(Simultanübersetzung)
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrter Herr Bundeskanzler! Meine
sehr geehrten Damen und Herren! Ich bin aufrichtig dankbar für die
Gelegenheit, hier im Bundestag zu Ihnen zu sprechen. Es ist das erste Mal
in der Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, dass ein russisches
Staatsoberhaupt in diesem Hohen Hause auftritt. Diese Ehre, die mir heute
zuteil geworden ist, bestätigt das Interesse Russlands und Deutschlands am
gegenseitigen Dialog. Ich bin gerührt, dass ich über die
deutsch-russischen Beziehungen sprechen kann, über die Entwicklung meines
Landes sowie des vereinigten Europa und über die Probleme der
internationalen Sicherheit - gerade hier in Berlin, in einer Stadt mit
einem so komplizierten Schicksal.
Diese Stadt ist in der jüngsten
Geschichte der Menschheit mehrmals zum Zentrum der Konfrontation beinahe
mit der ganzen Welt geworden. Selbst in der schlimmsten Zeit - noch nicht
einmal in den schweren Jahren der Hitler-Tyrannei - ist es aber nicht
gelungen, in dieser Stadt den Geist der Freiheit und des Humanismus, für
den Lessing und Wilhelm von Humboldt den Grundstein gelegt haben,
auszulöschen.
In unserem Lande wird das Andenken an die
antifaschistischen Helden sehr gepflegt. Russland hegte gegenüber
Deutschland immer besondere Gefühle. Wir haben Ihr Land immer als ein
bedeutendes Zentrum der europäi-schen und der Weltkultur behandelt, für
deren Entwicklung auch Russland viel geleistet hat. Kultur hat nie Grenzen
gekannt. Kultur war immer unser gemeinsames Gut und hat die Völker
verbunden.
Heute erlaube ich mir die Kühnheit, einen großen Teil
meiner Ansprache in der Sprache von Goethe, Schiller und Kant, in der
deutschen Sprache, zu halten.
(Ende der Simultanübersetzung)
(Beifall)
Sehr geehrte Damen und Herren, soeben sprach ich von der Einheit der
europäischen Kultur. Dennoch konnte auch diese Einheit den Ausbruch zweier
schrecklicher Kriege auf diesem Kontinent im letzten Jahrhundert nicht
verhindern. Sie verhinderte ebenfalls nicht die Errichtung der Berliner
Mauer, die zum unheilvollen Symbol der tiefen Spaltung Europas
wurde.
Die Berliner Mauer existiert nicht mehr; sie ist vernichtet. Es
wäre angebracht, sich heute daran zu erinnern, wie es dazu gekommen ist.
Ich bin mir sicher, dass großartige Veränderungen in Europa, in der
ehemaligen Sowjetunion und in der Welt ohne bestimmte Voraussetzungen
nicht möglich gewesen wären. Ich denke dabei an die Ereignisse, die in
Russland vor zehn Jahren stattgefunden haben.
Diese Ereignisse sind
wichtig, um zu begreifen, was bei uns vor sich gegangen ist und was man
von Russland in der Zukunft erwarten kann. Die Ant-wort ist eigentlich
einfach: Unter der Wirkung der Entwicklungsgesetze der
Informationsgesellschaft konnte die totalitäre stalinistische Ideologie
den Ideen der Demokratie und der Freiheit nicht mehr gerecht werden. Der
Geist dieser Ideen ergriff die überwiegende Mehrheit der russischen
Bürger. Gerade die politische Entscheidung des russischen Volkes
ermöglichte es der ehemaligen Führung der UdSSR, diejenigen Beschlüsse zu
fassen, die letzten Endes zum Abriss der Berliner Mauer geführt haben.
Gerade diese Entscheidung erweiterte mehrfach die Grenzen des europäischen
Humanismus, sodass wir behaupten können, dass niemand Russland jemals
wieder in die Vergangenheit zurückführen kann.
