Von den Bauernunruhen bis zur Franzosenzeit
Der Dreissigjährige Krieg, der unser nördliches Nachbarland von 1618 bis 1648 heimsuchte, zum Teil eine Auseinandersetzung zwischen Katholiken und Protestanten, andern teils aber auch eine Erhebung der Länder gegen das politische Übergewicht der Habsburger war, warf seine Schatten ebenfalls in unser Land herüber. Während desselben waren zahllose Flüchtlinge aus dem Norden über unsere Grenze hereingeströmt. Die Preise der knapp gewordenen Lebensmittel, damit auch der Wert der landwirtschaftlichen Erzeugnisse und Güter stiegen enorm an.
Nach 1648 dagegen, als all diese Fremden wieder heimzogen, trat dafür ein gewaltiger Preissturz ein. Verschärft wurde die schlimme Lage noch durch ein von den aristokratischen Stadtregierungen erlassenes, neues, sich für die Bauernschaft ungünstig auswirkendes Münzgesetz. Es entstand bittere Not unter dem Bauernvolk und damit natürlich grosse Unzufriedenheit. Überall gärte es; es kam zu den schlimmen Bauernaufständen im Emmental, im Entlebuch, im Solothurnischen, im Baselbiet und im angrenzenden Aargau. Die Regierungen versuchten durch äusserst strenge Massnahmen (militärische Besetzungen, Hinrichtung der Rädelsführer usw.) die unbotmässigen Aufrührer niederzuschlagen. Es folgte der Bauernkrieg von 1653, der seine Wellen bis ins Zürcher Unterland warf. So steht zum Beispiel im Turmdokument von 1659:
�Alls man zält 1653 sind die Berner und Luzerner buren wider ire Oberkeit loss gezogen, denselbigen zween Oberkeiten sind ze hilf komen die heren von Zürich ... sambt anderen mehr orten . . . , aber es hat etlichen die Köpf kostet.�
Und nach Dr. Hedinger sollten auch Unterländer Mannen unter dem zürcherischen Junker Grebel zu einem Zug gegen die widerspenstigen Berner ausrücken. In Niederweningen und Schöfflisdorf (und vielleicht auch anderwärts) aber weigerte man sich �sie wellint nit ins Bernpiet, die Puren tot ze schlagen!�
Den vereinten Kräften der Regierungstruppen waren die Bauern nicht gewachsen und mussten sich unterwerfen. Ruhe gab's aber nicht für lange. Bereits Anno 1655/56 brach der erste Villmergerkrieg aus, diesmal ein Zwist zwischen den reformierten Zürchern und den katholischen Schwyzern, in den sich aber wiederum auch andere Orte auf beiden Seiten einmischten. Darüber heisst es, wieder im oben erwähnten Dokument von 1659:
�Alls man zält 1656. Jar so sind die Eivangirlischen ort wider die babisten loss gezogen, theil von wägen der Relion theil von anderen ursachen wägen, die heren von Zürich habend ... Keiserstul, Zurzach, Klingnauw und das ganze baderbiet ingenommen, sy mit 17 000 man im feld gelegen... ess ist ein schön wirtzhuss vor Keiserstul gestanden, ist im sälbigen in-nemen verbrännt worden.�
Im März 1656 kam wohl der �Badener Frieden� zustande, in welchem unter den beiden Konfessionen gegenseitiges Dulden erhandelt werden konnte. Das Misstrauen aber blieb bestehn. So war es vollauf berechtigt gewesen, dass man schon in früheren unsicheren Zeiten unseren Friedhof zu einem �militärischen Stützpunkt� ausgebaut hatte, mit starkem Mauerwerk und Schiessscharten. Weiach stand ja seit der Reformationszeit als Grenzort zwischen dem evangelisch gewordenen Zürichbiet und dem katholisch gebliebenen Amt Baden. Und man war jetzt froh um diesen �befestigten Ort�, denn schon 1712 traten neue religiöse Spannungen auf ; der zweite Villmergerkrieg brach aus und der Kirchhof zu Weiach wurde mit zürcherischer Artillerie belegt, während im nahe gelegenen untern Bachsertal Schanzen und Brustwehren erstellt werden mussten.
Im 17. Jahrhundert umfasste nämlich das Regensberger Quartier auch das Neuamt. Militärische Sammelplätze waren Weiningen, Otelfingen, Niederweningen und eben auch Weiach. Hier die Aufgabe des Weiacher Quartiers:
�Diese habend sonderbar sorg zu haben zue dem pass zue Keiserstul und hiemit zu verwachen den Rhein von Zweidlen biss an Keiserstul, bis inn Visibacher Thal, die strassen so durch das Santzenberger Holtz und durch das Visibacher Thal hinauf inn unsser land gahn.�
Zu eigentlichen Kriegshandlungen kam es zum Glück nicht, da die beiden Parteien bereits im August 1712 zu Aarau einen neuen Friedensvertrag unterzeichneten.
