Heuersdorf - ein Ort kämpft um seine Existenz


Heuersdorf und die Braunkohle

Um 1900 wurde die erste Kohle in der Region entdeckt und der Abbau begann zunächst privat. 1910 wurde die erste Brikettfabrik in Deutzen, dem 2 km entfernten Nachbardorf, errichtet. Mit der Braunkohleförderung bzw. Verarbeitung fand eine Än-derung in der Beschäftigungsstruktur statt. Einige Bauern gingen in den Tagebau, um ihr Geld zu verdienen und hielten den Hof nur noch nebenbei oder gaben ihn ganz auf.
Ende der 30er Jahre wurde Heuersdorf an der Südseite vom Tagebau berührt. Der Tagebau wanderte dann über Westen um den Ort herum und droht ihn jetzt von Norden her aufzufressen. Bereits zu DDR-Zeiten bestand die Gefahr der Umsiedlung für die Heuersdorfer.
Die großtechnische Nutzung der Braunkohle wurde zunächst nicht für die Elektrizi-tätswirtschaft, sondern im Ersten Weltkrieg von der chemischen Industrie zur Ammo-niaksynthese genutzt. Im Dritten Reich wurde die Braunkohle zur Erzeugung von Benzin verwendet, um für die kriegerischen Ziele möglichst unabhängig von dem Import von Rohstoffen zu sein.87

Nach dem Ersten Weltkrieg musste viel rheinische Steinkohle nach Frankreich als Kriegsreparation ausgeführt werden. So erlangte die Braunkohle, ein weitaus min-derwertigerer Brennstoff als die Steinkohle, eine zunehmende Bedeutung für die Stromerzeugung in Deutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden von der DDR die Chemie- und Energieanlagen des industriellen Dreiecks Bitterfeld/Halle/Leipzig genutzt und zur Grundlage der DDR-Wirtschaft ausgebaut. 70 Prozent des Energieverbrauchs und sogar 80 Prozent des Stromverbrauchs wurden in der DDR durch die Braunkohle abgedeckt.88

So wuchs in Heuersdorf nach der Wende 1990 mit dem Zusammenbrechen der DDR-Industrie und Wirtschaft die Hoffnung, einer Umsiedlung zu entgehen. Zahlreiche Tagebauten und Brikettfabriken wurden stillgelegt. Die Heuersdorfer begannen, ihren Ort zu sanieren. Doch die Braunkohleförderung blieb in der Region und wurde ausgebaut. So führen die Heuersdorfer seit 1992 einen erbitterten Kampf - wie David gegen Goliath.

Im April 1998 wurde im Sächsischen Landtag das sogenannte "Heuersdorf Gesetz" verabschiedet, welches die Umsiedlung des Ortes vorschrieb. Daraufhin reichte die Gemeinde Heuersdorf Klage ein. Am 14.07.2000 erklärte das Verfassungsgericht das Gesetz für verfassungswidrig. Eine schallende Ohrfeige für die Landesregierung und die MIBRAG (Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft). Jedoch erklärte Herr Biedenkopf am selben Tag noch, dass es eben ein neues Heuersdorf Gesetz geben werde. Dieses sollte bis Ende 2001 vorliegen. Der Ort erhält keine Fördergelder mehr vom Freistaat, man lässt ihn total verkommen. Zum Teil haben die Einwohner inzwischen Investitionen aus eigener Tasche bezahlt.

© Lukas Weidauer | www.lukasweidauer.de.vu | [email protected]
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