxisten Thalheimer 18) begangen, w�hrend Jurinetz nur methodologische Kritik �bte, freilich ebenfalls ohne gen�gende Kenntnis der analytischen Empirie. Wir werden die psychoanalytischen Theorien nicht zu beweisen versuchen; ein solches Beginnen �berschritte sicher den Rahmen dieser Arbeit und w�re �berdies fruchtlos. Die Beweise sind einzig in der eigenen empirischen Erfahrung zu finden.
a) Die psychoanalytische Trieblehre
Das Ger�st der psychoanalytischen Theorie ist ihre Trieblehre und das bestfundierte St�ck davon im besonderen die Libidotheorie, die Lehre von der Dynamik des Sexualtriebes 19).
Der Trieb ist ein "Grenzbegriff zwischen Seelischem und Somatischem". Unter Libido versteht Freud 20) die Energie des Sexualtriebes. Die Quelle der Libido ist nach Freud ein noch nicht v�llig bekannter chemischer Prozess im Organismus, besonders im Sexualapparat und in den sog. "erogenen Zonen". K�rperteilen, die besonders sexuell erregbar und Konzentrationsst�tten der k�rperlichen sexuellen Erregung sind 21). �ber diesen Quellen der Sexual-
erregung erhebt sich der m�chtige �berbau der seelischen Libidofunktionen, der an seine Grundlage gebunden bleibt, sich mit ihr ver�ndert - quantitativ sowohl wie qualitativ - wie etwa in der Pubert�t, und mit ihr zu erl�schen beginnt, wie nach dem Klimakterium. Im Bewusstsein spiegelt sich die Libido wider als k�rperlicher und seelischer Drang nach Sexualbefriedigung, das hei�t lustvoller Entspannung. Freud hat die bestimmte Hoffnung ausgesprochen, dass die Psychoanalyse einmal auf ihr organisches Fundament gestellt wird, und der Begriff des Sexualchemismus spielt in seiner Libidotheorie als Hilfsvorstellung eine wesentliche Rolle, doch kann die Psychoanalyse methodisch nicht an die konkreten Vorg�nge im Organischen herantreten, das bleibt der Physiologie vorbehalten 22). Die materielle Natur des Freud-schen Libidobegriffes zeigt sich sehr gut darin, dass seine Lehre von der infantilen Sexualit�t sp�ter von Physiologen best�tigt wurde, indem sie schon beim Neugeborenen eine Entwicklung der organischen Sexualapparatur fanden.
Freud r�umte mit der Auffassung, dass der Geschlechtstrieb erst "in der Pubert�t erwache" auf, er zeigte, dass die Libido von der Geburt an bestimmte Entwicklungsstufen durchl�uft, ehe sie die Stufe der genitalen Geschlechtlichkeit erreicht. Er erweiterte den Begriff der Sexualit�t durch Einbeziehung aller jener Lustfunktionen, die nicht an das Genitale gebunden, aber unzweideutig sexueller Natur sind, wie die Munderotik, die Analerotik usw. Diese "pr�genitalen", infantilen Formen der Sexualbet�tigung unterordnen sich sp�ter dem genitalen Primat, der Herrschaft des eigentlichen Geschlechtsapparates.
Jede Entwicklungsphase der Libido, �ber deren dialektischen Charakter wir sp�ter sprechen werden, ist gekennzeichnet durch die Daseinsbedingungen des Kindes, wie etwa die orale Stufe sich an der Nahrungsaufnahme, die anale an den Entleerungsfunktionen und der Erziehung zur Reinlichkeit herausbildet. Die in der b�rgerlichen Moral befangene Wissenschaft hatte bis Freud diese Tatsache glatt �bersehen und die popul�re Auffassung von der "Reinheit" des Kindes best�tigt. Die gesellschaftliche Sexualunterdr�ckung war ein Hindernis der Forschung geworden.
Unter den Trieben unterschied Freud zwei psychologisch nicht weiter zerlegbare Hauptgruppen, den Selbsterhaltungstrieb und den Sexualtrieb, in Anlehnung an die popul�re Unterscheidung von Hunger und Liebe. Alle anderen Triebe, den Willen zur Macht, den Ehrgeiz, die Profitgier usw. fasst Freud nur als sekund�re Bildungen, als Abk�mmlinge dieser beiden Grundbed�rfnisse auf. F�r die Sozialpsychologie d�rfte der Freudsche Satz, dass der Sexualtrieb in Anlehnung an den Nahrungstrieb zuerst in Erscheinung tritt gro�e Bedeutung gewinnen, wenn es gel�nge, eine Beziehung zur �hnlich lautenden These von Marx zu finden, dass im gesellschaftlichen
Sein das Nahrungsbed�rfnis die Grundlage auch f�r die geschlechtlichen Funktionen der Gesellschaft sei 23).
Sp�ter hat Freud dem Sexualtrieb den Destruktionstrieb gegen�bergestellt und dabei den Nahrungstrieb dem Eros als Funktion des Interesses der Selbstliebe (Selbsterhaltung - Narzissmus) eingeordnet 24). Die Beziehung der neueren Triebeinteilung zur �lteren ist noch nicht klar herausgearbeitet. Die neueren Begriffe der Trieblehre: Eros - Todestrieb (Sexualtrieb - Destruktionstrieb) sind in Anlehnung an die beiden Grundfunktionen der organischen Substanz, Assimilation (Aufbau) und Dissimilation (Abbau), gebildet worden; der Eros umfasst alle jene Strebungen des seelischen Organismus, die aufbauen, zusammenfassen, vorw�rts - dr�ngen, der Destruktionstrieb hingegen diejenigen, die abbauen, zerst�ren, zum urspr�nglichen Zustand zur�cktreiben. Die seelische Entwicklung w�rde sich somit aus einem Kampfe zwischen diesen zwei entgegengesetzten Tendenzen ergeben, was einer durchaus dialektischen Auffassung der Entwicklung entspricht 25). Die Schwierigkeit ist aber eine andere. W�hrend die k�rperliche Grundlage des Sexual- und des Nahrungsbed�rfnisses eindeutig ist, ermangelt der Begriff des Todestriebes einer so klaren materiellen Fundierung, denn die Berufung auf den organischen Prozess der Dissimilation betrifft vorl�ufig mehr eine formale Analogie als eine inhaltliche Verwandtschaft. Nur insofern eine reale Beziehung des "Todestriebes" zum selbstzerst�renden Prozess im Organismus zutrifft, ist sie materialistisch. Aber man kann nicht leugnen, dass sein unklarer Gehalt und die Unm�glichkeit, ihn als solchen ebenso zu fassen wie etwa die Libido, ihn leicht zum Schlupfwinkel idealistischer und metaphysischer Spekulationen �ber das Seelenleben macht. Er hat in der Psychoanalyse bereits viele Missverst�ndnisse aufkommen lassen, zu finalistischen Theoriebildungen und �bertreibungen der moralischen Funktionen gef�hrt, was wir als idealistische Abweichung in der Psychoanalyse betrachten. Nach Freuds eigenem Ausspruch ist der "Todestrieb" eine jenseits der Klinik liegende Hypothese, es kann aber nicht Zufall sein, dass mit ihm so
gern operiert wird und dass er unn�tzen Spekulationen in der Psychoanalyse T�r und Tor ge�ffnet hat. Als Reaktion auf die idealistische Richtung, die sich mit der neueren Triebhypothese in der Psychoanalyse entwickelt hat, liegt ein Versuch von mir vor 26), auch den Destruktionstrieb als von der Libido abh�ngig zu erfassen, ihn also der materialistischen Libidotheorie einzuordnen. Dieser Versuch gr�ndet sich auf die klinische Beobachtung, dass die Hassbereitschaft eines Menschen und seine Schuldgef�hle zumindest in ihrer Intensit�t vom Zustand der Libido�konomie abh�ngen, dass sexuelle Unbefriedigtheit die Aggression steigert, Befriedigung sie herabsetzt. Nach dieser Auffassung ist der Destruktionstrieb psychologisch eine Reaktion auf die Versagung einer Triebbefriedigung und seine k�rperliche Grundlage die Verschiebung libidin�ser Erregung auf das Muskelsystem.
Man kann aber nicht zweifeln, dass der Aggressionstrieb auch ein Instrument des Nahrungstriebes ist und dass er sich besonders steigert, wenn das Nahrungsbed�rfnis nicht gen�gend befriedigt ist. Der Destruktionstrieb ist nach meiner Auffassung eine sp�te, sekund�re Bildung des Organismus, die bestimmt wird durch die Verh�ltnisse, unter denen Nahrungstrieb und Sexualit�t befriedigt werden.
Der Regulator des Trieblebens ist das "Lust-Unlust-Prinzip". Alles Triebhafte strebt nach Lust und will Unlust vermeiden. Die unlustvolle Bed�rfnisspannung kann nur durch Befriedigung des Bed�rfnisses behoben werden. Das Ziel des Triebes ist also Aufhebung der Triebspannung durch Beseitigung des Reizes an der Triebquelle. Diese Befriedigung ist lustvoll. Eine k�rperliche Erregung etwa an der Genitalzone bedingt einen Reiz, der ein Bed�rfnis (einen Trieb) erzeugt, diese Spannung zu beseitigen. Eine organische Spannung in den Ern�hrungsorganen erzeugt den Hunger und treibt zum Essen 27). Diese kausale Betrachtung schlie�t die finale ein, denn das Ziel, dem der Trieb zustrebt, ist durch die Quelle der Reizung bestimmt. Hier steht die Psychoanalyse als materialistisch-kausale Lehre ganz im Gegensatz zur nur final orientierten Individualpsychologie Alfred Adlers.
Da alles, was Lust bringt, anzieht, was Unlust bringt, abst��t, bedingt das Lustprinzip Bewegung, Ver�nderung der Situation. Die Quelle dieser Funktion ist der organische Triebapparat, insbesondere der Sexualchemismus. Wie eine Feder spannt sich der Triebapparat nach jeder Befriedigung des Bed�rfnisses nach einer Ruhepause immer aufs neue. Als Grundlage dieser Spannung kommen Stoffwechselvorg�nge in Betracht 28).
Die Arbeitsweise der beiden Grundbed�rfnisse des Menschen enth�lt
aber durch das gesellschaftliche Dasein des Individuums erst ihre eigentliche Form, indem diese die Triebbefriedigungen einschr�nkt. Alle Einschr�nkungen und gesellschaftlichen N�tigungen, die Bed�rfnisse herabzusetzen oder aber deren Befriedigung aufzuschieben, fasste Freud in der Formulierung des "Realit�tsprinzips" zusammen. Dieses tritt also zum Teil in Gegensatz zum Lustprinzip, sofern es gewisse Befriedigungen v�llig untersagt, zum Teil bildet e s eine Modifikation des letzten, sofern e s das Individuum zu Ersatzbefriedigungen oder zum Aufschub einer Befriedigung zwingt. Der S�ugling etwa darf nur zu bestimmten Stunden seine Nahrung einnehmen, das M�dchen der Reifejahre darf in der heutigen Gesellschaft seine nat�rlichen Sexualbed�rfnisse nicht sofort befriedigen. Die �konomischen (der B�rgerliche w�rde sagen: die kulturellen) Interessen zwingen es, seine Keuschheit bis zur Ehe zu bewahren, wenn es nicht die �chtung riskieren oder die Findung eines Gatten erschweren will. Die Unterbindung der direkten analerotischen Befriedigung, wie sie das Kind �bt, ist ebenso eine Wirkung des Realit�tsprinzips.