(Beifall)
Was die europäische Integration betrifft, so unterstützen wir nicht einfach nur diese Prozesse, sondern sehen sie mit Hoffnung. Wir tun das als ein Volk, das gute Lehren aus dem Kalten Krieg und aus der verderblichen Okkupationsideologie gezogen hat. Aber hier - so vermute ich - wäre es angebracht, hinzuzufügen: Auch Europa hat keinen Gewinn aus dieser Spaltung gezogen. Ich bin der festen Meinung: In der heutigen sich schnell ändernden Welt, in der wahrhaft dramatische Wandlungen in Bezug auf die Demographie und ein ungewöhnlich großes Wirtschaftswachstum in einigen Weltregionen zu beobachten sind, ist auch Europa unmittelbar an der Weiterentwicklung des Verhältnisses zu Russland interessiert.
(Beifall)
Niemand bezweifelt den großen Wert der Beziehungen Europas zu den Vereinigten Staaten. Aber ich bin der Meinung, dass Europa seinen Ruf als mächtiger und selbstständiger Mittelpunkt der Weltpolitik langfristig nur festigen wird, wenn es seine eigenen Möglichkeiten mit den russischen menschlichen, territorialen und Naturressourcen sowie mit den Wirtschafts-, Kultur- und Verteidigungspotenzialen Russlands vereinigen wird.
(Beifall)
Die ersten Schritte in diese Richtung haben wir schon gemeinsam
gemacht. Jetzt ist es an der Zeit, daran zu denken, was zu tun ist, damit
das einheitliche und sichere Europa zum Vorboten einer einheitlichen und
sicheren Welt wird.
Sehr geehrte Damen und Herren, im
Sicherheitsbereich haben wir in den letzten Jahren viel erreicht. Das
Sicherheitssystem, welches wir in den vergangenen Jahrzehnten geschaffen
haben, wurde verbessert. Eine der Errungenschaften des vergangenen
Jahrzehnts war die beispiellos niedrige Konzentration von Streitkräften
und Waffen in Mitteleuropa und in der baltischen Region. Russland ist ein
freundlich gesinntes europäisches Land. Für unser Land, das ein
Jahrhundert der Kriegskatastrophen durchgemacht hat, ist der stabile
Frieden auf dem Kontinent das Hauptziel. Wie bekannt, haben wir den
Vertrag über das allgemeine Verbot von Atomtests, den Vertrag über die
Nichtverbreitung von Kernwaffen, die Konvention über das Verbot von
biologischen Waffen sowie das START-II-Abkommen ratifiziert. Leider
folgten nicht alle NATO-Länder unserem Beispiel.
Da wir angefangen
haben, von der Sicherheit zu sprechen, müssen wir uns zuerst klar machen,
vor wem und wie wir uns schützen müssen. In diesem Zusammenhang kann ich
die Katastrophe, die am 11. September in den Vereinigten Staaten geschehen
ist, nicht unerwähnt lassen. Menschen in der ganzen Welt fragen sich, wie
es dazu kommen konnte und wer daran schuld ist. Ich möchte diese Fragen
beantworten. Ich finde, dass wir alle daran schuld sind, vor allem wir,
die Politiker, denen einfache Bürger in unseren Staaten ihre Sicherheit
anvertraut haben. Die Katastrophe geschah vor allem darum, weil wir es
immer noch nicht geschafft haben, die Veränderungen zu erkennen, die in
der Welt in den letzten zehn Jahren stattgefunden haben.
Wir leben
weiterhin im alten Wertesystem. Wir sprechen von einer Partnerschaft. In
Wirklichkeit haben wir aber immer noch nicht gelernt, einander zu
vertrauen. Trotz der vielen süßen Reden leisten wir weiterhin heimlich
Widerstand. Mal verlangen wir Loyalität zur NATO, mal streiten wir uns
über die Zweckmäßigkeit ihrer Ausbreitung. Wir können uns immer noch nicht
über die Probleme im Zusammenhang mit dem Raketenabwehrsystem einigen
usw.
