�Du hast ihn also nicht von dir geschuppst oder ihm eine gescheuert?�, fragte Tim.
Ich sa� ihm gegen�ber an einem Tisch in der Bar Italia und wurde von meinen Freunden nahezu zu Boden gestarrt. Ich hatte mein Versprechen gehalten und nahm wieder an unseren Meetings teil. Es war wie fr�her, ehe Orlando in mein Leben gekommen war. Allerdings fehlte Jessica. Auf ihrem Platz sa� Richy und auch Amber hatte Anschluss an die Gruppe gefunden.
�Nein, ich habe nichts dergleichen getan.�
�Also hast du ihn auch gek�sst?� Rachel sah mich mit interessierten Blick an.
�Kann man wohl sagen.� Ich nahm einen Schluck von meinem Wein und wich ihren Blicken aus. �Ich wei� selber nicht, was mit mir los war. Ich h�tte ihn am liebsten zu Boden geworfen und mit ihm...�
�Wieso in aller Welt hast du es nicht getan?� Gek�nstelte Verzweiflung lag in Tims Stimme, w�hrend er mich angrinste.
�Das sieht dir mal wieder �hnlich�, meldete sich Judy zu Wort. �Bei dir muss es immer gleich zur Sache gehen.�
�Wieso auch nicht? Man soll immer nach seinen Gef�hlen handeln...�
�Halt am besten die Klappe.� Charly lachte Tim von der Seite an und wandte sich dann an mich. �Hei�t das, dass es einen neuen Mann in deinem Leben gibt?�
�Was hei�t neu? Der steigt ihr schon seit Monaten hinterher�, grinste Amber. �Wurde langsam Zeit, dass sie ihn bemerkt.�
�Ich habe ihn schon immer gesehen. Nur nie so wie gestern.�
�Bist du etwa verliebt?� Richy griff nach der Weinflasche und goss sich und mir einen weiteren Schluck in die Gl�ser.
�Eben das wei� ich nicht.�
�H�r mal, ihr habt geknutscht.� Amber hielt Richy ihr Glas hin und dieser be�ugte es kritisch, w�hrend sie weitersprach. �Und du sagtest eben selber, dass du gerne mehr mit ihm angestellt h�ttest.�
�F�r so etwas muss man nicht unbedingt verliebt sein�, konterte Richy. �Manchmal ergibt es sich, dass man jemanden trifft und sich von ihm angezogen f�hlt. Bei Tim und mir war es nicht anders.�
�Redest du nun von meiner sexuellen Anziehungskraft?�, fragte Tim und strahlte in die Runde.
�Das war lediglich ein Beispiel. Es geht ausnahmsweise mal nicht um dich, Schatz.� Richy sah seinen Freund einige Sekunden an und sprach dann zu uns anderen. �Was mich bei Muffins Situation irritiert, ist, dass sie sich schon l�nger kennen.�
�Sie ist demnach in ihn verliebt!� Amber wirkte trotzig.
Alle Blicke richteten sich wieder auf mich.
�Bitte, verschont mich�, abwehrend hob ich die H�nde. �Wenn ich es w�sste, w�rde ich nicht bei euch Rat suchen.�
Sie diskutierten noch einen Moment weiter �ber mein Gef�hlsleben und schlau wurde ich aus ihren Prognosen nicht gerade. Was meine Freunde nicht verstanden war, dass ich nicht erforschen wollte, ob ich verliebt, sondern was �berhaupt mit mir los war, wieso es die letzte Nacht zu dem kam, was vor der T�r passierte.
�Es ist doch alles ganz offensichtlich�, verk�ndete Tim dann. �Muffin braucht Sex. Das ist alles.�
�Behalte dein Testosteron f�r dich, ja?� Charly sah ihn unwirsch an.
�Ich habe nicht Unrecht�, beharrte er.
�Du hast von Frauen keine Ahnung! Wir brauchen f�r Sex einen Grund, ihr hingegen nur einen geeigneten Ort.�
�H�rt euch diese frustrierte Emanze an�, gackerte Tim.
�Das hat nichts mit Frustration zu tun! Es bedeutet nur, dass wir unser Gehirn zum Denken nutzen und nicht ein anderes K�rperteil Entscheidungen treffen lassen.�
�Jetzt geht das wieder los...�
�Was wir Frauen zu viel denken, denkt ihr zu wenig. Und beim Sex ist es euch sowieso nicht m�glich zu denken. Da geht alles mit euch durch und ihr seid nur mit dem besch�ftigt, was ihr gerade treibt. Ich k�nnte w�hrend des Beischlafs wohlm�glich meine Steuererkl�rung machen.�
�Das glaube ich dir aufs Wort�, meinte Tim sarkastisch. �Wenn es dir nicht passt, dann bleib besser Single. Du w�rdest der M�nnerwelt damit einen gro�en Gefallen tun.�
�Hallo!?�, fuhr Rachel dazwischen. �K�nnten wir bitte beim Thema bleiben?�
�Sind wir doch.� Tim zuckte mit den Schultern.
�Du glaubst also, dass ich Sex brauche�, fragte ich ihn.
�Ja, das glaube ich. Ich denke, du bist in dieser wichtigen �bergangsphase.�
�Welche �bergangsphase?�
Tim seufzte. �Du bist dabei, Bloom hinter dir zulassen. Nun brauchst du nur noch einen Kerl, der ihn letztendlich aus dem Rennen wirft.�
�Das kapiere ich nicht.� Ich rutschte auf dem Stuhl umher und sah ihn an.
�Was du brauchst, ist keine neue Beziehung, sondern einfach nur einen Mann, der Bloom von seinem Sockel st�rzt. Es ist Tatsache, dass eine Aff�re oder kurze Liebelei �ber eine gescheiterte Beziehung hinweghilft.�
�So ein Schwachsinn!�, regte sich Amber �ber Tims Worte auf.
�Ist es nicht�, mischte sich Kate ein. �Es hilft wirklich.�
Rachel r�usperte sich. �Sagen wir wie es ist, Orlando Bloom steckt noch unter Muffins Haut.�
Ich nickte zur Best�tigung.
�Sie erinnert sich zu gut an seine K�sse und so weiter�, fuhr sie fort. �Wenn sie sich nun ohne gro� nachzudenken auf einen anderen Mann einl�sst, kann dies zu zwei M�glichkeiten f�hren.�
Die anderen nickten zustimmend und Amber und ich sahen etwas ratlos drein.
�Entweder stellt sie hinterher fest, dass sie den Kerl noch immer liebt...�
�Oder�, sprach Kate weiter, �der andere w�scht Bloom von ihr. Ob sie mit dem dann eine Beziehung eingeht, kann sie hinterher noch entscheiden.�
�Da Ben sie derma�en reizt�, erg�nzte Tim, �wird wahrscheinlich die zweite M�glichkeit eintreffen.�
�Sie muss nur �ber ihren eigenen Schatten springen.� Charlene sah mich ernst an. �Bisher hat sie immer gekniffen, weil sie wei�, dass sobald sie einen anderen ranl�sst, von Bloom nur noch eine Erinnerung bleibt und er nicht mehr der Letzte ist, der sie ber�hrte.�
�Ja, als k�nnte ein anderer ihren K�rper sch�nden�, stimmte Judy zu.
�Ihr meint also ernsthaft, sie soll mit Ben...� Amber sch�ttelte den Kopf.
�Wir sagen gar nichts�, sagte Tim. �Allerdings hat ein bisschen Sex noch nie geschadet. Und wenn ihr danach ist und sie ihn will...� Er sprach nicht weiter, sondern grinste lediglich.
*
Ich verbrachte den Samstagabend mit Ben im Ronnie Scott�s Club. Aufgrund des Auftritts der jungen Musikerin sprachen wir kaum miteinander, sondern widmeten unsere Aufmerksamkeit dem Geschehen auf der kleinen B�hne. Als er mich anschlie�end nach Hause brachte, unterhielten wir uns �ber das Konzert. Weder er noch ich sprach den letzten Abend an. Die Verabschiedung fiel neutral aus und ich blickte ihm verbl�fft nach, als er sich nach einem raschen Kuss auf die Wange wieder auf den Weg machte. Ich hatte anderes erwartet. Ich hatte ihn nicht wirklich k�ssen wollen, aber ich hatte wissen wollen, wie ich diesmal reagiert h�tte. H�tte ich wieder das Verlangen bekommen, ihn mit nach oben zu nehmen? Ich hatte das Gef�hl, dass Ben ahnte, was in mir vorging. Dass er erriet, dass ich mich nach Ber�hrung und Z�rtlichkeit sehnte. Doch wusste er wohl auch, dass er mir diese nicht geben durfte. Zumindest noch nicht. Er w�nschte sich, mit mir zusammenzusein. Wirklich zusammenzusein, eine Beziehung mit mir zu f�hren. Und solange wir beide nicht wussten, was ich von ihm erwartete, w�rde dies nicht m�glich sein.
*
Zwei Tage sp�ter erfuhr ich, dass ich mich nicht geirrt hatte. Ben besuchte Simon und mich in der Wohnung. Zu dritt versuchten wir uns in der K�che an einem exklusiven Abendessen, scheiterten aber kl�glich. Unser Gericht wies kaum �hnlichkeit mit dem im Kochbuch Abgebildeten auf. Sp�ter erhielt Simon einen Anruf einer mysteri�sen Dame, entschuldigte sich kurz darauf bei uns und verabschiedete sich, wobei er mir ein vielsagendes Grinsen zuwarf. Noch immer hegte er gro�es Interesse daran, Ben und mich zusammenzubringen und glaubte wohl, dass Ben die Initiative ergreifen w�rde, wenn wir nur alleine w�ren. Zugegeben, ich glaubte und hoffte dies auch. Doch er machte keinerlei Anstalten und sprach von irgendeinem Kunststil, welchen er demn�chst ausprobieren wollte, w�hrend er mir beim Absp�len half. Er redete noch immer, als wir die K�che in einem tadellosen Zustand verlie�en. Ich ging vor ihm her, steuerte aber bewusst mein Zimmer und nicht den Salon an. Ben wirkte etwas irritiert, folgte mir allerdings. Die letzte Minuten hatte ich �berlegt, wie ich vorgehen sollte, nachdem Ben keinerlei Andeutungen gemacht hatte, was er von diesem Abend erwartete. Wahrscheinlich erwartete er gar nichts. Ich jedoch hatte Erwartungen. Ich wollte Antworten. Ich wollte endlich wissen, wie weit ich zu gehen bereit war und mehr noch: Tim hatte Recht gehabt. Ich wollte Ben.
In meinem Zimmer rutschte ich aus meinen Schuhen und setzte mich auf das Bett. Ben war an der T�r stehen geblieben und sah mich ratlos an. Ich versuchte ein verf�hrerisches L�cheln, doch reagierte er darauf nur mit einem hilflosen Schulterzucken, ehe er eintrat, die T�r schloss und unschl�ssig auf und ab ging, noch immer von seinem Studium erz�hlend.
Als ich schon vermutete, dass er dies den Rest des Abends lang tun w�rde, stand ich auf und bet�tigte meinen CD-Player. Leider funktionierte mein Timing nicht wie geplant und statt der Kuschelmusik erklangen die ersten T�ne eines Konzertmitschnitts der Chemical Brothers aus dem Ministry Of Sound. Schnell wechselte ich die CD und als schlie�lich die All Saints mit ihrem �Pure Shores� begannen und ich mich umdrehte, stand Ben nicht mehr ganz so hilflos im Raum. Er war verstummt und sah mich an, wohlwissend was nun passieren w�rde. Ich hatte eigentlich in die Rolle der Verf�hrerin schl�pfen wollen, doch irgendwie wusste ich in jenem Moment nicht mehr, wie ich dies anstellen sollte. So lehnte ich mich sch�chtern gegen das B�cherregal und sah ihn mit Unschuldsblick unter gesenkten Lidern an. Doch das gen�gte. Ben kam auf mich zu und das K�ssen wurde ganz automatisch eingeleitet. H�nde glitten an K�rpern entlang, Lippen suchten empfindliche Stellen und ich entzog mich seiner Umarmung und stolperte r�ckw�rts zum Bett. Mein Herz raste vor Aufregung. Alles um mich herum war vergessen. Es z�hlte nur, was eben passierte. Mein Hand glitt unter Bens T-Shirt und seine warme Haut f�hlte sich gut an. Ich wollte, dass auch er mich ber�hrte, doch verhielt er sich zur�ckhaltender, steckte mehr Intensit�t in unsere K�sse. Seine Lippen glitten zu meinem Ohr und er hauchte mir einen sanften Kuss auf. Sein Atmung ging rasch und ich wusste, dass er mir gleich etwas zufl�stern wurde. Etwas wie, dass er mich wollte, dass er mehr von mir sp�ren m�chte, doch:
�Liebst du mich?�
Seine Frage brachte mich v�llig aus dem Konzept. Meine H�nde beendeten ihre Forschungsarbeiten und ich sah ihn �berrascht an.
