Reformation, Kirche, Obrigkeit
Das 15. Jahrhundert, also die Zeit unmittelbar vor der Reformation, war durch zahlreiche kriegerische Ereignisse in der gesamten Eidgenossenschaft gekennzeichnet. Aber auch unser Stadtstaat Zürich war sehr stark in diese verwickelt. Natürlich hatten dabei auch dessen Untertanen auf der Landschaft arg darunter zu leiden. So gings nämlich in jenem Jahrhundert zu und her:
|
1415 |
Eroberung des Aargaus durch die Eidgenossen |
|
1436-1450 |
Alter Zürichkrieg |
|
1460 |
Eroberung des Thurgaus |
|
1468 |
Waldshuter Krieg |
|
1474-1477 |
Burgunderkriege |
|
1489 |
Waldmannscher Handel |
|
1499 |
Schwabenkrieg |
Wahrlich übergenug des Kriegsgeschehens! Dass an verschiedenen Kriegszügen auch Männer aus dem Unterland teilhatten, ist in Dr. Hedingers �Geschichte des Städtleins Regensberg� deutlich erwähnt. Dort heisst es zum Beispiel: �Den bekannten dreitägigen Gewaltmarsch nach Murten machten am 19. Juni 1476 auch 31 Mann aus unserm Amte mit ... �.
Und im Schwabenkrieg, dessen Gefechte und Raubzüge ja längs der Rheingrenze, im benachbarten Klettgau und im Rafzerfeld wüteten, werden wohl ebenfalls Zürcher Unterländer mitgezogen sein. Aber nicht nur das! Als Folge der ein Jahrhundert lang dauernden beständigen Kriegswirren brachen oftmals Hungersnöte, Krankheiten (Pest) aus, und die Feinde schädigten und verwüsteten in Raubzügen grosse Teile der betroffenen Landschaft. In solchen Zeiten ist der Mensch für religiöse Beeinflussung besonders gut ansprechbar. So war es nicht verwunderlich, dass die Gedanken und Neuerungen des zürcherischen Reformators Ulrich Zwingli (1484 bis 1531), die er von 1519 an als Leutpriester am Grossmünster zu Zürich verkündete, bei dem geplagten Landvolk ebenfalls willige Ohren fanden, vornehmlich darum, weil neben der religiösen Erneuerung auch politische und wirtschaftliche Umwandlungen einhergingen, von denen sich das niedere Volk ansehnliche Erleichterungen für sich versprach: Aufhebung der Leibeigenschaft, Milderung oder gar Wegfall der verschiedenen Abgaben, wie grosser und kleiner Zehnten. Innert rund fünf Jahren war deshalb in den Gebieten des Zürcher Landes diese Kirchenreform durchgeführt.
Bis 1370 gehörte Weiach zum katholischen Dekanat Hohentengen, mit Kaiserstuhl als Filialkirche, nach 1370 teilweise zum Dekanat Regensberg, das aber immer noch Konstanz unterstand. Nach der Eroberung des Aargaus durch die Eidgenossen im Jahre 1415 dehnten diese ihre Befugnisse in Kaiserstuhl und dessen Umgebung aus, und das natürlich auf Kosten des Konstanzer Bistums, so dass dessen Kompetenzen immer mehr schwanden. Dennoch beanspruchte der Bischof, sogar nach durchgeführter Reformation, immer wieder bestimmte Rechte auf den Kirchenzehnten sowie vor allem auf die niedere Gerichtsbarkeit für sich, was ja, wie bereits weiter vorn erwähnt, zu den verschiedensten Streitigkeiten führte. Weiach löste sich zwar nun von der alten Pfarrei Hohentengen und erhielt jetzt seine reformierten Prädikanten ab 1520 von Zürich aus zugeteilt; der erste derselben war ein Niklaus Ländi. Noch aber war Weiach keine eigene Pfarrei, sondern blieb nur Filiale, die von Zürich aus bedient wurde. So liessen aber oftmals Predigtdienst und kirchliche Unterweisung sehr zu wünschen übrig. Dies wenigstens muss man aus der nachfolgend angeführten Klage der Weiacher, 1540, an den Rat von Zürich schliessen:
� ... zue Wyach ist ein erbar, gross Volck, gehörend über Rhyn zur Kilchen gen Dengen und diewyl dieselben am Babschtumb sind, sy wie eine Herd, die kein Hirt hat und zerstreut ist, mangelnd des Worts Gottes und der Sakramenten; dann sy von Stadel und Glattfelden eben wyt gelegen sind.�
Der Rat von Zürich war aber der Ansicht, dass Weiach am besten nach Stadel zugehörig würde. Dorthin kam ein Kaplan Anthony Wysshoupt aus Bülach, um die Neugläubigen �mit Wort und Sakrament� zu versehen. Auf diese Zumutung hin antworteten aber die Weiacher etwas unwillig: �eh giengend (wir) nach Keiserstuel und achtend nüt der waaren leer!�
Das heisst also, dass sie eher wieder den katholischen Gottesdienst in Kaiserstuhl besuchen wollten. Auf diese Drohung hin sorgte der Rat dafür, dass Weiach regelmässiger, Sonntag für Sonntag, einen Prädikanten erhielt, �der das lautere, reine Evangelium nach dem Vorbild Zwinglis� predigen musste. Von 1540 bis 1590 waren es deren rund 60. So blieb es nun also während langer Jahrzehnte.
Erst am 23. Januar 1591, wohl auf wiederholtes Drängen hin, wurde durch Ratsbeschluss und �auf einer lieben, getreuen Gmeind Wyach im Neuampt unttertänig Bitten, Ansuchen und Erbieten.. � Weiach zu einer selbständigen Pfarrei erhoben. Hans Felix Schörrli war deren erster Pfarrer. Es wurde ihm �ein kürzlich angekauftes Haus mit Umgelände als Pfrundlokalität� angewiesen. In einem Ratsmandat vom 17. März 1591 heisst es dazu:
�Der Kauf um Mathys Schöüblis Haus zu Weyach, den neuen Pfarrer darein zu setzen, wird bestätigt. Es soll nach und nach dieses Haus, was die Notdurft erfordert, erbaut und verbessert und dem Prädikanten etwas Zinses daran jährlich zu geben auferlegt werden.�
Daneben geht aus einem Dokument, das im Kirchenturmknopf lag, hervor, dass zu jener Zeit die alte Kirche, wohl eher Kapelle, im Oberdorf an der alten Zürcherstrasse auf dem Platz �über dem gegenwärtigen obern Gemeindewaschhaus ... gestanden.�
Eine andere Notiz besagt:
�alls man zalt 1644 jar ist dise kilchen umb den dritten theil erlängert worden,� und �in dem jar 1658 ist diser thurm ufgestelt worden durch meister hanns frey von niderhaslen ... In dem Jar darnach, alls man 59 zalt, ist ein thurm durch meister hanns tämperli ... zugethekt und mit schindlen beschlagen auch mit Knöpf und fahnen geziert, dises Zit ist von neuwem erkauft worden von dem meister Tobias Liechtly ... umb 55 Gl.... vor dem ist kein Zeit in diser Kilchen gesin.�
Im Kirchturmdokument von 1706 lesen wir sodann vom Bau der heute noch stehenden Kirche im Bühl: �Kund und zu wüssen sei hiermit, dass alls von Unseren gnädigen Herren und Obern ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach bewilligt worden, die gmeind in Gottes Nammen gegen Ende des 1705. Jahrs mit Holzfellen und führen, auch mit Steinbrechen in dem Winzenthal den anfang gemacht . . . �
Es war ein milder, schneearmer Winter 1705/06, so dass die Arbeiten rasch voran liefen, und schon im Spätsommer war der Bau soweit fertig, dass �Montags, den 9. Tag Augstmonet der Knopf und Fahnen hinauf gethan� werden konnten.