Tatsächlich lebte die Welt im Laufe vieler Jahrzehnte des 20.
Jahrhunderts unter den Bedingungen der Konfrontation zweier Systeme,
welche die ganze Menschheit mehrmals fast vernichtet hätte. Das war so
furchterregend und wir haben uns so daran gewöhnt, in diesem
Count-Down-System zu leben, dass wir die heutigen Veränderungen in der
Welt immer noch nicht verstehen können, als ob wir nicht bemerken würden,
dass die Welt nicht mehr in zwei feindliche Lager geteilt ist. Die Welt
ist sehr viel komplizierter geworden.
(Beifall)
Wir wollen oder können nicht erkennen, dass die Sicherheitsstruktur,
die wir in den vorigen Jahrzehnten geschaffen haben und welche die alten
Bedrohungen effektiv neutralisierte, heute nicht mehr in der Lage ist, den
neuen Be-drohungen zu widerstehen. Oft streiten wir uns weiterhin über
Fragen, die unserer Meinung nach noch wichtig sind. Wahrscheinlich sind
sie noch wichtig. Aber währenddessen erkennen wir die neuen realen
Bedrohungen nicht und übersehen die Möglichkeit von Anschlägen - und von
was für brutalen Anschlägen!
Infolge von Explosionen bewohnter Häuser
in Moskau und in anderen großen Städten Russlands kamen Hunderte
friedlicher Menschen ums Leben. Religiöse Fanatiker begannen einen
unverschämten und großräumigen bewaffneten Angriff auf die benachbarte
Republik Dagestan, nachdem sie die Macht in Tschetschenien ergriffen und
einfache Bürger zu Geiseln gemacht hatten. Internationale Terroristen
haben offen - ganz offen - ihre Absichten über die Schaffung eines neuen
fundamentalistischen Staates zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meer
angekündigt, des so genannten Halifat oder der Vereinigten Staaten des
Islam.
Ich will gleich hervorheben: Ich finde es unzulässig, über
einen Zivilisationskrieg zu sprechen. Fehlerhaft wäre es, ein
Gleichheitszeichen zwischen Moslems im Generellen und religiösen
Fanatikern zu setzen. Bei uns zum Beispiel sagte man im Jahre 1999: Die
Niederlage der Aggressoren beruht auf der mutigen und harten Antwort der
Bewohner Dagestans - und die sind zu 100 Prozent Moslems.
Kurz vor
meiner Abfahrt nach Berlin habe ich mich mit den geistlichen Führern der
Moslems in Russland getroffen. Sie haben die Initiative ergriffen und eine
internationale Konferenz in Moskau unter der Losung durchgeführt: Islam
gegen Terror. Ich finde, wir sollten diese Initiative unterstützen.
(Beifall)
Heutzutage verschärfen sich nicht nur die Probleme, die wir schon kennen, sondern es entstehen auch neue Gefahren. In der Tat baut Russland zusammen mit einigen GUS-Ländern eine reale Barriere gegen Drogenschmuggel, organisiertes Verbrechen und Fundamentalismus aus Afghanistan wie auch aus Zentralasien und dem Kaukasus in Richtung Europa auf. Terrorismus, nationaler Hass, Separatismus und religiöser Extremismus haben überall dieselben Wurzeln und bringen dieselben giftigen Früchte hervor. Darum sollten auch die Kampfmittel gegen diese Probleme universal sein. Aber zuerst sollten wir uns in einigen grundlegenden Fragen einigen. Wir sollten uns nicht scheuen, die Probleme beim Namen zu nennen. Sehr wichtig ist es, zu begreifen, dass Untaten politischen Zielen nicht dienen können, wie gut diese Ziele auch sein mögen.
(Beifall)
Natürlich soll das Böse bestraft werden; ich bin damit einverstanden. Doch wir müssen verstehen, dass Gegenschläge den vollständigen, zielstrebigen und gut koordinierten Kampf gegen den Terrorismus nicht ersetzen können. In diesem Sinne bin ich voll und ganz mit dem amerikanischen Präsidenten einverstanden.