��hm, ehrlich gesagt habe ich dar�ber in diesem Moment nicht nachgedacht.�
�Und �ber was dann?�
War das sein Ernst? Wollte er tats�chlich wissen, an was ich vor wenigen Sekunden gedacht hatte? Wollte er wissen, dass ich daran gedacht hatte, dass ich ihn ganz sp�ren wollte? Ich antwortete nicht.
�An was hast du gedacht?�
Ich setzte mich auf und zuckte mit den Schultern.
�Ich habe eben gedacht, wie sch�n es mit dir ist.� Er setzte sich ebenfalls auf. �Ich glaube, ich k�nnte Stunden damit verbringen dich zu k�ssen, wenn nicht gar Tage.�
Ich rutschte an die Bettkante und zog mein Shirt zurecht, wich seinem Blick aus.
�Yvonne, du hast nicht derartiges gedacht?�
Ich stand auf, drehte mich zu ihm und sah ihn stumm an. Wieso hatte er mir diese Frage stellen m�ssen? H�tte er mich nicht einfach weiterk�ssen und in die n�chste Phase �bergehen k�nnen?
�Okay, du hast nicht das gleiche wie ich gedacht. K�nntest du wenigstens so fair sein und mich wissen lassen, was der Grund f�r dein Handeln war?� Er klang �rgerlich und rutschte auf der anderen Seite vom Bett.
�Ich wei� nicht, ob es einen Grund gibt�, antwortete ich. �Ich wollte lediglich...� Ich verstummte und senkte verlegen den Blick, da ich mir nun �ber mein Tun bewusst wurde.
�Du wolltest lediglich mit mir schlafen, damit du dich besser f�hlst?�
Ich lief zum CD-Player und schaltete diesen ab. Ben verfolgte jede meiner Bewegungen.
�Du wolltest mich also benutzen, wie schon andere zuvor?�
�Ben, das ist nicht wahr�, sah ich ihn an. Doch wir wussten beide, dass es stimmte. Wir wussten beide, dass es mir nur um die k�rperliche Ber�hrung gegangen war.
�H�r auf! Du hast mir einst selber von diesen bedeutungslosen Beziehungen erz�hlt, die du eingegangen bist, um vergessen zu k�nnen. Sollte ich f�r dich auch nur eine Ablenkung sein?�
Erneut wich ich seinem Blick aus, der zornig auf mir weilte.
�Ich will nicht nur ein Zeitvertreib f�r dich sein.� Er kam wieder einen Schritt auf mich zu und sah mich an. �Ich wage gar nicht daran zu denken, wie viele M�nner mich f�r verr�ckt erkl�ren w�rden, weil ich die Situation eben nicht genutzt habe und glaube mir, unter anderen Umst�nden h�tte ich dies wohl auch.�
�Wie meinst du das?�, fragte ich heiser.
�Wenn du mir nicht so wichtig w�rst, h�tte ich nicht gez�gert. Aber du bedeutest mir eben etwas und deshalb will ich es so nicht.�
�Was willst du dann?�
Ben sah einen Augenblick zu Boden, richtete seine Augen dann wieder auf meine. �Ich will, dass du mich so willst, wie du ihn wolltest. Es gen�gt mir nicht, mich nur mit dir durch die Laken zu w�lzen, damit du ihn f�r diese Zeit vergisst und mich hinterher mit ihm vergleichst. Such dir hierf�r einen anderen.�
Ich nickte. �Okay, ich habe verstanden.�
Wir standen peinlich schweigend voreinander und Ben meinte schlie�lich, dass er besser gehen w�rde. Ich hielt ihn nicht zur�ck und an der T�r dr�ckte er mir einen Kuss auf die Wange und sagte, er w�rde mich anrufen.
Nachdem er gegangen war, verfluchte ich mich selber. Ich war nicht schlauer wie zu Beginn des Abends. Immerhin rief David noch an. Ich erz�hlte ihm nichts �ber die Geschehnisse und er meinte lediglich, dass er bald zur�ckkommen w�rde. Wie bald wollte er mir nicht sagen.
*
Bis Donnerstag hatte ich nichts von Ben geh�rt. Allerdings hatte sich der Pr�fungsausschuss des College bei mir gemeldet und mitgeteilt, dass die Poetikpr�fung aufgrund interner Umst�nde um eine Woche verschoben wurde. Dar�ber war ich wirklich nicht ungl�cklich, doch es nagte an mir, dass Ben nicht anrief. Demnach fehlte er mir und dies musste bedeuten, dass ich doch mehr f�r ihn empfand als Leidenschaft, oder?
Ich wollte eigentlich mit Amber �ber dies sprechen. Sie, Richy und Tim kamen am Abend zu uns. Doch irgendwie fand ich keine Gelegenheit das Thema anzusprechen.
�Ich wei� schon, wie dieser beschissene Film ausgeht�, verk�ndete Simon.
�Toll, Simon. Das wissen wir alle.� Genervt griff Tim nach seinem Glas und warf meinem Mitbewohner einen b�sen Blick zu.
�Und warum schauen wir ihn dann noch weiter an?�
�Damit du dich dar�ber aufregen kannst�, beantwortete Amber Simons Frage. �Wir waren uns einig, einen gem�tlichen Videoabend zu machen. Erst Romantik und hinterher einen deiner hochqualitativen Filme.�
Simon meckerte leise vor sich und lehnte sich in den Sessel zur�ck, w�hrend er gelangweilt auf den Bildschirm starrte. Statt Sweet November wollte er lieber einen von den anderen Filmen ansehen, welche Amber und er zuvor aus der Videothek geholt hatten.
�Die stirbt am Ende doch sowieso.�
�Simon!�, erklang es von Amber, Richy, Tim und mir unisono.
Es herrschte Schweigen und wir konzentrierten uns auf den Film, ignorierten dabei Simons theatralisches Seufzen. Irgendwann gab er auf und sah ebenfalls, wenn auch desinteressiert, den Film an.
�Himmel, wann stirbt die endlich?�
Der Film stand kurz vor seinem Ende, als Simon sich wieder bemerkbar machte.
�Du hast echt keinen Sinn f�r Romantik!�, beschwerte sich Amber und kurz darauf waren sie, Tim und Simon in eine Diskussion verwickelt.
Richy und ich warfen uns einen ratlosen Blick zu und versuchten von den Geschehnissen auf dem Bildschirm etwas mitzubekommen, doch war dies nahezu unm�glich, weshalb Richy sich schlie�lich an der Diskussion beteiligte. Ich sa� stumm auf meinem Platz, beschaute die sich bewegenden Bilder auf dem Fernseher und dachte an Ben. Ich konnte mir einfach keine Antworten auf all die Fragen geben, welche er in mir hervorrief. Wollte ich mit ihm zusammensein? Liebte ich ihn? War ich nur an seinem K�rper und was er mir geben konnte interessiert? Suchte ich lediglich seine N�he, da ich nicht allein sein wollte?
Ein Ger�usch aus dem Flur riss mich aus meinen Gedanken. Ich blickte auf die geschlossene Salont�r und dann zu meinen Freunden. Die schienen nichts geh�rt zu haben und unterhielten sich eifrig weiter. Sie achteten auch nicht auf mich, als ich mich erhob und zur T�r trat. Ich �ffnete diese und ging hinaus. Der Flur war erhellt und ich war mir sicher, dass wir alle Lichter gel�scht hatten. Misstrauisch �ugte ich den Gang entlang und schob einen Fu� nach dem anderen �ber den Teppich. Ich hatte beinahe die K�che erreicht, als ich eine Stimme h�rte, die sich erkundigte, wo man Getr�nke finden k�nnte. Ich presste mich an die Wand neben der T�r. Waren etwa Einbrecher in der Wohnung? Aber Einbrecher arbeiten gew�hnlich mit Taschenlampen und beleuchten nicht ihr gesamtes Zielobjekt. Und seit wann interessieren sich Einbrecher f�r Getr�nke? Ich �berlegte, ob ich zur�ck in den Salon und Simon holen sollte, doch die Neugier in mir siegte. Ich wollte zuerst einen Blick riskieren, schreien k�nnte ich noch hinterher. Tiefdurchatmend l�ste ich mich von der Wand und lugte durch die K�chent�r. Ein gro�er dunkelhaariger Mann stand mit dem R�cken zu mir und suchte unseren Vorratsschrank ab. Definitiv ein Einbrecher. Ich l�ste meinen Blick von ihm und durchschaute die K�che nach einem Gegenstand, den ich ihm �ber den Kopf ziehen k�nnte. Die Pfanne auf dem Herd. Ich musste nur schnell sein. Oder sollte ich doch besser Simon holen? Vielleicht ja...
Ich wollte eben den R�ckzug antreten und mich wegschleichen, als ich von hinten an den H�ften gepackt und angehoben wurde. Ich begann zu schreien und mit den Beinen zu zappeln, der Mann drehte sich vor Schreck um und mein Angreifer begann zu lachen.
�Hey, seit wann steckt eine Voyeurin in dir, die M�nner bespannt?�
Ich hatte wieder Bodenkontakt, befreite und klammerte mich an den T�rrahmen. Als ich aufsah, blickte ich in die tiefblauen Augen von David.
�Was hattest du vor, Muff? Wolltest du ihn anspringen?�, l�chelte er.
�David! Verdammt!� Ich fluchte noch weiter und fragte mich, wo er gewesen war und wie er es geschafft hatte, sich an mich heranzuschleichen.
Ein anderes Lachen ert�nte und ich wandte den Kopf in diese Richtung. Der junge Mann war an uns herangetreten und l�chelte ebenfalls. Mein Herz rutschte hinunter zu meinen Zehen. Es handelte sich um niemand anderen als den jungen Iren, mit welchem ich vor geraumer Zeit getanzt und welchen ich zu gerne gek�sst h�tte. Er l�chelte und auf seinem Kinn bildete sich dabei ein Gr�bchen, w�hrend er aus braunen Augen auf mich heruntersah.
�Hallo Yvonne�, sagte er.
�Hallo Chiar�n�, murmelte ich und sp�rte, dass mein Kopf hei� wurde.
�Wie geht es dir?�
�Gut�, stammelte ich hervor. Mein Kopf musste so rot sein wie eine Ampel, weshalb ich nerv�s zu Boden blickte.
�Muffin!?�, h�rte ich Simon im n�chsten Moment und als ich den Flur hinaufblickte, war die Salont�r aufgerissen und er kam diesen, gefolgt von Amber, entlang.
�Super�, st�hnte ich. �Jetzt kommst du. Wenn es sich um Einbrecher gehandelt h�tte, w�re ich schon l�ngst tot.�
Simon achtete gar nicht auf mich. Stattdessen sah er auf seinen Bruder und sein Gesicht erhellte sich vor Freude.
�Oh Mann, wieso hast du nicht angerufen?�, fragte er anklagend.
David grinste. �Wo w�re dann der �berraschungseffekt gewesen? Ihr h�ttet gewusst, wann ich eintreffe und aufger�umt. So kann ich mit eigenen Augen sehen, was ihr w�hrend meiner Abwesenheit so treibt.� Er machte eine Handbewegung und deutete auf die Sp�le, auf welcher sich das Geschirr der letzten beiden Tage sammelte. �N�mlich nichts.�
Simon lachte auf und schlug ihm auf die Schulter. �Alter Junge, es ist gut, dass du wieder hier bist. Ich habe dich wirklich vermisst.�
�Kann ich mir kaum vorstellen�, l�chelte David.
Amber war sch�chtern stehen geblieben. Nachdem sie David erblickt hatte, hatte ihr Kopf die gleiche Farbe angenommen wie meiner zuvor bei der Entdeckung von Chiar�n. David zwinkerte ihr kurz zu.
�Hey Paddy, wie hast du dich hierher verlaufen?�, lachte Simon und begr��te Chiar�n wie eben zuvor David.
�Ich habe doch gesagt, dass ich euch Schei�-Engl�nder besuchen komme�, h�hnte sein Cousin zur�ck. �Hat sich einfach so ergeben, dass ich David begleitet habe.�
Tim und Richy waren inzwischen ebenfalls gekommen und hatten die beiden Ank�mmlinge begr��t.
�Seit wann seit ihr hier?�, fragte Simon.
Chiar�n und David sahen sich einen Moment an und �berlegten. �Wir kommen direkt vom Flughafen.�
�Und wie war es? Von den Umst�nden mal abgesehen?� Tim sah David mit interessierten Augen an.
�Gro�artig. Eigentlich wollte ich dort bleiben, aber mein Gewissen sagte mir, dass meine beiden Kleinen auf mich warten�, antwortete er in breitem Irisch und deutete auf Simon und mich.