Die Definition, das Realit�tsprinzip sei eine Forderung der Gesellschaft, bleibt aber formalistisch, wenn sie nicht konkret mit einbezieht, dass das Realit�tsprinzip, wie wir es heute vor uns haben, das Prinzip der kapitalistischen bzw. privatwirtschaftlichen Gesellschaft ist. Hinsichtlich der Auffassung des Realit�tsprinzips gibt es in der Psychoanalyse reichlich idealistische Abweichungen. So wird das Realit�tsprinzip oft als absolute Gegebenheit hingestellt. Unter Realit�tsanpassung versteht man einfach Anpassung an die Gesellschaft, was, in der P�dagogik oder Neurosentherapie angewendet, zweifellos eine konservative Formulierung ist. Konkret: Das Realit�tsprinzip des kapitalistischen Zeitalters fordert vom Proletarier �u�erste Einschr�nkung seiner Bed�rfnisse, nicht ohne sich dabei auf religi�se Forderungen nach Demut und Bescheidenheit zu berufen. Es fordert auch die monogame Sexualform und anderes mehr. All das ist in den �konomischen Verh�ltnissen begr�ndet, die herrschende Klasse hat ein Realit�tsprinzip, das der Aufrechterhaltung ihrer Macht dient. Erzieht man den Proletarier zu diesem Realit�tsprinzip, stellt man es ihm als absolut g�ltig etwa im Namen der Kultur hin, so bedeutet das Bejahung seiner Ausbeutung, Bejahung der kapitalistischen Gesellschaft. Es muss klar werden, dass der Begriff des Realit�tsprinzips, so wie er heute in der Psychoanalyse von Vielen erfasst wird, einer (wenn auch unbewussten) konservativen Einstellung entspricht und daher im Gegensatz zum objektiv revolution�ren Charakter der Psychoanalyse steht. Das Realit�tsprinzip hatte fr�her andere Inhalte und wird sich in dem Ma�e wandeln, wie sich die Gesellschaftsordnung �ndern wird.
Auch die konkreten Inhalte des Lustprinzips sind nat�rlich nicht absolut, sie wechseln ebenfalls mit dem gesellschaftlichen Sein.
Etwa die anale Befriedigung muss in einem Zeitalter, in dem der Reinlichkeit so gro�e Aufmerksamkeit gewidmet wird, eine andere, n�mlich geringere, das Streben danach muss ein gr��eres sein, als etwa in einer primitiven Gesellschaft, was sich auch qualitativ in der Erzeugung bestimmter Charakterz�ge �u�ert. Man denke nur an den sich auf der Analerotik aufbauenden �sthetizismus und an den Unterschied seiner Bedeutung im b�rgerlichen Zeitalter und etwa in der primitiven Gesellschaft oder im Mittelalter. Welche Inhalte des Luststrebens st�rker, welche schw�cher betont sind, h�ngt nat�rlich auch von der Klasse ab, der das Kind angeh�rt. So scheinen z.B. die analen Strebungen im B�rgertum weit st�rker ausgepr�gt zu sein als im Proletariat, w�hrend umgekehrt die genitalen Antriebe im Proletariat intensiver sind. Das h�ngt aber auch mit der Erziehung und den Wohnverh�ltnissen zusammen.
In der biologischen Anlage d�rfte ja der Unterschied nicht sehr gro� oder nicht ausschlaggebend sein. Aber das soziale Milieu beginnt den Gehalt des Lustprinzips schon mit der Geburt zu formen. Und ob Unterschiede in den Ern�hrungsverh�ltnissen auf die Triebkonstitution nicht schon in der Keimanlage einwirken und die Intensit�t und Qualit�t der Strebungen beeinflussen, ist eine Frage k�nftiger Forschung 29).
b) Die Lehre vom Unbewussten und von der Verdr�ngung.
Freud unterschied im seelischen Apparat drei Systeme:
1. Das Bewusste, welches die Wahrnehmungsfunktion des Sinnesapparates und alle Vorstellungen und Gef�hle umfasst, die gerade bewusst sind.
2. Das Vorbewusste. Es umfasst alle jene Vorstellungen und Einstellungen, die momentan nicht im Bewusstsein sind, aber jederzeit bewusst werden k�nnen. Diese beiden Systeme waren der voranalytischen Psychologie gut bekannt. Was nichtpsychoanalytische Forscher als "unbewusst" ("nebenbewusst"), ("unterbewusst") bezeichnen, geh�rt noch v�llig zum Freudschen System des Vorbewussten. Die eigentliche Entdeckung Freuds betraf 3. das
Unbewusste, welches dadurch charakterisiert ist, dass seine Inhalte nicht bewusst werden k�nnen 30), weil eine "vorbewusste" Zensur ihnen das Bewusstsein verbietet. Diese Zensur ist nichts Mystisches, sondern sie umfasst aus der Au�enwelt �bernommene Verbote und Gebiete, die selbst unbewusst geworden sind.
Das Unbewusste umfasst nicht nur die verp�nten W�nsche und Vorstellungen, die nicht bewusst werden k�nnen, sondern auch (wahrscheinlich) ererbte Repr�sentanzen, denen die Symbole entsprechen. Dass aber auch das Unbewusste sich mit der Zeit wandelt, zeigt die interessante klinische Erfahrung, dass es mit der Entwicklung der Technik neue Symbole erwirbt; so tr�umten viele Patienten zur Zeit des Zeppelinrummels von Luftschiffen als Darstellungen des m�nnlichen Geschlechtsorgans.
Da im Laufe der Forschung klar wurde, dass das Unbewusste au�er dem eigentlichen Verdr�ngten noch viel mehr enth�lt, entschloss sich Freud zu einer Erg�nzung der Theorie von der Struktur des seelischen Apparates. Er unterschied dann das Es, das Ich und das �ber-Ich.
Das Es ist wieder nichts �bersinnliches, sondern es ist ein Ausdruck f�r den biologischen Anteil der Pers�nlichkeit. Ein Teil davon ist das Unbewusste im fr�her beschriebenen Sinne, das eigentlich Verdr�ngte.
Was ist nun Verdr�ngung? Sie ist ein Prozess, der sich zwischen dem Ich und den Strebungen des Es abspielt. Jedes Kind bringt Triebe auf die Welt und erwirbt in seiner Kindheit W�nsche, die es nicht ausleben darf, weil die weitere und die engere Gesellschaft, die Familie, es nicht dulden (Inzestwunsch, Analit�t, Exhibitionismus, Sadismus usw.). Das gesellschaftliche Sein fordert nun in Gestalt der Erzieher, dass das Kind diese Triebe unterdr�cke. Das gelingt dem Kind, das nur �ber ein schwaches Ich verf�gt und vorwiegend dem Lustprinzip folgt, oft nur dadurch, dass es die W�nsche aus seinem Bewusstsein verbannt, selbst davon nichts wissen will. Die betreffenden W�nsche werden durch die Verdr�ngung unbewusst. Eine andere sozialwichtige Tat der Erledigung unerf�llbarer W�nsche ist die Sublimierung, die ein Gegenst�ck zur Ver-
dr�ngung ist; das hei�t, statt zu verdr�ngen, wird der Trieb blo� auf eine sozial m�gliche Bet�tigung abgelenkt 31).
Wir sehen also, dass die Psychoanalyse das Kind ohne die Gesellschaft gar nicht denken kann, es existiert f�r sie nur als vergesellschaftetes Wesen. Das gesellschaftliche Sein wirkt unaufh�rlich einschr�nkend, umbildend und f�rdernd auf die primitiven Triebe ein. Dabei verhalten sich die beiden Grundtriebe verschieden. Der Hunger ist starrer, unerbittlicher, dr�ngt heftiger nach sofortiger Befriedigung als der Sexualtrieb; auf keinen Fall kann er verdr�ngt werden wie dieser. Der Sexualtrieb ist modifizierbar, plastisch, sublimierbar, seine Partialtendenzen sind in ihr Gegenteil verkehrbar, ohne jedoch auf Befriedigung v�llig verzichten zu k�nnen. Die Energie, die zu den sozialen Leistungen verwendet wird, auch zu denen, die den Nahrungstrieb befriedigen, entstammen der Libido. Sie ist die Triebkraft der seelischen Entwicklung, sobald sie unter den Einfluss der Gesellschaft ger�t.
Der Motor der Verdr�ngung ist der Selbsterhaltungstrieb des Ichs. Dieser meistert den Sexualtrieb, aus dem Konflikt zwischen beiden ergibt sich die seelische Entwicklung. Die Verdr�ngung ist, wenn man von ihr als Mechanismus und von ihren Wirkungen absieht, ein gesellschaftliches Problem, weil Inhalte und Formen der Verdr�ngung vom gesellschaftlichen Sein des Individuums abh�ngen. Dieses gesellschaftliche Sein ist ideologisch konzentriert in einer Summe von Vorschriften, Geboten, Verboten, im �ber � Ich. Gro�e Teile davon sind selbst unbewusst.
Die Psychoanalyse f�hrt alle Moral im Menschen auf die Einfl�sse der Erziehung zur�ck, weist also die Annahme eines metaphysischen Charakters der Moral etwa im Sinne des Kantschen Moralbegriffes zur�ck. Sie l�st den Moralbegriff materialistisch auf, indem sie ihn auf Erlebnisse und auf den Selbsterhaltungstrieb sowie auf Angst vor Strafe zur�ckf�hrt. Alle Moral entsteht im Kinde entweder aus Angst vor Strafe oder aus Liebe zu den Erziehungspersonen. Wenn Freud zuletzt von "einer unbewussten Moral" und von einem "unbewussten Schuldgef�hl" spricht, so meint er damit nur, dass mit den verbotenen W�nschen auch gewisse Elemente des Schuldgef�hls verdr�ngt werden, wie etwa das Inzestverbot. Jurinetz hat den Begriff des unbewussten Schuldgef�hls v�llig missverstanden, wenn er meint, dass sich hier die Annahme eines
urspr�nglich moralischen Wesens des Ichs im Sinne einer metaphysischen Schuld eingenistet hat. Einzelne Analytiker m�gen, aus welchen Bed�rfnissen immer, trotz der Psychoanalyse, die sie aus�ben, an das urspr�ngliche Moralische und G�ttliche im Menschen glauben. Das ist nicht in der analytischen Theorie gegeben, gerade das Gegenteil ist wahr: Die Psychoanalyse vernichtet endg�ltig, naturwissenschaftlich, indem sie die Diskussion der Moral der Philosophie entzieht, einen solchen Glauben. Man �berlasse es dem einzelnen Analytiker, mit dem Konflikt fertig zu werden, wie er den Glauben an eine metaphysische Moral und Gott mit seiner psychoanalytischen �berzeugung vereinen kann. Man hat allen Grund, um die Psychoanalyse besorgt zu sein, wenn sie sich mit metaphysischer Anschauung zu vertragen beginnt 32). Die Theorie des unbewussten Schuldgef�hls wirft also keineswegs die Theorie des Unbewussten �ber den Haufen, wie Jurinetz bef�rchtet, sondern sie f�hrt im Gegenteil auch die Erwerbung der Moral auf Materielles zur�ck.
Wir haben bisher gezeigt, dass sowohl das Es wie das �ber-Ich weit davon entfernt, metaphysische Konstruktionen zu sein, sich inhaltlich restlos auf Bed�rfnisse beziehungsweise reale Erwerbungen aus der Au�enwelt zur�ckf�hren lassen. Wo Jurinetz den Vorwurf hernimmt, dass "wie bei Schopenhauer, so ... auch bei Freud die Welt die Produktion des eigenen "Ich" mit dem Ziele der Regulierung unserer Triebe ist" 33), ist mir v�llig unverst�ndlich. Gerade das Gegenteil ist an zahllosen Stellen, die �brigens auch von Jurinetz zitiert werden, von Freud dargelegt, dass n�mlich das Ich ein Resultat der Einwirkung der realen Au�enwelt auf den Trieborganismus ist, als Reizschutz entsteht. Selbst in der von Jurinetz haupts�chlich zur Grundlage seiner Kritik genommenen, bewusst spekulativen Schrift Freuds "Jenseits des Lustprinzips", ist von einer Sch�pfung der realen Welt durch das Ich keine Rede. Jurinetz ist am Begriff der Projektion gescheitert, der dort nicht n�her er�rtert wird; in den klinischen Arbeiten Freuds h�tte er sich dar�ber Klarheit holen k�nnen. Das Ich glaubt, dass Vorstellungen, die es verdr�ngt, in sich hat und deren Druck es sp�rt, in
der Au�enwelt sind. Das und nichts anderes ist die Projektion. Gerade durch diese materialistische Theorie konnte Freud das Wesen der Halluzinationen der Geisteskranken aufkl�ren. Die Stimmen, die sie h�ren, sind tats�chlich nur unbewusste Gewissensbisse oder W�nsche, aber sie sind doch nicht real in der Au�enwelt.