(Beifall)
Ich bin der Meinung, dass die Bereitschaft unserer Partner, gemeinsam
Kräfte zu bündeln, um diese realen Gefahren, die nicht erdacht sind, zu
bekämpfen, zeigt, wie ernst und zuverlässig unsere Partner sind. Diese
Gefahren können von fernen Grenzen unseres Kontinents in die Mitte des
Herzens von Europa stechen. Ich habe schon mehrmals darüber gesprochen.
Aber nach den Ereignissen in den USA brauche ich es nicht mehr zu
beweisen.
Was fehlt heute, um zu einer effektiven Zusammenarbeit zu
gelangen? Trotz allem Positiven, das in den vergangenen Jahrzehnten
erreicht wurde, haben wir es bisher nicht geschafft, einen effektiven
Mechanismus der Zusammenarbeit auszuarbeiten. Die bisher ausgebauten
Koordinationsorgane geben Russland keine realen Möglichkeiten, bei der
Vorbereitung der Beschlussfassung mitzuwirken. Heutzutage werden
Entscheidungen manchmal überhaupt ohne uns getroffen. Wir werden dann
nachdrücklich gebeten, sie zu bestätigen. Dann spricht man wieder von der
Loyalität gegenüber der NATO. Es wird sogar gesagt, ohne Russland sei es
unmöglich, diese Entscheidungen zu verwirklichen. - Wir sollten uns
fragen, ob das normal ist, ob das eine echte Partnerschaft ist.
Die
Verwirklichung demokratischer Prinzipien in den internationalen
Beziehungen, die Fähigkeit, richtige Beschlüsse zu fassen, und die
Bereitschaft zu einem Kompromiss - das ist eine schwierige Sache. Es waren
aber ausgerechnet Europäer, die als Erste verstanden haben, wie wichtig es
ist, nach einheitlichen Beschlüssen zu suchen und nationalen Egoismus zu
überwinden. Wir sind einverstanden; dies sind gute Ideen. Die Qualität der
Beschlussfassungen, deren Effizienz und letzten Endes die europäische und
die internationale Sicherheit hängen im Großen und Ganzen davon ab,
inwiefern wir diese klaren Grundsätze heute in praktische Politik umsetzen
können.
Noch vor kurzem schien es so, als würde auf dem Kontinent bald
ein richtiges gemeinsames Haus entstehen, in welchem Europäer nicht in
östliche und westliche, in nördliche und südliche geteilt werden. Solche
Trennungslinien bleiben aber erhalten, und zwar deswegen, weil wir uns bis
jetzt noch nicht endgültig von vielen Stereotypen und ideologischen
Klischees des Kalten Krieges befreit haben.
Heute müssen wir mit
Bestimmtheit und endgültig erklären: Der Kalte Krieg ist vorbei.
(Beifall)
Die Welt befindet sich in einer neuen Etappe ihrer Entwicklung. Wir verstehen: Ohne eine moderne, dauerhafte und standfeste internationale Sicherheitsarchitektur schaffen wir auf diesem Kontinent nie ein Vertrauensklima und ohne dieses Vertrauensklima ist kein einheitliches Großeuropa möglich. Heute sind wir verpflichtet, zu sagen, dass wir uns von unseren Stereotypen und Ambitionen trennen sollten, um die Sicherheit der Bevölkerung Europas und die der ganzen Welt zusammen zu gewährleisten.
Liebe Freunde, Gott sei Dank wird Russland in Europa heutzutage nicht
nur im Zusammenhang mit Oligarchen, Korruption und Mafia erwähnt. Aber
nach wie vor herrscht ein großer Mangel an objektiver Information über
Russland. Ich kann mit Zuversicht sagen: Das Hauptziel der Innenpolitik
Russlands ist vor allem die Gewährleistung der demokratischen Rechte und
der Freiheit, die Verbesserung des Lebensstandards und der Sicherheit des
Volkes.
