Das 19. Jahrhundert, zweiter Teil
Nun aber wieder zum weiteren Geschehen des 19. Jahrhunderts! Um die Verdienstmöglichkeiten der damals recht kinderreichen Bauernfamilien weiter zu mehren, versuchte man verschiedene Nebenbeschäftigungen einzuführen. Anno 1844 zum Beispiel wurden Versuche gemacht mit der Seidenzucht, indem sogar Maulbeerbäume hieher verpflanzt wurden: �Laut eingezogenen Erkundigungen liefern diese bei sorgfältiger Behandlung alljährlich Futter für ca. 10 000 Raupen. �
Ferner wurde die Seidenweberei durch Einrichtung einer Weberstube für Lehrtöchter gefördert, und zwar mit so gutem Erfolg, dass die Gemeinde Anno 1854 über 40 Webstühle zählte, an welchen durchschnittlich eine Zeit lang monatlich an die 800 Franken verdient wurden. Noch um 1920 waren drei solche Webstühle in Bauernstuben zu sehen und wurden zeitweise auch betrieben, nämlich von Frau Graf, im Berg, Frau Meierhofer, alt Mesmerjokebe, und Frau Meier, Schuhmachers, in der Chälen.
Einige Landwirte versuchten ihr Jahreseinkommen zu erhöhen, indem sie neben dem landwirtschaftlichen Gewerbe eine Gastwirtschaft führten. Da konnten sie ihre Erzeugnisse aus Feld und Stall gut absetzen (Gärmost, Obstsaft, Wein, Metzgete usw.). Es existierten zu Ende des 19. Jahrhunderts ausser der �Taverne zum Sternen� noch 4 oder 5 kleinere Wein- und Speisewirtschaften im Dorf, ohne das um das Jahr 1880 entstandene Restaurant �Bahnhof�. So sind seither die Wirtschaft �Zum Weinberg� (spätere Bäckerei Griesser), die einstige �Brauerei� (heute Karl Gut) sowie die Wirtschaft �Zur Post� (heute Rudolf Meierhofer) längst eingegangen. Der Weinbau hatte damals eine weit grössere Bedeutung als heute. Das beweisen ein im Ortsmuseum hängendes Wandbild des grossen Rebberges an der Fastnachtfluh und am Stein sowie die ausführlichen Aufzeichnungen in der bekannten Ortsbeschreibung. Auch am Riemlihang gab es Reben (im heute noch gebräuchlichen Flurnamen Neureben erhalten). Die Gesamtfläche unseres Rebgeländes ist Anno 1850 auf 60 Jucharten geschätzt worden. Ebenso bestanden im Dorfe damals zwei Baumtrotten, eine in der Chälen, die andere im Oberdorf. Das Gebäude der letzteren ist noch vorhanden, es steht an der untersten Rebstrasse (und sollte eigentlich vom Heimatschutz aus gesichert bleiben!).
Nebenverdienst brachte natürlich auch die Bewirtschaftung des Waldes.
�Zu allen Arbeiten im Gemeindeholz ruft die Thurmglocke aus jeder Haushaltung ein Glied, und es wird über die nicht Folgsamen strenge Controlle geführt�; so lesen wir in der Ortsbeschreibung. Der Bürgernutzen bestand um die Mitte des letzten Jahrhunderts aus �ca. 2 Klafter Brennholz, ca. 70 bis 80 Wellen Stauden, welch letztere mit 2 1/2 bis 3 ß und noch höher bezahlt werden.� Dazu hatte jeder �einen eigenen Rauch führende Bürger und jede Bürgerswitwe� das Recht auf einen bestimmten Anteil Bauholz zu vergünstigtem Preise, was man dazumal Stumpenlösung nannte; dies aber nur einmal (Brandunglück vorbehalten) im Zeitraum von 40 Jahren. Sogar etliche Köhlerplätze gab es in den Waldbezirken der Gemeinde, wo man �vorräthiges Brennholz zu Kohlen brennen� lassen konnte. Jährlich waren es etwa 80 Klafter, meist Föhren- und Erlenholz, die so Verwendung fanden.