Gewiss, "Jenseits des Lustprinzips" war geeignet, unrichtige Auffassungen in der Psychoanalyse aufkommen zu lassen. Freud hat aber selbst seine kritische Einstellung zu dieser Arbeit sowohl in der Brosch�re als auch wiederholt m�ndlich ge�u�ert, sie als au�erhalb der klinischen Psychoanalyse stehend bezeichnet. Dass sie aber trotzdem Ausgangspunkt f�r v�llig haltlose Spekulationen mit der Todestriebhypothese werden konnte, liegt wahrscheinlich an der f�r die b�rgerliche Ideologie heiklen Libidotheorie, die man gern f�r eine weniger gef�hrliche Hypothese eintauscht.
Die materielle Natur des Ichs ist schon deshalb unbestreitbar, weil es an das Wahrnehmungssystem der Sinnesorgane angeschlossen ist. Ferner leitet sich das Ich nach Freud, wie schon erw�hnt, aus der Einwirkung materieller Reize auf den Triebapparat ab. Es ist nach Freud nur ein besonders differenzierter Teil des Es, ein Puffer oder Schutzorgan zwischen Es und realer Welt. In seinen Handlungen ist das Ich nicht frei, sondern von Es und �ber-Ich, also von Biologischem und Gesellschaftlichem abh�ngig. Die Psychoanalyse bestreitet also die Freiheit des Willens, und ihre Auffassung davon deckt sich mit der von Engels :"Freiheit des Willens hei�t nichts anderes, als die F�higkeit, mit Sachkenntnis entscheiden zu k�nnen". Die �bereinstimmung ist so vollst�ndig, dass sie sogar in der Grundauffassung der analytischen Therapie der Neurosen zum Ausdruck kommt: Der Kranke soll dadurch, dass er Kenntnis von seinem Verdr�ngten erh�lt, dass das Unbewusste bewusst wird, die F�higkeit, sich zu entscheiden, erhalten, "mit mehr Sachkenntnis", als ihm unter der Bedingung der Unbewusstheit seiner wesentlichen Strebungen m�glich war. Nat�rlich ist das noch keine Freiheit des Willens im Sinne der Metaphysiker, sondern sie ist begrenzt durch die Anspr�che der nat�rlichen Bed�rfnisse. Wenn etwa die Sexualw�nsche bewusst geworden sind, kann er sich nicht entscheiden, sie wieder zu verdr�ngen, es ist ihm auch unm�glich, sich f�r dauernde Askese zu entscheiden. Wohl aber kann er sich vornehmen, eine Zeit lang asketisch zu leben. Das Ich bleibt nach der gelungenen Analyse nicht minder abh�ngig von Es und Gesellschaft, es wei� die Konflikte nur besser zu erledigen.
Aus den Bedingungen ihrer Entstehung ergibt sich, dass das Ich zur H�lfte, das �ber-Ich zur G�nze, was ihren konkreten Inhalt betrifft, Fragen des gesellschaftlichen Lebens einschlie�en. Die religi�sen und ethischen Forderungen wechseln mit der Gesellschaftsordnung. Das �ber-Ich der Frau ist im platonischen Zeitalter grundverschieden von dem in der kapitalistischen Gesellschaft, und in
dem Ma�e, wie sich in der bestehenden Gesellschaft die neue ideologisch vorbereitet, �ndern sich nat�rlich die Inhalte des �ber-Ichs. Das betrifft etwa ebenso die Sexualmoral wie die Ideologie von der Unantastbarkeit des Privateigentums an den Produktionsmitteln; es wechselt nat�rlich auch mit der Stellung des Individuums im Produktionsprozess.
Aber auf welche Weise wirkt die gesellschaftliche Ideologie auf das Individuum ein? Die Marx -sche Gesellschaftslehre musste diese Frage als au�erhalb ihres Bereichs liegend offen lassen, die Psychoanalyse hingegen kann sie beantworten: F�r das Kind ist die Familie, die vollgesogen ist mit den Ideologien der Gesellschaft, ja, die geradezu die ideologische Keimzelle der Gesellschaft ist, der vorl�ufige Repr�sentant der Gesellschaft �berhaupt, noch bevor es im eigentlichen Produktionsprozess steht. Im �dipusverh�ltnis sind nicht nur die triebhaften Einstellungen inbegriffen, sondern die Art und Weise, in der das Kind den �dipuskomplex durchmacht und �berwindet, ist mittelbar bedingt sowohl durch die allgemeine gesellschaftliche Ideologie, als auch durch die Stellung der Eltern im Produktionsprozess; mithin sind die Schicksale des �dipuskomplexes letzten Endes, wie alles andere, abh�ngig von der �konomischen Struktur der Gesellschaft. Ja mehr, sogar dass ein �dipuskomplex �berhaupt zustande kommt, ist der besonderen, durch die Gesellschaft bedingten Struktur der Familie zuzuschreiben. Doch die Frage nach der historischen Natur nicht blo� der Formen, sondern auch der Existenz des �dipuskomplexes k�nnen wir erst im n�chsten Kapitel behandeln.
III. Die Dialektik im Seelischen
Wir gehen nun zur Frage �ber, ob die materialistischen Erkenntnisse der Analyse auch die Dialektik der seelischen Prozesse aufgedeckt haben. Doch zun�chst wollen wir die haupts�chlichen Grunds�tze der dialektischen Methode, wie sie von Marx und Engels aufgestellt und von ihren Sch�lern fortgef�hrt wurde, in Erinnerung rufen.
Die materialistische Dialektik von Marx trat als Gegensatz zur idealistischen Dialektik Hegels, des eigentlichen Begr�nders der dialektischen Methode, auf. W�hrend Hegel die Dialektik der Begriffe als das urspr�nglich Bewegende der geschichtlichen Entwicklung ansah, und die reale Welt blo� als Spiegelbild der sich dialektisch fortentwickelnden Ideen oder Begriffe auffasste, kehrte Marx die Betrachtung der Welt materialistisch um, das hei�t, er stellte das Geb�ude Hegels nach seinem eigenen Ausdruck "auf die Beine", indem er das materielle Geschehen als das Urspr�ngliche und die Ideen als das von jenem Abh�ngige erkannte. W�hrend er aber die dialektische Betrachtung des Geschehens von Hegel �bernahm, r�umte er gleichzeitig mit dem metaphysischen Idealismus Hegels
und mit dem mechanistischen Materialismus der Materialisten des 18. Jahrhunderts auf. Die Haupts�tze des dialektischen Materialismus sind:
1. Die Dialektik ist nicht nur eine Form des Denkens, sondern sie ist unabh�ngig vom Denken in der Materie gegeben, das hei�t, die Bewegung der Materie erfolgt objektiv dialektisch. Der materialistische Dialektiker legt also nicht etwas in die Materie hinein, was nur in seinem Denken ist, sondern er erfasst mittels der Sinnesorgane und seines Denkens, das selbst den Gesetzen der Dialektik unterliegt, unmittelbar das materielle Geschehen der objektiven Wirklichkeit. Es ist klar, dass diese Einstellung der idealistischen von Kant extrem entgegengesetzt ist 34).
2. Die Entwicklung nicht nur der Gesellschaft, sondern auch der nat�rlichen Ph�nomene erfolgt nicht, wie jede Art von Metaphysik, sei es nun die idealistische oder die materialistische, behauptet, aus einem "Entwicklungsprinzip" oder "einer den Dingen innewohnenden Entwicklungstendenz", sondern sie erfolgt aus einem inneren Widerspruch; aus Gegens�tzen, die in der Materie vorhanden sind, und aus einem Konflikt dieser Gegens�tze, der in der gegebenen Daseinsweise nicht gel�st werden kann, so dass die Gegens�tze die bestehende Daseinsweise der Materie sprengen und eine neue schaffen, in der sich dann neue Gegens�tze ergeben usf.
3. Alles, was dialektische Entwicklung hervorbringt, ist objektiv weder gut noch schlecht, sondern notwendig. Was aber in einer Entwicklungsperiode zuerst f�rdernd war, kann sp�ter hemmend werden. So f�rderte die kapitalistische Produktionsweise zuerst ganz gewaltig die technischen Produktivkr�fte, wurde aber sp�ter durch die ihr immanenten Widerspr�che zu einer Hemmung dieser Entwicklung. Die Befreiung von dieser Hemmung bringt die sozialistische Produktionsweise.
4. Durch die beschriebene dialektische Entwicklung aus Gegens�tzen ist nichts dauernd, alles, was wird, tr�gt auch schon den Keim seines Unterganges in sich. Eine Klasse, die ihre Herrschaft befestigen will, kann die dialektische Betrachtung nicht akzeptieren, weil sie sich sonst selbst das Todesurteil spricht. Nach Marx brachte die kapitalistische Bourgeoisie in ihrem Aufstieg eine Klasse zur Entwicklung, das Proletariat, das aus seinen Daseinsbedingungen heraus den Niedergang der Bourgeoisie bedeutet. Daher kann auch nur die proletarische Klasse die Dialektik voll und praktisch anerkennen, w�hrend das B�rgertum notwendigerweise im absoluten Idealismus stecken bleiben muss.
5. Jede Entwicklung ist Ausdruck und Folge einer doppelten Negation: Negation der Negation. Um das zu illustrieren, bringen wir wieder ein Beispiel aus der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Warenproduktion war Negation des Urkommunismus, in dem nur Produktion von Gebrauchswerten herrschte. Die sozialistische Wirtschaftsordnung ist die Negation der ersten Negation, sie verneint die Warenproduktion und gelangt so spiralig auf h�herer Stufe zur Bejahung des zuerst Verneinten, der Produktion von Gebrauchswerten, zum Kommunismus 35).
6. Gegens�tze sind nicht absolut, sondern sie durchdringen einander. Quantit�t schl�gt an einem bestimmten Punkte in Qualit�t um. Jede Ursache einer Wirkung ist gleichzeitig Wirkung dieser Wirkung als Ursache. Das ist nicht einfach Wechselwirkung streng voneinander getrennter Ph�nomene, sondern ein gegenseitiges Durchdringen und Aufeinander wirken. Ferner kann ein Element unter gegebenen Bedingungen in sein Gegenteil umschlagen 36).
7- Die dialektische Entwicklung erfolgt zwar allm�hlich, wird aber an bestimmten Stellen sprunghaft. Wasser wird bei fortschreitender Abk�hlung nicht allm�hlich zu Eis, sondern die Qualit�t Wasser wandelt sich an einem bestimmten Punkte pl�tzlich in die Qualit�t Eis um. Das hei�t aber nicht, dass die sprunghafte Ver�nderung pl�tzlich aus nichts hervorgeht, sondern sie hat sich allm�hlich dialektisch bis zur sprunghaften Ver�nderung entwickelt. So l�st die Dialektik auch den Gegensatz Evolution: Revolution auf, ohne ihn aufzuheben. Die soziale Ver�nderung der Gesellschaftsordnung wird etwa zun�chst durch Evolution vorbereitet (Vergesellschaftung der Arbeit, Pauperisierung der Mehrheit usw.) und dann revolution�r herbeigef�hrt.
Versuchen wir es nun an einigen typischen Vorg�ngen im menschlichen Seelenleben, die die Analyse aufgezeigt hat, ihre Dialektik nachzuweisen, die unserer Behauptung nach ohne die psychoanalytische Methode nicht h�tte zutage treten k�nnen.