�Etwas l�nger als eine Woche weg und du vergisst, dass du Brite bist und deine Sprache�, lachte Tim.
David antwortete ihm daraufhin im feinsten Englisch, worauf er einen anerkennenden Blick von Amber erhielt, die wahrscheinlich �ber den Wolken schwebte.
�Red nicht so geschwollen daher!�, beschwerte sich Chiar�n und schlug David freundschaftlich in die Seite. �Mich beeindruckst du damit zumindest nicht. Immerhin habe ich dich vor zwei Tagen noch mit ner Schafherde k�mpfen sehen.�
�Mag sein, aber ich habe letztendlich gewonnen.�
�Ja, nachdem ich die Viecher im ganzen Dorf einsammeln durfte. Gro�vater zweifelt, ob er dir seine Schnucken tats�chlich vererben soll.�
�Moment�, unterbrach Simon. �David hat Schafe geh�tet? Da will ich mehr dr�ber wissen.�
�Nicht nur du�, sagte Richy. �Aber wollen wir uns nicht in den Salon setzen?�
�Guter Vorschlag. Was zu trinken w�re auch nicht schlecht.� Chiar�n sah seine Cousins fragend an.
�Ja, ein Tee w�re nun eine feine Sache�, stimmte David zu.
�Geht ihr nur und setzt euch�, bot ich an. �Ich mach euch den Tee.�
Die M�nner bedankten sich und wandten sich dem Salon zu, wobei David Chiar�n aufforderte, mitzukommen.
�Sofort�, antwortete er und sah dann zu mir. �Du wirkst ziemlich �berrascht. Ist das nun positiv oder negativ?�
�Ich muss zugeben, dass ich mich ziemlich �berrumpelt f�hle, aber ich freue mich, dass du hier bist.�
�David hat mir erz�hlt, dass es dir in letzter Zeit nicht so gut ging, weshalb ich mir nicht sicher war... Ich meine, ich wei� nicht, ob dich meine Anwesenheit st�rt.�
Ich sch�ttelte den Kopf. �Wie lange bleibst du?�
�Solange ich euch ertrage?�
Er l�chelte. Es war ein nahezu umwerfendes L�cheln und ich erwiderte dies mit einem L�cheln meinerseits, welches nicht einmal den Ansatz der Wirkung seines hatte. Ich wich seinem Blick aus und betrachtete ihn verstohlen durch meine gesenkten Wimpern. Er sah besser aus, als ich ihn in Erinnerung hatte.
Amber r�usperte sich neben mir und mir fiel ein, dass niemand die beiden miteinander bekannt gemacht hatte. Das war irgendwie untergegangen. Schlie�lich hatten Timothy und Richy Chiar�n bereits bei der Hochzeit kennen gelernt.
�Oh, entschuldige�, sagte ich in ihre Richtung. �Amber, das ist Chiar�n. Chiar�n, das ist meine Freundin Amber.�
Er begr��te Amber l�chelnd und mit festen Handschlag. Amber l�chelte ebenfalls, err�tete aber auch wieder. Dann standen wir stumm voreinander, wobei Amber und ich oft die Blicke zu Boden neigten.
�Dann mache ich mal den Tee�, brachte ich schlie�lich hervor und schob mich in die K�che.
�Soll ich helfen?�, fragte Chiar�n.
�Nein, ist nicht n�tig.�
Nach meiner Antwort glaubte ich, Entt�uschung in seinen Augen zu sehen. Entt�uschung dar�ber, dass ich ihn praktisch wegschickte. Diese Tatsache verwirrte mich ein wenig. Doch ich war �berhaupt verwirrt. Wieso hatte David mich nicht vorgewarnt? Und wieso war Amber nicht mit den anderen in den Salon gegangen, sondern stand hier vor mir wie das Erschie�ungskommando? Ich wollte mich mit Chiar�n unterhalten, aber ich wollte auch alleine sein, um meine Gedanken zu ordnen.
�Chiar�n!�, drang Davids Stimme aus dem Salon. �Tar isteach, suigh sios!�
Chiar�n antwortete in G�lisch und blickte wieder auf mich herunter. �Ich gehe dann mal r�ber... Kommst... Kommt ihr auch?�
��h, ja, wir kommen gleich nach�, sagte ich und Amber nickte. �Wir machen nur eben den Tee fertig.�
�Fein.� Er l�chelte und ging dann an uns vorbei in den Salon.
Kaum war er weg, schloss Amber die K�chent�r und sah mich an.
�Yvonne, ist das der Ire?�, fl�sterte sie mir aufgeregt zu. �Mit dem hast du die halbe Nacht getanzt?�
Ich nickte. �Ja, das ist er.�
�Himmel, ist das ein h�bsches Kerlchen.� Sie schnappte sich den Wasserkocher und trat an die Sp�le. �Er erinnert mich total an Orlando.�
�Tut er das?�
�Ja. Seine Augen und dieses L�cheln! Kein Wunder, dass er dir gef�llt. Aber er ist wirklich h�bsch.�
�H�bsch, nett und intelligent. Er studiert Jura.�
�Und hat er eine Freundin?�
�Bei unserem letzten Treffen zumindest nicht.�
�Perfekt... Perfekt...�
�Amber, er wohnt in Dublin. Das ist in Irland. Und das hier ist London.�
�Der Flug dauert h�chstens eine Stunde.�
Wir grinsten einander an und kurz darauf gingen wir mit dem Tee in den Salon zur�ck. David und Chiar�n erz�hlten mit strahlenden Augen von dem Dorf ihrer Kindheit, in welchem sie die letzten Tage verbracht hatten. Es wurde viel gelacht und ich suchte mehr als einmal Chiar�ns Blick.
�Es ist ewig her, dass ich in London war�, meinte Chiar�n, als der Abend am Ausklingen war und Tim, Amber und Richy sich auf den Heimweg begeben hatten. �Wahrscheinlich hat sich eine ganze Menge ver�ndert.�
�Du kannst davon ausgehen, dass die Restaurants, in welchen wir damals waren, mit Sicherheit nicht mehr existieren�, erwiderte David.
�Auf jeden Fall m�chte ich eine ganze Menge sehen, wenn ich schon mal hier bin.�
�Solltest du auch, wenn du dar�ber nachdenkst, ein Semester hier zu verbringen.�
�Musst du morgen arbeiten?�, fragte Simon seinen Bruder.
�Ich werde mal vorbeischauen, aber ich denke, ich werde die n�chsten Tage nicht arbeiten. Schlie�lich haben wir Besuch...�
�Ach, ich komme notfalls auch alleine klar.� Chiar�n sah seine Cousins an.
�Das will ich sehen, wie du abends alleine durch London ziehst und von Prostituierten angemacht wirst�, schallte Simon.
�Kleiner, ich komme zwar aus einem Dorf ohne TV und Telefon, aber Dublin ist nicht zu untersch�tzen und kann sich auf jeden Fall mit London messen. Und da wohne ich bereits lang genug.�
David stand auf. �Das kulturelle London werde ich dir zeigen. Simon wird dir das Nachtleben demonstrieren und Muffin...� Er verstummte und sah mich einen Augenblick an. �Muffin ist das Unterhaltungsprogramm wenn wir keine Zeit haben.�
�Klingt gut.� Chiar�n l�chelte mich an.
�Dann ist das ja geregelt.� David kratzte sich am Hinterkopf und rieb sich die Augen. �Ich gehe dann mal schlafen.� Er schritt bereits zur T�r, drehte sich noch einmal um. �Chiar�n, Yvonne wird dir das G�stezimmer zeigen. Morgenfr�h um neun Uhr ist Fr�hst�ck. Gute Nacht.�
Ich zeigte Chiar�n das G�stezimmer und w�hrend er seinen Koffer auf den alten Tisch wuchtete, bezog ich das Bett. Wir unterhielten uns kaum, l�chelten einander lediglich an und sodann w�nschte ich ihm eine gute Nacht.
Als ich wenig sp�ter in meinem eigenen Bett lag, hatte ich ein komisches Gef�hl im Magen. Freude, aber auch Beunruhigung, da ich wusste, dass Chiar�n ein paar Zimmer weiter war. Chiar�n, dem ich den ganzen Abend �ber auf die geschwungenen Lippen gestarrt hatte, w�hrend er von Irland erz�hlte. Chiar�n, mit dem ich nahezu �ber einen Regenbogen getanzt war. Doch was war mit Ben? An ihn hatte ich den ganzen Abend nicht mehr gedacht. Und was war mit Orlando? Ich ahnte, dass ich im Stra�enverkehr meines Lebens die n�chste Kreuzung �berqueren musste...
*
An den ersten beiden Tage seines Aufenthaltes in London hatte ich nicht sehr viel von Chiar�n. Die meiste Zeit �ber war er mit David unterwegs und den Freitagabend verbrachte er mit ihm und Simon in einem Nachtclub. Ich h�rte sie lediglich in den fr�hen Morgenstunden nach Hause kommen, wobei sie lachten und kicherten, was zu der Annahme f�hrte, dass sie sich gut am�siert und viel getrunken haben mussten. Etwas, das mich ein wenig entt�uschte, da ich gerne mit ihnen gegangen w�re. Immerhin gefiel mir Chiar�n ziemlich gut.
Als die Herren Samstagmittag aus ihren Betten gekrochen kamen, verk�ndete Simon, dass wir am Abend eine Party auf dem Dach veranstalten sollten. Es g�be schlie�lich Davids Heimkehr, Chiar�ns Besuch und noch etwas zu feiern. David und Chiar�n erkl�rten sich einverstanden und w�hrend die drei die Vorbereitungen trafen, trommelte ich telefonisch die Leute zusammen.
Es war eine laue Sommernacht, ideal zum Feiern. Viele unserer Freunde waren gekommen und Chiar�n stets umringt von seiner Verwandtschaft. Ich beobachtete ihn aus der Ferne, als ich mit Amber an einem Tisch sa�. Er gefiel mir wirklich sehr gut. Besser als Ben verstand er es, die Leute bei einer Unterhaltung in seinen Bann zu ziehen. Seine Augen wirkten tiefbraun und unergr�ndlich, w�hrend Bens von einem sanften Hellbraun waren. Und dann war da nat�rlich seine Sprache. Nicht das G�lisch, was mir zwar auch gefiel, aber der irische Akzent. Mir fiel auf, wie stark seine Aussprache war. Die Art, wie seine Zunge die Konsonanten umschloss, lie� die Worte nicht so k�hl und reserviert erscheinen wie es bei meinen englischen Freunden der Fall war.
�Yvonne?�, sprach Amber mich nach einer Weile an. �Ich wei�, dass er unheimlich s�� ist, aber ich habe nachgedacht.�
Ich nahm meinen Blick von Chiar�n und sah sie an.
�Meiner Meinung nach w�re die Distanz ein Problem f�r dich.�
�Wie kommst du darauf?�, fragte ich.
�Du bist schon nicht damit klargekommen, dass Orlando so weit weg war. Wieso sollte es bei ihm anders sein? Und da ihr beide studiert, ist das mit dem Hin- und Herfliegen auch nicht jedes Wochenende m�glich. Wie willst du die Fl�ge bezahlen?�
�Vielleicht ist das gar nicht n�tig�, l�chelte ich sie an und erinnerte mich an das Gespr�ch, das wir beim Fr�hst�ck gef�hrt hatten. �Er denkt dar�ber nach, ein Semester hier zu machen. Wenn es ihm gef�llt, bleibt er eventuell l�nger.�
�Oh�, brachte Amber �berrascht hervor, doch es war eher eine Ausdruck der Entt�uschung.
�Doch ich will dar�ber gar nicht weiter nachdenken�, sagte ich schnell. �Ich meine, wir kennen uns gar nicht und...�
�Eben�, fiel sie mir ins Wort. �Au�erdem bist du so gut wie mit Ben zusammen.�
Ich sah sie nun etwas unfreundlich an. �Wer behauptet denn so etwas?�
�Das ist keine Behauptung, sondern eine Tatsache. Au�erdem passt Ben viel besser zu dir. Er kennt Seiten an dir, von denen Chiar�n keinen Schimmer hat und...�
�Er kennt mich auch nicht �bertrieben gut. Er wei� von meinem Problem, aber das macht ihn nicht zu einem Yvonne Marx-Experten�, fuhr ich sie an. �Ich wei�, dass du mit Ben inzwischen gut befreundet bist und dir w�nschst, dass wir zusammen sind, da wir beide deine Freunde sind...�
�Quatsch! Es ist nur so l�cherlich. Jeder Mensch kann sehen, dass ihr zusammengeh�rt.�
�Das sehe ich nicht so! Du magst Ben und er tut dir leid.�
�Yvonne, im Gegensatz zu dir hat er mir von Montagabend erz�hlt.� Sie sah mich mit leicht abwertenden Blick an.