Eine weitere ziemlich benützte Verdienstmöglichkeit zeigt nachstehendes Inserat von 1859:
�Rindenversteigerung. Künftigen Mittwoch, den 4. Mai Nachmittags 1 Uhr, bringt der Gemeinderath Weiach in der Speisewirtschaft des Herrn Friedensrichter Meierhofer dahier (alte Post) circa 200 Zentner junge Eichenrinde aus dem letzten Winterhauschlag im Sanzenberg genannt auf öffentliche Absteigerung. Wozu Kaufliebhaber einladet,
Weiach, den 27. April 1859
Namens des Gemeinderathes
Der Schreiber: J. Griesser.�
Anno 1847 wurden auf Antrag der Gemeinde durch Regierungsratsbeschluss �20 Jucharten Eichenwald im Hard zur Alimentation des Armengutes vom Forstetat abgelöst, die Fläche ausgerodet, in 80 Vierlingteile eingeteilt und zum erstenmal den Landbedürftigsten auf 6 Jahre um den Jahreszins von 2 alten, nachher 3 neuen Franken in Pacht gegeben.� Die erste Bepflanzung geschah grösstenteils mit Kartoffeln. Dadurch konnte der Notstand einer ganzen Anzahl von Familien stark gemildert werden. Es muss, wie aus einem Bericht der Gemeinnützigen Gesellschaft des Bezirkes Dielsdorf zu ersehen ist, der Bauernschaft in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts nicht allzugut ergangen sein, sondern geradezu eine gewisse Notlage bei den Kleinbauern geherrscht haben. Deshalb wohl die geschilderten Bemühungen, um durch Nebenbeschäftigungen aller Art zusätzliche Verdienstmöglichkeiten zu schaffen. Die Haltung von Bienen war ebenfalls dazu angetan, und es gab im Dorfe zu jener Zeit ungefähr �40 Imbenstöcke�.

Abb.: Weyach, Plan mit Kirche um 1820
Die Jahre 1845/46 brachten den Ausbau der beiden Strassenstrecken bis an den Zweidlergraben und nach Raat hinauf, welcher die Gemeinde in bedeutendem Masse in Anspruch nahm, es mussten dabei in regelmässiger Kehrordnung 7584 Fuhren geleistet werden. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 3906 Gulden. Dass die frühere alte Strasse (sie hiess Zürcherstrasse) hinten durchs Dorf hinaufführte, beweisen die Hauseingänge der alten Gebäude, die fast ausnahmslos der heutigen Landstrasse abgewandt sind. In den Jahren 1849 bis 1855 war die Tieferlegung und Einfassung der beiden Dorfbäche ein ziemlich anspruchsvolles Werk. Es stiess auch wirklich, so lange man das dazu erforderliche Material von Zweidlen beziehen musste, auf ziemliche Schwierigkeiten bei den Bürgern. Als dann aber im Bifig ein Steinbruch auf eigenem Boden eröffnet werden konnte, wurde das angefangene Werk �mit allgemein freudiger Zustimmung fortgesetzt und vollendet.� Interessant ist vielleicht auch der Einblick in eine alte Gutsrechnung um die Mitte des 19. Jahrhunderts, bevor die neue Frankenwertung in der Eidgenossenschaft eingeführt war:
Einnahmen
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Vermögen aus Vorjahr |
52067 fl |
5 ß |
2 Hlr. |
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Zins von Capitalien |
642 fl |
3 ß |
36 Hlr. |
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Ertrag der Liegenschaften |
1088 fl |
11 ß |
3 Hlr. |
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Verkaufte Naturalien |
18 fl |
33 ß |
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An Gefällen |
17 fl |
20 ß |
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Niederlassungs-Gebühren |
14 fl |
21 ß |
3 Hlr. |
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Neu entlehnte Capitalien |
1800 fl |
00 ß |
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Allerlei |
129 fl |
39 ß |
4 Hlr. |
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58142 fl |
12 ß |
6 Hlr. |
Ausgaben
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Verwaltung |
267 fl |
38 ß |
6 Hlr. |
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Bewirtschaftung der Liegenschaften |
124 fl |
35 ß |
6 Hlr. |
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Bauwesen |
583 fl |
36 ß |
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Polizeiwesen |
105 fl |
11 ß |
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Zinsen auf Capitalien |
45 fl |
00 ß |
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Allerlei |
774 fl |
27 ß |
5 Hlr. |
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Nachtrag |
39 fl |
17 ß |
5 Hlr. |
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1921 fl |