Zun�chst als Beispiel f�r die dialektische Entwicklung die Symptombildung in der Neurose, wie sie von Freud zuerst erfasst und beschrieben wurde. Nach Freud entsteht ein neurotisches Symptom dadurch, dass das gesellschaftlich gebundene Ich eine Triebregung zun�chst abwehrt und dann verdr�ngt. Die Verdr�ngung einer Triebregung allein macht aber noch kein Symptom, dazu ist notwendig, dass der verdr�ngte Trieb die Verdr�ngung wieder durchbreche und in verstellter Form als Symptom erscheine. Das Symptom enth�lt nach Freud sowohl die abgewehrten Triebregungen als auch die Abwehr selbst; das Symptom tr�gt also den beiden entgegengesetzten Tendenzen Rechnung. Worin liegt nun die Dialektik der Symptombildung? Das Ich des betreffenden Menschen steht unter dem Drucke eines "psychischen Konfliktes". Die widerspruchsvolle Situation, auf der einen Seite der Triebanspruch, auf der anderen die Realit�t, die die Befriedigung verweigert oder bestraft, verlangt nach einer L�sung. Das Ich ist zu schwach, um der Realit�t zu trotzen, aber auch zu schwach, um den Trieb zu beherrschen. Diese Schw�che des Ichs, welche selbst bereits eine Folge einer vorausgegangenen Entwicklung ist, f�r die die Symptombildung nur eine Phase bedeutet, diese Schw�che ist also der Rahmen, innerhalb dessen sich der Konflikt abspielt; er wird nun auf die Weise erledigt, dass das Ich im Dienste der gesellschaftlichen Forderung, in Wirklichkeit,
um nicht unterzugehen oder bestraft zu werden, also aus Selbsterhaltungstrieb, den Trieb verdr�ngt 37). Die Verdr�ngung ist also die Folge eines Widerspruches, der unter der Bedingung der Bewusstheit nicht zu l�sen ist. Das Unbewusst werden des Triebes ist eine vorl�ufige, wenn auch pathologische L�sung des Konfliktes. Zweite Phase: Nach der Verdr�ngung des Wunsches, der vom Ich ebenso verneint, wie bejaht wurde, ist das Ich selbst ver�ndert, sein Bewusstsein ist um einen Bestandteil (Trieb) �rmer und um einen anderen (vor�bergehende Ruhe) reicher. Der Trieb kann aber in der Verdr�ngung ebenso wenig auf die Befriedigung verzichten, wie im Zustande des Bewusstseins, eher weniger, weil er jetzt nicht einmal der Kontrolle des Bewusstseins ausgesetzt ist. Die Verdr�ngung setzt ihren eigenen Untergang, da infolge der Verdr�ngung die Triebenergie m�chtig gestaut wird, um schlie�lich die Verdr�ngung zu durchbrechen. Der neue Prozess des Durchbruchs der Verdr�ngung ist Resultat des Widerspruches: Verdr�ngung - Triebstauung, wie die Verdr�ngung selbst Folge des Widerspruches: Triebwunsch - Versagung der Au�enwelt (unter der Bedingung: Schw�che des Ichs) war. Es besteht also nicht etwa eine "Tendenz" zur Symptombildung, sondern die Entwicklung erfolgt, wie wir sehen konnten, aus den Widerspr�chen des seelischen Konfliktes. Mit der Verdr�ngung war auch die Bedingung ihres Durchbruches, die Aufstauung der Energie des unbefriedigten Triebes gegeben. Ist mit dem Durchbruch der Verdr�ngung in der zweiten Phase der urspr�ngliche Zustand wieder hergestellt? Ja und nein. Ja insofern, als der Trieb wieder das Ich beherrscht, nein insofern, als er eben ver�ndert, in verstellter Form im Bewusstsein ist, als Symptom. Dieses enth�lt das Alte, den Trieb, aber gleichzeitig auch seinen Gegensatz, die Abwehr des Ichs. In der dritten Phase (Symptom) sind also die urspr�nglichen Gegens�tze vereint in einer und derselben Erscheinung. Diese selbst ist Negation (Durchbruch) der Negation (der Verdr�ngung). Machen wir vorl�ufig halt, um das an einem konkreten Beispiel der psychoanalytischen Erfahrung zu demonstrieren.
Nehmen wir den Fall einer verheirateten Frau, die Angst vor Einbrechern hat, die sie mit Messern �berfallen k�nnten. Sie kann etwa nicht allein im Zimmer bleiben und vermutet in jedem Versteck einen grausamen Einbrecher. Die Analyse dieser Frau eines Arbeiters ergab folgendes:
1. Phase: Psychischer Konflikt und Verdr�ngung:
Die Frau hat einen Mann vor ihrer Heirat kennen gelernt, der sie mit Antr�gen verfolgte, denen sie gern gefolgt w�re, wenn sie nicht moralisch gehemmt gewesen w�re. Die Erledigung dieses Konfliktes konnte sie mit der Tr�stung auf sp�tere Heirat verschieben. Der Mann wandte sich ab, sie heiratete einen anderen, ohne den ersten vergessen zu k�nnen. Der Gedanke an ihn st�rte sie unausgesetzt. Als sie ihm einmal wieder begegnete, geriet sie neuerdings in schweren Konflikt zwischen ihrem Verlangen nach ihm und ihrer Forderung nach ehelicher Treue. Unter diesen Bedingungen wurde der Konflikt unertr�glich und unl�sbar, das Verlangen nach ihm war ebenso stark wie ihre Moral. Sie begann, ihn zu meiden (Abwehr) und schlie�lich verga� sie ihn scheinbar. Das war aber kein wirkliches Vergessen, sondern nur ein Verdr�ngen. Sie glaubte sich geheilt und dachte bewusst nicht mehr an ihn.
2. Phase: Durchbruch der Verdr�ngung:
Einige Zeit sp�ter hatte sie einen heftigen Streit mit ihrem Mann, weil er mit einer anderen Frau flirtete. Im Verlaufe des Streites hatte sie sich, wie sich viel sp�ter herausstellte, gedacht: "Wenn du darfst, so bin ich dumm, wenn ich es mir nicht auch erlaube"; dabei hatte sie momentan das Bild des ersten Geliebten vor sich. Der Gedanke war aber zu gef�hrlich, konnte er doch den ganzen alten Konflikt wieder heraufbeschw�ren, und so besch�ftigte sie der Gedanke bewusst nicht weiter: Sie hatte ihn aufs neue verdr�ngt. Aber in der Nacht trat ein Angstzustand auf; sie hatte pl�tzlich die Idee, dass ein fremder Mann sich an ihr Bett heranschleiche, um sie zu vergewaltigen. Der Trieb war in verstellter Form, ja mehr, als sein direktes Gegenteil wieder ins Bewusstsein gedrungen; an Stelle des Wunsches nach dem fremden Mann hatte sie Angst vor ihm. Diese Verstellung war (3. Phase) Grundlage ihrer Symptombildung. Analysieren wir jetzt das Symptom selbst, so sehen wir in der Phantasievorstellung, dass ein fremder Mann sich in der Nacht an ihr Bett schleicht, die Erf�llung des verdr�ngten Wunsches, den Ehebruch zu begehen (die Analyse ergab in den Details, dass sie, ohne es zu wissen, ihren ersten Geliebten phantasierte: Gestalt, Haarfarbe usw. waren die gleichen). In dem gleichen Symptom ist aber auch die Abwehr enthalten, die Angst vor dem Trieb, die als Angst vor dem Mann erscheint. Sp�ter schwand das Element "vergewaltigt werden" aus der Angst und wurde durch "ermordet" ersetzt, entsprach also einer weiteren Verstellung des bisher zu deutlichen Inhalts des Symptoms.
Wir sehen an diesem Beispiel nicht nur urspr�nglich getrennte Gegens�tze in einem Ph�nomen vereint, sondern auch die Verwandlung eines Ph�nomens in sein Gegenteil, des Wunsches in Angst. Bei dieser Umwandlung der sexuellen Energie in Angst, einer der ersten und grundlegendsten Funde Freuds, liegt der Tatbestand vor, dass die gleiche Energie unter der einen Bedingung das gerade
Gegenteil von dem unter einer anderen Bedingung Erscheinenden erzeugt.
Noch ein anderer dialektischer Erfahrungssatz kommt in unserem Beispiel zum Ausdruck. Im Neuen, im Symptom, ist das Alte, der Sexualwunsch, vorhanden, und dennoch ist das Alte nicht mehr es selbst, sondern gleichzeitig etwas v�llig Neues, n�mlich Angst. Der dialektische Gegensatz von Libido und Angst l�sst sich aber noch anders aufl�sen, n�mlich aus dem Gegensatz von Ich und Au�enwelt 38). Ehe wir aber dazu �bergehen, wollen wir an einigen kleineren Beispielen weitere Dialektik im Seelischen zeigen. Zum Umschlagen der Quantit�t in Qualit�t: Die Verdr�ngung einer Triebregung aus dem Bewusstsein oder auch die blo�e Unterdr�ckung ist bis zu einem gewissen Grade f�r das Ich lustvoll, weil es einen Konflikt beseitigt; �ber einen bestimmten Grad hinaus aber schl�gt die Lust in Unlust um. Geringes Reizen einer zur Endbefriedigung nicht f�higen erogenen Zone ist lustvoll; dauert die Reizung zu lange, so schl�gt die Lust in Unlust um.
Dialektische Vorg�nge sind ferner die Spannung und Entspannung. Das l�sst sich am Sexualtrieb am besten zeigen. Die Spannung einer sexuellen Erregung erh�ht die Begierde, baut aber gleichzeitig die Spannung durch Befriedigung in der Reizung ab, ist also gleichzeitig Entspannung. Die Spannung bereitet aber auch die kommende Entspannung vor, wie etwa die mechanische Spannung der Uhrfelder ihre Entspannung vorbereitet. Umgekehrt ist die Entspannung mit h�chster Spannung verbunden --- etwa im Sexualakt, oder die entspannende Spannung bei einem aufregenden Drama ---, sie ist aber auch die Grundlage f�r erneute Spannung.
Der Satz von der Identit�t der Gegens�tze l�sst sich an den Vorg�ngen der narzisstischen Libido und der Objektlibido zeigen. Nach Freud sind die Selbstliebe und die Liebe zum Objekt nicht nur Gegens�tze; die Objektliebe entsteht aus der narzisstischen Libido und kann jederzeit in sie zur�ckverwandelt werden; sofern aber beide Liebestendenzen darstellen, sind sie identisch; nicht zuletzt gehen sie auch auf eine gemeinsame Quelle, den somatischen Sexualapparat und den "Urnarzissmus" zur�ck. - Ferner die Begriffe "Bewusstes" und "Unbewusstes": Sie sind Gegens�tze, aber an der Zwangsneurose l�sst sich zeigen, dass sie zugleich gegens�tzlich und identisch sein k�nnen. Diese Kranken verdr�ngen Vorstellungen in der Weise aus ihrem Bewusstsein, dass sie der Vorstellung nur die Aufmerksamkeit, d. h. die Affektbesetzung entziehen; die "verdr�ngte" Vorstellung ist jederzeit bewusst und doch unbewusst, d. h. der Kranke kann sie produzieren, aber er kennt ihre Bedeutung nicht. - Die Begriffe Es und Ich dr�cken ebenfalls identische Gegens�tze aus: Das Ich ist einerseits nur ein besonders differenzierter Teil, wird aber gleichzeitig unter dem Einfluss der Au�enwelt ein Gegner, funktioneller Widerpart des Es.
Der Begriff der Identifizierung entspricht nicht nur einem dialektischen Vorgang, sondern auch einer Identit�t von Gegens�tzen. Die Identifizierung kommt nach Freud so zustande, dass man etwa eine Erziehungsperson, die gleichzeitig geliebt und gehasst wird, "in sich aufnimmt" (sich mit ihr "identifiziert"), d. h. ihre Eigenschaften oder Gebote zu den eigenen macht. Dabei geht gew�hnlich die Objektbeziehung zugrunde. Die Identifizierung l�st den Zustand der Objektbeziehung ab, ist also ihr Gegensatz, ihre Verneinung, aber gleichzeitig eine Aufrechterhaltung der Objektbeziehung in anderer Form, also auch eine Bejahung. Dem liegt folgender Widerspruch oder Konflikt zugrunde: "Ich liebe X; als mein Erzieher verbietet er mir sehr viel, weswegen ich ihn hasse; ich m�chte ihn zerst�ren, beseitigen, aber ich liebe ihn auch, will ihn also auch erhalten." Aus dieser widerspruchsvollen Situation, die als solche bei einer gewissen Intensit�t der gegens�tzlichen Regungen nicht bestehen bleiben kann, gibt es folgenden Ausweg. "Ich absorbiere ihn, ich "identifiziere" mich mit ihm, ich vernichte ihn (d. h. meine Beziehung zu ihm) in der Au�enwelt, behalte ihn aber in mir in einer ver�nderten Form weiter; ich habe ihn vernichtet und doch behalten. "
In denjenigen Tatbest�nden, die in der Psychoanalyse mit dem Begriffe der Ambivalenz, des gleichzeitigen Ja und Nein erfasst werden, gibt es noch eine F�lle dialektischer Ph�nomene, von denen wir nur das hervorstechendste, die Verwandlung von Liebe in Hass und umgekehrt hervorheben. Hass kann in Wirklichkeit Liebe bedeuten und umgekehrt. Sie sind identisch, sofern beide intensive Bindungen an den Nebenmenschen erm�glichen. Die Verkehrung ins Gegenteil ist
eine Eigenschaft, die Freud den Trieben im allgemeinen zuschreibt. Bei der Verkehrung geht aber das Alte nicht unter, sondern bleibt in seinem Gegenteil voll erhalten.