Das umwälzendste Ereignis ausgangs des 18. Jahrhunderts war wohl die Französische Revolution, die ja allgemein auf unser ganzes Vaterland übergriff. Da die Unzufriedenheit mit den �gnedigen heren� allüberall auf der bevormundeten Landschaft gross war, fanden die verheissungsvollen Schlagworte �Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit� der fremden Agenten willige Ohren. Es ist aber hier nicht der Ort, über diese die ganze damalige Eidgenossenschaft überrumpelnde Bewegung näher zu berichten. Dagegen sollen ein paar unsere Gegend betreffende Einzelheiten erwähnt werden. Dass in den Jahren 1798/99, also während der Kämpfe zwischen den französischen Heeren und ihren Gegnern, den Deutschen, Österreichern und Russen, auf dem Gelände um Weiach ebenfalls fremde Truppen lagerten, bezeugen die noch heute gebräuchlichen Flurnamen Saxenholz, Frankenhalde, Im Chrieg, Franzosenhau zur Genüge. Im Hard hinten kampierten französische Abteilungen und schlugen dabei einen Viertel des damals herrlichen Eichenwaldes (Schaden auf etwa 80000 Gulden geschätzt). Im Stocki droben sollen die rücksichtslosen �Befreier� die prächtigsten Tannen - in Brusthöhe - gefällt und zum Bau von Baracken oder zum Feuern verwendet haben; die Stöcke blieben zurück. Weitere grosse Verluste erlitten die Gemeinde und ihre Bewohner durch Einäscherung des Schul- und Gemeindehauses, des Spritzenhauses sowie durch Plünderungen in Haus und Feld, durch Einquartierungen und durch Requisitionskosten.
Im Staatsarchiv Zürich findet sich, unter vielen andern Dokumenten aus dieser bösen Zeit, auch eine Tabelle der Einquartierungen, Requisitionen und anderer Beschädigungen im District Bülach, zusammengestellt vom damaligen District-Commissair Geilinger. Darin sind für Weiach in der Zeit vom 7. Juli 1798 bis 20. Mai 1800 nachstehende nicht grad bescheidenen Zahlen aufgeführt:
Einquartierungen 43 789 Mann und 8516 Pferde. Ferner mussten an die fremden Truppen abgegeben werden (nachfolgend bereits in die heutigen Masse umgerechnete Zahlen): 110 q Brot, 27 q Fleisch, 135 q Korn und Hafer, 638 q Heu, 425 q Stroh und Schaub, 180 hl Wein. Dazu kam noch, wie oben bereits erwähnt, der mächtige Schaden an Holz (es sollen rund 1500 Klafter gewesen sein), dann an Gebäuden sowie rund 700 Fuhrleistungen mit Pferden und Ochsen, ferner etwa 3400 Gulden Schädigungen durch Plündern.
Da ist es nicht zu verwundern, wenn der damalige Berichterstatter unserer Gemeinde einmal dazu klagt: �Durch das Lager im Hard seien die Waldungen verderbt und durch die starke Einquartierung die Lebensmittel bereits völlig aufgezehrt�. Weiach hat wohl, wie hieraus hervorgeht, durch seine ungünstige Lage zwischen den fränkischen und gegnerischen Truppenlagern besonders schwer gelitten, ähnlich etwa wie Eglisau oder das ganze Rafzerfeld. Die Hauptauswirkungen dieser �Franzosenzeit� - ausser den erwähnten Verheerungen und Plünderungen - waren die gewaltigen politischen Umwälzungen, die sich in reichem Wechsel folgten und auch unsere zürcherische Landschaft, zu der ja Weiach gehörte, mit erfassten. 1798 schufen die siegreichen Franzosen aus unserm Land einen Einheitsstaat, die �Helvetische Republik� unter einem fünfköpfigen Direktorium. Die �Canthone� waren nurmehr unselbständige Verwaltungsgebiete geworden, mit einem Kantonsstatthalter; der Kanton sodann zerfiel in 15 Distrikte. Weiach gehörte anfänglich zum Distrikt Bülach, dem ein Unterstatthalter, ebenfalls nur als Verwaltungsbeamter, vorstand. In den �Kommunen� oder Gemeinden wurde eine sogenannte �Municipalität� (später Gemeinderat) sowie ein �Agent� als Unter- und Vollziehungsbeamter des Distriktstatthalters eingeführt. Neue freiheitliche Rechte entstanden wohl, blieben aber weitgehend noch auf dem Papier. Vielerorts wurden die auch im Bülacher Distrikt einmarschierenden französischen Soldaten anfänglich freudig begrüsst. Betrachtete man sie doch eben als Bringer längst ersehnter Freiheiten und als Befreier aus der lästigen obrigkeitlichen Abhängigkeit. Freiheitsbäume wurden da und dort errichtet und freudig umtanzt oder gar junge Linden gesetzt, als Erinnerungszeichen der �bessern, neuen Zeit�. Ob dies auch bei uns der Fall war, kann nicht mit Gewissheit festgestellt werden. Auf keinen Fall kann dies etwa die heute noch stehende alte und recht brüchig gewordene Linde gegenüber dem �Sternen� sein; denn diese stammt nach Angaben verlässlicher Dorfbewohner erst aus den 1830er Jahren. Ebenfalls soll, nach Aussage ältester Gemeindebürger, einst eine Linde gegenüber der alten Post (an der alten Zürcherstrasse) gestanden haben. Dies macht den Namen der Gastwirtschaft �Zur Linde� verständlich. Und in zwei Urkunden (und zwar aus den Jahren 1565 und 1601) ist auch ein Heini Meyerhofer als Aussteller eines Zinsbriefes genannt,
�wonnhafft zu Wyach... von seinem huss und hofstatt am Lindenplatz sampt dem spicher, krut- und bombgarten aneinander gelegen ... stosset anderhalb an Curat Meierhoffer. �
Und bei einem, allerdings viel später erfolgten Brandfall, ist auch ein Konrad Meierhofer bei der Post (wohl ein Nachkomme des obigen Curat) erwähnt, so dass daraus geschlossen werden dürfte, dass der obgenannte Lindenplatz wirklich in der Nähe der alten Post gelegen haben muss. Da er aber schon 1565 bestand, kann auch diese Linde keinesfalls eine Freiheitslinde von 1798/99 sein.
Abb.: Kirchhofmauer mit Schiessscharten
Abb.: Pfarrhausschopf von Osten her Abb.: Höbrig [HR, 21.4.84]