5 ß |
10 Hlr. |
Wie weiter vorn aus der Aufstellung der Schülerzahlen hervorgeht, war um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Einwohnerzahl unseres Dorfes eine ganz ansehnliche. Eine pfarrherrliche Volkszählung, enthalten im Turmdokument von 1855, ergab für das genannte Jahr nachstehendes Bild:
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Verbürgerte Eheleute |
260 |
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Niedergelassene Eheleute |
20 |
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Verbürgerte Wittwer |
18 |
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Niedergelassene Wittwer |
-- |
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Verbürgerte Wittwen |
20 |
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Niedergelassene Wittwen |
-- |
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Verbürgerte Knaben |
139 |
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Niedergelassene Knaben |
1 |
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Verbürgerte Töchtern |
118 |
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Niedergelassene Töchtern |
2 |
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Verbürgerte Knäblein |
121 |
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Niedergelassene Knäblein |
11 |
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Verbürgerte Töchterlein |
131 |
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Niedergelassene Töchterlein |
5 |
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Summa |
807 |
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+39 |
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Abwesend |
- 115 |
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Dienstboten |
+21 |
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Anwesend |
692 |
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+60 |
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S.S. |
752 |
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Personen |
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Abb.: Altes Gemeindehaus von 1857
Eine frühere ähnliche Zählung von 1850 hatte total 747 Bewohner ergeben, eine solche von 1880 deren 743, während die Einwohnerzahlen dann gegen Ende des Jahrhunderts bis auf 600 (Anno 1900) zurückgingen und sich nur langsam wieder erholten: 1960 = 644 und 1968 = 687 Einwohner, und zwar letztere inklusive Gastarbeiter. 1857 wurde das alte Schulhaus im Bühl abgerissen und an dessen Stelle ein neues Gemeinde- und Spritzenhaus errichtet, also das heutige alte Gemeindehaus neben dem Kirchhof.
Ins Jahr 1858 fällt sodann die Anschaffung einer neuen Feuerspritze. Ihr �Verfertiger war Kanthonsrath Gross in Otelfingen� und der Preis derselben betrug 3700 Franken, Trinkgeld und Schläuche inbegriffen. Da noch keine Hydrantenanlage bestand, musste das Löschwasser ausnahmslos den Bächen entnommen werden. Hiezu dienten damals schon die noch heute benützten Schwellstellen und die dazugehörigen Schwellbretter den Bächen entlang. Im Dorf gab es um diese Zeit noch keine Hauswasserversorgung, sondern nur 8 öffentliche und 3 private laufende Brunnen, nebst einigen Ziehbrunnen. An diesen musste das Wasser für den Haushalt geholt, das Vieh getränkt, das Obst, die Kartoffeln, das Gemüse und wohl auch allerhand Geräte usw. gewaschen werden.

Abb.: Waschhaus untere Chälen (1962 abgebrochen)
Den Hausfrauen standen 4 Gemeindewaschhäuschen zur Verfügung; daneben gab es 15 Privatwaschhäuschen, von welchen mehrere mit kleinen Branntweinbrennereiapparaten versehen waren. Also scheint auch für unsere Leute die im Kapitel �Das 19. Jahrhundert, erster Teil� erwähnte Alkoholgesetzgebung nicht abwegig gewesen zu sein!
Erst im Juli 1877 konnte die neue Haus- und Löschwasserversorgung dem Betrieb übergeben werden. Sie hatte 50000 Franken gekostet, was wohl für dazumal ein gehöriger Happen bedeutete. Überhaupt zeigen uns die hier angeführten Beispiele, dass auch unsere direkten Vorfahren nicht geringe Aufgaben und Ausgaben, gemessen an den damaligen Einkommensverhältnissen, zu bewältigen hatten. Und wir dürfen dankbar anerkennen, dass wir heutigen Bewohner uns noch weitgehend dieser Errungenschaften bedienen und erfreuen können.