Aber, verehrte Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie mich einen
Rückblick auf die jüngsten Ereignisse werfen: Russland ist den
schmerzhaften Weg der Reformen gegangen. Zu den Maßstäben und Aufgaben,
die wir zu lösen hatten, gibt es in der Geschichte keine Analogien.
Natürlich wurden viele Fehler gemacht. Nicht alle Probleme sind gelöst.
Aber zurzeit ist Russland ein äußerst dynamischer Teil des europäischen
Kontinents. Dabei ist das Wort "dynamisch" nicht nur im politischen,
sondern auch im wirtschaftlichen Sinne gemeint, was besonders
hoffnungsvoll zu sein scheint.
Die politische Stabilität in Russland
wird dank mehrerer Wirtschaftsfaktoren sichergestellt, nicht zuletzt auch
dank eines der liberalsten Steuersysteme in der Welt. Mit einer
Einkommensteuer von 13 Prozent und einer Gewinnsteuer von 24 Prozent ist
das wirklich so!
(Heiterkeit und Beifall)
Das Wirtschaftswachstum betrug im vorigen Jahr 8,3 Prozent. Für dieses
Jahr ging man von nur 4 Prozent aus. Herauskommen wird
höchstwahrscheinlich ein Wachstum von ungefähr 6 Prozent; sagen wir 5,5
bzw. 5,7 Prozent, mal sehen.
Gleichzeitig bin ich davon überzeugt: Nur
eine umfangreiche und gleichberechtigte gesamteuropäische Zusammenarbeit
kann einen qualitativen Fortschritt bei der Lösung solcher Probleme wie
Arbeitslosigkeit, Umweltverschmutzung und vieler anderer bewirken. Wir
sind auf eine enge Handels- und Wirtschaftszusammenarbeit eingestellt. Wir
haben die Absicht, in unmittelbarer Zukunft zum Mitglied der
Welthandelsorganisation zu werden. Wir rechnen damit, dass uns die
internationalen und die europäischen Organisationen dabei
unterstützen.
(Beifall)
Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf solche Dinge lenken, die Sie als Abgeordnete dieses Parlamentes sicher besser einschätzen können und die nicht in den Bereich der Propaganda gehören. Im Grunde genommen hat sich in unserem Staat ein Prioritäten- und Wertewandel vollzogen. Im Haushalt 2002 nehmen die Sozialausgaben den ersten Platz ein. Ich möchte besonders betonen, dass zum ersten Mal in der Geschichte Russlands die Ausbildungsausgaben die Verteidigungsausgaben übertreffen.
(Beifall)
Verehrte Kolleginnen und Kollegen, erlauben Sie mir, ein paar Worte zu den deutsch-russischen Beziehungen zu sagen - ich möchte das gesondert betrachten -: Die russisch-deutschen Beziehungen sind ebenso alt wie unsere Länder. Die ersten Germanen erschienen Ende des ersten Jahrhunderts in Russland. Am Ende des 19. Jahrhunderts lag die Zahl der Deutschen in Russland an neunter Stelle. Aber nicht nur die Zahl ist wichtig, sondern natürlich auch die Rolle, die diese Menschen in der Landesentwicklung und im deutsch-russischen Verhältnis gespielt haben: Das waren Bauern, Kaufleute, die Intelligenz, das Militär und die Politiker.
(Beifall)
Es ist wichtig, diese Geschichte richtig zu deuten. Wie ein guter
westlicher Nachbar verkörperte Deutschland für Russen oft Europa, die
europäische Kultur, das technische Denkvermögen und kaufmännisches
Geschick. Nicht zufällig wurden früher alle Europäer in Russland Deutsche
genannt, die europäische Siedlung in Moskau zum Beispiel "deutscher
Vorort".