Auch die Gegens�tze Perversion und Neurose sind dialektisch aufzul�sen, indem jede Neurose eine negierte Perversion ist und umgekehrt.
Ein sch�nes Beispiel dialektischer Entwicklung l�sst sich an der s�kularen Sexualverdr�ngung zeigen. Bei den Primitiven besteht ein scharfer Gegensatz zwischen dem Inzesttabu hinsichtlich der Schwester (und Mutter) und der sexuellen Freiheit hinsichtlich der �brigen Frauen. Die Sexualeinschr�nkung breitet sich aber immer mehr aus, betrifft zun�chst nur noch die Cousinen, sp�ter alle Frauen der gleichen Gens-, schl�gt schlie�lich bei weiterer Ausbreitung in eine qualitativ andere Einstellung zur Sexualit�t �berhaupt um, wie etwa im Patriarchat und besonders im Zeitalter des Christentums. Die st�rkere Verdr�ngung der Sexualit�t �berhaupt erzeugt aber ihren Gegensatz in der Form, dass heute das Tabu die Beziehungen zwischen Bruder und Schwester f�r die Kindheit de facto durchbrochen ist. Die Erwachsenen wissen infolge der �berstarken Sexualverdr�ngung �berhaupt nichts mehr von der kindlichen Sexualit�t, so dass heute sexuelle Spiele zwischen Bruder und Schwester nicht als sexuell angesehen werden und zu den Selbstverst�ndlichkeiten auch der "vornehmsten" Kinderstube geh�ren. Der Primitive darf seine Schwester nicht einmal anschauen, ist aber im �brigen sexuell ungebunden; der Zivilisierte lebt seine kindliche Sexualit�t an seiner Schwester aus, ist aber sonst durch sch�rfste moralische Gebote gebunden 39).
Gehen wir nun zur Frage �ber, inwieweit die Psychoanalyse die Dialektik des Seelischen auch hinsichtlich der allgemeinen Entwicklung des Individuums in der Gesellschaft aufgezeigt hat. Wir werden dabei zwei wesentliche Fragen zu behandeln haben.
Erstens, ob die Dialektik des Seelischen sich nicht auf den (wieder aufl�sbaren) Urgegensatz von Ich (Trieb) und Au�enwelt zur�ckf�hren l�sst.
Zweitens, wie sich die rationale und die irrationale Betrachtung individueller Gegebenheiten widersprechen und doch ineinander �bergehen.
Wir f�hrten bereits im ersten Abschnitt die Auffassung der Psychoanalyse Freuds aus, dass das Individuum in seelischer Hin-
sicht als ein B�ndel von Bed�rfnissen und ihnen entsprechenden Trieben zur Welt kommt. Mit diesen Bed�rfnissen ist es als vergesellschaftetes Wesen sofort in die Gesellschaft hineingestellt, nicht nur in die engere Gesellschaft der Familie, sondern mittelbar, durch die �konomischen Bedingungen des Familiendaseins, auch in die weitere Gesellschaft. Auf die einfachste Formel gebracht, tritt die �konomische Struktur der Gesellschaft - durch viele Zwischenglieder hindurch: Klassenzugeh�rigkeit der Eltern, �konomische Verh�ltnisse der Familie, Ideologien, Verh�ltnis der Eltern zueinander usw. - in eine Wechselwirkung mit dem Trieb-Ich des Neugeborenen. So wie dieses seine Umgebung ver�ndert, wirkt die ver�nderte Umgebung auf es zur�ck. Die Bed�rfnisse werden zum Teil befriedigt, insofern herrscht Einklang. Zum gr��eren Teil aber entsteht ein Gegensatz zwischen den Triebbed�rfnissen und der gesellschaftlichen Ordnung, als deren Repr�sentant wie gesagt die Familie (sp�ter die Schule) fungiert. Dieser Gegensatz ergibt einen Konflikt, der zu einer Ver�nderung f�hrt, und da das Individuum der schw�chere Gegner ist, zu einer Ver�nderung in seiner psychischen Struktur. Solche Konflikte infolge von Gegens�tzen, die bei gleichbleibender Struktur des Kindes unl�sbar sind, entstehen t�glich und st�ndlich und bilden das eigentlich vorw�rtstreibende Element. Man spricht in der Psychoanalyse zwar von einer Anlage, von Entwicklungstendenzen und anderem, aber die Tatsachen, die bisher �ber die fr�hkindliche Entwicklung in Erfahrung gebracht wurden, sprechen nur f�r die oben geschilderte dialektische Entwicklung, f�r die Fortbewegung in Gegens�tzen von Stufe zu Stufe. Man unterscheidet Entwicklungsstufen der Libido, sagt, die Libido "durchlaufe" diese Entwicklungsstufen; aber die Beobachtung zeigt, dass keine Stufe ohne Versagung der Triebbefriedigung auf der vorhergehenden wirklich aktiviert wird. So wird die Versagung der Triebbefriedigung durch den Konflikt, den sie im Kinde erzeugt, der Motor seiner Entwicklung. Wir vernachl�ssigen den durch die Vererbung festgelegten Teil an dieser Entwicklung, den man, wie etwa die Anlage der erogenen Zonen und des Wahrnehmungsapparates, schwer als solchen rein darstellen kann. Er bildet noch ein recht dunkles Gebiet biologischer Forschung. Die Frage nach der Natur seiner Dialektik geh�rt nicht hierher. Wir haben mit ihm zu rechnen, begn�gen uns aber im �brigen mit der Formel Freuds, dass an der Entwicklung die Triebanlage in der gleichen Weise wie das Erlebnis beteiligt ist 40).
Unter den Erlebnissen nehmen neben den Triebbefriedigungen die Triebversagungen eine hervorragende Rolle als Motoren der Entwicklung ein. Der Gegensatz zwischen dem Trieb-Ich und der Au�enwelt wird schlie�lich zu einem inneren Widerspruch, indem sich eben unter dem Einfluss der Au�enwelt ein hemmendes Organ im seelischen Apparat auszubilden beginnt, das �ber-Ich. Was urspr�nglich Angst vor Strafe war, wird zur moralischen Hemmung. Der Konflikt zwischen Trieb und Au�enwelt wird zu einem Konflikt zwischen Trieb-Ich und �ber-Ich. Wir vergessen aber nicht, dass beide materieller Natur sind, dass jenes direkt organisch gespeist ist, dieses letzten Endes im Interesse der Selbsterhaltung im Ich aufgerichtet wurde. Der Selbsterhaltungstrieb (Narzissmus) schr�nkt den Sexualtrieb und die Aggressivit�t ein. So treten zwei grundliegende Bed�rfnisse, die urspr�nglich im S�uglingsstadium und auch noch sp�ter in vielen Situationen eine Einheit bilden, in Gegensatz zu einander und treiben von Konflikt zu Konflikt die Entwicklung vorw�rts, aber nicht nur anl�sslich, sondern geradezu durch die gesellschaftliche Gebundenheit 41). Bestimmt der innere und der �u�ere Konflikt die Entwicklung ganz allgemein, so erf�llt das gesellschaftliche Sein sowohl die Triebziele als auch die moralischen Hemmungen mit ihren zeitgem��en Vorstellungen und Inhalten. Die Psychoanalyse kann also den Satz von Marx, dass das Sein das "Bewusstsein", das hei�t die Vorstellungen, Ziele der Triebe, die moralischen Ideologien usw. bestimmt, und nicht umgekehrt, voll best�tigen. Sie erf�llt nur noch diesen Satz hinsichtlich der kindlichen Entwicklung mit konkretem Inhalt. Das schlie�t aber nicht aus, dass sowohl die Intensit�t der Bed�rfnisse, die somatisch bedingt ist, als auch qualitative Differenzen der Entwicklung durch den Triebapparat verursacht werden. Das ist keine "idealistische Entgleisung", wie mir manche Marxisten in Diskussionen �ber diesen Gegenstand vorhielten, sondern entspricht v�llig dem Marxschen Satz,
dass die Menschen selbst ihre Geschichte machen, nur unter bestimmten Voraussetzungen und Bedingungen gesellschaftlicher Natur 42). Engels verwahrt sich in einem Briefe ausdr�cklich gegen die Auffassung, dass die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens das einzig bestimmende Moment der Entwicklung der Ideologien sein sollte. Es sei nur das in letzter Instanz bestimmende Moment 43).
Ins Soziologische �bersetzt, bedeutet die zentrale These Freuds von der Bedeutung des �dipuskomplexes f�r die Entwicklung des Individuums nichts anderes, als dass das gesellschaftliche Sein diese Entwicklung bestimmt. Die menschlichen Anlagen und Triebe, leere Formen f�r aufzunehmende gesellschaftliche Inhalte, gehen durch die (gesellschaftlichen) Schicksale der Beziehungen zu Vater, Mutter und Erziehungspersonen durch und gewinnen erst jetzt ihre endg�ltige Form und ihre Inhalte.
Die Dialektik der seelischen Entwicklung zeigt sich nicht nur darin, dass sich aus jeder Konfliktsituation, je nach dem Kr�fteverh�ltnis der Gegens�tze gegens�tzliche Ergebnisse bilden k�nnen, sondern die klinische Erfahrung weist auch nach, dass Charaktereigenschaften in entsprechenden Konfliktsituationen in ihr gerades Gegenteil umschlagen k�nnen, das keimhaft bereits bei der ersten Konfliktl�sung vorhanden war. Ein grausames Kind kann der mitleidvollste Mensch werden, nicht ohne dass eine eingehende Analyse im Mitleid die alte Grausamkeit nachweisen k�nnte. Das schmutzliebende Kind kann sp�ter ein Reinlichkeitspedant, das neugierige ein peinlich diskreter Mensch sein. Sinnlichkeit schl�gt leicht in Askese um. Ja, je intensiver eine Eigenschaft zur Entfaltung kommt, desto leichter
schl�gt sie bei entsprechenden Anl�ssen ins Gegenteil um (Reaktionsbildung).
Im Fortschreiten der Entwicklung geht aber andererseits das Alte nicht ganz durch Umwandlung verloren. W�hrend ein Teil der Eigenschaften sich ins Gegenteil umbildet, bleibt ein anderer unver�ndert bestehen, nicht ohne im Laufe der Zeit formale Wandlungen infolge der Ver�nderung der Gesamtpers�nlichkeit zu erleiden. Der Freudsche Begriff der Wiederholung spielt in der Psychologie der seelischen Entwicklung eine gro�e Rolle und erweist sich bei genauer Betrachtung als durchaus dialektisch 44). Das Wiederholte ist n�mlich immer sowohl das Alte als auch durchaus Neues, Altes in neuem Gewande oder neuer Funktion. Das sahen wir schon beim Symptom. So ist es aber auch bei der Sublimierung. Wenn ein Kind, das gern mit Kot spielte, sp�ter ebenso gern Burgen aus nassem Sand baut und als Erwachsener schlie�lich dazu gelangt, ein gro�es Interesse f�r Bauten zu entwickeln, so ist in allen drei Phasen das Alte erhalten und doch in anderer Form und anderer Funktion. Ein anderes Beispiel ist die Geschichte des Chirurgen oder des Frauenarztes; der erste sublimiert etwa seinen Sadismus im Operieren, dieser seine infantile Schau- und Tastlust. Die Beurteilung der Richtigkeit dieser Befunde kann nicht Sache der methodologischen, sondern einig der empirischen Kritik sein. Wer keinen Chirurgen analysiert hat, kann diese Behauptung nicht bestreiten. Aber methodologisch kann er einen wichtigen Einwand erheben, n�mlich die Abh�ngigkeit der T�tigkeit des Menschen von den �konomischen Daseinsbedingungen. Die Psychoanalyse behauptet aber nicht mehr, als dass diese oder jene Kr�fte in der T�tigkeit wirken 45). Neben diesem subjektiven Drang ist die Sublimierungsform nat�rlich durchaus �konomisch bedingt, denn dar�ber, ob ein Mensch seinen Sadismus als Schl�chter, als Chirurg oder als Detektiv sublimiert, entscheidet vor allem seine gesellschaftliche
Stellung. Es kann auch eine Sublimierung aus gesellschaftlichen Gr�nden unm�glich werden, das f�hrt dann zu einer Unzufriedenheit mit dem gesellschaftlich aufgezwungenen Beruf. Man muss ferner fragen, wie sich der unleugbar rationale Charakter der T�tigkeit mit ihrem ebenso unleugbar irrationalen Sinn vertr�gt. Der Maler malt, der Techniker baut, der Chirurg schneidet, der Frauenarzt untersucht doch, um das Leben zu bestreiten, also aus �konomischen, aus rationalen Gr�nden. �berdies ist die Arbeit ein gesellschaftlicher, also ein durchaus rationaler Faktor. Wie vertr�gt sich das mit der Erkl�rung der Psychoanalyse, dass der Arbeitende in seiner T�tigkeit einen Trieb sublimiert und so befriedigt? Manche Analytiker sch�tzen den rationalen Charakter der menschlichen T�tigkeit nicht geb�hrend ein. Man kann bei ihnen eine Weltauffassung feststellen, die in den Produkten der menschlichen T�tigkeit nichts als Projektionen und Befriedigungen von Trieben sehen will 46). Demgegen�ber hat ein Analytiker einmal Scherzweise bemerkt, das Flugzeug sei ja zwar ein Penissymbol, aber man k�nne damit doch von Berlin nach Wien fliegen.