Zur Erbauung der neuen Kirche - das alte Kirchlein im Oberdorf war zu �baufällig und eng� geworden - wurde denen zu Weiach bewilligt, eine Steuer zu sammeln, und zwar in Zürich, Winterthur, Stein, in den Herrschaften Eglisau und Regensberg und in der Vogtey Bülach. Die Steuer ergab zum Beispiel in Glattfelden 45 Gulden und wurde am Palmsonntag, dem 28. März 1706 erhoben. Auch die Regierung stiftete an diesen Bau 300 Thaler und statt eines Fensters nochmals 40 Gulden.
Im ältesten Kirchturmdokument vom �14. tag hornung 1659� sind ein paar Namen der dazumaligen regierenden �hohen Oberkeit� genannt, nämlich: �die heren Johan heinrich waser, hanns heinrich Rahm, Johan Jacob Hirtzel, Johan Heinrich Holzhalb�, und in der Schrift von 1763 stehen als �Vorgesetzte dieser Gemeind� die nun schon als Junker auftretenden �Heinrich Escher, Hans Escher, Johann Escher Landschreiber und Hartmann Escher pfarrherr allhier zu Weyach�. Also eine ganze Familiendynastie aus der Stadt.
Daneben figurieren ein Herr Johann Franz von Landhen und als Untervogt ein Einheimischer, nämlich �Meister Johannes Bersinger, Müller und Vogt.� Dieser Letztere ist wohl auch als Erbauer der noch heute im Oberdorf stehenden Mühle anzusehen, trägt doch ein im Ortsmuseum aufbewahrtes Deckentäfermittelstück aus dem Jahre 1752, nebst dem Mühlrad noch seine Initialen! Und in seiner ehemaligen Stube (heute Werkstatt) bemerkt man noch drei an die Wand gemalte Sprüche, ebenfalls aus 1752. Sie weisen auf den einst daneben liegenden Schlafraum hin und heissen:
�Ich geh in meine kamer
zu Loben Gottes namen.�
�Ich gehe hin gen slafen in,
ich bit, Gott wöl mein Hüter sin.�
�Mein in- und ausgan wärd Begleit
Vom Herren Gott in Ewigkeit.�
Aus 1761 besteht eine Weisung �betr. die Wahl-Ratifikation Untervogt Bersingers sel. Sohn zu Weyach.� Der Sohn folgte also seinem Vater im Amt, und somit dürfte der 1790 datierte Mühlebrunnen wohl von diesem Sohn erstellt worden sein.
Neben diesen von Zürich aus ernannten Vorstehern gab es in unserm Dorfe damals, wie anderwärts auch, die mit Ortsbürgern besetzten lokalen Behörden, wie Stillstand (Kirchenpflege), Geschworene oder Dorfmeier, Gerichtsherren, Gemeindeweibel. Im Schriftstück von 1706 sind auch solche genannt:
�Der Stillstand zu Weyach bestund diser Zeit aus folgenden personen: H. Heinr. Brennwald (der Pfarrherr) und Hs. Jacob Bersinger, Hch. Meyerhofer Ehgaumer und Sigrist, Hch. Meyerhofer Kilchenpfleger und dess gerichts, Jacob Ernj ehgaumer, geschworner und dess gerichts, Ulrich Baumgartner Wirth, Dorfmeier und dess gerichts, Jacob Näf geschworner und dess _gerichts�. Weibel war ein Andreas Bersinger. Dass aber Weiach auch jetzt noch mit dem Bistum Konstanz einigermassen �verbunden� war, beweist das Dokument vom Jahre 1763, in welchem wörtlich steht:
�Das Gericht zu Weyach bestuhnd aus folgenden: Herr Buol aus Kaiserstuhl, Constanzischer Untervogt, Herr Bachmann, auch von da, Constanzischer Amtsschreiber.�
Dann erst folgen Weiacher Bürger, unter ihnen wieder ein �Mstr. Johannes Bersinger, Vogt im nammen Herr Obervögten�, diesmal also der Sohn des 1752 Genannten.

Abb.: Waschhaus Oberdorf (beim Platz der alten Kirche)

Abb.: Kirche Weiach um 1900

Abb.: Mühlebrunnen von 1790