�Ich wollte dir Donnerstag davon erz�hlen, aber dann kamen David und Chiar�n und ich dachte nicht mehr daran.� Ich wich ihrem Blick einen Moment aus. �Ich wei� nicht, wie ich auf diese Idee gekommen bin.�
�Du liebst ihn. Wie oft willst du ihm noch wehtun?�
Ich hatte keine Gelegenheit mehr zu antworten, da Rachel zu uns her�berkam und fragte, ob wir in der Wohnung noch Gl�ser h�tten. Ich sprang auf und sagte, dass ich welche holen w�rde. Auf diese Weise entkam ich immerhin Amber. Gerade als diese ebenfalls aufstehen und mich begleiten wollte, kam Chiar�n vorbei und ich schnappte ihn am Arm und bat darum, dass er mitkommen und mir helfen w�rde. Unter einem b�sen Blick von Amber verlie�en wir das Dach.
Innerlich kochte ich vor Wut, obwohl ich Amber verstehen konnte. Sie war mit uns beiden befreundet und Ben redete wahrscheinlich jeden Tag bei der Arbeit �ber mich, was dazu f�hrte, dass er ihr leid tat. Und mir w�nschte sie nat�rlich einen lieben Freund. Sicher war Ben einer, aber was sollte ich tun, wenn ich mir meiner Gef�hle nicht sicher war?
Auf dem Weg in die K�che fragte Chiar�n mich �ber Davids Freundin aus, die irgendwann im Verlauf des Abends gekommen war. Ich war erfreut dar�ber, dass er sie ebenso wenig leiden konnte wie ich.
�Ziemlich pingelig�, meinte er, als ich ihm die Gl�ser aus dem K�chenschrank reichte und er diese auf dem Tisch ansammelte. �Sie muss �ber ganz geheime Qualit�ten verf�gen, die unsereins nicht sehen kann. Ich zumindest verstehe nicht, was er an ihr findet. Zumal er doch bereits mit einer h�bschen Frau zusammenwohnt.�
Er l�chelte mich an und ich drehte mich rasch wieder dem Schrank zu, da all das Blut meines K�rpers sich meinen Kopf als Zielobjekt ausgesucht hatte.
�Nun ja, irgendetwas wird sie schon an sich haben, sonst w�re er nicht mit ihr zusammen.�
�Und du? Triffst du dich mit jemandem?�
Ich sah ihn einen Moment irritiert an.
�Als wir uns kennen lernten, hattest du da nicht einen Freund?�
�Ja, aber wir sind nicht mehr zusammen.� Ich �berlegte einen Augenblick, ob ich ihm von Ben erz�hlen sollte.
�Gut zu wissen�, sagte er da in meine Gedanken hinein.
Ich �bergab ihm die n�chsten Gl�ser nicht, sondern brachte sie selber zum Tisch. Dort blieb ich ihm gegen�ber stehen und sah ihn an.
�Wieso?�
�Weil ich mich ungern blamieren w�rde.�
�Weshalb solltest du dich blamieren?�
Das L�cheln auf seinen Lippen wurde schmaler und er sah mich aus ernsten Augen an. Er stand nur wenige Zentimeter vor mir und blickte auf mich herunter.
�Ich w�rde dich gerne k�ssen.�
�Was hindert dich daran?� Meine Stimme zitterte ungewollt.
Er sah mir noch einen weiteren Moment in die Augen und dann k�sste er mich. Ich schloss die Augen und sp�rte seine Hand auf meiner Schulter. Mehr ber�hrte er nicht von mir. Auch machte er keinen Versuch, den Kuss intensiver zu gestalten, wie Ben es getan hatte. Nein, Chiar�n k�sste mich z�rtlich, nicht fordernd oder leidenschaftlich. Es handelte sich um diese Art Kuss, mit welchen wohl Dornr�schen aus ihrem Schlaf erweckt wurde. Als er seine Lippen von meinen nahm, l�chelte er mich an, nahm seine Hand von meiner Schulter und strich mir mit dieser �ber die Wange.
�Das wollte ich schon tun, als ich dich zum ersten Mal sah.�
Ich schluckte, sagte ihm nicht, dass ich das damals auch gew�nscht hatte.
�Yvonne? Chiar�n?�
Ambers Stimme hallte den Flur entlang und kurz darauf erschien sie im T�rrahmen. Mir war bewusst, dass sie uns nahezu auf frischer Tat ertappt hatte und ich bef�rchtete, dass sie erahnen w�rde, weshalb wir noch nicht wieder in die Runde auf dem Dach zur�ckgekehrt waren. Das Blut stieg mir bei diesem Gedanken zu Kopf und ich wandte mich dem Schrank zu. Ich gab an, weitere Gl�ser aus diesem zu holen und hoffte, dass sie im d�mmrigen K�chenlicht meinen roten Kopf nicht sah. W�rde sie bemerken, dass Chiar�n und ich uns eben gek�sst hatten, so w�re sie mehr als entt�uscht, wollte sie mich doch an der Seite von Ben sehen.
�Wo bleibt ihr denn?�, fragte sie l�chelnd, was vermuten lie�, dass sie nichts ahnte und ihre Wut �ber unser Gespr�ch sich wieder verzogen hatte. Doch bereits im n�chsten Satz wagte sie einen erneuten kleinen Angriff gegen mich. �Ben ist gekommen. Und Simon ist schon ganz ungeduldig und alles wartet auf euch. Anscheinend m�chte er etwas verk�nden.�
Chiar�n sah mich bei ihrem letzten Satz ebenso verwundert an wie sie. Ich erwiderte die ratlosen Blicke zun�chst, dann fiel es mir wieder ein. Simon wollte seiner Familie und seinen Freunden von dem Medizinstudium erz�hlen. Jedenfalls hatte er mir heute Mittag gesagt, dass dies der ideale Zeitpunkt w�re, da alle ihm wichtigen Personen da sein w�rden.
�Dann lasst uns mal besser gehen�, sagte ich schnell, nahm einige der Gl�ser und eilte ihnen voran aus der K�che.
Als ich durch die Eisent�r ging, hatte sich mein Gesicht wieder abgek�hlt. Chiar�n und Amber folgten mir mit den restlichen Gl�sern. Rachel kam uns entgegen und half, diese auf dem Tisch aufzustellen. Simon stand in der Mitte der Leute und wirkte unheimlich nerv�s. Ich l�chelte ihm einen Moment zu und steuerte meinen Platz auf der Bank an. Chiar�n setzte sich neben mich. Als ich mich umsah, entdeckte ich Ben. Er hielt sich hinter Simon bei Matt und Bradley auf, winkte mir kurz zu. Ich war nicht entt�uscht dar�ber, dass er nicht zu mir her�berkam, da mich Chiar�ns Kuss ziemlich durcheinander gebracht hatte.
Ich hatte ihn gewollt, diesen Kuss. Bewusst gewollt. Doch war dies Grund f�r ein schlechtes Gewissen? Ben und ich waren nicht zusammen. Vielleicht w�rden wir auch nie zusammensein. Das Problem jedoch war, dass ich ihn mochte und zuvor schon einmal verletzt hatte. Ich sp�rte Chiar�n neben mir, sah ihn aber nicht an. Stattdessen sah ich in die Gesichter der anderen um zu erkennen, ob irgendjemand einen Verdacht hatte, weshalb Chiar�n und ich ungew�hnlich lange fortgewesen waren. Doch niemand schien dies direkt bemerkt zu haben. Ben konnte sowieso nichts wissen, da er schlie�lich erst in der Zeit gekommen sein musste, in welcher wir in der K�che gewesen waren. Auch hatte er nicht beunruhigt gewirkt, als er uns kommen sah. Zwar kannte er Chiar�n nicht, aber immerhin war Amber bei uns gewesen. Au�erdem ahnte er wohl, dass es sich um den Verwandtenbesuch handelte. Amber und Simon hatten ihn davon in Kenntnis gesetzt. Mit mir hatte er seit Montag nicht mehr gesprochen.
Ich fragte mich noch selber, weshalb ich mir solche Gedanken deshalb machte, da wir wie gesagt nicht zusammen waren, als mein Blick auf David und Monique fiel. Sie stand neben ihm, ein k�nstliches L�cheln in die Runde werfend und fl�sterte ihm immer wieder etwas zu. David reagierte kaum merklich auf ihre Worte. Seine Augen fixierten mich und er schien ver�rgert zu sein.
Verdammt, er wei� es, sagte ich mir selber. Ich wich seinem Blick aus und im n�chsten Moment verschaffte sich Simon Geh�r, indem er in die H�nde klatschte. Die Leute verstummten und sahen ihn neugierig an.
�Ja, erst mal hallo zusammen�, begann er unsicher. �Ich finde es toll, dass ihr alle gekommen seid, damit unser Dorf-Ire mal ne geile Party bekommt und auch dass so viele von euch sich dar�ber zu freuen scheinen, dass David wieder hier ist.�
Lachen erklang und Chiar�n neben mir err�tete leicht.
�Allerdings muss ich gestehen, dass ich diese Party hier auch mit einem gewissen Eigennutz machen wollte.�
�Ach, wolltest du dich mal wieder auf Kosten anderer betrinken?�, lachte Matt.
Simon warf ihm einen b�sen Blick zu und sprach weiter. Ich wagte einen Blick zu David. Er sah mich noch immer an.
�Ich mach es kurz und schmerzlos�, sagte Simon derweil. �Ab September arbeite ich nicht mehr.�
Davids Blick schoss von mir zu Simon. Auch die anderen Familienmitglieder sahen ihn an und murmelten.
�Ich werde n�mlich ab September Student an der St. Bartholomew�s Medical School sein. Beginnen werde ich mit Allgemeinmedizin und dann vielleicht in die Chirurgie �bergehen. Also M�dels, seid nett zu mir, dann bekommt ihr eure Sch�nheitsoperationen g�nstiger.�
Rachel und Kate jubelten auf und gingen schlie�lich zu ihrem kleinen Bruder, um diesen zu umarmen. Von Matt, Raffy, Ben und den anderen bekam er freundschaftliche Schl�ge auf die Schultern ab. David jedoch zeigte keinerlei Emotion.
�Also, darauf m�ssen wir aber ansto�en�, verk�ndete Aaron. �Das scheint ja geradezu ein Jahr der Ver�nderungen zu sein.�
�Wieso?�, fragte Kate. �Unser Familienbaby wird anscheinend lediglich erwachsen.�
�Scheint so�, erwiderte er und Simons Gesicht strahlte vor Stolz. �Simon beginnt endlich mit einer Karriere und David macht den n�chsten Schritt in seiner.�
�Schritt?� Rachel sah irritiert von Aaron zu David.
Mir fiel auf, dass dieser mit einemmal etwas blass um die Nase wirkte. Er wollte seinem Freund etwas sagen, aber Aaron ignorierte dies.
�Simon Cole wird ab September Medizin studieren und David Cole wird in einer Pariser Galerie als Chefrestaurator f�r neuen Glanz sorgen.� Aaron sah seinen Partner, Kollegen und Freund grinsend, aber mit anerkennenden Blick an.
Auch wir anderen sahen ihn stumm, zum Teil erfreut an. Ich geh�rte eher dem stummen Teil an. David wirkte nicht gerade gl�cklich, auch nicht, als Monique stolz den Arm um ihn legte und ihm erneut etwas zufl�sterte.
�Du wirst nach Frankreich gehen?�, fragte Rachel schlie�lich. �Das ist gro�artig.�
Nun erhielt David Gl�ckw�nsche. Simon und ich tauschten einen Blick. Er hatte ebenso wenig dar�ber gewusst wie ich. Die Freude wich aus seinem Gesicht und er schloss f�r einen Moment die Augen. Als er sie wieder �ffnete, lagen Wut und Zorn in ihnen. Doch glaubte ich auch Verletztheit zu sehen.
�Verflucht! Wie lange wei�t du das schon?�, schrie er David pl�tzlich an.
Alles wurde still und die Augen richteten sich auf die beiden Br�der.
David schluckte und sah Simon an. �Ungef�hr zwei Monate.�
�Und wieso zum Teufel hast du nie etwas gesagt?�
�Simon, ich wollte erst noch einige Vorbereitungen treffen und...�
�Vergiss es einfach!� Simon bahnte sich einen Weg durch seine Familie Richtung T�r. �Du bist ein Arschloch, David, wei�t du das?
Die T�r knallte hinter Simon ins Schloss. Die Zur�ckgebliebenen der Familie Cole sahen sich �berrascht an. Ich stand auf und murmelte Chiar�n eine Entschuldigung zu. Ehe ich durch die T�r ging, sah ich noch einmal zu David. Unsere Blicke trafen sich �ber die Distanz hinweg. Zugegeben, ich hasste ihn in jenem Moment ebenfalls.
Ich fand Simon in seinem Zimmer. Als ich eintrat, verr�umte er sinnlos Unterlagen auf dem Schreibtisch. Ich schloss die T�r hinter mir und lehnte mich an sie.