Die Problematik der Beziehungen zwischen Rationalem und Irrationalem 47) ergibt sich auch aus folgendem Tatbestand. Das Bearbeiten der Erde mit Werkzeugen und das Einpflanzen des Samens haben gesellschaftlich wie beim Einzelnen den Zweck der Produktion von Lebensmitteln. Aber es bekommt auch den symbolischen Sinn eines Inzestes mit der Mutter ("Mutter Erde''). Das Rationale zieht das Symbolische heran, es erf�llt sich mit symbolischem Sinn. Die Beziehung der rationalen T�tigkeit zum irrationalen symbolischen Sinn dieser T�tigkeit ist gegeben in der Rhythmik beider Funktionen, im Hineinbohren eines Werkzeuges in einen Stoff, im Einpflanzen des Samens und in der Produktion einer Frucht durch den so bearbeiteten Stoff. Die Symbolik ist also gerechtfertigt. Wir sehen auch, dass das anscheinend Sinnlose einen sinnvollen Kern, die Symbolik einen realen Hintergrund hat in der Tatsache, dass die Mutter ebenso wie die Erde nach Bearbeitung mit einem Werkzeug (Penissymbol) Fr�chte tr�gt. Das Aufstellen von k�nstlichen Phallussen auf bebauten Feldern im Sinne eines Fruchtbarkeitszaubers, eine objektiv unzweckm��ige Handlung magischer Natur, die von vielen primitiven V�lkern ge�bt wird, beleuchtet eine bestimmte Seite der Beziehung zwischen dem Rationalen und dem Irrationalen: Hier handelt es sich um einen magischen Versuch, ein bestimmtes Ziel
mit irrationalen Mitteln leichter und besser zu erreichen. Deswegen wird aber das rationale Handeln, in diesem Falle das tats�chliche Umgraben und Bebauen der Erde, nicht unterlassen. Und das, was im Ackerbau als symbolisches Element irrational erscheint, n�mlich der Geschlechtsverkehr, ist an sich sinnvoll und zweckm��ig; er dient der Befriedigung des Sexualbed�rfnisses, wie das S�en der Selbsterhaltung dient. Wir sehen also wieder, dass es keine absoluten Gegens�tze gibt, dass sich auch der Gegensatz von rational und irrational dialektisch aufl�sen l�sst.
Die dialektische Tatsache, dass im Rationalen Irrationales enthalten ist und umgekehrt, bedarf n�herer �berlegung. Die Antwort darauf kann die psychoanalytische Erfahrung �ber klinische Einzeltatsachen geben. Sie zeigt, dass die gesellschaftlich zweckvollen T�tigkeiten des Menschen symbolischen Sinn bekommen k�nnen, aber nicht m�ssen. Auch wenn etwa in einem Traum ein Messer oder ein Baum erscheint, so kann das auch ein Penis - Symbol sein, muss aber nicht; es kann ein reales Messer oder ein realer Baum gemeint sein. Und wenn es als Symbol im Traume erscheint, so ist damit der rationale Sinn keineswegs ausgeschlossen, denn wenn man analytisch der Frage nachgeht, warum der Penis gerade durch einen Baum oder ein Messer dargestellt ist und nicht etwa durch einen Stab, so findet man in vielen F�llen eine rationale Begr�ndung daf�r. So masturbierte eine nymphomane Kranke mit einem Messer, das unzweifelhaft. einen Penis symbolisierte. Die Wahl des Messers war aber dadurch begr�ndet, dass ihre Mutter ihr einmal ein Messer nachgeworfen und sie dabei verletzt hatte. In der Onanie herrschte die Idee vor, dass sie sich mit dem Messer ruinieren m�sse. Dieses Handeln, das sp�ter irrational war, war urspr�nglich durchaus rational, es diente n�mlich der Sexualbefriedigung. Wir sehen aus diesen Beispielen und k�nnten an beliebig anderen zeigen, dass alles, was im Augenblicke der Betrachtung irrational erscheint, einmal rationale Funktion hatte. Hat doch jedes Symptom, an sich irrational, einen Sinn und Zweck, wenn man es analytisch auf seine Entstehung zur�ckf�hrt. Das Ergebnis dieser Betrachtung ist, dass alles kindlich-triebhafte Handeln, das im Dienste des rationalen Strebens nach Lust steht, zu irrationalem Handeln wird, wenn es das Schicksal der Verdr�ngung oder ein �hnliches erlitten hat. Das Rationale ist also das Prim�re.
Nehmen wir etwa das Konstruieren von Maschinen vor, so finden wir in ihm irrationale Elemente, etwa die symbolische Befriedigung eines unbewussten Wunsches. In der Sublimierung wurde eine Triebkraft, die in der Kindheit einmal rational auf Befriedigung gerichtet war, durch die Erziehung von ihrem urspr�nglichen Ziel abgelenkt und auf ein anderes hingelenkt. In dem Augenblicke aber, wo das urspr�ngliche Ziel real aufgegeben, in der Phantasie aber festgehalten wurde, wurde das Streben danach irrational. Findet der Trieb in der
Sublimierung ein neues Ziel, so vermengt sich das alte, irrational gewordene Streben mit dem neuen rationalen Handeln und erscheint hier als irrationale Begr�ndung dieses Handelns. Das sei schematisch etwa am sexuellen Wissenstrieb, der sich sp�ter in der T�tigkeit zum Beispiel des Frauenarztes auswirkt, gezeigt.
1. Phase: Der sexuelle Wissenstrieb ist rational auf die Beobachtung des nackten K�rpers und der Geschlechtsorgane gerichtet. Rationales Ziel: Befriedigung der Wissbegierde.
2. Phase: Versagung der direkten Bet�tigung; der Trieb verliert seine Befriedigung, das Streben wird mit Bezug auf das aktuelle gesellschaftliche Sein irrational.
3. Phase: Der Trieb findet eine neue Bet�tigung, die mit der ersten inhaltliche Beziehungen hat. Der Betreffende wird Arzt und betrachtet jetzt nackte K�rper und Geschlechtsorgane wieder wie seinerzeit als Kind. Er tut also dasselbe und doch etwas anderes; sofern er dasselbe tut wie als Kind, sofern seine T�tigkeit sich auf die kindliche Situation bezieht, ist sie aktuell sinn- und zwecklos; sofern sie sich hingegen auf seine gegenw�rtige gesellschaftliche Funktion bezieht, ist sie sinnvoll.
Das bedeutet aber, dass dar�ber, ob eine T�tigkeit rational oder irrational ist, ihre gesellschaftliche Funktion entscheidet. Die Wandlung des Charakters einer Bet�tigung vom Rationalen zum Irrationalen und umgekehrt h�ngt auch von der momentanen gesellschaftlichen Position des Individuums ab. Die gleiche Bet�tigung des Arztes, die in seinem Ordinationsraum sinnlos ist, wird in seinem Privatleben etwa beim Liebesakt sinnvoll, und was dort sinnvoll war, verliert in derselben privaten Situation seinen rationalen Charakter.
Diese Erw�gungen gestatten aber die Annahme, dass die Psychoanalyse kraft ihrer Methode, die triebhaften Wurzeln der gesellschaftlichen T�tigkeit des Individuums aufzudecken und kraft ihrer dialektischen Trieblehre berufen ist, die psychische Auswirkung der Produktivkr�fte im Individuum, das hei�t die Bildung der Ideologien "im Menschenkopfe", im Detail zu kl�ren. Zwischen die Endpunkte: �konomische Struktur der Gesellschaft und ideologischer �berbau, deren Kausalbeziehung die materialistische Geschichtsauffassung im allgemeinen erfasst hat, schaltet die psychoanalytische Erfassung der Psychologie des vergesellschafteten Menschen eine Reihe von Zwischengliedern ein. Sie kann zeigen, dass die �konomische Struktur der Gesellschaft sich "im Kopfe des Menschen" nicht unmittelbar in Ideologien umsetzt, sondern dass das Nahrungsbed�rfnis, von den jeweiligen �konomischen Verh�ltnissen in seinen �u�erungsformen abh�ngig, die Funktionen der weit plastischeren Sexualenergie beeinflusst, und dass diese gesellschaftliche Einwirkung auf die Sexualbed�rfnisse durch Einschr�nkung ihrer Ziele immer neue Produktivkr�fte in Form subli-
mierter Libido in den gesellschaftlichen Prozess �berf�hrt. Teils direkt in Form von Arbeitskraft, teils indirekt in Form von h�her entwickelten Ergebnissen der Sexualsublimierung, wie etwa der Religion, der Moral im allgemeinen, der Geschlechtsmoral im besonderen, der Wissenschaft usw. Das bedeutet eine sinnvolle Einordnung der Psychoanalyse in die materialistische Geschichtsauffassung an einem ganz bestimmten, ihr ad�quaten Punkte; n�mlich dort, wo die psychologischen Probleme beginnen, die der Marxsche Satz aufdeckt, dass die materielle Daseinsweise sich im Kopfe des Menschen in Ideen umsetzt. Der Libidoprozess in der gesellschaftlichen Entwicklung ist also sekund�r, von ihr abh�ngig, wenn er auch selbst entscheidend in sie eingreift, indem die sublimierte Libido als Arbeitskraft zur Produktivkraft wird.48)
Wenn aber der Libidoprozess 49) das Sekund�re ist, so m�ssen wir uns nach der historischen Bedeutung des �dipuskomplexes fragen. Wir haben gesehen, dass die Psychoanalyse alle seelischen Prozesse, wenn auch unbewusst, dialektisch auffasst, nur der �dipuskomplex scheint in ihrer Theorie ein Ruhepunkt mitten in den bewegten Erscheinungen zu sein. Das kann zweierlei Gr�nde haben. Entweder wird der �dipuskomplex unhistorisch als unver�nderte und unver�nderbare, in der Natur des Menschen gegebene Tatsache aufgefasst. Der zweite Grund k�nnte aber sein, dass sich die Familienform, die den heutigen �dipuskomplex begr�ndet, seit Jahrtausenden relativ unver�ndert erh�lt. Der ersten Ansicht scheint Jones 50) zu sein, der in einer Diskussion mit Malinowski 51) �ber den �dipuskomplex in der mutterrechtlichen Gesellschaft den Ausspruch tat, dass der �dipuskomplex "fons et origo" von allem sei. Diese Auffassung ist zweifellos falsch, denn die heute entdeckten Beziehungen des Kindes zu Vater und Mutter als ewige, in jeder Gesellschaft gleich bleibende hinzustellen, ist nur mit der Auffassung von der Unab�nderlichkeit des gesellschaftlichen Seins vereinbar. Den �dipuskomplex verewigen hei�t, die ihn begr�ndende Familienform
absolut und ewig fassen, was der Meinung gleichk�me, dass die Menschheit von Natur aus so veranlagt sei, wie sie uns heute erscheint. Die Annahme des �dipuskomplexes stimmt f�r alle Formen der patriarchalischen Gesellschaft, die Beziehung der Kinder zu den Eltern ist aber nach den Forschungen Malinowskis in der mutterrechtlichen Gesellschaft so verschieden, dass sie die Bezeichnung kaum mehr verdient. Nach Malinowski ist der �dipuskomplex eine gesellschaftlich bedingte Tatsache, die ihre Form mit der Struktur der Gesellschaft ver�ndert. Der �dipuskomplex muss in einer sozialistischen Gesellschaft untergehen, weil seine gesellschaftliche Grundlage, die patriarchalische Familie untergeht, ihre Daseinsberechtigung verliert. Und die beabsichtigte Gemeinschaftserziehung der Kinder ist f�r die Bildung von seelischen Einstellungen, wie sie heute in der Familie zustande kommen, so ung�nstig, die Beziehung der Kinder untereinander und zu den Erziehern derart vielseitiger, bewegter, dass die Bezeichnung "�dipuskomplex", die den bestimmten Inhalt hat, dass man die Mutter begehrt und den Vater als Rivalen t�ten will, ihren Sinn verliert. Es ist nur eine Frage der Definition, ob man den realen Inzest, wie er in der Urzeit bestand, als �dipus- "Komplex" bezeichnen will, oder ob man diese Benennung f�r den versagten Inzestwunsch und die Rivalit�t mit dem wirklichen Vater reserviert. Das bedeutet nur eine Einschr�nkung der G�ltigkeit einer analytischen Grundthese auf bestimmte Gesellschaftsformen. Es bedeutet aber gleichzeitig die Charakterisierung des �dipuskomplexes als einer zumindest in seinen Formen gesellschaftlich, letzten Endes �konomisch bedingten Tatsache. Bei der Uneinigkeit, die unter den Ethnologen herrscht, ist die Frage nach der Herkunft der Sexualverdr�ngung derzeit noch nicht zu l�sen 52). Freud, der sich in "Totem und Tabu" auf die Darwinsche Theorie der Urhorde st�tzt, fasst den �dipuskomplex als Ursache der Sexualverdr�ngung auf. Dabei kommt aber die Betrachtung der mutterrechtlichen Gesellschaft offenbar zu kurz. Vom Standpunkt der Bachofen- Morgan- Engelsschen Forschung zeigen sich M�glichkeiten, umgekehrt den �dipuskomplex beziehungsweise die ihm zugrundeliegende Familienform als Folge der einmal einsetzenden Sexualverdr�ngung aufzufassen. - Wie immer dem sei: Die Psychoanalyse w�rde sich gewiss weitere Forschungsm�glichkeiten auf dem gesellschaftlichen und p�dagogischen Gebiete rauben, wenn sie die Dialektik, die sie selbst im Seelenleben aufgedeckt hat, f�r den �dipuskomplex negieren wollte 53).