Natürlich war der kulturelle Einfluss beider Völker
gegenseitig. Viele Generationen von Deutschen und Russen studierten und
genießen auch heute Werke von Goethe, Dostojewskij und Leo Tolstoj. Unsere
beiden Völker verstehen die Mentalität des jeweils anderen Volkes sehr
gut. Ein gutes Beispiel dafür sind fabelhafte russische Übersetzungen
deutscher Autoren. Diese sind sehr nahe an den Texten, erhalten den
Rhythmus, die Stimmung und die Schönheit der Originale. Boris Pasternaks
Übersetzung des "Faust" ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen.
Meine Damen und Herren, in unserer gemeinsamen Geschichte hatten wir
verschiedene Seiten, manchmal auch schmerzhafte, besonders im 20.
Jahrhundert. Aber früher waren wir sehr oft Verbündete. Die Beziehungen
zwischen unseren beiden Völkern wurden immer durch enge Abstimmung und
durch die Dynastien unterstützt.
Überhaupt spielten Frauen in unserer
Geschichte eine besondere Rolle.
(Heiterkeit und Beifall)
Erinnern Sie sich zum Beispiel an die Tochter Ludwigs IV., des Fürsten
von Hessen-Darmstadt: Sie ist in Russland als Fürstin Elisabeth bekannt.
Sie hatte ein wirklich tragisches Schicksal. Nach dem Mord an ihren Mann
gründete sie ein Nonnenkloster. Während des Ersten Weltkrieges pflegte sie
russische und deutsche Verletzte. Im Jahre 1918 wurde sie von
Bolschewisten hingerichtet. Ihr galt eine allgemeine Verehrung. Vor kurzem
wurde ihr Wirken anerkannt und sie wurde heilig gesprochen. Ein Denkmal
für sie steht heute im Zentrum Moskaus.
Vergessen wir auch nicht die
Prinzessin von Anhalt-Zerbst. Sie hieß Sophie Auguste Friederike. Sie
leistete einen einzigartigen Beitrag zur russi-schen Geschichte. Einfache
russische Menschen nannten sie Mutter. Aber in die Weltgeschichte ging sie
als russische Zarin Katharina die Große ein.
Heutzutage ist Deutschland
der wichtigste Wirtschaftspartner Russlands, unser bedeutsamster
Gläubiger, einer der Hauptinvestoren und maßgeblicher außenpolitischer
Gesprächspartner. Um ein Beispiel zu nennen: Im vorigen Jahr erreichte der
Warenumsatz zwischen unseren Staaten die Rekordhöhe von 41,5 Milliarden
DM. Das ist vergleichbar mit dem Gesamtwarenumsatz zwischen den beiden
ehemaligen deutschen Staaten und der Sowjetunion. Ich glaube nicht, dass
man sich damit zufrieden geben kann und hier Halt machen darf. Es bleibt
noch genug Spielraum für die deutsch-russische Zusammenarbeit.
(Beifall)
Ich bin überzeugt: Wir schlagen heute eine neue Seite in der Geschichte unserer bilateralen Beziehungen auf und wir leisten damit unseren gemeinsamen Beitrag zum Aufbau des europäischen Hauses.
(Beifall)
Zum Schluss will ich die Aussagen, mit denen Deutschland und seine
Hauptstadt vor einiger Zeit charakterisiert wurden, auf Russland beziehen:
Wir sind natürlich am Anfang des Aufbaus einer demokratischen Gesellschaft
und einer Marktwirtschaft. Auf diesem Wege haben wir viele Hürden und
Hindernisse zu überwinden. Aber abgesehen von den objektiven Problemen und
trotz mancher - ganz aufrichtig und ehrlich gesagt - Ungeschicktheit
schlägt unter allem das starke und lebendige Herz Russlands, welches für
eine vollwertige Zusammenarbeit und Partnerschaft geöffnet ist.
Ich
bedanke mich.
(Anhaltender Beifall - Die Abgeordneten erheben sich)
(Schluss: 15.47 Uhr)