�Simon...�
�Das war mein Abend!�, schnaubte er. �Ich wollte allen zeigen, dass ich kein dummer Schwachkopf bin. Ich sollte im Rampenlicht stehen und nicht er!�
�Simon, das ist es doch nicht, weshalb du sauer bist.�
Er drehte sich um und sah mich. �Er haut ab, Muffy. Er l�sst uns einfach im Stich. Ihm ist egal, was aus uns wird.�
�Das ist es ihm sicher nicht...�
�Dieses Franzosenweib!�, regte er sich weiter auf. �Das war bestimmt ihre Idee!� Er setzte sich auf das Bett und vergrub sein Gesicht in den H�nden. �Muffy, wie sollen wir es ohne ihn schaffen? Schon allein aus finanzieller Sicht?�
Ich stie� mich von der T�r ab und setzte mich zu ihm. �Das wei� ich nicht, Simon.�
�Verdammt, wir brauchen ihn doch. Ich wei� nicht einmal, an welchem Tag der Woche die M�llabfuhr kommt... Und du brauchst ihn doch auch. Mit wem sollst du denn in Zukunft reden? Ich habe nicht sein Feingef�hl und werde nie derart auf dich eingehen k�nnen. Das Einzige, dass ich dir bieten kann, sind schwachsinnige Beleidigungen...�
Simons Verzweiflung ging auf mich �ber. Ich legte den Arm um ihn und meinen Kopf an seine Schulter. Er hatte in allen Punkten Recht.
�Los, lasst uns dar�ber reden.�
Wir sahen auf. David war gekommen und hatte meine Position an der T�r eingenommen.
�Was gibt es da zu reden�, schoss Simon hervor. �Du l�sst uns allein, ist doch nicht weiter tragisch...�
�Ich lasse euch nicht allein.�
�Ach nein? So wie ich das verstanden habe, wirst du mit deinem Franzosenflittchen nach Paris gehen und...�
�Ja, ich werde mit Monique nach Paris gehen�, unterbrach er Simon. �Ich habe n�mlich keine Lust, mein Leben weiterhin euch zu widmen, meine Karriere nach euch zu richten.�
�Nein, da gehst du lieber �ber Leichen, ziehst dein Ding durch. Was aus Yvonne und mir wird, ist schlie�lich nicht wichtig.�
�Simon, ihr seid beide alt genug...�
�Komm mir nicht mit dem Schei�!� Simon sprang w�tend auf. �Yvonne hat hier endlich eine Art Zuhause gefunden und nun machst du alles kaputt!�
�Gott, hast du etwa geglaubt, dass wir drei f�r immer und ewig hier zusammen wohnen w�rden?� Davids Stimme wurde h�rter. �Ich habe keinen Bock mehr, st�ndig L�sungen f�r eure Probleme zu finden. Ihr seid beide �ber zwanzig und wisst, wie das Leben l�uft.�
�Oh ja, das wei� ich inzwischen zu gut. Immer wenn es in einem Bereich gut geht, l�uft ein anderer schief. Ich werde mein Studium wohl knicken m�ssen, da ich nicht wei�, wie Muff und ich die Wohnung finanzieren sollen...�
�Es wird sich nichts �ndern.� David wurde wieder ruhiger. �Die Wohnung l�uft weiterhin auf meinen Namen. Ihr werdet euren Mietbeitrag beisteuern und den Rest bezahlt Aaron von meinem Anteil aus dem Laden.�
Simon sah David verwirrt an. �Du haust also nicht entg�ltig ab?�
�Ich habe einen Arbeitsvertrag �ber sechs Monate. Danach sehe ich weiter. Ich bin doch nicht bl�d und gebe alles hier in London auf. Der Laden wird ferner zur H�lfte mir geh�ren und ich werde an einem Wochenende im Monat herkommen und nach dem Rechten sehen.�
�Fein... Sehr sch�n�, sagte Simon sarkastisch.
�Was willst du eigentlich? F�r die Wohnung ist gesorgt. Ihr m�sst eben beide f�r eure Kosten aufkommen.�
�Finanziell hast du alles geregelt, aber was ist mit uns? Was ist mit Muffin?�
David blickte zu mir. Ich zog die Knie an und st�tzte mein Kinn auf diesen ab. Die ganze Unterhaltung schlug mir auf den Magen. David w�rde weggehen. Was vor einiger Zeit noch unsicher im Raum stand, w�rde nun eintreffen.
�Sie kann sich nur selber helfen�, sagte David. �Ich kann nichts f�r sie tun.�
�Du hilfst mir doch schon die ganze Zeit�, presst ich hervor und mit einemmal wurden meine Augen feucht. �Vielleicht unbewusst, aber du tust es.�
�Du klammerst dich zu sehr an mich�, wehrte er mich ab. �Du kannst dich nicht immer darauf verlassen, dass ich da bin und deine Tr�nen wegwische. Es wird mir einfach zuviel...� Er brach ab und sah zu Boden. �Ich brauche Abstand, weil...� Er seufzte. �Glaubt nicht, dass ich euch im Stich lasse. Ein Anruf und ich werde kommen. Das verspreche ich euch. Wenn es zwei Menschen in meinem Leben gibt, f�r die ich nahezu alles tun w�rde, dann seid ihr es. Das Ganze f�llt mir auch nicht leicht.�
�Wieso gehst du dann?�, fragte Simon.
�Weil ich muss und will. Ich kann es nicht erkl�ren... Ich muss es einfach tun.�
�Dann wirst du also mit ihr gehen, mit ihr leben?� Ich sah David unter Tr�nen an. �Rachel hatte Recht. Sie hat immer bef�rchtet, dass sie dich uns wegnimmt.� Ich vergrub den Kopf zwischen meinen Knien.
David kam zu mir her�ber und kniete vor mir nieder, blickte durch meine Beine hindurch in meine Augen und griff nach meiner Hand. �Sie wird nie wichtiger sein als ihr, aber das sagte ich dir bereits. Und sie wei� es auch.�
Wir kehrten zu den anderen zur�ck, doch die Stimmung zwischen uns dreien sollte f�r den Rest des Abends getr�bt bleiben. F�r Simon und mich bedeutete ein Leben ohne David ein gro�e Ver�nderung. Rachel und die anderen w�rden diese nicht so sehr sp�ren. Uns jedoch w�rde eine gro�e Leere zur�ckbleiben.
Ben sprach mich erst zum Ende der Party an und fragte, ob wir uns die kommende Woche treffen k�nnten. Ich antwortete, dass ich es nicht genau w�sste, da ich am Donnerstag Pr�fung hatte und noch lernen wollte. Er gab sich M�he, sich seine Entt�uschung nicht anmerken zu lassen, aber ich durchschaute ihn trotzdem. Chiar�n hatte uns bei der Verabschiedung beobachtet und sprach mich auf Ben an, als wir gemeinsam das dreckige Geschirr in die K�che schleppten.
�Er ist nicht mein Freund, aber er w�re es gerne�, erkl�rte ich knapp.
�Und was hindert ihn daran?�
�Ich wei� nicht... Vielleicht du?� Ich l�chelte ihn vielsagend an und widmete mich wieder dem Geschirr.
Chiar�n fragte nicht weiter nach.
*
Sonntag verbrachte Simon nicht mit uns. Er hatte eine Verabredung mit einem M�dchen und blieb bis sp�t in die Nacht weg. So blieben David, Chiar�n und ich allein zur�ck. Wir machten uns einen gem�tlichen Tag und ich nutzte ihn und erz�hlte David von meinen Pr�fungen, der Therapie und dass ich �bern�chste Woche eine Redakteurin treffen w�rde, f�r deren Blatt ich eventuell schreiben sollte. David wirkte �berrascht und stolz zugleich, meinte aber auch, dass ich vorsichtig sein und keinen Vertrag ohne seine vorherige Pr�fung unterschreiben sollte.
Ich wartete den ganzen Tag, dass David oder Chiar�n mich auf den Kuss in der K�che ansprechen w�rden. Chiar�n mich nat�rlich direkt, da er daran beteiligt gewesen war, David weil er etwas ahnte. Doch keiner der beiden kam auf dieses Thema zu sprechen. Auch gab es keine M�glichkeit, da wir die meiste Zeit zu dritt im Salon sa�en.
Bevor wir schlafen gingen, entschied David noch, dass ich am n�chsten Tag mit Chiar�n in das Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud�s gehen sollte.
*
Als ich am n�chsten Morgen erwachte, hatten David und Simon die Wohnung bereits verlassen. Chiar�n schlief noch und ich begann den Tag mit einer Dusche. Anschlie�end zog ich mich an, versuchte mich vor dem Badezimmerspiegel an meinen Haaren und bereitete mich mental auf einen Vormittag im Wachsfigurenkabinett vor. Ich war w�tend auf David, dass ich dort hingehen musste. Es machte mir nichts aus, etwas mit Chiar�n zu unternehmen. Im Gegenteil. Ich freute mich wahnsinnig darauf, mit ihm allein zu sein, aber musste es ausgerechnet das Panoptikum sein? David wusste schlie�lich genau, wann und mit wem ich zuletzt dort gewesen war. Ich hatte ihm dies auch in einem Moment gesagt, als Chiar�n in der K�che gewesen war, doch David hatte nur mit de Augen gerollt und gemeint, ich solle nicht so melancholisch sein.
�Idiot�, sprach ich zum Spiegel, welchen ich mir als David vorstellte. �Du wei�t genau, weshalb ich dort nicht hinm�chte. Ich habe einen guten Grund, w�hrend es sich bei dir nur um Bequemlichkeit handelt. Ich fange gerade an, ihn zu vergessen und dann kommst du und schickst mich an den Ort, an welchen ich einen wunderbaren Tag mit ihm verbrachte...�
�F�hrst du etwa Selbstgespr�che?�
Erschrocken drehte ich mich um. Chiar�n stand in der T�r und l�chelte mich an. Seine verwuschelte Frisur lie� erkennen, dass er bis eben geschlafen haben musste. Ich sp�rte, wie ich wieder zu err�ten begann.
�Ich rede gerne mit mir selber. Zumindest einmal am Tag sollte man sich mit einem geliebten Menschen unterhalten�, versuchte ich mein Tun mit einem Witz zu erkl�ren.
�Du hast eindeutig zu viel Oscar Wilde gelesen.�
�Ich bin gleich fertig. Wenn du dann ebenfalls soweit bist, k�nnen wir los. Oder m�chtest du hier fr�hst�cken?�, fragte ich. �Ich glaube allerdings nicht, dass ich dir mehr als labberiges Toast anbieten kann.�
�Nein, es ist in Ordnung, wenn wir unterwegs irgendwo was essen.� Er trat einige Schritte in
das Bad und be�ugte die von David gezeichnete Unterwasserwelt an den W�nden, w�hrend er sprach. �Was hast du denn f�r den heutigen Tag geplant?�
Ich betrachtete mich bei meiner Antwort im Spiegel. �Du wolltest doch zu Madame Tussaud�s.�
Chiar�n l�chelte erfreut. �Und da gehst du heute mit mir hin?�
�David hat die Aufgabe mir �bertragen. Er und Simon stehen beide nicht sonderlich auf das Wachsfigurenkabinett.�
Ich klemmte mein Haar mit einer Spange nach oben, warf ein letzten Blick in den Spiegel und machte mich daran das Bad zu r�umen, damit Chiar�n sich richten konnte.
�Du wirkst auch nicht gerade begeistert�, sagte er, als ich mich umdrehte und er direkt vor mir stand.
�Du darfst das nicht missverstehen�, antwortete ich. �Ich finde es toll. Es ist nur...� Ich brach ab und wich seinem Blick aus.
�Was ist?�
Es dauerte, bis ich ihm antwortete. �Es hat mit meinem letzten Besuch dort zu tun. Ich war damals mit meinem Freund. Ist noch nicht lange her.�
Chiar�n straffte die Schultern. �H�r mal, wenn du nicht m�chtest...�
�Doch�, sagte ich rasch. ��berhaupt kein Problem.�
Ich lief an ihm vorbei. An der T�r drehte ich mich noch einmal um.
�Chiar�n! Wir werden einen wundersch�nen Tag haben.�
Wir machten uns beide fertig und ich packte meine Fotokamera ein, da Chiar�n durch den �bereilten Aufbruch nach London keine eigene mitgebracht hatte. Er verstand dieses Handeln meinerseits zwar nicht, doch ich wies ihn darauf hin, dass man nicht zu Madame Tussaud�s gehen k�nnte, ohne sich mit irgendwelchen Stars fotografieren zu lassen.