IV. Die gesellschaftliche Stellung der Psychoanalyse
Nehmen wir nun die Psychoanalyse als Objekt der soziologischen Betrachtung, so sto�en wir auf folgende Fragen:
1. Welchen gesellschaftlichen Tatsachen verdankt die Psychoanalyse ihre Entstehung? Welchen soziologischen Sinn hat sie?
2. Wie ist ihre Stellung in der heutigen Gesellschaft?
3. Welche Aufgabe hat sie im Sozialismus?
Zu 1. Wie jedes andere gesellschaftliche Ph�nomen ist auch die Psychoanalyse an eine bestimmte Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung gebunden, hat auch sie in einem bestimmten Stande der Produktionsverh�ltnisse ihre Daseinsbedingung. Sie ist wie der Marxismus ein Produkt des kapitalistischen Zeitalters, nur hat sie keine so unmittelbare Beziehung zur �konomischen Basis der Gesellschaft wie jener; doch ihre mittelbaren Beziehungen lassen sich klar nachweisen: Sie ist eine Reaktion auf die kulturellen und moralischen Verh�ltnisse, in denen der vergesellschaftete Mensch lebt. Hier kommen vor allem die Sexualverh�ltnisse in Betracht, die sich aus den kirchlichen Sexualideologien heraus entwickelten. Die b�rgerliche Revolution des 19. Jahrhunderts fegte die feudalistische Produktionsweise zum gro�en Teile weg und trat mit freiheitlichen Gedanken gegen die Religion und ihre Moralgesetze auf. Der Bruch mit der religi�sen Moral bereitete sich aber, wie etwa in Frankreich, schon zur Zeit der franz�sischen Revolution vor, das B�rgertum schien die Keime einer neuen, der kirchlichen entgegengesetzten Moral im allgemeinen und Sexualmoral im besonderen in sich zu tragen. Aber so wie das B�rgertum sp�ter, nachdem seine Macht und die kapitalistische Wirtschaft befestigt waren, reaktion�r wurde, die Kirche wieder aufnahm, weil es sie zur Niederhaltung des inzwischen entstandenen Proletariats brauchte, so �bernahm es auch in etwas anderer Form, aber wesentlich unver�ndert die kirchliche Sexualmoral. Die Verdammung der Sinnlichkeit, die monogame Ehe, die Keuschheit des M�dchens und damit auch die Zersplitterung der m�nnlichen Sexualit�t bekamen nun einen neuen �konomischen, diesmal kapitalistischen Sinn. Das B�rgertum, das den Feudalismus st�rzte, �bernahm zu einem gro�en Teile die feudalen Lebensgewohnheiten und kulturellen Bed�rfnisse, musste sich auch durch eigene Moralgesetze gegen das "Volk" absperren und schr�nkte so die Sexualbed�rfnisse immer mehr ein. In der b�rgerlichen Klasse ist die Sexualfreiheit aus �konomischen Gr�nden, bis auf die Eheschlie�ung, v�llig eingeschr�nkt; die m�nnliche Jugend sucht die sinnliche Befriedigung der Sexualit�t bei Frauen und M�dchen des Proletariats. Daraus und aus dem ideologischen Klassengegensatz versch�rft sich die Keuschheitsforderung f�r das b�rgerliche M�dchen; die doppelte Geschlechtsmoral ist auf kapitalistischer Basis neu entstanden. Wie in einem Zirkel wirkt die doppelte Geschlechtsmoral zersetzend auf die Sexualit�t des Mannes und ver-
nichtend auf die Sexualit�t der Frau; die aus ihrer Entwicklung heraus auch in der Ehe innerlich "keusch", d. h. kalt, ja absto�end wird; das befestigt wieder die doppelte Moral, der Mann sucht seine Befriedigung weiter beim proletarischen Weib, das er aus seinem Klassenbewusstsein verachtet, und ist gezwungen, nach au�en ehrenhafte "Sittlichkeit" zur Schau zu tragen; er lehnt sich innerlich gegen seine Gattin auf, zeigt das Gegenteil nach au�en, �berpflanzt seine Ideologie auf Sohn und Tochter. Die andauernde Sexualverdr�ngung und -erniedrigung wird aber dialektisch zum zerst�renden Element der Eheinstitution und der sexualmoralischen Ideologie. Zun�chst kommt die erste Etappe des Zusammenbruchs der b�rgerlichen Moral; die seelischen Erkrankungen nehmen �berhand. Die offizielle Wissenschaft, selbst in der Sexualverdr�ngung befangen, verachtet die Sexualit�t als Forschungsobjekt und blickt auf den Dichter und Schriftsteller, den diese brennende Frage von Tag zu Tag intensiver besch�ftigt, ver�chtlich herab. Die seelischen Erkrankungen, die Hysterie und die allgemeine Nervosit�t, die st�ndig zunehmen, erkl�rt er f�r "Einbildungen", f�r Folgen der "�berarbeitung". Am Ende des 19. Jahrhunderts tritt als Reaktion gegen die moralisch befangene Wissenschaft und als Zeichen der zweiten wissenschaftlichen Phase des Niedergangs der b�rgerlichen Moral innerhalb der b�rgerlichen Klasse selbst ein Forscher auf, der behauptet, dass die moderne Nervosit�t Folge der kulturellen Sexualmoral ist54), dass die Neurosen im allgemeinen ihrem spezifischen Wesen nach auf �berm��iger Sexualeinschr�nkung beruhen. Dieser Forscher, Freud, wird wissenschaftlich ge�chtet, verfemt, als Scharlatan hingestellt. Er behauptet seine Position ganz allein und bleibt mehrere Jahrzehnte lang ungeh�rt. In dieser Zeit wird die Psychoanalyse geboren, ein Abscheu und Gr�uel f�r die ganze b�rgerliche Welt, nicht nur f�r die Wissenschaft, denn sie r�hrt an die Wurzeln der Sexualverdr�ngung, einen der Grundpfeiler vieler konservativer Ideologien (Religion, Moral usw.) 55). Sie erscheint im gesellschaftlichen Sein zur selben Zeit, in der auch sonst
im b�rgerlichen Lager selbst Anzeichen einer revolution�ren Bewegung gegen ihre Ideologien sich zeigen. Die b�rgerliche Jugend protestiert gegen das b�rgerliche Elternhaus und schafft eine eigene "Jugendbewegung". Ihr geheimer Sinn ist das Streben nach sexueller Freiheit. Da sie aber den Anschluss an die proletarische Bewegung vers�umt, geht sie, nach teilweiser Erreichung ihres Zieles bedeutungslos geworden, unter. Liberale b�rgerliche Zeitungsstimmen setzen wieder heftiger gegen die kirchliche Bevormundung ein. Die b�rgerliche Literatur beginnt einen immer freiheitlicheren Standpunkt in moralischen Fragen einzunehmen. Aber alle diese Erscheinungen, die das Auftreten der Psychoanalyse zum Teil begleiteten, zum Teil ihm vorangingen, versickern, sobald es ernst werden soll; Keiner wagt die Frage zu Ende zu denken, die Konsequenzen zu ziehen, das �konomische Interesse geht voran und bringt sogar ein B�ndnis zwischen b�rgerlichem Liberalismus und Kirche zustande.
So wie der Marxismus soziologisch der Ausdruck des Bewusstwerdens der Gesetze der �konomischen Wirtschaft, der Ausbeutung einer Mehrheit durch eine Minderheit war, so ist die Psychoanalyse der Ausdruck des Bewusstwerdens der gesellschaftlichen Sexualunterdr�ckung. Dies ist der haupts�chliche gesellschaftliche Sinn der Freudschen Psychoanalyse. Doch es besteht ein wesentlicher Unterschied. W�hrend die eine Klasse ausbeutet, die andere ausgebeutet wird, ist die Sexualverdr�ngung eine beide Klassen umfassende Erscheinung. Historisch, vom Standpunkt der Menschheitsgeschichte, ist sie sogar �lter als die Ausbeutung einer Klasse durch die andere. Sie ist aber nicht in beiden Klassen quantitativ gleich. Zur Zeit der ersten Differenzierung des Proletariats, in den Anf�ngen des Kapitalismus, hat es, nach den Berichten von Marx im "Kapital" und von Engels in "Die Lage der arbeitenden Klasse Englands" zu urteilen, so gut wie keinerlei Einschr�nkung oder Verdr�ngung der Sexualit�t im Proletariat gegeben 56). Die Sexualform des Proletariats war nur gekennzeichnet und beeinflusst durch seine desolate soziale Lage wie etwa noch heute die des "Lumpenproletariats". Aber im Laufe der kapitalistischen Entwicklung, als die herrschende Klasse, soweit es ihr eigenes Dasein und ihr Profitinteresse erforderte, sozialpolitische Ma�nahmen ergriff und "F�rsorge" zu treiben begann, setzte eine heute immer mehr im Ansteigen begriffene ideologische Verb�rgerlichung des Proletariats ein. Dadurch verschob sich die Wirkung der Sexualverdr�ngung auch ins Proletariat, ohne hier jedoch je solche Dimensionen erreicht zu haben, wie etwa im Kleinb�rgertum, das p�pstlicher als der Papst wurde und das moralische Ideal
seines Vorbildes, das Gro�b�rgertums, strenger befolgt als dieses selbst, das seit langem bereits seine Moral im Innern liquidiert.