Kurz darauf waren wir in der U-Bahn zur Baker Street. Dort angekommen stiegen wir aus und liefen die Stufen an die Londoner Oberfl�che hinauf. Vor dem Underground-Geb�ude wurden wir von einem als Sherlock Holmes kost�mierten Mann angehalten, welcher uns einen Flyer mit Gutschein f�r eine Sherlock Holmes-Tour �berreichte. W�hrend ich diesen sofort in der Tiefe meiner Handtasche verschwinden lie�, um ihn irgendwann mal wieder zu entsorgen, las Chiar�n ihn beim Gehen durch. Er achtete dabei nicht auf die anderen Passanten, sondern lief geradewegs weiter, sodass die uns entgegenkommenden Menschen ihm ausweichen mussten. Nachdem er das Werbeblatt studiert hatte, warf er es in einen M�lleimer der Sandwich-Bar,
welche wir in jenem Moment passierten.
�Bedeutet das, dass du kein Interesse daran hast, die Stra�en abzulaufen, in welchen Sherlock Holmes Verbrecher jagte?�, fragte ich ihn.
Er sah mich an und grinste. �Genau das bedeutet es. Das ist doch nur Geldmacherei. Sherlock Holmes hat es nie gegeben. Daher ist es uninteressant. H�tte er wirklich gelebt, w�re es etwas anderes. Dann k�nnte man in eine der Stra�en gehen und sagen: Hey, hier hat Sherlock damals diesen Schurken geschnappt und nun stehe ich hier!�
�Einige Leute finden es trotzdem spannend�, sagte ich schulterzuckend.
�Und die Ecken, in welche diese Tour f�hrt, interessieren doch kein Schwein. Man bekommt nicht mal eine sch�ne Ansicht der Stadt.�
�Sherlock hielt sich eben weniger in den Shopping-Stra�en auf.�
�In Dublin haben wir auch eine literarische F�hrung.�
Ich sah ihn interessiert an. �Ach ja?�
�Sagt dir James Joyce etwas?�
�Ich habe schon mal von ihm geh�rt, kann ihm im Moment aber nicht einordnen.�
�Der Kerl hat ein Meisterwerk geschrieben�, schw�rmte Chiar�n. �Ulysses. Es ist sozusagen ein Stadtf�hrer Dublins, der in einen Roman gepackt wurde. Beim Lesen begleitet man die beiden Hauptfiguren einen Tag lang durch die Stadt.�
�Und deshalb gibt es in Dublin eine Ulysses-Tour?�
�Nein.� Er sch�ttelte den Kopf. �Jedes Jahr findet am 16. Juni der Bloomsday statt.�
Ich zuckte zusammen. Chiar�n bemerkte dies aber nicht.
�Bloom?�
�Ja, der Tag ist nach einer der Hauptfiguren benannt. Leopold Bloom. Jedenfalls ist an diesem Tag ganz sch�n was los. M�nner und Frauen verkleiden sich und spielen die Geschichte nach. Suchen um die gleiche Uhrzeit dieselben Orte auf, an welchen Bloom gewesen ist.�
�Und machst du da auch mit?�
Wieder sch�ttelte er den Kopf. �Wie ich bereits sagte, interessiert mich so etwas nicht. Ich habe das Buch gelesen, aber das ist auch schon alles. Welche Tour ich hier aber gerne machen w�rde, w�re die �ber Jack The Ripper<.�
�Du m�chtest also in tiefer Nacht durch die dunklen Stra�en Whitechapels gef�hrt werden und dir sagen lassen, wo genau Jack eine Prostituierte aufgeschlitzt hat?�
�Wieso nicht? Das ist schlie�lich wirklich passiert.�
Nun sch�ttelte ich l�chelnd den Kopf und reihte uns in die Schlange vor dem Panoptikum ein. Es dauerte einige Minuten, bis wir die Kasse erreicht hatten. Wie von David angeordert, zahlte ich Chiar�ns Eintrittskarte mit. Er protestierte, aber ich zog ihn weiter, indem ich ihm sagte, dass er den Weg blockieren w�rde. Vor den Aufz�gen, welche die Besucher in den ersten Abschnitt des Kabinetts brachten, mussten wir wieder warten und als wir dann endlich nach oben fuhren und den palastartigen Raum betraten, ging Chiar�n neben mir her und wirkte relativ unbeeindruckt. Mit kritischen Augen sah er sich die Figuren an, l�chelte hin und wieder und grinste dann in meine Richtung.
�Die Minogue ist kleiner als du.�
Ich l�chelte zur�ck. �Soll ich dich trotzdem mit ihr fotografieren?�
Er nickte und stellte sich neben die Figur in Pose.
Ich kramte die Kamera aus meiner Tasche und l�chelte ihn erneut an, ehe ich den Ausl�ser bet�tigte. So ging es dann weiter und Chiar�n witzelte und scherzte. In meinem Kopf bildete sich ein Gef�hl der Benommenheit, da mich seine Handlungen sehr an Orlando erinnerten. Ich beobachtete ihn immerfort und stellte fest, dass Amber Recht hatte. Er hatte wirklich �hnlichkeit mit Orlando, wenn er auch nicht dessen verr�cktes Verhalten aufwies. Wir durchquerten die weiteren Bereiche und die Chamber Of Horrors und gelangten schlie�lich zu The Spirit Of London. Chiar�n lauschte interessiert, was w�hrend der Fahrt �ber die Pestjahre, dem gro�en Feuer und andere geschichtliche Ereignissen erz�hlt wurde. Ich sa� neben ihm und k�mpfte gegen den Klo� an, der sich zu Beginn der Fahrt in meinem Hals gebildet hatte. Wir n�herten uns der Stelle, an welcher man fotografiert wurde. Ich erinnerte mich zur�ck an Orlando. Erinnerte mich daran, wie er mich an sich gezogen und wir beide in die Kamera gel�chelt hatten. Zu sp�t bemerkte ich das Blitzlicht. Vor lauter Gedanken hatte ich es vergessen. Wir verlie�en unsere Gondeln und suchten die Monitore mit den Fotos auf.
�Das sieht ja schlimm aus�, lachte Chiar�n und deutete auf unser Bild. �Warum hast du mich nicht gewarnt?�
�Entschuldige, ich hatte es ganz vergessen.�
Wir liefen weiter.
�M�chtest du noch ins Planetarium?�, fragte ich.
Chiar�n nickte und wir gingen die Stufen hinauf. Wir lie�en uns in den roten Stoffsitzen nieder und die Angestellte des Planetariums wies die Besucher daraufhin, dass Handys abzuschalten w�ren. Dann erloschen die Lichter und die Vorf�hrung begann. Chiar�n schwieg die ganze Zeit �ber, horchte zu und blickte in den k�nstlichen Nachthimmel. Auch ich besah diesen. Die funkelnden Sterne zauberten ein L�cheln auf meine Lippen und als ich in diesem Moment an Orlando dachte, daran dachte, wie wir uns einst hier k�ssten, war mir nicht mehr, als w�rde man mir die Luft abschn�ren. Nein, diesmal l�chelte ich bei dieser Erinnerung. Meine Gedanken trugen mich weiter zur�ck. Zur�ck nach Frankreich. Ich sah in die Sterne und zwischen ihnen erschien ein Kaleidoskop aus Bildern von Orlando und mir. Ich stand auf dem Snowboard und drohte zu fallen. Er stand hinter mir und fing mich im letzten Moment auf. Die Bilder �ber mir drehten sich weiter. Ich sah uns beide bei der Theaterpremiere, in Rollerworld, sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an einem Schie�stand im Trocadero Centre. In meinem Bauch begann es zu kribbeln und ein Gef�hl l�ste eine Welle der Zufriedenheit aus. Gl�ck. Ich hatte so viel Gl�ck gehabt und hatte es noch immer, weil ich mich an ihn erinnern konnte. L�chelnd blickte ich weiterhin in mein Kaleidoskop und mit jeder Erinnerung, die an mir vorbeizog, wurde mein Herz leichter. Es war in Ordnung. Ich hasste ihn nicht mehr f�r das, was geschehen war.
Die Lichter gingen an und Chiar�n regte sich neben mir.
�Was ist mit dir los?�, fragte er und sah mich an.
Ich l�chelte noch immer vor mich hin. �Ich habe beschlossen, von jetzt an nur noch gl�cklich zu sein.�
�Guter Entschluss. Und wie kommst du darauf?�
�Weil es besser f�r die Gesundheit ist.�
Ich zwinkerte ihm zu und wir erhoben uns, um den Saal zu verlassen. Im Treppenhaus blieb er stehen und blickte auf die Beschilderung. Dann ergriff er meine Hand und zog mich mit sich die Treppen nach oben, welche erneut in das Wachsfigurenkabinett f�hrten.
�Der Ausgang ist in der anderen Richtung�, rief ich ihm zu.
�Ich wei�. Aber ich werde diesen Laden hier erst verlassen, wenn ich ein nettes Foto von dir und mir habe.�
Lachend stolperte ich hinter ihm her und w�hrend unseres zweiten Durchgangs durch das Wachsfigurenkabinett lebte ich auf. Diesmal war ich diejenige, die sich zu den Figuren stellte und fotografiert wurde. Jean Paul Gaultier blickte ich unter seinen Schottenrock, deutete an, Penelope Cruz von der Treppe zu schubsen und zerrte am G�rtel von Nicholas Cage. Chiar�n lachte hinter der Kamera und gab mir immer wieder Anregungen, was ich mit dem n�chsten Prominenten machen k�nnte.
Es war bereits Mittag und mein Magen knurrte, als wir das Panoptikum verlie�en. Wir fuhren per U-Bahn zum Tottenham Court und gingen von dort aus in ein Pret Restaurant in der New Oxford Street.
W�hrend wir unsere Sandwiches verzerrten, lachten wir noch immer �ber unseren Aufenthalt bei Madame Tussaud`s.
�Also, wieso hat es mit deinem Freund nicht geklappt?�, fragte Chiar�n und schnappte sich das n�chste Sandwich.
�berrascht sah ich ihn an. �Ich wei� nicht genau. Wahrscheinlich waren wir letztendlich nicht so, wie wir voneinander angenommen hatten.�
Er sah mich neugierig an.
�Wenn man sich kennen lernt, macht man sich eben eine Vorstellung, wie der andere sein k�nnte. Orlando...� Ich nannte tats�chlich seinen Namen. �Orlando und ich hatten dies auch getan.�
�Und dann habt ihr beide bemerkt, dass der andere doch nicht das ist, was ihr wolltet?�
�Mehr oder weniger. Wir hatten Streit und seither keinen Kontakt mehr.� Ich griff nach meinem Glas und trank einen Schluck. �Ich bin nur entt�uscht, dass er mich nicht so nimmt, wie ich bin.�
Chiar�n blickte nachdenklich durch das Restaurant. �Einen Menschen zu nehmen, wie er ist, ist doch gar nichts. Das muss man immer. Die wirkliche Liebe besteht darin, ihn auch zu wollen, wie er ist. Das ist der Unterschied. Du kannst eine Beziehung mit jemanden eingehen und hinnehmen, dass er seine Macken hat. Nebenbei kannst du versuchen, diese zu �ndern. Doch wenn du jemanden genauso m�chtest wie er ist, dann liebst du ihn.�
�David hat mir einst �hnliches gesagt.�
�Strenge irische, katholische Erziehung�, grinste er. �Meine Gro�eltern besa�en nie sehr viel, aber es war ihnen wichtig, dass ihre Kinder und Enkel die Werte des Lebens sch�tzen lernen. Dazu z�hlt auch die Liebe, die heute zu schnell ausgesprochen wird.� Er legte sein Sandwich beiseite und rieb sich die H�nde mit einer Serviette. �In Irland ist erst seit 1995 erlaubt, dass Ehen geschieden werden. Also noch nicht einmal zehn Jahre. Wer vor Gott heiratet, hat bei seinem Partner zu bleiben, bis dass der Tod sie scheidet. Und an dies h�lt sich die �ltere Bev�lkerung. Den Jungen wird erlaubt, auszugehen, miteinander zu tanzen... Aber das weitere geh�rt in die Ehe.�
Ich grinste bei seiner Erkl�rung.
�W�rde meine Mutter wissen, was ich bereits f�r Erfahrungen mit M�dchen habe, sie w�rde drei Kreuze f�r mich schlagen.� Er l�chelte schelmisch. �Ich behalte meine Frauengeschichten besser f�r mich.�
�Hast du also noch nie eine Freundin mit nach Hause gebracht?�
Er sch�ttelte den Kopf. �Wenn du eine Mutter hast, die sofort deine Hochzeit plant, unterl�sst du das lieber. Br�chte ich ein M�dchen mit, w�rde man mich solange bearbeiten, bis ich sie heirate. K�me es dann zu einer Scheidung, w�ren die Folgen Enterbung und Versto�ung.�
Ich pfiff leise durch die Vorderz�hne.
�Man heiratet also besser aus Liebe als aus Verliebtheit.�
�F�hrt letzteres nicht zu Liebe?�, fragte ich.
�Nicht immer. Das hast du vielleicht selber bemerkt.� Er sah mich wieder an. �Liebe ist nicht, dass man einander verliebt in die Augen sieht, sondern dass man gemeinsam in die gleiche Richtung schaut.�
Ich sah aus dem Fenster hinaus auf die Stra�e, betrachtete die vorbeieilenden Menschen, ohne sie wahrzunehmen. An Chiar�ns Worten war etwas Wahres dran. Orlando und ich hatten nie in eine gemeinsame Zukunft geblickt. Nun, ich zumindest schon, aber er hatte sich nie sonderlich Gedanken darum gemacht. F�r ihn war es in Ordnung gewesen, wie es war. Es hatte keine Pl�ne ben�tigt. Er hatte einfach alles kommen lassen wollen, wie es sollte. Ich hingegen hatte geplant. Ich hatte ihn mit eingeplant.
�Yvonne?� Chiar�n blickte mich an.
Ich sah ihn �ber den Tisch hinweg an. �Hm?�
�Alles okay?�
�Ja, ist es.�
�Denk nicht so viel �ber Vergangenes nach.�
�Wieso nicht? Wenn man sich an seine Erfahrungen erinnert, kann man es beim n�chsten Mal...�
�Erfahrungen sind nur die positive Beschreibung erlebter Irrt�mer�, unterbrach er mich. �Und wenn du dich an diese zur�ckerinnerst, tust du dir keinen Gefallen.�
Ich nickte zaghaft und blickte auf mein Sandwich hinunter.
�Und jetzt Schluss mit den negativen Gedanken, h�rst du?�, lachte er. �Ich m�chte sofort ein L�cheln von dir sehen.�
�Gott l�sst mich nicht immer l�cheln�, antwortete ich und sah wieder zu ihm auf. �Zumindest gibt er mir selten Gr�nde hierf�r.�
Chiar�n hielt meinen Blick stand. �Das ist auch nicht seine Aufgabe. Gott schenkt dir das Gesicht. L�cheln musst du selber.�
Und w�hrend ich weiter in seinen braunen Augen versank, sp�rte ich, wie sich meine Mundwinkel zu einem L�cheln zogen. Chiar�n erwiderte dieses.
�Siehst du, es geht doch nichts �ber ein L�cheln, zumal dies die k�rzeste Entfernung zwischen zwei Menschen ist.�
*
Chiar�n und ich verbrachten einen wundersch�nen Tag miteinander und ich hatte das Gef�hl, dass ich mich wirklich in ihn verliebte. Leider wurde er die n�chsten beiden Tage von David und Simon in Beschlag genommen. Ich h�tte sie gerne auf ihren Ausfl�gen begleitet, doch David wies mich darauf hin, dass ich am Donnerstag eine Pr�fung haben w�rde, die ich nicht vermasseln durfte. Ich brauchte den Schein n�mlich, um weiterzukommen. Allerdings hatte ich beschlossen, den Fachbereich Poetik im n�chsten Jahr abzuw�hlen.
So verbrachte ich den Dienstag und Mittwoch mit Lernen. Ich w�rde ein Gedicht meiner Wahl aufsagen und interpretieren m�ssen und dann ein Pflichtgedicht bekommen, weshalb ich speziell die einzelnen Epochen noch einmal durchlas und deren Besonderheiten in mein Hirn einbrannte. Als letztes arbeitete ich am eigentlichen Vortrag. Ich stellte mich vor den Spiegel hinter meiner Zimmert�r und �bte mich im freien Sprechen, doch ich war mehr als unzufrieden mit dem Ergebnis. Ich beneidete in jenem Moment Timothy. Als Schauspieler war es f�r ihn kein Problem, ein Gedicht aufzusagen. Ich �berlegte, ob ich ihn anrufen und fragen sollte, ob er nicht mit mir �ben k�nnte, da es allerdings schon nach elf Uhr abends war, bezweifelte ich, dass er einverstanden w�re. Wieso hatte ich ihn nicht schon heute Mittag darum gebeten? Aber nein... Wie sollte ich die Pr�fung morgen nur bestehen?
Was soll�s? Es war nun sowieso zu sp�t, um noch irgendetwas zu retten. Frustriert warf ich mich auf das Bett und schloss die Augen. Wer k�nnte mir nur helfen? David... Genau! David war doch da! Ich rollte mich vom Bett, schnappte meinen Gedichtband und st�rmte aus dem Zimmer. Im Flur drosselte ich mein Tempo und schlich geradezu auf den Salon zu. David sa� allein auf der Couch, die Knie angezogen, blickte auf seine Schuhe und schien in Gedanken
zu sein. Das Licht der Halogenlampe strahlte sanft auf sein Gesicht und seine Wimpern warfen halbmondf�rmige Schatten auf seine Wangenknochen. Ich blieb am T�rrahmen stehen, da ich bef�rchtete ihn zu st�ren. Doch wie so oft hatte er meine Anwesenheit bereits bemerkt.
�Muff?�, sah er mich fragend an.
�Entschuldige�, sagte ich leise. �Ich wusste nicht, dass du alleine bist.� Ich blickte mich im Raum um. �Wo sind Simon und Chiar�n?�
�SoHo.�
�Simon zeigt ihm SoHo? Oh Gott...�
�Vor Morgenfr�h werden wir sie wohl nicht zu Gesicht bekommen.� David blickte wieder auf seine Schuhe und schwieg.
Auch ich blieb stumm und betrachtete ihn einen weiteren Moment.
�David?�, fragte ich vorsichtig.
Er blickte wieder auf.
�Geht es dir gut?�, stellte ich die Frage, die mir seit seiner R�ckkehr im Kopf herumging. Irgendetwas hatte ihn ver�ndert. Er war ruhiger als gew�hnlich und zog sich oft zur�ck. Es wirkte, als wollte er nicht nur nach Paris gehen, sondern uns alle f�r immer verlassen. Aber er hatte uns doch sein Versprechen gegeben. Was bedr�ckte ihn nur so sehr?
�Ja, es geht mir gut�, antwortete er knapp.
�Wieso hast du Simon und Chiar�n nicht begleitet?�
�Wieso sollte ich?� Er lehnte sich in die Couch zur�ck und schloss die Augen, was mich verstehen lie�, dass er nicht bereit war, �ber sich zu reden.
Ich blieb einen Augenblick unsicher stehen. �H�r mal, ich will dich ja nicht schon wieder bel�stigen, schlie�lich hast du mir in den letzten Wochen mehr als genug geholfen, aber...�
�Um was geht es?� Er �ffnete die Augen und sah mich an.
�Um das bescheuerte Gedicht. Ich wei� nicht, wie ich es aufsagen soll�, jammerte ich. �Es liegt mir einfach nicht, vor Leuten zu sprechen.�
�Lass mal h�ren.�
Da mir die Beleuchtung der Halogenlampe zum Lesen nicht ausreichte, ging ich zu ihr hin�ber und bearbeitete den Dimmer, drehte den Schalter aber zu weit, so dass wir uns pl�tzlich im Dunkeln befanden. Ich tastete erneut nach dem Regler und schob ihn zur�ck, wobei ich David einer Disco-Lightshow aussetzte, welche sogar dem Ministry Of Sound Ehre gemacht h�tte.
�Du hast verdammtes Gl�ck, dass ich kein Epileptiker bin�, meinte David genervt.
Ich l�chelte ihn entschuldigend an, nahm schlie�lich mein Buch auf und begann mit meinem Vortrag.
�Grauenvoll. H�r bitte auf�, sagte David und lachte zum ersten Mal, seit ich das Zimmer betreten hatte.
�Siehst du! Genau das meine ich.�
�Muff, du musst dich in das Gedicht hineinf�hlen. Wie du es morgen r�berbringst, wird viel ausmachen. Gib dir mal ein bisschen M�he und lies es nicht wie die Sportergebnisse ab.�
Ich verdrehte die Augen und st�hnte. �Ich wei� eben nicht, wie ich es r�berbringen soll.�
�Gib mal her.� Er winkte mit der Hand nach dem Buch und ich ging zu ihm hin�ber, setzte mich neben ihn und gab es ihm.
Nachdenklich blickte er auf die Zeilen. �Es geht � wie meistens � um Liebe. Um eine verlorene, zerbrochene Liebe. Hast du das Gedicht mit irgendwelchen Hintergedanken gew�hlt?�, fragte er und sah mich mit hochgezogener Augenbraue an.
�Nein, es hat mir schon gefallen, als Orlando und ich...� Ich brach ab und sah zu Boden. �Es hat nichts mit ihm zu tun.�
�Verstehe. Okay, dann gehen wir es mal durch. Bla bla bla� Ja, es ist aus der Sicht des Verlassenen geschrieben, also darfst du es nicht gelangweilt oder fr�hlich vortragen. Dann versuch es noch einmal.�
Ich seufzte, gehorchte aber seinem Befehl.
�When we two parted in silence and tears,
Half broken-hearted, To sever for years,
Pale grew thy cheek and cold, Colder thy kiss;
Truly that hour foretold, Sorrow to this!
In secret we met: In silence I grieve
That thy heart could forget, Thy spirit deceive.
If I should meet thee after long years,
How should I greet thee? With silence and tears�, las ich vor und meine Gedanken schwirrten um den Text. Nat�rlich hatte David geglaubt, ich h�tte mich f�r dieses wegen Orlando entschieden. Zugegeben, es passte auch ein wenig. Auch wir hatten uns heimlich getroffen und nun trauerte ich, da sein Herz wohl vergessen hatte. Ich fragte mich ebenfalls, wie ich reagieren sollte, wenn er je wieder vor mir stehen w�rde. Allerdings bezweifelte ich, dass wir uns irgendwann wieder begegnen w�rden. Es war vorbei.
�War gut�, h�rte ich David wie aus weiter Ferne und kehrte zur�ck in den Salon. �Aber es geht noch besser.�
Ich wei� nicht, wie oft ich das bescheuerte Gedicht vorlas. David stoppte mich immer wieder, korrigierte meine Aussprache und gab mir vor, welche W�rter ich besonders betonen sollte. Er war mir ein strenger, aber guter Lehrer und nachdem wir beide mit meiner Leseart zufrieden waren, klappte ich das Buch zu und legte es auf den Tisch. David stand auf, d�mmte das Licht erneut, ging zur Stereoanlage und schaltete diese ein. Dann setzte er sich wieder zu mir, w�hrend aus den Boxen die ersten Akkorde von Sarah Brightmans Eden erklangen.
Er lehnte sich in die Couch und schloss die Augen. Ich lehnte mich ebenfalls zur�ck und lauschte dem zarten Gesang der Brightman.
�Did you ever think of me as your best friend?
Did I ever think of you? I�m not complaining�
Ich sah David von der Seite an. All die Jahre, die wir uns nun kannten, hatte er sich kaum ver�ndert. Gezielt war er seinen Weg gegangen. Das krasse Gegenteil von mir. Das war auch der Grund, weshalb wir uns am Anfang meistens in die Haare bekommen hatten. Wir waren so verschieden und hatten stets geteilte Meinungen.
Ihr seid wie Sonne und Mond, hatte Rachel immer gesagt. Und sie hatte Recht gehabt. Einer unserer Unterschiede war gewesen, dass ich ihn trotz seiner arroganten und harten Art unheimlich mochte. Sogar sehr mochte. Er dagegen hatte mich gar nicht f�r vollgenommen und oft kam es mir so vor, als t�te er dies heute noch nicht.
Eigenartig, dachte ich l�chelnd, angeblich ziehen sich Gegens�tze doch an, oder? Und David und ich bestehen nur aus Gegens�tzen. Inzwischen sind wir �lter und einige Dinge haben sich ge�ndert... Nat�rlich ist es ganz gut, dass nie irgendetwas zwischen uns passiert ist, da ich in ihm immerhin einen sehr guten Freund gefunden habe. Aber trotzdem, wie k�nnte es wohl sein, wie h�tte es sein k�nnen?
Ich nahm meinen Blick von ihm, starrte an die Decke und horchte wieder auf das Lied.
�I never tried to feel, I never tried to feel this vibration
I never tried to reach, I never tried to reach your Eden�
Noch immer waren meine Gedanken bei David. Nie hatten wir uns auf irgendeiner emotionalen Ebene versucht zu n�hern. Nie war ich auf irgendein Gef�hl f�r ihn eingegangen. Aber was sah David eigentlich in mir? Hatte er �ber mich schon einmal anders gedacht? War ich f�r ihn schon einmal jemand anderes gewesen als Muffin? Als wir uns kennen lernten, war ich von ihm fasziniert und genervt zugleich gewesen. Genervt von seiner arroganten Besserwisserei, aber fasziniert von seiner Erscheinung, seinem Wesen. Er war einfach so anders gewesen als die M�nner, mit denen ich mich in jener Zeit befasst hatte. Trotz seiner einundzwanzig Jahren war er bereits so weltinteressiert, zielstrebig, ehrgeizig und energisch gewesen. Schon damals handelte er nach seinem Motto: �berlege dir, was du tun willst und dann tu es! Er war einfach jemand gewesen, zu dem ich aufsehen konnte; und das tat ich noch immer. Aber wer war ich in seinen Augen gewesen? Konnte es sein, dass ich f�r ihn immer nur die kleine Freundin seiner Schwester gewesen war?