Mit der Frage der Stellung des B�rgertums zur Sexualverdr�ngung bzw. zu deren Aufhebung h�ngt auch das Schicksal der Psychoanalyse in der b�rgerlichen Gesellschaft zusammen.
Zu 2. Die Frage ist: Kann das B�rgertum die Psychoanalyse auf die Dauer ertragen, ohne Schaden zu nehmen? Vorausgesetzt nat�rlich, dass ihre Erkenntnisse und Formulierungen nicht verw�ssert werden, und dass allm�hlich, ohne dass es ihren Vertretern zu Bewusstsein kommt, ihr Sinn verflacht.
Der Sch�pfer der Psychoanalyse selbst hat ihr f�r die Zukunft nichts Gutes prophezeit. Er meinte, dass die Welt seine Entdeckungen in irgendeiner Form austilgen werde, weil sie sie nicht ertragen k�nne. Er dachte dabei offenbar nur an die eine H�lfte, die b�rgerliche Klasse, das Proletariat wei� noch nichts von der Psychoanalyse, hat sie noch nicht zur Kenntnis genommen. W�hrend wir noch nicht wissen k�nnen, wie sich das Proletariat zur Psychoanalyse stellen wird, haben wir gen�gend Zeichen, um die Einstellung der b�rgerlichen Welt zu studieren 57).
Dass die Psychoanalyse abgelehnt wird, h�ngt mit der gesellschaftlichen Bedeutung der Sexualverdr�ngung unmittelbar zusammen. Aber was macht die b�rgerliche Welt aus der Psychoanalyse, sofern sie sie nicht verdammt? Da ist auf der einen Seite die Wissenschaft, vor allem die Psychologie und die Psychiatrie, auf der anderen das Laienpublikum. Von beiden gilt, was Freud einmal in scherzhafter Weise als Zweifel ausgedr�ckt hat. Es sei fraglich, meinte er, ob man die Psychoanalyse akzeptiere, um sie zu erhalten oder um sie zu zerst�ren.
Wenn man Psychoanalyse in den H�nden, besser den K�pfen von nicht wirklich analytisch Ausgebildeten begegnet, erkennt man in ihr das Werk Freuds nicht wieder; die Sache mit der Sexualit�t stimme ja, aber die �bertreibungen ... und wo bleibt das Ethische im Menschen? Analyse sei ja sehr richtig, aber . . . Synthese sei nicht weniger notwendig. Und gar als Freud auf seiner Sexualtheorie die Ichpsychologie aufzubauen begann, da ging ein h�rbares Aufatmen durch die wissenschaftliche Welt: Endlich beginne Freud, seine Absurdit�ten einzuschr�nken, endlich komme auch das "H�here" im Menschen zu Wort, und �berhaupt die Moral ... Und es dauerte nicht lange, bis man nur mehr von Ich - idealen reden h�rte und die
Sexualit�t, wie die stereotype Ausrede lautet, "selbstverst�ndlich vorausgesetzt" wurde. Man sprach von einer neuen �ra der Psychoanalyse, von einer Renaissance ... die Psychoanalyse wurde mit einem Wort gesellschaftsf�hig 58).
Nicht weniger trostlos, nur noch widerlicher, sieht es im breiten Publikum aus. Unter dem Drucke der b�rgerlichen Sexualmoral hat man sich der Psychoanalyse als einer L�sternheit befriedigenden Modeangelegenheit bem�chtigt, man analysiert einander die Komplexe, spricht in den Salons beim F�nf-Uhr-Tee von den Traumsymbolen, streitet ohne die geringste Sachkenntnis und nur, weil es sich um Sexualit�t handelt, f�r und wider die Analyse, der eine ist begeistert von der gro�artigen "Hypothese", der andere, kein geringerer Ignorant, ist �berzeugt, dass Freud ein Scharlatan ist und seine Theorie eine Seifenblase, und �berhaupt diese "einseitige �bersch�tzung der Sexualit�t, als ob es nichts anderes, "H�heres" g�be", und dabei spricht der "Kritiker" �ber nichts anderes als �ber Sexualit�t. In Amerika bilden sich ganze Vereine und Diskussionsklubs f�r Psychoanalyse, die Konjunktur ist gut, sie muss genutzt werden, man lebt seine unbefriedigte Sexualit�t aus und verdient au�erdem mit einer Masche, die sich Psychoanalyse zu nennen wagt, viel Geld. "Psychoanalyse" ist ein gutes Gesch�ft geworden. So sieht es au�erhalb der Psychoanalyse aus.
Und innerhalb? Eine Abfallbewegung nach der anderen, die Forscher halten dem Druck der Sexualverdr�ngung nicht stand. Jung stellt die ganze analytische Theorie auf den Kopf und macht daraus eine Religion, in der von Sexualit�t keine Rede mehr ist 59). Ebenso f�hrt die Sexualverdr�ngung bei Adler zur These, die Sexualit�t sei nur eine Erscheinungsform des Willens zur Macht, damit zur Abkehr von der Psychoanalyse und zur Gr�ndung einer ethischen Gemeinde. Rank, fr�her einer der begabtesten Sch�ler Freuds, gelangt dadurch, dass er den Libidobegriff ichpsychologisch verw�ssert, zu seiner Mutterleibs- und Geburtstraumatheorie und leugnet schlie�lich die wesentlichen analytischen Erkenntnisse ab. Immer wieder wirkt sich die Sexualverdr�ngung gegen die Psychoanalyse
aus. Auch sonst kann man im psychoanalytischen Kreise selbst die gesellschaftliche und �konomische Gebundenheit in ihrer mildernden, abschw�chenden, Kompromisse bildenden Arbeit sehen. Nach dem Erscheinen von "Das Ich und das Es" ist jahrelang von der Libido kaum die Rede, man versucht, die ganze Neurosenlehre auf die Ich-Termini umzum�nzen, man verk�ndet, dass erst die Entdeckung des unbewussten Schuldgef�hls die Gro�tat Freuds sei, man sei erst jetzt zum Eigentlichen und Wesentlichen vorgedrungen.
In der Neurosentherapie, wo es sich um die praktische Anwendung einer durchaus revolution�ren Theorie auf den Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft handelt, tritt die Neigung zum Kompromiss und zur Kapitulation vor der b�rgerlichen Sexualmoral am deutlichsten in Erscheinung. Das gesellschaftliche Dasein des Analytikers verbietet, ja macht es ihm unm�glich, die Unvereinbarkeit der heutigen Sexualmoral, der Ehe, der b�rgerlichen Familie, der b�rgerlichen Erziehung mit der radikalen psychoanalytischen Therapie der Neurosen in der �ffentlichkeit auszusprechen. Obwohl auf der einen Seite zugegeben wird, dass die famili�ren Verh�ltnisse trostlos sind, dass die Umgebung des Kranken gew�hnlich das gr��te Hindernis seiner Gesundung ist, scheut man sich - begreiflicherweise -, die Konsequenz aus dieser Feststellung zu ziehen. So kommt e s auch, dass man unter Realit�tsprinzip und unter Realit�tsanpassung nicht Realit�tst�chtigkeit, sondern vielfach v�llige Unterwerfung unter die gleichen gesellschaftlichen Forderungen versteht, die die Neurose erzeugt haben. Dass das der praktischen Anwendung der Psychoanalyse auf die Neurosenheilung abtr�glich ist, liegt auf der Hand.
So w�rgt die momentane kapitalistische Daseinsweise der Psychoanalyse sie von au�en und von innen ab. Freud beh�lt Recht: Seine Wissenschaft geht unter - wir f�gen aber hinzu: in der b�rgerlichen Gesellschaft; wenn sie sich ihr nicht anpasst, sicher, wenn sie sich ihr aber anpasst, dann erleidet sie den gleichen Tod, den der Marxismus bei den reformistischen Sozialisten erleidet, n�mlich den Tod durch Verflachung, vor allem durch Vernachl�ssigung der Libidotheorie. Die offizielle Wissenschaft wird nach wie vor nichts von ihr wissen wollen, weil sie sie in ihrer klassenm��igen Gebundenheit nicht akzeptieren darf. Die hinsichtlich der Ausbreitung der Analyse optimistischen Analytiker irren gewaltig. Diese Ausbreitung gerade ist Zeichen ihres beginnenden Untergangs.
Da die Psychoanalyse, unverw�ssert angewendet, die b�rgerlichen Ideologien untergr�bt, da ferner die sozialistische �konomie die Grundlage der freien Entfaltung des Intellekts und der Sexualit�t bildet, hat die Psychoanalyse eine Zukunft nur im Sozialismus 60).
Zu 3. Wir haben gesehen: Die Psychoanalyse kann aus sich heraus keine Weltanschauung entwickeln, kann also auch keine Weltanschauung ersetzen; aber sie bringt eine Umwertung der Werte mit sich, sie zerst�rt in ihrer praktischen Anwendung beim Einzelnen die Religion, die b�rgerlichen Sexualideologien und befreit die Sexualit�t. Das sind aber gerade die ideologischen Funktionen des Marxismus. Dieser st�rzt die alten Werte durch �konomische Revolution und die materialistische Weltanschauung; die Psychoanalyse tut das Gleiche, oder k�nnte das Gleiche tun, psychologisch. Aber da sie in der b�rgerlichen Gesellschaft gesellschaftlich wirkungslos bleiben muss, kann sie diese Wirkung erst nach vollzogener sozialer Revolution erzielen. Manche Analytiker glauben, dass sie auf dem Wege der Evolution die Welt umgestalten und die soziale Revolution ersetzen kann. Das ist eine Utopie, die auf v�lliger Unkenntnis des wirtschaftlichen und politischen Seins basiert61).
Die k�nftige gesellschaftliche Bedeutung der Psychoanalyse scheint auf drei Gebieten zu liegen:
1. Auf dem der Erforschung der Urgeschichte der Menschheit als Hilfswissenschaft im Rahmen des historischen Materialismus. Die Urgeschichte, in den Mythen, folkloristischen Gebr�uchen und den Sitten der heute lebenden Primitiven kondensiert, ist der Marxschen Gesellschaftslehre methodologisch nicht zug�nglich. Erfolgreich kann diese Arbeit aber nur werden, wenn die soziologische und �konomische Durchbildung der Analytiker eine sehr gr�ndliche sein und die individualistische und idealistische Auffassung der gesellschaftlichen Entwicklung aufgegeben werden wird.
2. Auf dem Gebiete der seelischen Hygiene, die sich nur auf der Basis einer sozialistischen Wirtschaft entwickeln l�sst. Auf der Grundlage einer geordneten Wirtschaft kann auch der Anspruch
auf eine geordnete Libido�konomie im seelischen Haushalt zur Geltung kommen, was in den b�rgerlichen Lebensformen f�r die Masse ganz ausgeschlossen ist und sonst nur f�r einzelne Individuen in Betracht kommt. Die individuelle Therapie der Neurosen f�nde erst hier den ihr entsprechenden Wirkungsbereich 62).
3. Auf dem Gebiete der Erziehung als psychologische Grundlage der sozialistischen Erziehung �berhaupt. Wegen ihrer Erkenntnisse �ber die seelische Entwicklung des Kindes muss sie hier als unentbehrlich bezeichnet werden. Als Hilfswissenschaft der P�dagogik ist sie in der b�rgerlichen Gesellschaft zur Unfruchtbarkeit, wenn nicht Schlimmeren verurteilt. Da man in dieser Gesellschaft nur f�r sie erziehen kann, weil eine Erziehung f�r eine andere in ihr praktisch illusorisch bleibt, kann die psychoanalytische P�dagogik vor der sozialen Revolution nur im Sinne der b�rgerlichen Gesellschaft angewendet werden. Die psychoanalytischen P�dagogen, die in dieser Gesellschaft es unternehmen, sie zu ver�ndern, d�rften aber mit der Zeit ein Schicksal erreichen, �hnlich dem des Pfarrers, der einen sterbenden gottlosen Versicherungsagenten besuchte, um ihn zu bekehren, aber nur selbst versichert wegging. Die Gesellschaft ist st�rker als die Bestrebung einzelner ihrer Mitglieder.