�David?�, fragte ich nach einer Weile. �Warum ist zwischen uns eigentlich nie etwas gelaufen?�
Er �ffnete die Augen und sah mich kurz von der Seite an. �Wieso h�tte zwischen uns was laufen sollen?�
�Ich meine nur. Du wei�t, dass ich dich damals mehr als toll fand.�
�War kaum zu �bersehen�, sagte er und schloss die Augen.
�Also, warum?�
�Oh Gott, Muff...� Erneut �ffnete er die Augen und rutschte in eine andere Position. �Du warst noch so jung.�
�Na h�r mal, ich war achtzehn�, protestierte ich. �Und ich war nicht unerfahren! Meine Beziehung zu Sven war gut gewesen.�
�Das meine ich doch gar nicht. Und selbst wenn du keine Erfahrung gehabt h�ttest, w�re das nicht das Problem gewesen. Das h�tte man n�mlich schnell �ndern k�nnen.� Er lachte sp�ttisch. �Mag sein, dass du laut Papier bereits erwachsen warst, aber dein Verhalten war das eines Kindes. Und das ist es zum Teil heute noch.�
Ich sah ihn irritiert an. �Wie soll ich jetzt das verstehen?�
�Du bist dir einfach noch so unsicher in allem was du tust�, sagte er energisch. �Ich meine jetzt nicht deine Fragereien an uns wegen des Studiums, nein... Ich meine vielmehr deine Unsicherheit bez�glich den Rest deines Lebens.�
Ich sagte nichts, sondern h�rte ihm lediglich zu.
�Schau dir doch nur mal dein Liebesleben an.�
�Ich habe momentan keins.�
�Eben! Was glaubst du, warum das mit Bloom schief ging?�, fragte er. �Weil du einfach alles in die Waagschale geworfen hast, was er tat und sagte.�
�Moment!�, unterbrach ich ihn. �Gibst du ihm nun etwa Recht? Es war also in Ordnung, dass er in Australien eine andere hatte?�
�Du solltest dich eher fragen, warum er eine andere hatte. Wenn er eine hatte. Genaueres wei�t du dar�ber schlie�lich immer noch nicht.�
�David, er hatte eine andere! Ganz bestimmt. Oder wie erkl�rt es sich sonst, dass er sich nicht mehr bei mir meldet? Er hat mich l�ngst ersetzt.�
�Schon mal was von verletztem Stolz geh�rt?� David sah mich von oben herab an. �Ich will Bloom jetzt nicht in Schutz nehmen, aber wenn ich an seiner Stelle gewesen w�re und du mir solch eine Unterstellung und nicht mal mein Statement dazu angeh�rt h�ttest, w�re meine Reaktion wohl die gleiche.�
�Bitte!? Wie bescheuert seid ihr M�nner eigentlich?�, fuhr es mir heraus. �Du w�rdest also eher eine Beziehung aufgeben, als dass...�
�Es k�me darauf an, was mir die Beziehung bedeuten und ob es sich �berhaupt lohnen w�rde, in diese zu investieren. Wenn das Fundament einer solchen Liebe nur noch aus Rissen und Spr�ngen besteht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es vollends zerbricht. Tatsache ist, dass Bloom und du unterschiedliche Erwartungen an euer Zusammensein brachtet.� Er setzte sich auf und sah mich an, wobei er erkl�rend mit den H�nden sprach. �Was ich eigentlich sagen wollte ist, dass zum Bruch einer Beziehung immer zwei geh�ren. Wenn der Kerl zum Beispiel fremdgeht, dann hat es sicher einen Grund und sei es nur, weil sich seine Partnerin gehen l�sst oder was auch immer. Man kann einfach nicht nur einem die Schuld geben, verstehst du? Und ich denke, dass bei euch deine Unsicherheit sehr viel dazu beigetragen hat, dass es so gelaufen ist. Du hast immer nach einer Best�tigung verlangt und Bloom damit geradezu in die Ecke gedr�ngt. Kein Wunder, dass er nach Australien abgehauen ist.�
�Das tat weh�, presste ich hervor.
�Sollte es auch. Muff, du bist in dieser Hinsicht einfach viel zu vertr�umt und steigerst dich zu schnell in etwas hinein. Lass die Dinge doch mal locker angehen: Geh aus, triff dich mit jemanden, mach ein bisschen rum, aber verplane nicht gleich dein ganzes Leben mit dieser Person.�
Toll! Jetzt wird einem schon vorgeworfen, dass man an die Liebe glaubt. Was ist daran falsch? Doch auch Orlando hatte derartiges gesagt...
�Schau dich doch mal an! Du bist noch immer so sehr auf diesen Kerl fixiert und genau das ist dein Problem. Du kannst nicht loslassen und auf einen anderen eingehen.�
�Nein, das Problem ist, dass ich denke, dass ich ihn noch immer liebe und nicht wei�, wie ich damit umgehen soll�, widersprach ich in verzweifelter Wut. �Ich denke einfach... Nein, ich glaube, dass er und ich wieder zusammensein sollten. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, mit jemand anderen zusammenzusein.� Nun stiegen mir die Tr�nen in den Augen auf.
David packte meine Schultern blickte mich sorgenvoll an. �Wach auf, Yvonne! Da ist keine Zukunft, in der Vergangenheit zu leben. Du kannst davon tr�umen, aber du kannst niemals zur�ckgehen. Man kann das Leben zwar nur r�ckw�rts verstehen, aber man muss es vorw�rts leben.�
�Ich wei�, David, aber was ich auch tue und wie sehr ich es versuche, zu tief ins Herz ging mir diese Zeit mit ihm. In jedem Traum wird er immer sein. Ich habe es gewagt, Gef�hle zuzulassen und ich habe verloren. Ich habe Angst, erneut die Verliererin zu sein. So sehr ich auch will, es ist mir nicht m�glich eine andere Beziehung einzugehen.�
�Du sollst auch nicht sofort in eine andere Beziehung rutschen. Wie ich sagte: Geh aus und hab Spa�. Suche nicht zwanghaft nach etwas Neuem. Irgendwann wird einer kommen und dann...�
�Wie soll ich es mit einem anderen versuchen, wenn ich alles, was er tut und sagt mit Orlando vergleiche?�
�Schalte Herz und Verstand ab und lass dich fallen.�
�Ich kann das nicht! Ich kann mir nicht einfach so wie Tim und die anderen mir raten, einen Mann schnappen und...�
�Doch das kannst du. Es schwirren doch gen�gend um dich rum.�
�Ja, aber es w�re nicht fair. Zum Beispiel Ben: Er mag mich und w�re wahrscheinlich hocherfreut, wenn ich ihm an die W�sche gehen w�rde, aber es w�re eine solche L�ge meinerseits.�
�Weil du ihn auch magst?�
�Ich denke schon�, sagte ich zaghaft. �Es scheint mir jedenfalls nicht richtig.�
�Und was ist mit meinem Cousin?� Davids Haltung hatte sich etwas angespannt.
�Was soll mit ihm sein?�
�Yvonne, ich bin nicht bl�d. Ich wei�, dass er dir gef�llt und ich wei�, dass er dich interessant findet. Au�erdem kenne ich deinen Gesichtsausdruck, wenn irgendetwas passiert ist und am Samstag...�
�Es war nur ein Kuss�, herrschte ich ihn an.
�Du meintest vorhin, dass du glaubst, dass du Bloom noch liebst.�
�Ich wei� es nicht mehr genau. Ich wei� kaum mehr etwas.�
David nickte. �Du denkst einfach zu viel und suchst in allem nach einem Grund, aber du bist auf dem richtigen Weg.�
�Und welcher soll das sein?�
�Zun�chst solltest du herausfinden, was dieser Schauspieler dir noch bedeutet.�
�Und wie stell ich das an? Andr� meinte, ich solle nicht zu ihm gehen. Aber wie soll ich mir �ber meine Gef�hle bewusst werden, wenn ich ihn nicht sehe, nicht mit ihm spreche?�
Ich verweilte in Davids Blick, der mich mit seinen blauen Augen nahezu zu fesseln schien und in welchen so viel W�rme und Mitgef�hl lag, aber auch Schmerz seinerseits und ich fragte mich, woher dieser kam, was ihn in letzter Zeit qu�lte. Wir sprachen ohne Worte miteinander. Noch nie zuvor hatten wir das getan oder uns auf diese Art angesehen und irgendwas geschah in mir. Ich wusste nicht was, aber ich sp�rte es. Wir sagten nichts mehr und Sarah sang ihr n�chstes Lied weiter:
�Deliver me - out of my sadness
Deliver me - from all of the madness
Deliver me - courage to guide me
Deliver - strength from inside me�
�Es gibt auch andere M�glichkeiten�, murmelte er.
Davids Hand strich �ber meine Wange und dann beugte er sich vor und k�sste mich. Unheimlich z�rtlich und sanft, als bef�rchtete er, mir durch diesen einfachen Kuss wehtun zu k�nnen. Doch es war kein einfacher Kuss. In der Ber�hrung seiner Lippen steckte so viel mehr. Gro�e Vertrautheit, alte Tr�ume und etwas Neues, Unbekanntes. David zog mich dichter an sich heran und k�sste mich weiter. Ich wehrte mich nicht dagegen. Im Gegenteil. Ich schloss die Augen und lie� es geschehen. Jeglicher Wille war aus meinem K�rper gewichen. Kurzschluss im Herzen. Alle Lichter gingen aus. Ich wusste nicht weiter.
Ich wusste lediglich, dass ich mehr wollte. Diese z�rtlichen Liebkosungen taten so gut. Und da die letzten Wochen wie die H�lle gewesen waren, labte ich mich geradezu an seinen Ber�hrungen, welche federleicht, doch so intensiv waren. Es f�hlte sich an, als w�rde ich aus dem Schatten in die Sonne treten. Strahlende, wohlige W�rme...
Langsam richtete ich mich auf und dr�ckte David sanft, aber doch bestimmend zur�ck in die Couch. Anschlie�end kletterte ich �ber ihn und setzte meine Knie jeweils rechts und links von ihm ab, um besser die Kontrolle �bernehmen zu k�nnen. Noch immer k�ssten wir uns. Meine Hand glitt �ber seine Wange zu seinem Nacken. Ruckartig wickelte ich mir sein Haar um die Handfl�che und hielt es fest. Ich lauschte einen Moment in mein Inneres und hoffte auf eine Erkl�rung f�r mein Tun. Doch ich erhielt keine Antworten. Stattdessen wurden unsere K�sse nun fordernder. Davids H�nde fuhren an der R�ckseite meiner Schenkel nach oben und verhakten sich schlie�lich in den Taschen meiner Jeans. Meine Sinne arbeiteten auf Hochtouren. Von der G�nsehaut ganz zu schweigen. Ich lie� zu, dass er meine H�fte packte und mich mit sanfter Gewalt wieder auf die Couch f�hrte. Nun �bernahm er die Kontrolle.
W�hrend wir uns k�ssten, glitt seine Hand z�rtlich an meinem K�rper entlang und eines seiner Beine schob sich zwischen meine. Inzwischen war sein Kopf weiter nach unten abgetaucht und er k�sste meinen Hals und nestelte am obersten Knopf meiner Bluse herum, w�hrend er mich mit der anderen Hand dichter an sich zog. Ich fasste wieder nach seinem Haar und zog ihn zu mir herauf.
�Deliver me � loving and caring
Deliver me � giving and sharing�
Erneut k�ssten wir uns leidenschaftlich und nun bekam ich eine Antwort: Ja, ich wollte es! David konnte mir das geben, was ich aufgrund seiner Gef�hle f�r mich von Ben nicht verlangen konnte. Ich sp�rte geradezu, wie das Leben in meinen K�rper zur�ckkehrte und dieser vor Verlangen zu zerspringen drohte. Langsam wanderten meine H�nde an seinem Oberk�rper hinunter und fassten nach seinem G�rtel, zogen das Leder aus dem Riemen und �ffneten ihn. David setzte sich wieder auf und zog mich mit sich. Und w�hrend er mich weiterk�sste, nahm er meine Hand, stand auf und gemeinsam verlie�en wir den Salon. Die Brightman sang derweil weiter:
�All of my life I was in hiding
Wishing there was someone just like you
Now that you�re here, now that I found you
I know that you�re the one to put me trough�
Und aus irgendeinem unerkl�rlichen Grund war mir, als singe sie nur f�r mich; und ich glaubte ihren Worten.